bild.de korrigiert klammheimlich falschen Artikel

Am Dienstag habe ich für den Deutschlandfunk aufgeschrieben, wie bild.de und welt.de falsch (teilweise mindestens irreführend) über die Fake-Vorwürfe gegen Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf berichten. Auch zwei Tage später hatte bild.de noch nicht auf die Kritik reagiert. Mittlerweile hat sie – zu erkennen unter anderem an der neuen Überschrift:

Fake-Vorwürfe gegen TV-Moderatoren: Was bei Joko und Klaas alles schief lief

Zuvor hieß es da:

Nach Fake-Vorwürfen gegen Joko und Klaas: Kein Grimmepreis für „Late Night Berlin“

Der Artikel wurde gestern komplett überarbeitet, es gibt allerdings keinen Hinweis auf die Überarbeitung und die ursprüngliche Falschberichterstattung, und sogar das Datum wurde gefälscht. Dort ist die Rede vom 03.03.2020 Uhr um 19.30 Uhr, dabei war die Seite bis zum 05.03.2020 auf dem ursprünglichen Stand von vor der Änderung.

Inhaltlich wird jetzt zutreffend kein Zusammenhang mehr hergestellt zwischen dem Grimme-Preis für „15 Minuten“ und den Fake-Vorwürfen gegen zwei andere Sendungen der beiden Unterhalter. Der Preis wird jetzt das erste Mal in den letzten beiden Abstätzen erwähnt:

Nicht unter Fake-Verdacht steht dagegen ihre Pro7-Sendung „Joko und Klaas LIVE – 15 Minuten“. Deshalb sollen sie dafür auch mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet werden.

Wie geht das Grimme-Institut jetzt weiter mit den Vorwürfen um? Institutsleiterin Dr. Frauke Gerlach zu BILD: „Die Vorwürfe gegenüber Joko und Klaas sind genereller Natur, da wird man erstmal genau prüfen müssen, was davon zutrifft und was nicht. Wir zeichnen die beiden Entertainer sowie Thomas Martens und Thomas Schmitt (für Idee und Redaktion) für das Format ‚Joko und Klaas LIVE – 15 Minuten‘ aus.“

Jetzt könnte man noch darüber streiten, ob sie „dafür“ mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet werden sollen, dass sie in „15 Minuten“ nicht gefaket haben. Aber das würde zu weit führen.

Dass bild.de seinen falschen Artikel aber erst so spät korrigiert hat, obwohl es schon früh Hinweise auf die falsche Berichterstattung gab, zu einem Zeitpunkt, als der Artikel über die Startseite schon gar nicht mehr auffindbar war, es also mutmaßlich kaum noch Zugriffe gegeben haben könnte, das auch noch intransparent getan hat, weil es nirgendwo einen Hinweis auf die Überarbeitung gibt, der Artikel aber noch unter der alten URL erreichbar ist, und dafür auch ein falsches Datum angegeben hat, spricht für die journalistische Ethik der Redaktion.

Für Chefredakteur Julian Reichelt wäre es übrigens kein Problem, sich für so was zu entschuldigen, wie er mal dem Tagesspiegel gesagt hat:

Es fällt mir grundsätzlich leicht, mich zu entschuldigen, wenn wir Fehler gemacht haben.

Ich hab allerdings nicht mitbekommen, dass er es für diesen Artikel getan hat.

„Welt“ korrigiert Artikel über Joko und Klaas – „Bild“ nicht

Am Dienstag habe ich für den Deutschlandfunk aufgeschrieben, wie bild.de und welt.de falsch über Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf und deren Grimme-Preis berichtet haben.

