Was aus Hasskampagnen entstehen kann

Ich hab mich hier immer wieder mit Hass und Hetze beschäftigt. Wer mal eine andere Herangehensweise als eine journalistische haben will, kann sich das Hörspiel „Die Kommentare sind frei“ von James Fritz anhören, das der WDR inszeniert hat. Darum geht’s laut Klappentext:

Alistair Cooper ist Kolumnist und politischer Kommentator. Mit seinen aufpeitschenden Statements dominiert er hochkochende gesellschaftliche Debatten. Zunehmend gerät die Spirale der Emotionen in den sozialen Netzwerken außer Kontrolle. Cooper erntet Hass, vielstimmigen Hass. Bis alles eskaliert und die öffentliche Meinung kippt.

Das Hörspiel setzt Dynamiken medialer Ereiferung in Szene, schreibt der Sender dazu, und stellt die Frage nach unserer Verantwortung für das, was aus Kommentarfeldern erwachsen kann.

Das Hörspiel kann man hier nachhören und downloaden.

Nachrichten aus der Zukunft (2): „Die Augenzeugen übernehmen die Nachrichten“

Und dann bin ich auch noch auf eine Kulturpresseschau gestoßen, die ich im Jahr 2008 für hr2-kultur zusammengestellt habe. Als der Moderator eins meiner Themen anmoderiert, zögert er plötzlich einen Moment, weil er nicht weiß, wie er das wohl richtig aussprechen soll: „Twittern“.

So weit weg war Twitter damals und hatte sich noch längst nicht etabliert. Deswegen musste ich erst mal erklären, was „to tweet“ überhaupt heißt (an das Zeichentrickvögelchen Tweety erinnerte sich damals offenbar schon keiner mehr). „Twitter, das sind heute kleine Einträge in Weblogs, also in diesen Internet-Tagebüchern“, versuchte ich dem hr2-Hörer „dieses Internet“ nahezubringen.

Damals gab es noch keine Smartphones oder sie hatten sich jedenfalls noch nicht auf breiter Ebene durchgesetzt, man konnte Tweets noch per SMS absetzen, was sich besonders im Fall der Terroranschläge von Bombay gezeigt hat, von denen unzählige Nutzer getwittert haben. Das war auch der Anlass für den Bericht in der Süddeutschen Zeitung. Sie zitierte einen Journalisten vom „Guardian“ mit den Worten: „Die Augenzeugen übernehmen die Nachrichten“.

Allerdings glaubte SZ-Autor Niklas Hofmann nicht so wirklich daran, wie er schrieb, denn die Twitter-Nutzer berichteten ohnehin nur über das, worüber auch Journalisten berichteten – wie eben in Bombay. Das seien nur die Dinge, die in dicht besiedelten Regionen passierten, mit Internetanschluss. An den Orten jedoch, an denen die Welt wirklich ihre schwarzen Löcher besitze, da sehe es ganz anders aus – also aus den Kampfgebieten des Kongo, aus Darfur, Nordkorea oder Birma würden wohl auch in Zukunft selten Twitteralarme erklingen.

Nachrichten aus der Vergangenheit: Bayerns Ministerpräsident von 1919 schickt Whatsapp-Nachrichten

Um mit den Toten zu reden, braucht man ein Medium: Ein Projekt des Bayerischen Rundfunks lässt die Nutzer über WhatsApp mit dem 1919 ermordeten ersten Ministerpräsidenten Bayerns, Kurt Eisner, kommunizieren. „Wir wollen den Menschen erfahrbar machen“, hat mir Projektleiter Matthias Leitner in @mediasres im Deutschlandfunk gesagt.

Wie sich Hanns-Joachim Friedrichs mal mit einer Sache gemein machte

Dass der legendäre Tagesthemen-Moderator Hanns-Joachim Friedrichs seine Kollegen dazu aufgerufen hat, sich nicht mit einer Sache gemein zu machen, wird gerade von Zuschauern regelmäßig falsch zitiert. Klar, er hat gesagt:

Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten…

Das hat er aber nicht als Ideal eines guten und unabhängigen Journalisten gemeint, sondern es war konkret auf seine Haltung bezogen, wenn er im Fernsehen moderiert. Wenn man das Zitat im Kontext des gesamten Spiegel-Interviews liest, aus dem es stammt, versteht das.

SPIEGEL: Hat es Sie gestört, daß man als Nachrichtenmoderator ständig den Tod präsentieren muß?

