Parteien machen Journalisten Konkurrenz

Immer mehr politische Akteure machen ihre eigene Öffentlichkeitsarbeit: Das Bundesverkehrsministerium berichtet aus dem sogenannten Neuigkeitenzimmer, der Unionsfraktionsvorsitzende „interviewt“ die Bundeskanzlerin, die AfD dreht einen sogenannten „Dokumentarfilm“. Im Netz stehen diese Formen neben traditionellem Journalismus.

Was für Auswirkungen das für Nutzer hat und auf die Arbeit von Journalisten, darüber wurde am Freitag auf der Konferenz „Formate des Politischen“ von Deutschlandfunk und Bundespressekonferenz diskutiert. Das Thema: „News ohne Journalisten – Wird der Journalismus in der Öffentlichkeit verdrängt?“

Über die neue Konkurrenz für Journalisten habe ich am Abend für „Fazit“ bei Deutschlandfunk Kultur berichtet – nachzuhören hier (Audio).

Das Radio als Trendsetter

Radio ist ein urdemokratisches Medium: Jeder kann es hören, es bringt alle zusammen. In einer neuen Reihe zeigen wir beim Deutschlandfunk, was Hörfunk kann: als Jedermann-Sender und Gemeinschaftsmedium, als Labor und Experimentierfeld, als politische Informationsquelle und Werbeträger.

Es sind sehr intensive und emotionale Collagen geworden, die historische Radiotöne zusammenbringen mit Erinnerungen erfahrener Radiomacher. Dabei sind die ehemalige WDR-Moderatorin Carmen Thomas, die jahrelang sehr erfolgreich das Radioformat „Hallo Ü-Wagen“ gemacht hat, der WDR5-Moderator und Hörspielmacher Max von Malotki sowie Astrid Kuhlmey, lange Jahre Redakteurin beim Rundfunk der DDR und später auch beim Deutschlandradio.

Isabelle Klein und ich haben eine Folge beigesteuert, in der wir uns verschiedene originäre Radioformate aus den letzten 95 Jahren angehört haben. Regie bei den Mini-Features hat Natia Koukouli-Marx geführt. Die ganze Reihe findet sich hier.

25 Jahre Deutschlandradio – beim Tag der offenen Tür in Köln

Das Deutschlandradio, für das ich arbeite, ist in diesem Jahr 25 Jahre alt geworden. Nicht die einzelnen Sender Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova, sondern die gemeinsame Mutter sozusagen, die Träger der drei Sender ist – eben das Deutschlandradio.

Zum Geburtstag gab es im Mai schon einen Tag der offenen Tür im Funkhaus in Berlin, in dem Deutschlandfunk Kultur entsteht. Am 22. September können sich Hörer*innen das Funkhaus in Köln anschauen, in dem Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Nova gemacht werden.

In der Einladung schreibt Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue:

Schauen Sie hinter die Kulissen des Kölner Funkhauses, blicken Sie ins Studio, lernen Sie die Gesichter zu bekannten Stimmen und die Köpfe hinter Ihren Lieblingssendungen kennen. Vor allem: Erzählen Sie und fragen Sie. Wir wollen mit Ihnen ins Gespräch kommen. Sie werden feststellen, so ein Funkhaus steckt voller engagierter Menschen. Und so wünsche ich Ihnen, dass Sie viel sehen, noch mehr hören und einen spannenden Tag im Funkhaus erleben.

Am Nachmittag präsentiert sich auch das Medienmagazin @mediasres, für das ich arbeite. Zwischen 13.30 und 15 Uhr arbeiten wir mit Hörern in einem Studio.

Der Anhalter ist tot

Vor zweieinhalb Jahren hab ich hier die Feature-Reihe „Der Anhalter“ gelobt. Das kann man für viele Aspekte tun, mir ging es damals um den Aspekt der Transparenz. Denn die Autoren Sven Preger und Stephan Beuting haben nicht nur die Geschichte von Heinrich Kurzrock erzählt, sondern auch, wie sie dazu gekommen sind.