Mittlerweile hat welt.de seinen Artikel überarbeitet und einen Korrekturhinweis ans Ende gesetzt, in dem es heißt:

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Fassung entstand der Eindruck, dass „Late Night Berlin“ den Grimme-Preis aufgrund der Fälschungsvorwürfe verlieren würde. Das ist falsch. „Late Night Berlin“ gehörte zu den Nominierten in der Kategorie Unterhaltung. Einen Grimme-Preis in der Kategorie Unterhaltung erhielt das ProSieben-Format „Joko und Klaas live – 15 Minuten“, in dem unter anderem Aktivisten gegen Rechtsextremismus eine Plattform gegeben wird. Wir haben diesen Fehler korrigiert, transparent kenntlich gemacht und bitten um Entschuldigung für dieses Versehen.

„Transparent kenntlich gemacht“ ist es lediglich durch diesen Hinweis am Ende des Artikels. Sauber wäre es gewesen, hätte man ganz am Anfang geschrieben: „Anders als von uns zunächst dargestellt…“ oder ähnliches.

Und die Korrektur kam extrem spät, nachdem es schon früh Hinweise gegeben hatte, dass der ganze Spin falsch ist. Da war die Meldung schon von der Startseite verschwunden. Korrigiert wurde unter anderem die Überschrift, die jetzt so lautet:

Gescripted und gecastet: Fake-Vorwürfe gegen Joko und Klaas

Deswegen nehme ich es welt.de auch nicht ab, dass da ein falscher Eindruck entstanden sein könnte. Dieser Eindruck war meiner Meinung nach gewollt, sonst hätte der Spin nicht funktioniert. Man wollte, wie bild.de, eine möglichst große Fallhöhe zwischen den Fake-Vorwürfen und dem Grimme-Preis erzeugen.

bild.de hat jetzt einen weiteren Artikel zu dem Fall geschrieben, in dem die falsche Darstellung so nicht mehr vorkommt. Der alte Artikel mit allen bewussten Falschinformationen ist aber weiterhin online (Stand: 05.03.20, 10.00 Uhr). Im neuen Artikel heißt es aber immer noch mindestens irreführend:

Ein Regieassistent, der mehrere Jahre für beide gearbeitet hat, zu BILD: „Das ist gut geplante Unterhaltung. Da steht ein Team von 40 Leuten hinter, man muss nur genau hingucken.“

DAS macht jetzt das Grimmeinstitut. Es hatte „Late Night Berlin“ für einen Grimme-Preis nominiert – wird die Sendung nun aber nicht auszeichnen. Dafür sollen Joko und Klaas für eine andere geehrt werden.

Institutsleiterin Dr. Frauke Gerlach zu BILD: „Die Vorwürfe sind genereller Natur, da wird man genau prüfen müssen, was zutrifft und was nicht.“

Die Formulierung, dass die Sendung „nun“ nicht ausgezeichnet würde, insinuiert, es gebe einen Zusammenhang mit den Fake-Vorwürfen. Gibt es aber nicht, wie Grimme-Sprecher Lars Gräßer mir am Dienstag bestätigt hat.

„Bild“ und „Welt“ berichten falsch über Joko und Klaas

Grimme-Preis für Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf – und gleichzeitig Vorwürfe, in ihren Sendungen sei betrogen worden. Obwohl beides nichts miteinander zu tun hat, verknüpfen bild.de und welt.de es miteinander.

Das habe ich für @mediasres im Deutschlandfunk aufgeschrieben.

Presserat: bild.de als Werkzeug des Attentäters von Halle

Der Deutsche Presserat hat bild.de dafür gerügt, dass sie Ausschnitte aus dem Video des Attentäters von Halle übernommen hat. Die Redaktion habe damit gegen Richtlinie 11.2 des Pressekodex verstoßen, wonach die Presse sich nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen darf.

Der Presserat schreibt weiter:

In dem Video unter dem Titel „35 Minuten Vernichtungswahn“ ordnete ein Reporter die gezeigten Sequenzen zwar ausführlich ein. Jedoch übernahm die Redaktion die Dramaturgie des Täters, indem sie seine Vorgehensweise chronologisch vom Laden der Waffen bis hin zu den Sekunden vor und nach den Mordtaten zeigte. Bei beiden Szenen konnten die Zuschauer aus der Perspektive des Täters quasi live dabei sein. Diese Darstellung geht über das öffentliche Interesse hinaus und bedient überwiegend Sensationsinteressen.

