Das Radio als Trendsetter

Radio ist ein urdemokratisches Medium: Jeder kann es hören, es bringt alle zusammen. In einer neuen Reihe zeigen wir beim Deutschlandfunk, was Hörfunk kann: als Jedermann-Sender und Gemeinschaftsmedium, als Labor und Experimentierfeld, als politische Informationsquelle und Werbeträger.

Es sind sehr intensive und emotionale Collagen geworden, die historische Radiotöne zusammenbringen mit Erinnerungen erfahrener Radiomacher. Dabei sind die ehemalige WDR-Moderatorin Carmen Thomas, die jahrelang sehr erfolgreich das Radioformat „Hallo Ü-Wagen“ gemacht hat, der WDR5-Moderator und Hörspielmacher Max von Malotki sowie Astrid Kuhlmey, lange Jahre Redakteurin beim Rundfunk der DDR und später auch beim Deutschlandradio.

Isabelle Klein und ich haben eine Folge beigesteuert, in der wir uns verschiedene originäre Radioformate aus den letzten 95 Jahren angehört haben. Regie bei den Mini-Features hat Natia Koukouli-Marx geführt. Die ganze Reihe findet sich hier.

Ein Interview mit Edward Snowden

Es war ein aufregendes Wochenende, muss ich einräumen. Man bekommt nicht oft die Möglichkeit, mit dem ehemaligen US-Geheimdienstmitarbeiter und Whistleblower Edward Snowden zu sprechen. Schon deswegen, weil er selbst überhaupt nur wenige Interviews gibt. An diesem Wochenende war das anders, denn heute erscheint seine Autobiographie mit dem Titel „Permanent Record. Meine Geschichte“ (hier die Buchbesprechung aus „Andruck“ im Deutschlandfunk).

2013 war Edward Snowden mit geheimen Dokumenten an die Öffentlichkeit gegangen, die eine massenhafte Überwachung durch US-amerikanische Geheimdienste enthüllte. Im Deutschlandfunk-Interview mit Stefan Koldehoff und mir kritisierte er, dass es für Quellen investigativer Recherche immer schwieriger werde. Sein Leben im Exil zeige, welche Konsequenzen die Entscheidung mit sich bringe.

Das Interview haben wir auf Englisch geführt, gleichzeitig hat ein Synchron-Dolmetscher das Gespräch übersetzt. Die englische Fassung findet sich hier.

Das Gespräch ging gleich mit einem Hinweis Snowdens los. Er hatte bemerkt, dass eine dritte Partei in unserem Chatraum war.

Nachdem das geklärt war, ging unser Gespräch weiter. Wäre andererseits auch nicht ganz so schlimm gewesen, schließlich war unser Interview nicht geheim, sondern ist ja schließlich sowieso im Radio gesendet und online gestellt worden.

Wer das Interview nicht in voller Länge sehen oder hören kann, kann sich auch ein paar Ausschnitte anhören. In den „Informationen am Morgen“ im Deutschlandfunk hat Stefan Koldehoff über die Umstände des Interviews gesprochen (Audio-Link) und eine Auswahl vorgespielt.

Am Nachmittag habe ich dann bei @mediasres über das Interview gesprochen und wir haben weitere Ausschnitte gespielt, in denen Snowden über seine Wandlung zum Whistleblower und seine Sorgen über die Zukunft des Journalismus spricht.

Am Abend hat Stefan noch die Diskussion um politisches Asyl für Snowden in Deutschland kommentiert. Er findet, dass die CDU seltsame Argumente gegen seine Forderung vor. Und Kanzlerin Angela Merkel schweige zu Snowdens erneutem Vorstoß. Dabei hätte sie, kurz vor Ende ihrer Amtszeit, wenig zu verlieren, kommentiert Stefan.

Bemerkenswert finde ich dem Zusammenhang ein Interview, das Christiane Kaess im Deutschlandfunk mit dem EU-Abgeordneten Daniel Caspary von der CDU geführt hat. Caspary ist dagegen, dass Snowden politisches Asyl in Deutschland bekommt. Erst pochte er darauf, dass Snowden in den USA ein faires Verfahren bekommen werde, was dieser bestreitet, auf Nachfrage will sich Caspary dann aber lieber doch nicht festlegen, weil er die Details nicht kenne.

