Zielgenauere Umfrage macht Kramp-Karrenbauer zur Favoritin (zumindest vorübergehend)

Seit Angela Merkel ihren Rückzug als CDU-Chefin angekündigt hat und drei prominenten Kandidaten für ihre Nachfolge  bereitstehen, hat es mehrere Umfragen gegeben, wen „die Bürger“ als Nachfolger bevorzugen. Am Anfang war es oft Friedrich Merz, wahrscheinlich, weil ihn noch niemand kannte – im Gegensatz zu Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn. Einige Umfragen widersprachen sich auch. Seitdem haben sich die Mehrheiten – wie erwartet – auch wieder verändert, was die ursprünglichen Umfragen etwas sinnlos erscheinen lässt.

Wer den Posten wirklich bekommt, konnte man aus den Daten ohnehin nicht schließen. Denn die Entscheidung treffen nicht die deutschen Wähler, nicht mal die CDU-Mitglieder, sondern lediglich 1.001 CDU-Delegierte beim Parteitag. Welche Präferenz soll man also aus solcherlei Umfragedaten ablesen können?

Für den ARD-Deutschlandtrend hat der WDR jetzt Infratest Dimap zum ersten Mal nicht „die Bürger“ befragen lassen, sondern nur CDU-Anhänger. Mal davon abgesehen, dass das eine Selbstbezeichnung der Befragten ist, die sich nicht überprüfen lässt* (es wurden nicht mal CDU-Wähler befragt, sondern lediglich Anhänger), kommt das der möglichen Stimmung innerhalb der Partei aber sicherlich schon näher. Und siehe da: Der angebliche Vorsprung von Merz ist gleich dahin.

Den Zahlen zufolge sind 46 Prozent für Kramp-Karrenbauer, 31 für Merz und 12 Prozent für Spahn. Die Frage ist nur, wieviele Leute dabei befragt wurden. Dem Umfragedesign zufolge wurden 1.006 Leute befragt. Wie viele davon ihre Parteipräferenz für die CDU ausgedrückt haben, ist unklar. Wenn es etwa die 26 Prozent sind, die sich bei der Sonntagsfrage zur Union (also auch zur CSU) bekannt haben, waren es höchstens rund 260 Befragte. Also auch das höchstens ein Stimmungbild ohne Anspruch auf Wahrhaftigkeit.

 

* Das ist natürlich ein gängiges Problem bei der Meinungsforschung.

 

Offenlegung: Ich arbeite als freier Mitarbeiter für den WDR.

Warum Journalisten nicht vom „Gute-Kita-Gesetz“ sprechen sollten (Spoiler: Weil sie damit der Ministerin einen Gefallen tun)

Eigentlich heißt es „Gesetz zur Weiterentwicklung der Qualität und zur Teilhabe in der Kindertagesbetreuung“. Dass so ein Begriff den gesetzgeberischen und administrativen Notwendigkeiten entspricht, ist das eine. Gut verkaufen lässt er sich in der Öffentlichkeit aber nicht. Das zuständige Bundesfamilienministerium hat daraus deshalb in seiner öffentlichen Kommunikation das „Gute-Kita-Gesetz“ gemacht.

Das klingt prägnant und einleuchtend und wird deshalb von Journalisten gerne verwendet.

Dabei liegt die Vermutung nahe, dass Familienministerin Franziska Giffey es ganz gerne sieht, wenn das Gesetz unabhängig von der Beurteilung seines Inhalts schon mal ein positives Framing bekommt. Besonders gut funktioniert das, wenn man den Begriff nur hört – dann ist nämlich unklar, ob sich das „Gute“ auf die Kitas bezieht oder auf das Gesetz, etwa in einem Satz wie diesem:

Die Bundesregierung hat das Gute-Kita-Gesetz beschlossen.

Der ließe sich auch verstehen als:

Die Bundesregierung hat das gute Kita-Gesetz beschlossen.