Richtlinie 11.2 des Pressekodex besagt:

Bei der Berichterstattung über Gewalttaten, auch angedrohte, wägt die Presse das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegen die Interessen der Opfer und Betroffenen sorgsam ab. Sie berichtet über diese Vorgänge unabhängig und authentisch, lässt sich aber dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen. Sie unternimmt keine eigenmächtigen Vermittlungsversuche zwischen Verbrechern und Polizei.

Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens darf es nicht geben.

Ich hatte hier schon mal kritisiert, dass Medien sich zu Mittätern von Attentätern machen, wenn sie ihre Tat in unangemessener Weise weiterverbreiten. In dem Zusammenhang will ich auch noch mal auf einen Artikel von Bastian Berbner von 2017 hinweisen, in dem er schreibt:

Terrorismus ist Kommunikation. Attentäter wollen eine Botschaft senden. Nicht so sehr an ihre unmittelbaren Opfer, die drei Nonnen oder Guy Coponet und seine Frau, nicht so sehr an die Menschen vom Breitscheidplatz und die Konzertbesucher im Bataclan. Ihre Botschaft gilt vielmehr: allen anderen.

Deswegen liegt es besonders an Journalisten, aber auch an allen Nutzern von sozialen Netzwerken, ob sie sich daran beteiligen wollen, eine Botschaft von Angst in die Welt zu tragen, die der eigentlichen Bedrohung nicht gerecht wird.

Presserat: bild.de hat sich zum Werkzeug des Christchurch-Täters gemacht

Der Deutsche Presserat hat bild.de dafür gerügt, dass es Sequenzen aus dem Video des Christchurch-Attentäters veröffentlicht hat. Dieser hatte im März die Tötung von mehr als 50 Menschen live bei Facebook übertragen. bild.de hatte Video-Ausschnitte gewählt, die den Täter auf dem Weg zu den Moscheen und beim Laden einer Waffen zeigten. Von den eigentlichen Tötungen zeigte die Redaktion nur Standbilder.

Der Presserat kritisiert: „Mit der Veröffentlichung seiner Video-Ausschnitte bot die Redaktion dem Täter genau die öffentliche Bühne, die er haben wollte.“ Sie habe damit gegen Richtlinie 11.2 des Pressekodex verstoßen, in der es heißt:

Bei der Berichterstattung über Gewalttaten, auch angedrohte, wägt die Presse das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegen die Interessen der Opfer und Betroffenen sorgsam ab. Sie berichtet über diese Vorgänge unabhängig und authentisch, lässt sich aber dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen. Sie unternimmt keine eigenmächtigen Vermittlungsversuche zwischen Verbrechern und Polizei.

Mit ihrer Berichterstattung habe die Redaktion aber genau das getan, sich nämlich zum Werkzeug von Verbrechern gemacht. Der Presserat kritisiert weiter:

Diese Bilder reichten jedoch, um Assoziationen zu erzeugen, die weit über das berechtigte öffentliche Interesse an dem Geschehen hinausgingen. Auch die detaillierte, dramatisierende Schilderung und drastische Bebilderung im  Begleittext zum Video bedienten nach Ansicht des Beschwerdeausschusses überwiegend Sensationsinteressen.

Ich hatte das im März im Deutschlandfunk entsprechend kommentiert:

Die Medien, die sich auf die Logik des Attentäters von Christchurch eingelassen haben, waren Komplizen bei seiner Tat. Denn sie haben das vollendet, was er begonnen hat. Der Täter hat die mediale Verbreitung seiner Tat einkalkuliert. Wer ihm hilft, macht sich mitschuldig – an diesem Verbrechen, aber auch an denen von Nachahmern.