Das lag wohl vor allem auch daran, dass die Recherche zur Geschichte gehört, denn sie erzählt etwas über den Protagonisten der Reihe. Preger und Beuting treffen ihn unabhängig voneinander, mit einem Jahr Abstand. Am selben Ort: einer Tankstelle am Kölner Verteilerkreis. Er erzählt ihnen, er habe seine Kindheit in der Psychiatrie verbracht, mehr als 14 Jahre lang. Weggesperrt, geschlagen, missbraucht – in den 1950er und 60er Jahren sei das gewesen. Nun will Heinrich nur noch Schluss machen und sucht eine Mitfahrgelegenheit.

Schon damals erzählte Kurzrock, dass er Knochenkrebs im Endstadium hat. Am 7. Februar ist er gestorben. In einem Epilog zur Reihe teilen Sven und Stephan ihre Gefühle und Erinnerungen an Heinrich. (Hier die ganze Reihe.)

Zum Welttag des Radios: Wie hören Menschen in Indonesien, Kenia und Frankreich?

Am Mittwoch war Welttag des Radios. Unsere Korrespondentinnen für Indonesien, Kenia und Frankreich haben sich dazu angeschaut, welche Bedeutung Radio in den Ländern hat. So gehört etwa in Frankreich das Radio zum Aufstehen dazu (wie in Deutschland), in Indonesien wird es vor allem in den vielen Staus gehört, in denen die Leute stehen, und in Kenia ist es oft das einzige Medium, über das die Leute etwas von der Welt erfahren. Die Beiträge liefen in @mediasres vom Mittwoch.

Der Interviewer als Reibungspunkt

Ein Gesprächspartner/eine Gesprächspartnerin kann das eigene Argument immer besser verdeutlichen, wenn ich ihm oder ihr ein bisschen entgegensetze, ein bisschen einen Reibungspunkt gebe, ein bisschen ein Gegenargument in den Raum stelle.

Das ist Ann-Kathrin Büüskers Definition, welche Aufgabe ein Moderator bzw. ein Interviewer in einem kontroversen Interview hat. Es ist wichtig, sich das immer wieder zu verdeutlichen, um die Position des Fragenden nicht mit der persönlichen Position des Journalisten zu verwechseln, was manche Hörer gerne tun.

Wie Interviews vorbereitet und durchgeführt werden und wie eine Frühsendung im Deutschlandfunk entsteht, darüber hat Ann-Kathrin für eine Sonderausgabe des Podcasts „Der Tag“ mit Kollegen gesprochen – mit Tobias Armbrüster, der sie in der Definition bestätigt, und mit Mario Dobovisec, der erzählt hat, wie er sich auf eine Sendung der „Informationen am Morgen“ vorbereitet.

„Der Tag“ spart ja die Produktionsbedingungen journalistischer Arbeit selten aus, vor allem nicht, wenn sie sich aufdrängen. So explizit und ausführlich wie in der Ausgabe vom Freitag reden die Kollegen aber selten darüber. Ein gutes Beispiel für einen Blick in die eigene Arbeitspraxis, die nicht nur in dafür vorgesehenen Sendungen wie dem Medienmagazin @mediasres, für das ich abeite, Platz haben sollten, sondern überall – sofern es nötig ist und das Format auch ermöglicht.

Mit dem Radio um die Welt

Heute mal ein Linktipp: radio.garden – eine spannende Radioreise um die Welt. Wer die Webseite aufruft und nach Live-Radiostreams suchen lässt, kann über den Globus navigieren und die Sender an ihren Standorten aufrufen. Das ist ganz spannend, wenn man entdeckt, welche Webradios es noch gibt, etwa einen eigenen Sender für Musicals, der ganz in der Nähe angesiedelt ist. Oder wer auf einen russischen Sender klickt, der in Sachen Musik kaum von einem aus den USA zu unterscheiden ist (wäre mit deutschen ja kaum anders). Eine schöne Reise um die Welt, in die man immer mal wieder reinklicken kann.

Nachrichten aus der Zukunft (2): „Die Augenzeugen übernehmen die Nachrichten“

Und dann bin ich auch noch auf eine Kulturpresseschau gestoßen, die ich im Jahr 2008 für hr2-kultur zusammengestellt habe. Als der Moderator eins meiner Themen anmoderiert, zögert er plötzlich einen Moment, weil er nicht weiß, wie er das wohl richtig aussprechen soll: „Twittern“.

