Wie Rezo reagiert: Die Kritik der Kritik der Kritik

Vor drei Wochen hat Rezo ein Video veröffentlicht, in dem er verschiedene Vorgehensweisen der Presse (ja, vor allem von Zeitungen) kritisiert hat („Die Zerstörung der Presse“).

Ich habe über das neue Video im Deutschlandfunk gesprochen. Damit hat Rezo viel Resonanz ausgelöst (wenngleich nicht so viel wie mit seiner „Zerstörung der CDU“ im Jahr 2019). Seien allgemeinen Kritikpunkte sind dabei kaum angegriffen worden, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Aber seine Analyse, wie einzelne Zeitungen über ihn selbst berichtet haben und was er daran alles falsch findet, sind dabei von eben jenen Redaktionen scharf kritisiert worden.  Unter anderem die FAZ hat sich die Kritik angesehen und ihrerseits eine Kritik der Kritik vorgelegt, unter anderem auch in einem Video.

Aus all dem hat Rezo jetzt wiederum ein Antwortvideo gemacht, das er „Die dümmsten und lustigsten Reaktionen“ nennt, das aber auch seriöse Rückmeldungen enthält.

Rezo will die Presse nicht zerstören, sondern verbessern, sagt er

„Die Zerstörung der CDU“ – unter diesem Titel hat der Youtuber Rezo ja kurz vor der Europawahl ein Video veröffentlicht, das in der Union für viel Hektik gesorgt hat. Rezo selbst legte Wert auf die Feststellung, er habe zeigen wollen, wie die CDU sich selbst zerstörte.

Am Pfingstwochenende hat er dann nachgelegt mit dem Video „Die Zerstörung der Presse“.

Der Titel mag für Leute irreführend sein, die sich mit der Szene nicht auskennen. Dass er nicht zerstören will, sagt Rezo relativ am Anfang:

Ich zerstöre in diesem Video gar nix, sondern möchte Missstände herausarbeiten, um diese zu lösen. Missstände, die, wenn wir sie ignorieren würden, nicht darüber reden, genau dazu beitragen, dass das Vertrauen oder der Respekt und eben damit auch die Glaubwürdigkeit gegenüber der Presse abgebaut oder gar ganz zerstört wird. Denn ohne Vertrauen, Respekt und Glaubwürdigkeit bleibt auf Dauer nichts mehr von der seriösen Presse.

Im Deutschlandfunk habe ich heute morgen einen ersten Überblick gegeben (Link zur Dlf-Audiothek): Worum geht es Rezo? Was stört ihn? Wie aussagekräftig ist seine Fehleranalyse?

Dass Trump etwas ankündigt, was er nicht umsetzen kann, gehört schon in Teaser und Tweet

In den USA stirbt ein Schwarzer in Polizeigewahrsam, nachdem ihn mutmaßlich ein Polizist erstickt hat. Daraufhin brechen Unruhen aus. US-Präsident Donald Trump, dem gerade noch sein Kampf mit Twitter wichtiger war, beschuldigt „die Antifa“, für die Unruhen verantwortlich zu sein, und kündigt an, sie als Terrororganisation einzustufen.

„Die Antifa“ ist aber überhaupt keine Organisation, sie besteht allenfalls aus hunderten bis tausenden einzelnen Gruppen, die aber nicht formal organisiert sind. Wer ein Verbot fordert, wird das also vermutlich gar nicht umsetzen können, sondern macht lediglich PR (wenn nicht Propaganda).

Medien müssen diese Information deswegen in jedem Fall dazuliefern und dürfen nicht einfach Trumps absurde Ankündigung weiterreichen, als gehörten sie zu seinem Presseteam. Das tun sie aber immer wieder – oft, indem sie einfach nur einen Tweet zitieren oder paraphrasieren oder darum einen ganzen Artikel bauen.

Im aktuellen Fall liefern Medien diese Einordnung auch, aber nicht an entscheidender Stelle. Diese entscheidende Stelle ist nämlich nicht irgendwo im Text, sondern bereits in Überschrift oder Teaser sowie im Tweet. Fehlt die Einordnung dort, ist beides nicht mehr als PR für Trump. Diese Einordnung ist nämlich der eigentliche Journalismus, nicht das Paraphrasieren oder Zitieren seines Tweets.