Denn dem rechtsextremen Attentäter ging es nicht nur darum, viele Muslime zu töten. Er wollte auch, dass die Welt das erfährt.

Chefredakteur Julian Reichelt war das egal. Er hatte schon zur Veröffentlichung kommentiert:

Journalismus ist dazu da, Bilder der Propaganda und Selbstdarstellung zu entreißen und sie einzuordnen. Erst die Bilder verdeutlichen uns die erschütternde menschliche Dimension dieser Schreckenstat.

Genau das hatte bild.de aber nicht getan. Es hat die Bilder nicht der Propaganda entrissen, sondern die Propaganda fortgeführt. Das sieht auch der Presserat so. bild.de hat sich mit Anerkennung des Pressekodex dazu verpflichtet, Rügen zu veröffentlichen. Beim Presserat heißt es:

Die öffentliche Rüge ist die härteste Sanktion der Beschwerdeausschüsse. Sie muss von der Redaktion in einer ihrer nächsten Ausgaben veröffentlicht werden.

Mal sehen, ob das tatsächlich passiert.

Bild lässt Greta Thunberg die Schule schwänzen, obwohl sie gar nicht mehr hin muss

Dass Greta Thunberg und die Schüler, die seit Wochen und Monaten freitags nicht in die Schule gehen, von Politikern und Journalisten diffamiert werden, ist nichts Neues.

Statt über deren Anliegen, nämlich mehr Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe, zu diskutieren, sprechen sie lieber darüber, dass die Schüler ihrer Schulpflicht nicht nachkommen – also schwänzen. Das ist ganz praktisch, weil es vom eigentlichen Thema ablenkt – klassisches Derailing, wie es von Trollen im Netz praktiziert wird, aber auch Politikern und Journalisten nicht fremd ist.

Auch die Bild-Zeitung nutzt dieses Framing und schreibt jetzt zum Beispiel:

Greta Thunberg (16) wird das kommende Schuljahr ganz schwänzen – um sich dem Kampf gegen die Klima-Krise zu widmen!

In der Überschrift heißt es zwar noch relativ neutral:

Allerdings verrät die URL, dass der Artikel ursprünglich mit anderem Titel online gegangen ist oder gehen sollte:

https://www.bild.de/politik/ausland/politik-ausland/greta-thunberg-klimaaktivistin-wird-ein-jahr-lang-die-schule-schwaenzen-62336250.bild.html

Und auch die Vorschau im Tweet von Kevin Kühnert zeigt das:

Allerdings weist Kühnert zurecht darauf hin, dass das so nicht stimmt. Denn Greta schwänzt nicht die Schule. Das würde nur gelten, wenn sie so gegen die Schulpflicht verstoßen würde – was sie aber nicht tut, wie die Bild selbst später im Artikel schreibt:

Um ihre Schulzeit mache sie sich keine Sorgen, sagte Thunberg. Sie werde einfach ein Jahr später aufs Gymnasium wechseln. Normalerweise stünde für die junge Schwedin im August der Wechsel auf eine weiterführende Schule an. In den ersten neun Jahren gilt Schulpflicht.

Interessanterweise schreibt die Bild im selben zuerst zitierten Satz aber auch von der Klimakrise – und nutzt damit ein stärkeres Framing als mit dem sonst üblicherweise oft genutzten Begriff Klimawandel. Ein Wandel kann in die eine oder andere Richtung gehen, also auch einen positiven Wandel bringen. Beim Klima geht es allerdings für uns Menschen in eine negative Richtung, deswegen sind Begriff wie Klimakatastrophe und Klimakrise aus Sicht derjenigen, die diesen bekämpfen wollen, passender.