So weit weg war Twitter damals und hatte sich noch längst nicht etabliert. Deswegen musste ich erst mal erklären, was „to tweet“ überhaupt heißt (an das Zeichentrickvögelchen Tweety erinnerte sich damals offenbar schon keiner mehr). „Twitter, das sind heute kleine Einträge in Weblogs, also in diesen Internet-Tagebüchern“, versuchte ich dem hr2-Hörer „dieses Internet“ nahezubringen.

Damals gab es noch keine Smartphones oder sie hatten sich jedenfalls noch nicht auf breiter Ebene durchgesetzt, man konnte Tweets noch per SMS absetzen, was sich besonders im Fall der Terroranschläge von Bombay gezeigt hat, von denen unzählige Nutzer getwittert haben. Das war auch der Anlass für den Bericht in der Süddeutschen Zeitung. Sie zitierte einen Journalisten vom „Guardian“ mit den Worten: „Die Augenzeugen übernehmen die Nachrichten“.

Allerdings glaubte SZ-Autor Niklas Hofmann nicht so wirklich daran, wie er schrieb, denn die Twitter-Nutzer berichteten ohnehin nur über das, worüber auch Journalisten berichteten – wie eben in Bombay. Das seien nur die Dinge, die in dicht besiedelten Regionen passierten, mit Internetanschluss. An den Orten jedoch, an denen die Welt wirklich ihre schwarzen Löcher besitze, da sehe es ganz anders aus – also aus den Kampfgebieten des Kongo, aus Darfur, Nordkorea oder Birma würden wohl auch in Zukunft selten Twitteralarme erklingen.

Nachrichten aus der Vergangenheit: Bayerns Ministerpräsident von 1919 schickt Whatsapp-Nachrichten

Um mit den Toten zu reden, braucht man ein Medium: Ein Projekt des Bayerischen Rundfunks lässt die Nutzer über WhatsApp mit dem 1919 ermordeten ersten Ministerpräsidenten Bayerns, Kurt Eisner, kommunizieren. „Wir wollen den Menschen erfahrbar machen“, hat mir Projektleiter Matthias Leitner in @mediasres im Deutschlandfunk gesagt.

Nachrichten aus der Zukunft (1): „Bundeskanzler Kretschmann kommt aus dem Trudeln nicht mehr heraus“

Viel zu selten werden Vorhersagen für die Zukunft überprüft – vor allem dann, wenn der vorausgesagte Termin erreicht wurde. Heute stoße ich zufällig auf so eine, aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 5. April 2011. Zwei Tage zuvor war Guido Westerwelle als … und … zurückgetreten, und die FAZ beginnt ihr Märchen aus der Zukunft mit diesen Worten:

Wir schreiben das Jahr 2015. Die grün-schwarz-gelbe Regierung unter Bundeskanzler Kretschmann kommt aus dem Trudeln nicht mehr heraus. Der bayerische Ministerpräsident Guttenberg hat einen Stromausfall auf seinem fränkischen Schloss genutzt, um den sofortigen Wiedereinstieg in die Atomenergienutzung zu fordern. Bundestagspräsidentin Claudia Roth befindet sich im Redestreik, weil der Papst auch bei seinem vierten Berlin-Besuch keine Christopherusplaketten an die Prunkwagenfahrer vom Christopher Street Day ausgeben will.

Damals fanden sie das wahrscheinlich absurd lustig. Dabei ist einiges tatsächlich fast wahr geworden. Nur zwei Jahre später, 2017, wurde über eine grün-schwarz-gelbe Regierung verhandelt – wenn auch ohne Kretschmann. Von Guttenbergs plagiierter Doktorarbeit war noch keine Rede. Und Claudia Roth ist tatsächlich inzwischen Bundestagspräsidentin, wenn auch nur Vize.

Hätte der FAZ-Autor damals so richtig übertreiben wollen, hätte er offenbar noch eins drauflegen müssen.