Wie man an ein Interview mit Snowden kommt

Das hat Kollege Sören Brinkmann hier aufgeschrieben. Wir haben aber auch in den Sendungen darüber gesprochen, zum Beispiel bei @mediasres (s.o.) und ziemlich früh, nachdem wir das Interview geführt haben, bei Deutschlandfunk Nova. Außerdem hat mich Ann-Kathrin Büüsker im DLF-Podcast „Der Tag“ zum Interview befragt. Und Stefan hat bei Deutschlandfunk Kultur darüber geredet, auch über Snowdens Buch „Permant Record“.

25 Jahre Deutschlandradio – beim Tag der offenen Tür in Köln

Das Deutschlandradio, für das ich arbeite, ist in diesem Jahr 25 Jahre alt geworden. Nicht die einzelnen Sender Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova, sondern die gemeinsame Mutter sozusagen, die Träger der drei Sender ist – eben das Deutschlandradio.

Zum Geburtstag gab es im Mai schon einen Tag der offenen Tür im Funkhaus in Berlin, in dem Deutschlandfunk Kultur entsteht. Am 22. September können sich Hörer*innen das Funkhaus in Köln anschauen, in dem Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Nova gemacht werden.

In der Einladung schreibt Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue:

Schauen Sie hinter die Kulissen des Kölner Funkhauses, blicken Sie ins Studio, lernen Sie die Gesichter zu bekannten Stimmen und die Köpfe hinter Ihren Lieblingssendungen kennen. Vor allem: Erzählen Sie und fragen Sie. Wir wollen mit Ihnen ins Gespräch kommen. Sie werden feststellen, so ein Funkhaus steckt voller engagierter Menschen. Und so wünsche ich Ihnen, dass Sie viel sehen, noch mehr hören und einen spannenden Tag im Funkhaus erleben.

Am Nachmittag präsentiert sich auch das Medienmagazin @mediasres, für das ich arbeite. Zwischen 13.30 und 15 Uhr arbeiten wir mit Hörern in einem Studio.

Gegen den „Klimanotstand“

Umweltschützer sind schon länger dazu übergegangen, nicht nur vom reinen Klimawandel zu sprechen. Das klingt ihnen zu neutral. Tatsächlich muss ein Wandel ja keiner zum schlechteren sein.

Auch der britische Guardian hat sich dazu entschieden, in Sachen Klimaerwärmung deutlicher zu formulieren – vielleicht sogar überspitzt.

In Deutschland rufen inzwischen immer mehr Städte den sogenannten Klimanotstand aus – auch, um deutlich zu machen, wie ernst die Lage ist. SWR-Umweltredakteur Dominik Bartoschek hält das für maßlos übertrieben. Er nennt in seinem Kommentar gute Gründe dafür, warum man sprachlich nicht übertreiben sollte, wenn nichts dahintersteckt.

Warum ein Mädchen wirklich verprügelt wurde

Ich hatte schon neulich mal darauf hingewiesen, dass bei manch schneller Formulierung schon mal Auslöser und Ursache verwechselt werden. So schrieb eine Zeitung neulich:

Wegen eines Kopftuchs? 13-jähriges Mädchen ins Krankenhaus geprügelt

Oberflächlich fällt daran erst mal nichts auf. Das darin steckende Framing lautet jedoch, dass das Mädchen wegen ihres Kopftuchs verprügelt wurde, was an sich keine Ursache sein dürfte. Die eigentliche Ursache liegt vielmehr im mutmaßlichen Rassismus des Täters, der ein Kopftuch für einen Grund hält, jemanden zu verprügeln.

Tatsächlich hat die Zeitung nach Kritik bei Twitter darauf reagiert und nicht nur den falschen Zusammenhang gelöscht, sondern das Motiv Rassismus in die Überschrift genommen. Dort heißt es jetzt:

Rassistischer Angriff? 13-jähriges Mädchen ins Krankenhaus geprügelt

Kritik wirkt.

Ein paar Morde sind kein Drama

Wenn ein Mann seine aktuelle oder ehemalige Partnerin umbringt und die Kinder gleich mit, so nennen Polizei-Pressestellen und Journalisten das gerne mal ein „Familiendrama“. Das ist ein problematischer Begriff, denn er macht aus einer Straftat zum einen eine private Angelegenheit, die nur die Familie angehe, und zum anderen etwas Theatralisches.