Wie bild.de mittels Framing das Framing anprangert

Das hat natürlich eine gewisse Ironie, wie bild.de das zurecht umstrittene Gutachten von Elisabeth Wehling für die ARD angreift – nämlich ausgerechnet mit Framing. Der ARD vorzuwerfen, sie wolle die Öffentlichkeit mittels Framing „umerziehen“, und dann selbst Begriffe zu benutzen, auf die genau dieser Vorwurf zutrifft, ist einigermaßen absurd. Genauso macht es bild.de aber in seinem Artikel:

Dabei benutzt bild.de nicht nur das Framing der „Umerziehungs-Fibel“ und des „Umerziehungs-Gutachtens“ und erweckt damit den Eindruck, die ARD sei willens oder gar in der Lage, irgendwen „umzuerziehen“ – zu was auch immer (denn das lässt der Text offen). Auch der Begriff „das gebührenfinanzierte Machwerk“ kommt im Text vor – ohne Distanzierung oder Berufung auf eine Quelle. Dass bild.de also mittels Framing der ARD vorwirft, Framing zu betreiben, ist einigermaßen absurd. Wenn auch nicht überraschend, denn die Redaktionen der Bild arbeiten ständig damit.

Medien entschuldigen NRW-Innenminister Herbert Reul, der dafür selbst keinen Anlass sieht

Der Plan von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) ist offenbar aufgegangen. Fast alle Medien haben berichtet, er habe sich für seine umstrittene Äußerung vom Mittwoch entschuldigt. Und das, ohne dass er sich wirklich entschuldigt hat.

Zeit online schreibt:

Die Frankfurter Rundschau schreibt online:

Und die WAZ:

Spiegel online:

Bild Düsseldorf:

Freie Presse:

Nach zwei Tagen hat NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) zumindest eingesehen, dass seine Justizschelte nicht sonderlich klug war. In der Rheinischen Post hatte Reul am Donnerstag das Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster im Fall Sami A. kritisiert:

Die Unabhängigkeit von Gerichten ist ein hohes Gut. Aber Richter sollten immer auch im Blick haben, dass ihre Entscheidungen dem Rechtsempfinden der Bevölkerung entsprechen. (…) Wenn die Bürger Gerichtsentscheidungen nicht mehr verstehen, ist das Wasser auf die Mühlen der Extremen.

Reul forderte also indirekt, dass sich Gerichte nicht nach den Gesetzen richten sollten, die Politiker wie er selbst zuvor selbst gemacht hatten, sondern sich nach einer Art Meinung der Masse richten sollten. Dass Reul für diese fragwürdige Haltung stark kritisiert wurde, sollte ihn nicht verwundern.

Am Freitag veröffentlichte er eine Erklärung, in der er sich scheinbar von seinen früheren Worten distanzierte. Wenn man sich die Erklärung im Wortlaut (zu finden u.a. hier) durchliest, merkt man aber, dass er das nur begrenzt tut.

„Die Unabhängigkeit von Gerichten ist ein hohes Gut.“ – so lautet der erste Satz meiner Aussage. Das bedeutet für mich natürlich, dass Richter ihre Entscheidungen nach Recht und Gesetz treffen müssen und sich die Verwaltung an diese Gerichtsentscheidungen hält. Diese Grundsätze des Rechtsstaatsprinzips sind für mich selbstverständlich. Mir ist inzwischen klar geworden, dass meine Erklärung in dieser Hinsicht missverstanden werden konnte. Das bedauere ich.

Mir ging es bei meiner Äußerung darum, auf die öffentliche Wirkung des Beschlusses des Gerichtes zur Rückholung eines ausreisepflichtigen Gefährders und seine möglichen Folgen für die gesellschaftspolitische Debatte hinzuweisen. Ich habe die große Sorge, dass die Bürgerinnen und Bürger die Entscheidungen staatlicher Institutionen immer weniger verstehen. Alle staatlichen Gewalten sollten daher mehr Aufmerksamkeit darauf verwenden, ihr Handeln zu erklären.

An keiner Stelle entschuldigt sich Reul ausdrücklich für seine Äußerung oder nimmt sie zurück. Er bedauert nicht seine Worte, sondern deren Wirkung, wenn er sagt:

Mir ist inzwischen klar geworden, dass meine Erklärung in dieser Hinsicht missverstanden werden konnte.

