Wenn Journalisten nichts mit Umfragen anfangen können, aber selbst welche in Auftrag geben und veröffentlichen

Darüber hat Stefan Niggemeier bei Übermedien geschrieben – mit dem schönen Titel: „Umfrage unter „Bild“-TV-Teilnehmern belegt: Keiner versteht was von Umfragen“. Was nicht mal ein Einzelfall ist, auch wenn sie ihre Unkenntnis normalerweise nicht so offen zur Schau stellen. Dummerweise gibt die Bild auch selbst Umfragen in Auftrag – mit eben jenem Umfragedesign, das hier von Bild-TV-Teilnehmern beklagt wird.

Dokumentationen rücken Katar in den Blick

Vor allem ARD und ZDF haben in den letzten Wochen neue Dokumentationen zur Lage der Menschenrechte in Katar gezeigt. Schon seit der WM-Vergabe 2010 recherchieren die Sender investigativ. Sie sollten in den nächsten Jahren dran bleiben, wenn die Scheinwerfer sich anderen Schauplätzen zuwenden, habe ich für das WDR5-Meinungsmagazin „Politikum“ kommentiert.

Die Widersprüche des Elon Musk: Seine Twitter-Übernahme kann gefährlich sein

Mit der Twitter-Übernahme von Elon Musk steht ein weiteres soziales Netzwerk unter der Kontrolle eines Milliardärs mit problematischen Ansichtne. Wie er Twitter künftig führt, ist entscheidend für unser friedliches Zusammenleben, habe ich im Deutschlandfunk kommentiert.

Skandale im öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Warum die journalistische Aufarbeitung so schwierig ist

Seit Juni beschäftigen uns Skandale im öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Erst beim rbb in Berlin, wo gegen die mittlerweile entlassene Intendantin Patricia Schlesinger ermittelt wird. Dann auch beim NDR in Schleswig-Holstein und in Hamburg. Einige Aspekte dieser Fälle sind bereits untersucht worden, die Ergebnisse und die Berichterstattung dazu werfen aber Fragen auf. Welche, habe ich in den „Informationen am Morgen“ im Deutschlandfunk erzählt.

Medienstaatsvertrag auf den Weg gebracht

Die Ministerpräsident:innen haben den Medienstaatsvertrag unterschrieben, der den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks neu regelt. Was drin steht, wie die Aufsicht neu geregelt wird und ob der RBB-Skandal eine Rolle gespielt hat, habe ich im WDR5-Medienmagazin „Töne, Texte, Bilder“ berichtet.

Aufnahme von Afghanen: Reporter ohne Grenzen kritisiert Programm der Regierung

Die Bundesregierung hat zwei Programme aufgelegt, um unter anderem gefährdeten Journalisten zu helfen. Eins dient dazu, monatlich tausend Menschen aus Afghanistan aufzunehmen (nicht: herauszuholen), das andere dazu, gefährdeten Journalisten in und aus Afghanistan, der Ukraine, Russland und Belarus zu helfen.

Wie die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ das sieht, habe ich für @mediasres im Deutschlandfunk mit ihrem Geschäftsführer Christian Mihr besprochen.

Wie Richard David Precht und Harald Welzer sich Meinungen machen

Zu ihren Thesen und wie die Autoren sie in der Öffentlichkeit vertreten, ist an anderer Stelle schon einiges geschrieben worden. Ich verweise exemplarisch auf Andrej Reisin und Nils Minkmar bei Übermedien und Harald Staun in der FAZ.

Ich möchte in diesem kurzen Artikel einen Blick darauf werfen, wie Richard David Precht und Harald Welzer in ihrem Buch „Die vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist.“ mit Umfragen umgehen – einfach nur anhand ihres ersten Kapitels.

Um zu zeigen, dass die Mehrheitsmeinung von den von ihnen sogenannten Leitmedien „gemacht wird“, brauchen sie natürlich einen Referenzpunkt: Was ist denn die eigentliche Mehrheitsmeinung – also die nicht gemachte, die der Bürger? Die Antwort sehen sie in Umfragen. Das ist naheliegend und durchaus denkbar, allerdings müssen sie die Umfragen auch einer Quellenkritik unterziehen, also daraufhin überprüfen, ob durch sie wirklich in Erfahrung gebracht werden kann, was Auftraggeber und Umfrageunternehmen behaupten.

Unkritischer Umgang mit Umfragen

Dabei fällt schon in der Einleitung auf, dass Precht und Welzer relativ unkritisch mit den Umfragen umgehen. Das zeigt sich schon daran, wie wenig sie Auftraggeber und durchführendes Unternehmen unterscheiden können. So schreiben sie etwa auf Seite 8:

Von über 4000 im Jahr 2022 von RTL / ntv repräsentativ befragten Bürgerinnen und Bürgern gaben nur noch 46 Prozent an, sie hätten »Vertrauen in die Presse«.

Dabei haben natürlich nicht RTL und n-tv die Bürgerinnen und Bürger befragt, sondern vermutlich ein Umfrageunternehmen. Folgt man der angefügten Fußnote, so führt ein Link auf das Statistikportal Statista, das die Umfragedaten vorhält. (Das wäre im Übrigen so, als würde man auf einen Wikipedia-Artikel verlinken statt auf die dort aufgeführten Originalquellen.) Als Quelle gibt Statista „RTL (RTL/n-tv-Trendbarometer)“ an, das Umfrageunternehmen ist dort nicht erwähnt.