Das ist wichtig, weil viele Nutzer gar nicht bis zur Einordnung lesen, sondern nur bei Überschrift und Teaser bzw. beim Tweet bleiben. Die Einordnung gehört aber dorthin, wo die Nachricht verbreitet wird, damit sie wirkt.

Deswegen ist es problematisch, wie es zum Beispiel Tagesspiegel und Mitteldeutsche Zeitung machen, die diese Einordnung nicht in ihren Tweets liefern.

Auch im Teaser des Tagesspiegels fehlt die Information:

Erst im Text kommt sie, dort immerhin im ersten Absatz, in dem es heißt:

Die USA wollen die „Antifa“ als Terrororganisation einstufen. Das kündigte US-Präsident Trump am Sonntagmittag (Ortszeit) auf Twitter mit. Weitere Einzelheiten nannte er nicht. Wie das mangels Organisationsstrukturen des losen Bündnisses funktionieren soll, blieb offen.

Die Mitteldeutsche Zeitung liefert diese Einordnung überhaupt nicht. Sie stellt sogar in der Überschrift noch eine problematische Verknüpfung her, indem sie schreibt:

Als habe der Tod von George Floyd direkt etwas mit Trumps Reaktion zu tun. Man könnte sogar denken, dass „die Antifa“, die hier nicht mal in Anführungszeichen gesetzt ist, für den Tod Floyds verantwortlich gemacht wird.

Beide Meldungen beruhen offenbar auf einer Meldung der Deutschen Presse-Agentur, in der es heißt:

Die US-Regierung will die Antifa-Bewegung in Amerika als Terrororganisation einstufen. Das kündigte US-Präsident Donald Trump am Sonntag auf Twitter an. Weitere Einzelheiten nannte er nicht. Wie das mangels Organisationsstrukturen des losen Bündnisses funktionieren soll, blieb offen.

Nachtrag (01. Juni 2020, 07.15 Uhr): Dem Tagesspiegel und der Mitteldeutschen Zeitung gesellen sich auch andere Medien hinzu, darunter tagesschau.de und wdr.de.

Update (01.06.2020, 07.30 Uhr): Kollegin Nora Hespers macht noch auf einen Aspekt aufmerksam.

Diskussion unter meinem Tweet:

Disclaimer: Ich arbeite als freier Mitarbeiter für den WDR.

Wie Medien Suizide verhindern können

Medien haben eine große Verantwortung, wenn sie über Suizide berichten. Sie können Nachahmer motivieren, aber auch von einem Versuch abhalten, sagte der Wiener Mediziner Thomas Niederkrotenthaler im Deutschlandfunk. Ausschlaggebend sei die Art und Weise, wie Medien berichten. Mit Thomas Niederkrotenthaler habe ich für @mediasres im Deutschlandfunk gesprochen.

Die Kunst des guten Interviews (21): „Und läuft das jetzt live über den Sender?“

Zum Abschluss meiner Outtakes zu meiner Sendung über „Die Kunst des guten Interviews“ im Deutschlandfunk noch ein letzter Hinweis auf ein Interview, das es auch nicht in die Sendung geschafft hat. Kollegin Sandra Müller weist darauf hin und hat damals ausführlich darüber geschrieben, warum sie es so bemerkenswert findet.

Es gibt Radiostücke, die gehen ganz unfreiwillig in die Radiogeschichte ein. Dieses DLF-Interview mit Heiner Geißler zum Beispiel. Denn wenn sich Moderator und Interviewpartner in die Wolle kriegen – und zwar live auf Sendung! – dann ist das schon ein echter Hinhörer. Aber warum eigentlich? Weil es uns als Hörer staunen macht? Weil das Interview eine völlig überraschende Wende nimmt? Weil man live dabei ist, wenn ein Interview auf die falsche Spur abbiegt? Vermutlich alles zusammen.

Auf ihrer Webseite analysiert sie das Gespräch Schritt für Schritt (PDF). Eine gute Übung für Interviewschüler.

Die Kunst des guten Interviews (20): „Jetzt können Sie mir Fragen stellen“

Über die Interviews des österreich-kanadischen Industriellen Frank Stronach, der vor rund zehne Jahren mit seiner nach ihm benannten Partei („Team Stronach“) ins österreichische Parlament wollte, habe ich hier schon mal geschrieben. Jetzt bin ich noch auf ein unterhaltsames Gespräch gestoßen, das er 2012 mit Lou Lorenz in der ZiB2 geführt hat. Er hält einen fast zweieinhalbminütigen Monolog, in den Lorenz vorstoßen will, bis er endlich sagt: „Jetzt können Sie mir Fragen stellen.“

„Lassen Sie uns den Quatsch beenden: Die Kunst des guten Interviews“ – mein Feature im Deutschlandfunk.