Seine grundsätzliche Kritik an den Richtern gießt er nur in andere Worte.

Die Journalisten vieler Medien gehen aber einen Schritt weiter und machen daraus eine Entschuldigung, die Reul aber nie abgegeben hat. Teils basierten die Meldungen sicher auch auf einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa, die Reuls Erklärung ebenfalls als Entschuldigung gedeutet hat und schrieb:

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) hat sich für seine Gerichtsschelte im Fall Sami A. entschuldigt. Ihm sei inzwischen klar geworden, dass seine heftig umstrittene Äußerung über Gerichtsentscheidungen, die möglicherweise nicht im Einklang mit dem Rechtsempfinden der Bürger stünden, «missverstanden werden konnte», erklärte Reul am Freitag in einer Mitteilung. «Das bedaure ich.»

Sie rückte von dieser Interpretation auch auf Nachfrage nicht ab.

Immerhin machen es einige Medien durchaus besser, indem sie das Spiel offenlegen, das Reul spielt: Sie legen seine Erklärung nicht so weit aus, sondern ordnen sie stattdessen ein. Exemplarisch will ich aus dem Online-Artikel des WDR zitieren (ich arbeite für den Sender). Dort heißt es schon in der Überschrift:

Im Text steht dann:

In seiner Erklärung vom Freitag nahm Reul seine Kritik am höchsten NRW-Gericht nicht zurück, sondern formulierte sie nur anders…

So ist es.

welt.de übernimmt ARD-Inhalte für eigene Webseite

Ein ARD-Journalist schreibt einen Kommentar – und Medien des Springer-Verlags drehen fast durch. So geschehen am Montag.

Da hat Malte Pieper, Hörfunk-Korrespondent in Brüssel, in einem Kommentar den Rücktritt von Bundeskanzlerin Merkel gefordert. So weit, so unspektakulär; das Kommentieren von Politik und Zeitgeschehen gehört schließlich zum journalistischen Alltag. bild.de und auch der gedruckten „Bild“ von heute war das jedoch einige Aufregung wert. Wie falsch die „Bild“ die Sache darstellt, hat Moritz Tschermak hier im Bildblog aufgeschrieben.

Und Klaus Raab hat sich bei Übermedien etwas grundsätzlicher mit dem Eifer auseinandergesetzt, mit dem die Springer-Medien gegen den Kommentar vorgehen und auch Bild-Chefredakteur Julian Reichelt sich mit ARD-Journalistinnen beschäftigt. Raab schreibt dort auch:

Bemerkenswert ist weniger die Dreistigkeit, den Kommentar eines nicht zum eigenen Verlag gehörenden Journalisten online hinter der Paywall zusammenzufassen, also dafür Geld zu nehmen, sondern vielmehr, dass „Bild“ ihn auch noch falsch ankündigt: „Hier ist das erste deutsche Fernsehen mit der Rücktrittsforderung! Ta-ta-Ta-ta-ta-taaaa!“, lautete der erste Satz des „Bild“-Texts.

Dabei sind die Bild-Medien sogar noch zurückhaltend gewesen. Denn auch dem Schwestermedium welt.de war der Kommentar einen Bericht wert. Und auch die Kollegen dort verhalten sich etwas merkwürdig und titeln ähnlich irreführend wie die Bild-Kollegen:

„ARD-Journalist fordert Merkels Rücktritt“

Warum dieser eine von täglich vielleicht einem Dutzend Kommentaren in den 64 Radioprogrammen von ARD, ZDF und dem Deutschlandradio (allein im Deutschlandfunk laufen werktäglich drei) welt.de einen eigenen Artikel wert ist, schreibt „jr“ (so das Kürzel unter dem Artikel) nicht deutlich.