Tatsächlich haben Journalisten immer noch nicht gelernt, auf den Begriff zu verzichten und die Ereignisse mit neutralen Worten zu beschreiben. Die Intiative Gender Equality Media hat sich daran gestört, dass die Deutsche Presse-Agentur (dpa) als wichtige Quelle für die Berichterstattung in deutschen Medien diese Formulierung immer noch nutzt. Sie hat der dpa einen offenen Brief geschrieben (PDF) und auf die problematischen Implikationen hingewiesen. Unter anderem heißt es dort:

Bei Tätern mit muslimischen Hintergrund ist oft von “Ehrenmord” die Rede,während bei “deutschen” Tätern der bagatellisierende Begriff “Familiendrama” oder“Eifersuchtsdrama” verwendet wird. So wird Gewalt von Männern gegenüber Frauen*, bzw.ihren (Ex-)Partnerinnen, auf einzelne Kulturkreise abgewälzt. Dabei handelt es sich um eingesamtgesellschaftliches Problem. Würden wir nicht mehr jedes Mal „Familiendrama“lesen, wenn eine Frau durch ihren (Ex-)Partner ermordet wurde, sondern “Femizid”, so wäresichtbar, dass es sich um ein strukturelles Problem handelt und nicht um Einzelfälle.

Zu den problematischen Begriffen, von denen die dpa ohnehin viele schon nicht benutze, gehören laut den Aktivist*innen außerdem:

  • „Sex-Sklavin“
  • „Sex-Täter“
  • „Kinderprostituierte“
  • „Familiendrama“
  • „Eifersuchtstragödie“
  • „Kopftuchfrauen“

In einem Anhang beschreiben sie, was sie daran problematisch finden.

Mittlerweile hat ihnen zufolge auch dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger reagiert. In seiner Antwort schrieb er demnach:

Den verharmlosenden ‚Sextäter‘ wollen wir eigentlich auch schon seit längerem nicht mehr verwenden, manchmal rutscht diese Formulierung aber noch durch. Hier werden wir Ihr Schreiben gerne zum Anlass nehmen, die Kolleginnen und Kollegen daran zu erinnern.

Die dpa gab den Aktivist*innen an, bei den Begriffen „Familien- bzw. Beziehungsdrama oder –tragödie“ noch in internen Diskussionen zu stecken. Es wäre wünschenswert, wenn sie auch darauf verzichten würde. Erfreulich ist vor allem die Offenheit, auf solche Denkanstöße zu reagieren.

Wer Österreich wirklich ins Chaos gestürzt hat

Als Mitte August das Buch zur Ibiza-Affäre erschienen ist, das Frederik Obermaier und Bastian Obermayer geschrieben habe, beide Investigativ-Reporter der „Süddeutschen Zeitung“, schrieb profil.at folgendes: Die beiden…

…haben das Ibiza-Video veröffentlicht, Österreich damit ins innenpolitische Chaos gestürzt und darüber nun ein Buch geschrieben.

Das ist schnell dahingeschrieben, verkennt aber die tatsächlichen Zusammenhänge. Obermaier und Obermeyer haben das innenpolitische Chaos sicherlich ausgelöst, aber nicht verursacht, wie eine Kommentatorin zurecht unter dem Beitrag anmerkt:

Bei allem Respekt: nicht die beiden Journalisten haben „Österreich in ein innenpolitisches Chaos gestürzt“, sonder ausschließlich Strache, Gudenus und in weiterer Folge Kurz! Journalisten sollten hier bezgl. Formulierungen doch etwas genauer sein!

Auch wenn die Verantwortlichkeiten in der Ibiza-Affäre offensichtlich sind, so dienen auch solche nebensächlichen Formulierungen die Erzählung Straches, dass er eigentlich keine Verantwortung für die Affäre habe, sondern diese bei den Journalisten liege. Insofern gilt es tatsächlich auch bei den kleinen Sätzen, sich nicht auf ein Framing einzulassen.

Syrien geht gegen regimetreue Journalisten vor

Wer in einer Diktatur als Journalist arbeitet, hat im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: kritisch berichten und sein Leben riskieren – oder Propaganda betreiben.