Nach der Framing-Theorie nutzt es auch wenig, den Kurznamen des Gesetzes in Anführungszeichen zu setzen oder – gesprochen – mit einem „sogenanntes Gute-Kita-Gesetz“ zu verstehen. Denn der Begriff bleibt trotzdem hängen, die Distanzierung bzw. Relativierung bewirkt wenig.

Normalerweise räumen Politiker nicht ein, dass sie solche Begriffe bewusst setzen. Giffey schon. Das Magazin „Pressesprecher“ schreibt, dass Giffey die Medien als wichtige Verbündete sehe, wenn es darum gehe, Botschaften zu platzieren. In diesem Fall haben sie sich auch als solche erwiesen. Das Magazin schreibt:

Den verklausulierten Begriff „Kitaqualitätsentwicklungsgesetz“ etwa lehnte sie ab und formulierte ihn kurzerhand um in „Gute-Kita-Gesetz“ ‒ inklusive Würfel für den Schreibtisch, auf dem die Kerngedanken des Gesetzes in prägnanten Sätzen abgebildet sind. Schließlich sollen sich die Menschen ja daran erinnern.

Journalisten müssen sich also bewusst sein, dass sie durch Framing bewusst instrumentalisiert werden. Statt der Kurzform des Namens können sie einfach die Langform nutzen oder besser noch auf eine alternative Formulierung ausweichen – so etwas wie „das neue Kita-Gesetz“.

„Kooperationsanfrage“

Gestern kam folgende Mail (Namen anonymisiert):

Sehr geehrte Damen und Herren,
Mein Name ist Gary und ich bin Content Marketer bei der Online Marketing Agentur xxx.
Auf der Suche nach relevanten Partnern bin ich auf Ihre Webpräsenz gestossen. Gerne würden wir auf Ihrer Domain einen Artikel gegen Bezahlung platzieren.
Bitte lassen Sie mich wissen, ob Sie prinzipiell an einer Kooperation interessiert wären.
Falls Sie noch weitere Webseiten haben, um einen Gastartikel oder/und Banner zu platzieren, teilen Sie mir diese bitte mit.
Für Ihr Interesse bedanken wir uns im voraus und verbleiben,
Mit freundlichen Grüßen
Also im Klartext: Verarschen Sie Ihre Leser, indem Sie Werbung für uns machen, die niemand bemerkt. Und so was nennen sie „Kooperationsanfrage“. Aber sonst geht’s noch? Wie sehr lügen sich diese PR-Fuzzis eigentlich selbst an?

Wie sich Zeitungen in Berlin organisieren

Die meisten Tageszeitungen in Deutschland kämpfen seit Jahren mit den Folgen der Digitalisierung: Sie verlieren Abonnenten, Auflage und Anzeigen. Um dennoch Journalismus betreiben zu können, denken sich die Verlage neue Modelle aus. Eins davon: In Berlin betreiben mehrere Verlage Zentralredaktionen (auch Verbundredaktionen genannt), in denen eine Gruppe von Journalisten für gleich mehrere bis über 50 Tageszeitungen arbeitet.

Was sich dahinter verbirgt, darum ging es am Donnerstag bei der Tagung „Formate des Politischen“, die der Deutschlandfunk gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung und der Bundespressekonferenz durchgeführt hat. Zum Anfang hat die Medienjournalistin Ulrike Simon eine Einführung ins Thema gegeben.

Anschließend habe ich darüber mit drei Kollegen gesprochen, die von den Änderungen betroffen sind:

  • Gordon Repinski leitet das Hauptstadtbüro des Redaktionsnetzwerks Deutschland. Seit dem 1. Oktober gehört es nicht nur zur Madsack-Verlagsgruppe aus Hannover, sondern zu 25 Prozent auch DuMont aus Köln.
  • Während die Tageszeitung taz früher eine Zeitung von vielen war, ist sie im Vergleich zu den neuen Zentralredaktionen heute weniger wichtig. Was das bedeutet, hat Parlamentsredakteurin Anja Maier erklärt.
  • Und Cornelia Haß konnte als Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalisten-Union in der Gewerkschaft Verdi über die Auswirkungen für die betroffenen Kollegen berichten.