Friedrichs: Nee, das hat mich nie gestört. Solche Skrupel sind mir fremd. Also, wer das nicht will, wer die Seele der Welt nicht zeigen will, in welcher Form auch immer, der wird als Journalist zeitlebens seine Schwierigkeiten haben. Aber ich hab es gemacht, und ich hab es fast ohne Bewegung gemacht, weil du das anders nämlich gar nicht machen kannst. Das hab ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein. Nur so schaffst du es, daß die Zuschauer dir vertrauen, dich zu einem Familienmitglied machen, dich jeden Abend einschalten und dir zuhören.

Die Geschichte des Missverständnisses erzählt zum Beispiel Sandro Schroeder hier.

Ich komme auf das Friedrichs-Zitat zum einen, weil ich mich im Rahmen eines Seminars mit dem Thema Haltung von Journalisten beschäftigt habe, zum anderen, weil mich Anja Reschke mit ihrem neuen Buch „Haltung zeigen“ auf einen Song von Udo Jürgens aus dem Jahr 1988 gestoßen hat. Darin kritisiert Jürgens die Sexualmoral der katholischen Kirche, die dazu geführt habe, dass die Welt immer stärker bevölkert wird. Das Intro des Songs spricht ausgerechnet: Hanns-Joachim Friedrichs. Der sich die Kritik damit zu Eigen macht. Von wegen „nicht gemein machen“.

Politiker-Zitate im Netz: Ohne Einordnung geht es nicht

Das knackige Politikerzitat ist eine beliebte Form in sozialen Netzwerken. Dabei sind Journalisten nicht dafür da, deren Äußerungen einfach nur weiterzureichen, findet Stefan Fries. Ohne Einordnung und Differenzierung gehe es nicht. Mein Kommentar für @mediasres im Deutschlandfunk.

Populismus war 2008 durchaus auch links

Für unsere @mediasres-Sondersendung zum Thema Medien und Rechtspopulismus habe ich mir noch mal mein Feature zum Thema Populismus aus dem Jahr 2008 angehört und durchgelesen (PDF hier). Damals war von der AfD noch keine Rede. Aber der Politikwissenschaftler Frank Decker von der Universität Bonn wusste natürlich damals schon, was auch Kollegen seit Jahrzehnten sagen: Die Möglichkeit war damals schon angelegt.

Und hier muss man eigentlich nühtern konstatieren, dass es in der Bundesrepublik genauso wie in fast allen westlichen Demokratien ein Potential gibt, das Potential einer Wählerschaft, die von den etablierten Parteien nicht mehr erreicht werden kann, weil sie sich eben, wenn man so will, im herrschenden Modernisierungsdiskurs nicht mehr wiederfindet. Man bezeichnet diese Wähler in der Wissenschaft gerne als die Modernisierungsverlierer.

Ob die Erklärung über die Modernisierungsverlierer wirklich trägt, ist heute zwar umstritten. Und dass es damals keine Nachfrage gab, lag wohl auch daran, dass es kein richtiges Angebot gab:

Also es gibt vielleicht auch in der Bundesrepublik einen Nährboden, es gibt eine Befindlichkeit in der Bevölkerung, die es auch rechtspopulistischen Parteien ermöglichen sollte, Erfolge zu erzielen, aber es gibt kein Angebot, kein passendes Angebot, es gibt keine Figur, die in der Lage wäre, auf dieser Klaviatur zu spielen.

Das Angebot kam dann in Form der AfD, zunächst mit mäßig erfolgreichen Führungsfiguren wie Bernd Lucke und Frauke Petry, die aber schon bald von Leuten wie Alexander Gauland, Alice Weidel und Björn Höcke abgelöst wurden.

Wie wenig präsent der Rechtspopulismus im Jahr 2008 war, habe ich vor allem gemerkt, als ich auf der Suche nach populistischen Äußerungen von Politikern war. Gefunden habe ich damals vor allem Oskar Lafontaine, den Partei- und Bundestagsfraktionschef der Linken. Wenngleich es populistische Äußerungen damals wie heute auch von Politikern anderer Parteien gab und gibt – damals waren es Jürgen Rüttgers (CDU) und Christine Haderthauer (CSU), die mir als Beispiel dienten. Aber auch Roland Koch (CDU) hatte sich entsprechend geäußert, und natürlich Ronald Schill, der Kopf der Hamburger „Partei Rechtsstaatlicher Offensive“ (kurz Schill-Partei).