Zum Beispiel in Syrien. Da gibt es schon seit mehr als 50 Jahren keine freie Presse mehr, seit Kriegsbeginn 2011 hat sich die Lage aber noch mal verschärft.

Viele Propagandisten sind seitdem gut durchgekommen, inzwischen hat sich das Blatt aber gewendet. Präsident Baschar al-Assad geht jetzt auch gegen regimetreue Journalisten vor, hat Moritz Baumstieger in der Süddeutschen Zeitung berichtet.

Ich habe ihn für @mediasres im Deutschlandfunk zu seiner Recherche befragt.

Wie das Überspitzen von Interviewaussagen Debatten verdirbt

Zuspitzungen sind seit jeher das Geschäft von Journalisten. Sie sind um Aufmerksamkeit für ihre Arbeit und ihr Medium bemüht – nicht zuletzt, seit das Verkaufen im Netz wichtiger geworden ist als in der Zeit, als man sich noch auf Abos ausruhen konnte.

Die Bedingungen des Netzes sorgen aber für eine ganz besondere Art der Zuspitzung. Denn es muss nicht nur die tägliche Zeitung verkauft werden, sondern jeder einzelne Artikel muss an den Mann und die Frau gebracht werden.

Aus mancher Zuspitzung wird aber auch mal eine Überspitzung. Da wird eine Aussage, ein Zitat nicht nur gedeutet, sondern etwas mehr daraus gemacht als ursprünglich gesagt wurde. In den letzten Wochen und Monaten haben Journalisten dafür mehrere Beispiele geliefert – und immer waren es Aussagen in Interviews. Die Konsequenz war in allen Fällen gleich: Nicht die eigentliche Aussage sorgt für Empörung und Protest, sondern die Überspitzung.

Kramp-Karrenbauer droht mit Parteiausschlussverfahren, ohne mit Parteiausschlussverfahren zu drohen

Jüngstes Beispiel: das Interview der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer für die Funke-Mediengruppe über den ehemaligen Präsidenten des Bundesverfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen. Sie „drohe“ mit einem Parteiausschlussverfahren, hieß es in der Zusammenfassung, die die Funke-Redaktionen selbst geschrieben haben.

Diese „Drohung“ liest sich im Zusammenhang des Interviews  folgendermaßen:

Frage: Der entlassene Verfassungsschutzchef, CDU-Mitglied Maaßen, fällt mit rechtskonservativen Sprüchen auf. Denken Sie über einen Parteiausschluss nach?

Kramp-Karrenbauer: Als ehemalige Innenministerin bin ich froh, dass Herr Maaßen keine Verantwortung mehr für den deutschen Verfassungsschutz hat. Die CDU hält es aus, wenn unterschiedliche Meinungen geäußert werden. Aber: Die CDU ist auch eine Partei, die von einer gemeinsamen bürgerlich-konservativen Haltung getragen wird. Eine Politik unter dem Deckmantel der CDU zu machen, die den politischen Gegner vor allem in den eigenen Reihen sieht, wird dieser Haltung nicht gerecht. Es gibt aus gutem Grund hohe Hürden, jemanden aus einer Partei auszuschließen. Aber ich sehe bei Herrn Maaßen keine Haltung, die ihn mit der CDU noch wirklich verbindet.

Von Parteiausschluss unter Bezug auf Maaßen spricht Kramp-Karrenbauer nicht ausdrücklich; sie sagt eher allgemein, dass die Bedingungen dafür hoch seien, spricht sich aber nicht ausdrücklich dafür aus, Maaßen auszuschließen. Eine Drohung ist das nicht, vielleicht nicht mal eine Forderung.

Ist es also unzulässig, ihre Aussage in diese Richtung zu überspitzen? Genauso gut hätte man formulieren können, sie lege ihm einen Parteiaustritt nahe. Zwei mögliche Interpretationen ihrer Aussage – die Funke-Mediengruppe hat sich für erstere entschieden. Im Laufe des Tages dementierte zunächst CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak, dass Kramp-Karrenbauer das so gemeint habe.

Später äußerte sich auch Kramp-Karrenbauer entsprechend.