Über die Diskussion hat gestern auch Philip Banse für das Medienmagazin @mediasres im Deutschlandfunk berichtet.

Sinnlose Umfragen zum CDU-Vorsitz – die Fortsetzung

Es war ja zu erwarten. Für den Deutschlandfunk habe ich noch vor zwei Wochen über den Umfrage-Hype für Friedrich Merz, der CDU-Vorsitzender werden will, geschrieben:

Die Werte halten ohnehin nicht lang. Sie sind höchstens ein Blitzlicht, die die Thesen des Tages stützen, und werden sich verändern. Denn die Kandidaten werden sich öffentlich zu ihren Plänen äußern. Je mehr die Bürger über sie erfahren, desto stärker kann sich ihre Wahrnehmung ändern. Von Friedrich Merz haben die meisten seit über einem Jahrzehnt nichts mehr gehört. Dass sich im Moment also Mehrheiten für ihn aussprechen, kann auch bloß daran liegen, dass er ihnen nicht negativ aufgefallen ist.

Und schon ist es soweit: In einer neuen Umfrage liegt nicht mehr Merz vorne, sondern Annegret Kramp-Karrenbauer. Die FAZ schreibt dazu den absurden Satz:

32 Prozent der Befragten würden die CDU-Generalsekretärin zur Nachfolgerin von Angela Merkel wählen, berichtete die „Bild am Sonntag“ unter Berufung auf eine Umfrage des Emnid-Instituts.

Ja, und 98 Prozent „der Deutschen“ würden Micky Maus zum US-Präsidenten wählen. Dummerweise tritt weder Micky an noch dürfen die Deutschen den US-Präsidenten wählen. Aber man kann ja einfach mal fragen, auch wenn die Befragten überhaupt nicht wahlberechtigt sind – das sind nämlich nur die 1.001 CDU-Delegierten beim Parteitag.

Deswegen sagt es überhaupt nichts über die Chancen der Kandidaten aus, wie eine Gruppe von Befragten sie sieht, die überhaupt nicht wahlberechtigt ist. Und dass solche Umfragen uns als Bürger keinerlei Gefühl dafür geben können, wer Favorit bei den CDU-Mitgliedern ist, geschweige denn bei den CDU-Delegierten.

Nur ein Gedankenspiel: Wen würden denn, sagen wir mal, die Wähler der Linkspartei gerne als CDU-Chef sehen? Doch nicht unbedingt jemanden, den sie für fähig halten, ein guter CDU-Chef und möglicherweise auch Kanzler zu werden? Sondern doch eher jemanden, der ihnen als Linkspartei möglichst viele Wähler zutreibt.

Wieso sollte also so jemand einen Kandidaten nennen, den er gut findet – nennt er nicht vielmehr jemanden, den er für seine Partei für möglichst ungefährlich hält? Das zeigt, wie wichtig es ist, dass man die Gruppe der Befragten sinnvoll wählt. Ich frage ja auch nicht eine Gruppe von 1.000 Nichtrauchern nach ihren Lieblingszigaretten.

Es wird nicht die letzte Umfrage zum Thema CDU-Vorsitz gewesen sein. Und am Ende heulen dann wieder Journalisten, dass sie den Ausgang der Wahl nicht haben kommen sehen – so wie schon bei der von Ralph Brinkhaus zum CDU-Fraktionsvorsitzenden. Warum gab es dazu eigentlich keine Umfragen?

Merkwürdige Mehrheiten für Merz

Schon kurz nachdem Angela Merkel ihren Rückzug als CDU-Chefin ankündigte, schrieben viele Medien über den Kandidaten Friedrich Merz – noch bevor er überhaupt seine Bewerbung für den Parteivorsitz bestätigte. Umfragen sollen das öffentliche Interesse am Politiker belegen – doch es fehlt an Aussagekraft. Ich hab das noch mal für @mediasres im Deutschlandfunk aufgeschrieben.