Populismus ist als politische Taktik also nicht auf eine bestimmte Richtung festgelegt, kann aber durch die Häufung ihrer Merkmale und ihre Verdichtung auf ein politisches Programm durchaus zur Bildung einer Partei führen.

Haltung zeigen

Ich hab hier im Blog immer wieder über das Thema Haltung im Journalismus geschrieben. Darüber wird in der Branche gerade mehr oder weniger intensiv diskutiert: Ist man als Journalist nur ein möglichst neutraler oder zumindest objektiver Beobachter und dann auch Berichterstatter des Geschehens, der mehr oder weniger nur weiterreicht, was passiert ist? Oder muss er Verantwortung übernehmen für das, was seine Arbeit bewirkt?

Die NDR-Redakteurin Anja Reschke hat dazu eine klare Meinung. Spätestens seit sie 2015 sich in ihrem weltweit beachteten Tagesthemen-Kommentar gegen Hass und Hetze ausgesprochen hat – und genau die dafür geerntet hat – belebt sie mit ihren Äußerungen auch öffentlich die Debatte.

Was ihr dabei wichtig ist, hat sie in einem schmalen Bändchen aufgeschrieben, das vorige Woche veröffentlicht wurde – mit dem Titel: „Haltung zeigen“. Darin fasst Reschke nicht nur ihr eigene Meinung zusammen, sondern greift auch viele Punkte auf, um die es in der Debatte geht. Wer eine klare Meinung zum Thema Haltung lesen will, kann sie hier bekommen – und sich im Zweifel daran abarbeiten.

An mehreren Stellen zitiert Reschke übrigens auch Mails, die sie von Zuschauern bekommen hat, und die – wenn es nicht nur um Beleidigungen und Bedrohungen geht – durchaus interessant zu lesen sind. So zitiert sie einen Zuschauer, der den Zuzug von Flüchtlingen vehement ablehnt, damit, dass er durchaus wisse, was Flüchtlingselend sei – aus Erzählungen seiner Familie. Bloß ziehe er völlig andere Schlussfolgerungen daraus als die, in Deutschland Flüchtlinge aufzunehmen.

Medien und Rechtspopulismus: Wie soll man berichten?

Rechtspopulisten sind gegen Journalisten, brauchen sie aber auch, um Öffentlichkeit zu bekommen. Das bringt Medien in ein Dilemma: Lassen sie sich von Populisten für deren Agenda benutzen? Wie können sie es vermeiden? Brigitte Baetz und ich haben für @mediasres im Deutschlandfunk eine Sendung gemacht über die Probleme, die das Berichten über Rechtspopulismus mit sich bringt.

Nachrichten aus der Zukunft (1): „Bundeskanzler Kretschmann kommt aus dem Trudeln nicht mehr heraus“

Viel zu selten werden Vorhersagen für die Zukunft überprüft – vor allem dann, wenn der vorausgesagte Termin erreicht wurde. Heute stoße ich zufällig auf so eine, aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 5. April 2011. Zwei Tage zuvor war Guido Westerwelle als … und … zurückgetreten, und die FAZ beginnt ihr Märchen aus der Zukunft mit diesen Worten:

Wir schreiben das Jahr 2015. Die grün-schwarz-gelbe Regierung unter Bundeskanzler Kretschmann kommt aus dem Trudeln nicht mehr heraus. Der bayerische Ministerpräsident Guttenberg hat einen Stromausfall auf seinem fränkischen Schloss genutzt, um den sofortigen Wiedereinstieg in die Atomenergienutzung zu fordern. Bundestagspräsidentin Claudia Roth befindet sich im Redestreik, weil der Papst auch bei seinem vierten Berlin-Besuch keine Christopherusplaketten an die Prunkwagenfahrer vom Christopher Street Day ausgeben will.

Damals fanden sie das wahrscheinlich absurd lustig. Dabei ist einiges tatsächlich fast wahr geworden. Nur zwei Jahre später, 2017, wurde über eine grün-schwarz-gelbe Regierung verhandelt – wenn auch ohne Kretschmann. Von Guttenbergs plagiierter Doktorarbeit war noch keine Rede. Und Claudia Roth ist tatsächlich inzwischen Bundestagspräsidentin, wenn auch nur Vize.

Hätte der FAZ-Autor damals so richtig übertreiben wollen, hätte er offenbar noch eins drauflegen müssen.