Inzwischen hat auch die Funke-Mediengruppe die Formulierung zurückgenommen. Der Artikel lässt erkennen, dass es mindestens drei Fassungen gab. Dort heißt es in der Überschrift sachlicher als zuvor:

CDU-Chefin AKK: „Wir haben im Moment eine Schwächephase“

Die Webseite ist anders betitelt. Im Reiter des Browsers steht noch der Text:

AKK kritisiert Maaßen – Seine Haltung passe nicht mehr zur CDU

Nur in der URL ist die alte Fassung noch zu finden, demnach hieß es dort:

AKK droht Hans-Georg Maaßen mit CDU-Parteiausschluss

https://www.morgenpost.de/politik/article226803329/AKK-droht-Hans-Georg-Maassen-mit-CDU-Parteiausschluss.html

Von Drohung ist aber inzwischen keine Rede mehr.

Auch im Hamburger Abendblatt, das ebenfalls zur Funke-Mediengruppe gehört, ist die ursprüngliche Überschrift korrigiert worden, auch hier ist die URL aber noch dieselbe und verrät den ursprünglichen Titel des Artikels. Außerdem verweist die Artikelnummer darauf, dass es sich um den identischen Inhalt handeln dürfte.

Wie Bastian Brauns feststellt, seien alle Überschriften intransparent ausgetauscht worden.

Eine Kleinigkeit, könnte man meinen. Aber das Thema hat die politische Berichterstattung des Tages bestimmt – vor allem durch diesen Dreh, den auch die dpa genutzt und damit entscheidend zur Weiterverbreitung in anderen Medien beigetragen hat. Sie schrieb:

CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer bringt im Fall des umstrittenen Ex-Verfassungsschutzchefs und CDU-Mitglieds Hans-Georg Maaßen ein Parteiausschlussverfahren ins Spiel. «Es gibt aus gutem Grund hohe Hürden, jemanden aus einer Partei auszuschließen. Aber ich sehe bei Herrn Maaßen keine Haltung, die ihn mit der CDU noch wirklich verbindet», sagte Kramp-Karrenbauer den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Samstag) auf die Frage, ob sie über einen Parteiausschluss Maaßens nachdenke.

(Ins Spiel gebracht hat sie das Thema auch nicht; sie hat auf eine Frage reagiert.)

Schließlich setzen viele Medien dpa-Meldungen mehr oder weniger unredigiert auf ihre eigenen Seiten – und heizen mit dieser Dutzendfachen Verbreitung dieser einen Interpretation die Debatte weiter an. Auch in Bezug auf einen anderen Tweet von Maaßen hatte sich das wieder gezeigt.

Linnemann redet von Grundschulverbot, ohne von Grundschulverbot zu reden

Ein ähnlicher Mechanismus hat auch bei einem Interview mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Carsten Linnemann gegriffen. Dieses Interview hatte die Rheinische Post geführt. Sie selbst war bei der redaktionellen Auswertung auch nicht gerade zurückhaltend, formulierte sie für die Überschrift der redaktionellen Auswertung (nicht des Interviews selbst) doch einen Satz, den Linnemann im Gespräch selbst gar nicht so gesagt hatte.

Erst später nahm die Redaktion die Anführungszeichen weg, so dass Linnemann nur noch sinngemäß, aber nicht wörtlich zitiert wurde.

Im Text hieß es dann mit Zu-, aber nicht unbedingt Überspitzung:

Der stellvertretende Unionsfraktionsvorsitzende, Carsten Linnemann, hat Konsequenzen für Erstklässler gefordert, die schlechte Deutschkenntnisse haben. „Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen“, sagte der CDU-Politiker unserer Redaktion. „Hier muss eine Vorschulpflicht greifen, notfalls muss seine Einschulung auch zurückgestellt werden. Das kostet Geld, aber fehlende Integration und unzureichende Bildung sind am Ende viel teurer.“

Erneut sorgte aber wieder die dpa für die eigentliche Verbreitung des Interviews – und mit ihrer Überspitzung für die besonders starke Wirkung. Eine dpa-Meldung und ein Tweet waren ursprünglich so betitelt:

CDU-Politiker: Grundschulverbot für Kinder, die kein Deutsch können

Dabei hatte Linnemann den Begriff „Grundschulverbot“ selbst nicht verwendet, wie dpa-Textchef Froben Homburger später in einem Thread einräumte.