Zumal der Artikel noch viel mehr als der bei bild.de über weite Strecken eine Art Plagiat des Original-Kommentars ist, also gar keine inhaltliche Auseinandersetzung damit stattfindet. Die Argumentation wird über große Strecken wörtlich und in Anführungszeichen übernommen, an anderen Stellen wird in indirekter Rede paraphrasiert.

Wie großflächig die Übernahme war, habe ich hier markiert. Das sind alle Stellen aus dem ARD-Kommentar, die sich entweder direkt oder indirekt bei welt.de finden.

Die Gegenprobe zeigt, dass der welt.de-Artikel nach einer Einleitung nur aus dem paraphrasierten oder wörtlich zitierten tagesschau-Kommentar besteht. Die Übernahmen sind gelb zitiert.

Nun ist es üblich, dass Journalisten sich auf die Arbeit von Kollegen berufen und fremde Erkenntnisse in eigene Artikel und Beiträge einarbeiten. Dass aber ein einziger Kommentar eines Autors, in dem noch nicht mal etwas Neues steht, praktisch zu einem anderen Kommentar umgearbeitet wird, ist ungewöhnlich.

Sieht so die Einigung zwischen Verlegern und öffentlich-rechtlichen Sendern aus, was das deren Online-Angebot angeht? Ein ARD-Korrespondent schreibt einen Kommentar, den dann anschließend welt.de fast vollständig übernimmt? Denn angesichts der Tatsache, dass vor allem Springer-Chef Mathias Döpfner die öffentlich-rechtlichen Sender immer wieder als „Staatsfunk“ bezeichnet hat, die durch Rundfunkgebühren bezahlt werden, ist es interessant, dass sich hier die welt.de-Redaktion an rundfunkbeitragfinanzierten Inhalten vergreift und diese wieder werbefinanziert an ihre Nutzer ausspielt.

Es scheint sich einzureihen in eine Reihe von neuen Attacken gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Haben die Redaktionen noch nicht mitbekommen, dass Döpfner inzwischen mit den ÖR-Chefs die Friedenspfeife geraucht hat?

Presserat rügt „Schmutzkampagne“ der Bild

Die Bild-Zeitung hat Ansehen und Glaubwürdigkeit der Presse beschädigt. Sagt der Presserat und bezieht sich damit konkret auf die Berichterstattung der Bild über eine angebliche Schmutzkampagne der SPD, die sich später als Satireaktion der Titanic herausstellte (#miomiogate).

Obwohl die SPD in dem Artikel die angeblichen Mails ihres Juso-Chefs mit offensichtlichen Argumenten wie der falschen Endung der Email-Adresse dementierte, veröffentlichte BILD die Geschichte trotzdem

schreibt der Presserat (PDF) – und weiter:

Der Presserat sieht darin einen schweren Verstoß gegen das Wahrhaftigkeitsgebot in Ziffer 1 des Pressekodex. Diese Irreführung der Leser beschädigt Ansehen und Glaubwürdigkeit der Presse, so der Presserat, der deshalb eine öffentliche Rüge erteilte.

Chefredakteur Julian Reichelt hat mal gesagt:

Es fällt mir grundsätzlich leicht, mich zu entschuldigen, wenn wir Fehler gemacht haben.

Es stellte sich dann aber heraus, dass er nur Fehler meinte, die er selbst auch so einschätzt. Bei der Titanic-Aktion sah er die nicht so richtig. Es bleibt also abzuwarten, wie er mit der öffentlichen Rüge des Presserats umgeht. Zu der schreibt der Presserat grundsätzlich:

Die öffentliche Rüge ist die härteste Sanktion der Beschwerdeausschüsse. Sie muss von der Redaktion in einer ihrer nächsten Ausgaben veröffentlicht werden.

Für den „Groko-Hund Lima“ gab es übrigens eine Missbilligung des Presserats, weil die Bild gegen Grundsätze der Recheche und das Wahrhaftigkeitsgebot verstoßen habe. Die „Krawall-Barbie“ der Bild fand der Rat dagegen in Ordnung.