(Screenshot: statista.de)

Erst wenn man sich mit einem bezahlten Account von statista.de einloggt, bekommt man weitere Angaben zur Quelle, auch dazu, wer die Umfrage durchgeführt hat, nämlich Forsa.

(Screenshot: statista.de)

Dort hätte man mit einem Klick („Herkunftsverweis“) auch die ursprüngliche Quelle finden können, nämlich eine Pressemitteilung von RTL Deutschland. Eine Recherche, die für das Buch offenbar nicht gemacht wurde.

Allerdings finden wir weder bei Statista noch im Presseportal Angaben dazu, wie die Daten zustandegekommen sind. Denn bei jeder Umfrage sind Fragestellung und Antwortmöglichkeiten entscheidend. (Deshalb verlangt der Pressekodex in Richtlinie 2.1, an den RTL freilich nicht gebunden ist, immerhin die Angabe der Fragestellung.) Statista schreibt dort selbst:

Die Quelle macht keine genauen Angaben zur Fragestellung. Die hier gewählte Formulierung kann daher gegenüber der Befragung leicht abweichen.

Nur wenige Sätze später wird dieser angeblich von RTL/n-tv durchgeführten Umfrage eine weitere gegenübergestellt, die von Forsa durchgeführt worden sei. Womit also verschleiert wird, dass es nacheinander um gleich um zwei Forsa-Umfragen geht. Hier konnten die Autoren offenbar im angeführten Link auf das christliche Medienmagazin „Pro“ leichter erkennen, dass Forsa das Umfrageunternehmen ist, die TU Dortmund wiederum der Auftraggeber.

Vage Zahl dient als Beleg, dabei ginge es klarer

Aus der anschließend erwähnten Umfrage von infratest-dimap über die Glaubwürdigkeit der Medien von 2015 (die wiederum nur unzureichend verlinkt ist, hier der zielführende Link), zitieren die Autoren nur die am wenigsten aussagekräftige Zahl:

Schon 2015 verzeichnete eine Umfrage von Infratest / Dimap im Auftrag des WDR 42 Prozent Befragte, die deutsche Medien für »nicht glaubwürdig« halten.

Nur in der am Ende des Buches (rund 260 Seiten später) stehenden Fußnote räumen sie ein, dass

die Einzelwerte für Radio, Fernsehen und Print
deutlich positiver ausfallen und die 42 Prozent auch
deshalb zustande kommen, weil die Privatsender, das
Internet und die Boulevardpresse mit abgefragt wurden.

Das ist aber keine Petitesse, weil hier nicht sortenrein Kategorien abgefragt wurden, wie auch eine Grafik von infratest-dimap zeigt:

(Quelle: infratest-dimap.de)

Während öffentlich-rechtliches Radio und Fernsehen Mediengattungen sind, ist das Internet ein technischer Verbreitungsweg. Nach dem Online-Angebot redaktioneller Medien wurde hier ja nicht gefragt. Boulevardpresse wiederum gibt es auch im Bereich der Tageszeitungen.

Lässt man also die beiden irreführenden bzw. uneindeutigen Kategorien weg, liegen alle Werte deutlich höher als 42 Prozent. Eine Quellenkritik, die die Autoren unterlassen haben.

Solche Zahlen sind alarmierend.

Schreiben die beiden nach der Auflistung dieser und weitere Umfragedaten. Aber nur für denjenigen, der sich alarmieren lässt. Und der die Zahlen als Fakt hinnimmt, anstatt sie aufgrund der Unzuverlässigkeit von Umfragen im Allgemeinen selbst zu hinterfragen.

Vielleicht ist es möglich, mit den zitierten Umfragen die Thesen der beiden belegen, aber die Art und Weise, wie sie das hier tun und wie stark sie einer zweifelhaften Quellengattung vertrauen, wirft Fragen auf.

Verlage gegen Sender: Der lange Streit um die Presseähnlichkeit

Zeitungen liefern Texte, Radiosender gesprochenes Wort und Fernsehsender bewegte Bilder. So war es in der Zeit vor dem Internet. Dort aber bieten heute alle Medienanbieter alle Gattungen an – zum Beispiel Zeitungen auch Podcasts und Sender auch Texte.

Dass auch Öffentlich-Rechtliche das machen, stört die Verlage schon lange, weil sie darin eine illegitime Konkurrenz sehen. Sie sprechen von „Presseähnlichkeit“. Denn im Netz sind Texte der Öffentlich-Rechtlichen nur einen Klick von Texten der Verlage entfernt. Während die einen durch den Rundfunkbeitrag schon finanziert und frei im Netz sind, müssen die anderen verkauft werden.

Drei Beschwerden stehen gerade im Raum. Die der „Magdeburger Volksstimme“ gegen den MDR und die des „Weser-Kuriers“ gegen Radio Bremen werden am 14. Oktober von einer Schlichtungsstelle behandelt. Zu einer Klage von 16 Medienhäusern im SÜdwesten gegen die SWR-App „Newszone“ fällt am 17. Oktober am Landgericht Stuttgart ein Urteil.

Was hinter Begriffen wie Presseähnlichkeit, Drei-Stufen-Test und Schlichtungsstelle steckt, habe ich für @mediasres im Deutschlandfunk erklärt. Meine Kollegin Anh Tran hat mit dem Chefredakteur der „Magdeburger Volksstimme“, Alois Kösters, über seine Beschwerde gesprochen.