Auch diese Äußerungen haben zu einer breiten Debatte geführt, die ohne die Zuspitzung womöglich nicht so gekommen wäre. Hinzu kam: Der Wortlaut des Interviews mit Linnemann war nur zu lesen, wenn man sich bei der RP registriert. Das ist zwar keine finanzielle, aber eine kleine organisatorische Hürde, die nicht jeder nehmen möchte, der kurz durchs Nachrichtengeschehen scrollt. Wenn ein Interview aber hinter einer harten Paywall steckt, kommt der interviewführenden Redaktion eine ganz besondere Verantwortung zu. Wenn nämlich nicht die komplette Öffentlichkeit Zugriff auf das Originalgespräch hat, sondern nur ein Teil, kann sich die Diskussion notwendigerweise nur auf das beziehen, was öffentlich zugänglich ist – und das ist in der Regel die Zusammenfassung der eigenen Redaktion und das, was andere Medien daraus machen.

Der Digitalberater Thomas Knüwer empfiehlt sogar, dass Politiker Interviews nur noch geben sollten, wenn diese nicht hinter einer Paywall landen. Auch so sei es für Leser schon unnötig aufwendig, sich das Originalzitat anzuschauen, wenn Medien nicht auf andere Medien verlinken – zumal, füge ich hinzu, Leser erst mal keinen Hinweis darauf haben, warum die Zusammenfassung falsch sein sollte.

Wir sehen: die neue Normalität der Medienwelt. Ein Interview wird hinter einer Bezahlwand versteckt, eine zugespitzte Meldung soll das Interesse fördern. Doch es ist die Zuspitzung, die sich verbreitet, nicht das Urstück.

Kühnert fordert Verstaatlichung von BMW, ohne Verstaatlichung von BMW zu fordern

Kommt Ihnen das bekannt vor? Kein Wunder, im Mai erging es dem Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert so. Plötzlich wurde überall getitelt, Kühnert fordere eine Verstaatlichung von BMW. Aber auch in diesem Fall hatte der Interviewte den Begriff nicht genutzt. Kühnert sprach stattdessen von einer Kollektivierung – und zwar auch nur auf Nachfrage der Interviewer. Zwischen Verstaatlichung und Kollektivierung besteht aber ein Unterschied. Samira El Ouassil hat hier ausführlich dargestellt, wie das passiert ist – und wie wenig danach. Was hängen blieb: Kühnert fordert Verstaatlichung von BMW.

Das Muster

Man könnte noch weitere Beispiele finden. Nicht immer sind es Medien, die zu solchen Überspitzungen neigen. Es sind auch politische Konkurrenten, die das tun. Diese haben aber ihr eigenes Interesse in der politischen Auseinandersetzung, das ich für legitimer halte als das von Journalisten, die sich der Wahrheit verpflichtet fühlen sollten.

Das Muster bei solchen Überspitzungen ist immer dasselbe. Der Wortlaut des Interviews wird nicht defensiv genug ausgelegt. Die Differenzierung, die von den Interviewten vorgenommen wurde, ihre möglicherweise bewusste Wortwahl wird überdreht. Damit drehen die Journalisten den Interviewten vielleicht ein wenig zu stark im Mund herum.

Wann ist aber eine journalistische Zuspitzung zulässig und wann führt sie zu weit? Selbst unterstellt, dass die Politiker die Tragweite ihrer Äußerungen erst begriffen haben, als die Debatte ausgebrochen war, und versuchten, sie zurückzunehmen – gefallen waren die entscheidenden Begriffe Parteiausschlussverfahren, Grundschulverbot und Verstaatlichung in den jeweiligen Fällen nicht. Sie spielen für die Wirkung für die Debatte aber eine entscheidende Rolle.

Die Rolle der Politiker*innen

Natürlich sind sich Politiker*innen dessen bewusst, was sie sagen. Und bei Interviews für Zeitungen wird in Deutschland in der Regel eine Autorisierung vereinbart, das heißt, sie nehmen den Wortlaut des Gesprächs noch mal ab und verändern ihn ggf., falls sie sich falsch verstanden fühlen oder eine Formulierung im frei gesprochenen Wort nicht ganz saß. Das bedeutet vor allem, dass der Wortlaut in der gedruckten Fassung der Intention der Interviewten entspricht.