Journalismus geht nicht ohne Haltung

Wir müssen mal über Haltung im Journalismus reden. Denn was ich dazu in den letzten Wochen an Äußerungen gelesen habe, hat mich ehrlich gesagt verwundert. Viele Kollegen lehnen einen sogenannten „Haltungsjournalismus“ ab. Dabei geht Journalismus ohne Haltung gar nicht.

Journalisten orientieren sich normalerweise an einem Kriterienkatalog (Nachrichtenwert), der Empfehlungen gibt, was meldenswert ist und was nicht. Im Einzelfall liefert dieser aber nur Anhaltspunkte, und es gibt für viele Themen genauso gute Argumente dafür wie dagegen. Es gibt keine einheitliche Definition dieses Katalogs, aber dazu zählen kann man zum Beispiel den Neuigkeitswert einer Nachricht, ihre Relevanz für die Zielgruppe, die räumliche oder emotionale Nähe und Betroffenheit. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Welches Ereignis also zur Nachricht wird und wie, beruht auf Entscheidungen des Journalisten. Er wählt das Ereignis an sich aus. Er wählt aus, welche Aspekte er für wichtig hält. Er wählt aus, welche Äußerungen dazu es in Beitrag oder Artikel schaffen. Er wählt aus, wie er gewichtet. Dafür muss er urteilen, werten – und zwar auch auf Grundlage einer Haltung.

Wenn zum Beispiel ein AfD-Politiker die Verbrechen des Holocaust relativiert, dann berichten wir darüber. Warum? Strafbar ist ja nicht jede Äußerung dieser Art. Trotzdem thematisieren wir sie, nicht nur weil sie Nachrichtenwert hat, sondern weil wir nach moralischen Kategorien bewerten, dass jemand in der öffentlichen Debatte eine Grenze überschritten hat, dass durch solche Äußerungen der demokratische Diskurs beschädigt wird – und damit vielleicht dauerhaft sogar die Demokratie.

Wir legen in so einem Fall also fest, wo diese vage Grenze liegt; das tun wir aus einer Haltung heraus. Ebenfalls eine Haltung ist, dass Menschenrechte nicht relativiert werden dürfen. Dass nicht alles, was erlaubt ist, auch legitim ist (zum Beispiel Steuervermeidung oder wie sich ein Politiker im Amt verhalten sollte). Wir wählen Ereignisse, die wir zu Nachrichten machen, eben auch aus einer Haltung heraus aus.

Haltung ist keine parteipolitische Haltung

Dabei geht es ausdrücklich nicht um eine parteipolitische Haltung. Es geht darum, dass man sich als Journalist grundlegenden Werten verpflichtet fühlt: etwa den Menschenrechten, der Demokratie im Allgemeinen oder einem Wert wie Pressefreiheit im Besonderen, die Grundlage unserer Arbeit ist.

Die taz verpflichtet sich zum Beispiel in ihrem Redaktionsstatut dem Engagement für eine kritische Öffentlichkeit, dem Eintreten für Menschenrechte und gegen Diskriminierung. ZEIT und ZEIT online haben gerade erst ihre Leitlinien veröffentlicht, die sie sich intern gegeben haben. Darin heißt es unter anderem:

Wir kritisieren unerschrocken, aber scheuen uns auch nicht, für jemanden oder für etwas zu sein. Unser Journalismus hat keine festgelegte Linie, aber einen Standort. Er ist liberal, ideologiekritisch, weltoffen, unverrückbar demokratisch und sozial. Eine nachhaltige und friedliche Entwicklung der Welt ist uns wichtig

Solche Werte sind es, die die Haltung eines Journalisten ausdrücken können. Denn Journalisten sind heute (zumindest außerhalb des schnellen Nachrichtengeschäfts) weniger als früher dazu da, Ereignisse und Meinungsäußerungen einfach nur kontextlos weiterzureichen; sie müssen sie erklären und einordnen. Denn fürs reine Weiterleiten brauchen Politiker heute keine Journalisten mehr, dafür haben sie das Netz.

Im Fall von Donald Trump hat sich das reine Weiterleiten bereits als problematisch erwiesen, findet der US-Journalismusforscher Jay Rosen. Und er sagt auch, dass, wer über Rechtspopulismus einfach nur berichte, Teil von ihm werde. Gerade Journalisten in Deutschland sähen sich wegen des Nationalsozialismus besonders verpflichtet, gegen entsprechende Entwicklungen einzutreten. Auch das ist Haltung.

Was nutzt ein Journalismus, der nicht für genau die Werte eintritt, die ihn garantieren? Ein Journalismus ohne Haltung schafft sich selbst ab.