Die Kunst des guten Interviews (19): Das Konfrontieren

Dass ein Interviewpartner mit kritischen Äußerungen aus seiner Vergangenheit konfrontiert ist, sollte diesen nicht überraschen – vor allem nicht bei seinem ersten großen Interview nach seiner Wahl zum AfD-Bundesvorsitzenden. So ist es Tino Chrupalla ergangen, den Theo Koll interviewt hat.

Chrupalla macht es Koll natürlich leicht, aber Koll ist auch entsprechend gut vorbereitet, weil er die strittigen Äußerungen, die er Chrupalla vorwirft, auch per O-Ton bzw. Filmeinspielung belegen kann; das macht es Chrupalla schwierig, auszuweichen. Am Ende führt Chrupalla sich selbst vor.

Die Kunst des guten Interviews (18): Die Angriffslust des Sigmar Gabriel

Gelegentlich müssen Interviewer damit rechnen, von ihren Interviewpartnern ordentlich Contra zu bekommen. Eine beliebte Strategie vor allem vom langjährigen SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, der leicht zu reizen oder wahlweise sehr angriffslustig ist. Das kann durchaus unterhaltsam sein, auch wenn er längst nicht jedes Mal Grund für seine Angriffe hat.

Hier ein ZDF-Interview mit Bettina Schausten im Jahr 2015.

Der Link zu einem DLF-Interview mit Silvia Engels aus dem Jahr 2012.

Sehr schön auch in einem DLF-Interview mit Christoph Heinemann von 2011:

Christoph Heinemann: „Schwingt da mit Blick auf Herrn zu Guttenberg auch Neid mit? Der Mann ist ausgesprochen beliebt und so einen hat die SPD gegenwärtig nicht zu bieten.“

Sigmar Gabriel: „Wissen Sie, das ist ja bei Ihnen offensichtlich so wie bei meiner Großmutter. Die hat immer gesagt, …“

Heinemann: „Die kenne ich nicht.“

Gabriel: „Das weiß ich, aber der Spruch ist ganz interessant: ‚Was ich denk und tu, das trau ich jedem andern zu.‘ Wenn das Ihre Form der Auseinandersetzung in der Politik wäre, dann ist es gut, dass Sie im Journalismus geblieben sind. Unsere ist es jedenfalls nicht.“

Heinemann: „Und es ist gut, dass Sie SPD-Vorsitzender geworden sind und nicht Journalist.“

Gabriel: „Ja, selbstverständlich. Ich habe mich nie beworben dafür!“

Heinemann: „Na denn! Ich mich auch nicht für den Parteivorsitz. So hat ein jeder seine Aufgabe.“

Und das bereits erwähnte Interview mit Marietta Slomka aus dem Jahr 2013:

Die Kunst des guten Interviews (17): Wie wichtig gutes Zuhören ist

Wer Interviews führt, muss vor allem eins: gut zuhören. Denn alle Interviewvorbereitung nützt wenig, wenn die Interviewerin dann die entscheidenden Worte in den Antworten verpasst.

Das hat mir auch ZDF-Moderatorin Marietta Slomka für meine Sendung über „Die Kunst des guten Interviews“ erzählt:

„Um schnell reagieren zu können. Also, wenn zum Beispiel in der Thüringen-Geschichte der FDP-Fraktionschef sagt: ‚Ja, das ahnten wir‘, da muss ich natürlich sofort eingreifen und sagen: ‚Wie, das ahnten Sie? Also war Ihnen klar, was passieren würde‘. Und solche kleinen Nebensätze, die hören Sie nur, wenn sie ganz genau zuhören und nicht schon ihre nächste Frage vor Augen haben.“

So geschehen nicht nur im Interview mit dem gerade frisch gewählten Thüringer Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich von der FDP, sondern auch einen Tag später im Interview mit FDP-Bundeschef Christian Lindner, der behauptete, Kemmerich sei „übermannt“ gewesen, als er die Wahl angenommen habe.