Der Politikberater Johannes Hillje beschreibt es in der Saarbrücker Zeitung so:

Es ist richtig, sie hat explizit kein Parteiausschlussverfahren gefordert, sie hat den Begriff aber quasi in einem Atemzug mit der Kritik an Hans-Georg Maaßen genannt. Daher muss sie davon ausgehen, dass auch eine Diskussion darüber geführt wird. Das Zusammenführen unterschiedlicher Themenkomplexe bedeutet ja schon den Start einer Debatte. Das hätte ihr und ihrem Team auffallen müssen bei der Autorisierung des Interviews.

Deswegen findet Hillje auch nicht, dass Journalisten eine besonders große Mitverantwortung dafür haben, dass Kramp-Karrenbauer so missverständlich rübergekommen ist.

Inzwischen können Politiker allerdings sogar damit rechnen, dass sie selbst nicht die Reizwörter aussprechen müssen, die sie möglicherweise meinen. Wenn Kramp-Karrenbauer ein Parteiausschlussverfahren ins Spiel bringen will, kann sie sich auf eine entsprechende Frage auch zurückhaltender (und etwas verschwurbelt) äußern; dennoch besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass ihr unterstellt wird, was sie nicht eindeutig gesagt hat. Anschließend kann sie dann unter Verweis auf den Wortlaut dementieren. Auch Linnemann kann sich so herausreden.

Allerdings bleibt für mich auch fraglich, was sie durch das Herausreden gewonnen haben, denn die Aufregung über ihre Worte ist da – und das Dementi hilft ihnen in der politischen Debatte nicht unbedingt. Wenn sie darauf spekulieren, vom Wähler richtig verstanden zu werden, haben sie das nur dank der Medien tun können. Auch in dem Fall stehen Journalisten in der Verantwortung.

Die Folgen

Natürlich sind gerade private Medien darauf angewiesen, für ihre Produkte Aufmerksamkeit zu bekommen (öffentlich-rechtliche tun das auch). Diese darf aber nicht darauf beruhen, dass Äußerungen sinnentstellend wiedergegeben werden und damit zu inhaltsleeren Debatten führen. Der Öffentlichkeit nutzt es wenig, wenn über etwas diskutiert wird, das niemand gefordert hat – und auch die anschließende relativierende Berichterstattung über die Äußerungen könnte man sich dann sparen.

Pablo Jost, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Publizistik der Universität Mainz, hat schon Ende Juli aus Anlass eines anderen Falls dem Tagesspiegel gesagt:

Die skandalisierte Aufbereitung (vermeintlicher) Normverstöße bringt Aufmerksamkeit und Werbeeinahmen. Allerdings birgt der Fokus auf reißerische und polarisierende Themen die Gefahr, dass auch der gesellschaftliche Diskurs schärfer geführt wird. Auch geraten Themen in den Hintergrund, die weniger spektakulär aufbereitet werden können, aber dennoch von gesellschaftlicher Relevanz sind.

Irrelevante Debatten nutzen aber auch den Medien wenig, die sie ausgelöst haben. In erster Linie kann das dazu führen, dass die Interviewten sich genauer überlegen, unter welchen Bedingungen sie dem Medium noch ein Interview geben, wenn ihre Aussagen überspitzt wiedergegeben werden. In zweiter Linie stärkt es aber auch nicht gerade das Vertrauen der Nutzer in die Redaktionen. Mein Kollege Christoph Sterz hat es in der Medienkolumne in der WDR5-Sendung „Politikum“ so formuliert:

Wenn ich als Mediennutzer ständig Dinge höre oder lese, die wenig später korrigiert werden, dann kann ich doch auf Dauer nur das Vertrauen in die meisten Medien verlieren.

Und damit schaden die Medien in dritter Linie der öffentlichen Debatte.

Was nach solchen Fällen aber auch zwangsläufig folgt: eine Debatte darüber, ob die Politiker das wirklich so gesagt haben und die Kritik an Redaktionen, die für die Überspitzung gesorgt haben. Auch diese Zeit für unnötige Diskussionen und Meta-Debatten könnten wir uns sparen.

Gute Zusammenarbeit: Wie Medien Maaßens Framing vom „Rückzug aus dem Wahlkampf“ übernehmen

Welchen Einfluss bestimmte Personen auf die öffentliche Debatte haben, hängt auch davon ab, wie Medien mit ihnen umgehen. Ein gutes Beispiel dafür ist in diesen Wochen der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen. Was immer er sagt oder twittert, wo er auftritt oder wo er angesprochen wird – Medien machen was draus.

Das ist an sich schon problematisch, hat Maaßen doch keinerlei Amt mehr inne, ist kein Mitglied irgendeines Parlaments, hat innerhalb der CDU keine bestimmte Aufgabe. Dafür sorgt er mit krawalligen Statements für Aufmerksamkeit, von denen Medien profitieren wollen. Politisch relevant ist das selten.

Ein schlechtes Beispiel dafür haben Maaßen und Medien gestern gegeben. Maaßen hatte getwittert, er ziehe sich aus dem Wahlkampf in Sachsen zurück.

Nach Recherchen der Deutschen Presse-Agentur waren aber gar keine Wahlkampfauftritte Maaßens in Sachen geplant – wovon könnte sich Maaßen also zurückziehen? Dennoch hatte die Agentur diesen Dreh übernommen. Sie schrieb:

Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen zieht sich aus dem Landtagswahlkampf der sächsischen CDU zurück. Er schrieb am Sonntagabend auf Twitter (…).

Dem Vernehmen nach waren in Sachsen jedoch sowieso keine Auftritte mit Maaßen mehr vereinbart.

In der Meldung wird also richtigerweise dementiert, was in der Überschrift noch behauptet wurde. Inhaltlich ergibt das aber keinerlei Sinn – man kann sich nicht von etwas zurückziehen, von dem man ohnehin kein Teil (mehr) war. Mit derselben Logik könnte ich mich aus dem sächsischen Wahlkampf zurückziehen.

Unter anderem die Süddeutsche Zeitung hat gestern in diesem Artikel diesen Dreh übernommen. Mittlerweile hat die Redaktion die Überschrift geändert und den Artikel überarbeitet und durch weitere Informationen ergänzt. Die alte Fassung lässt sich aber noch in der Artikelvorschau bei Twitter sehen.

Wie so oft hat die Redaktion den dpa-Wortlaut inklusive Überschrift größtenteils übernommen. Die Süddeutsche hatte ihrer Meldung aber einen weiteren Absatz hinzugefügt, der nicht von der dpa stammte, es gab also eine redaktionelle Befassung.

Gleichlautend hatte am Abend auch ZEIT online berichtet. Die Artikelvorschau bei Twitter von gestern zeigt diesen Dreh noch:

Auch sie hat den Artikel inzwischen überarbeitet und ihm auch eine neue Überschrift gegeben.

Auch der Tagesspiegel hatte den Artikel von der dpa so übernommen. Er steht (Stand: 26.8.19, 10.45 Uhr) immer noch so online.

Spiegel online hat die Meldung nicht eins zu eins übernommen, sondern sie für einen längeren Artikel mit mehr Kontext verwendet. Aber auch hier hat es Maaßens Spin in die Überschrift geschafft.

Allein die „Welt“ hat noch eine Quelle aufgetan, derzufolge durchaus weitere Auftritte Maaßens in Sachsen hätten geplant sein können. Sie schreibt unter ausdrücklicher Berufung:

Laut Nachrichtenagentur dpa waren in Sachsen keine Auftritte mit Maaßen mehr vereinbart. Der Sprecher der Werteunion, Ralf Höcker, erklärte, es habe „kurzfristige Anfragen“ gegeben. Maaßen werde auch keine Stellungnahmen mehr zum Wahlkampf in Sachsen abgeben. Der Rückzug sei ein echter Rückzug.

Folgerichtig hat sie Maaßens Spin (in der aktuellen Online-Fassung, 26.8.19., 10.50 Uhr) auch nicht in Überschrift und Teaser gepackt.

Erneut hat es Maaßen damit mit Unterstützung von Medien geschafft, seine Botschaft zu transportieren. Mag schon die Werte-Union, die sich für den konservativen Flügel der CDU hält, die aber keine offizielle Gliederung der CDU ist und der Maaßen angehört, in der öffentlichen Darstellung überrepräsentiert sein, so ist es auch Maaßen.

Wie schon bei Trump scheint mittlerweile jedem Tweet eine umfangreiche Berichterstattung zu folgen. Mal davon abgesehen, dass die Relevanz zweifelhaft ist, sollten Redaktionen sich zumindest Maaßens Framing verweigern.