Außerdem gab es in der Sendung danach ein sehr hörenswertes Interview mit dem Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Er sieht in der Debatte um die CDU-Führung eine Neigung zum Hype und zur Personalisierung. Einzelne Politiker würden „zu Erlösergestalten hochgeschrieben“, sagte er. Hier offenbare sich ein Sinnvakuum der gesellschaftlichen Mitte.

Handelsblatt reagiert auf Kritik an nichtssagender Umfrage

Der Quatsch mit Umfragen hält an. Heute war es das Handelsblatt auf Twitter, das eine Umfrage als seriösen Inhalt angepriesen hat. Gestern hatte die Redaktion diese Abstimmung gestartet:

Heute retweetete sie diesen Tweet mit dem Ergebnis.

Ich habe dann in einem Thread bei Twitter kritisiert, was das Problematische an dieser Umfrage ist.

Es begint damit, dass die Auswahl der Befragten nicht repräsentativ ist. Der Handelsblatt-Leser bzw. dessen Twitter-Follower entspricht in keiner Weise dem Durchschnitt der Bevölkerung. Dass sich Handelsblatt-Follower besonders für einen wirtschaftsfreundlichen Kandidaten wie Friedrich Merz einsetzen, verwundert auch nicht.

Außerdem nimmt nur teil, wer will. Die Zufallsauswahl ist also nicht gegeben. In der Regel engagieren sich vor allem ausdrückliche Gegner oder Befürworter einer Position.

Dass die Zahl der Nutzer exakt angegeben wird (1.061) soll offenbar Repräsentativität vortäuschen, für die ja i.d.R. rund tausend Leute befragt werden. Das heißt in diesem Zusammenhang aber auch nichts.

Außerdem weist das Handelsblatt nicht darauf hin, dass diese Umfrage nicht repräsentativ ist. Der Pressekodex schreibt in Ziffer 2.1 aber vor, welche Metadaten dazu geliefert werden müssen:

Bei der Veröffentlichung von Umfrageergebnissen teilt die Presse die Zahl der Befragten, den Zeitpunkt der Befragung, den Auftraggeber sowie die Fragestellung mit. Zugleich muss mitgeteilt werden, ob die Ergebnisse repräsentativ sind.

Sofern es keinen Auftraggeber gibt, soll vermerkt werden, dass die Umfragedaten auf die eigene Initiative des Meinungsbefragungsinstituts zurückgehen.

Das gilt ausdrücklich auch für Online-Umfragen, hat der Presserat im März entschieden (Pressemitteilung vom 22. März 2018):

Nicht-repräsentative Online-Umfragen müssen als solche gekennzeichnet sein. Das Plenum des Deutschen Presserats hat entschieden, dass derartige Votings ohne entsprechende Kennzeichnung die im Pressekodex definierte journalistische Sorgfaltspflicht verletzen.

Das Handelsblatt hat auf meine Kritik reagiert.

Die ursprüngliche Umfrage ist allerdings weiterhin online. Und das eigentliche Problem bleibt. Schon die Umfrage ist unseriös, sie würde nicht seriöser, würde die Redaktion dazuschreiben, dass sie nicht repräsentativ ist. Denn eine nicht repräsentative Umfrage hat praktisch keine Aussagekraft.

Was aus Hasskampagnen entstehen kann

Ich hab mich hier immer wieder mit Hass und Hetze beschäftigt. Wer mal eine andere Herangehensweise als eine journalistische haben will, kann sich das Hörspiel „Die Kommentare sind frei“ von James Fritz anhören, das der WDR inszeniert hat. Darum geht’s laut Klappentext:

Alistair Cooper ist Kolumnist und politischer Kommentator. Mit seinen aufpeitschenden Statements dominiert er hochkochende gesellschaftliche Debatten. Zunehmend gerät die Spirale der Emotionen in den sozialen Netzwerken außer Kontrolle. Cooper erntet Hass, vielstimmigen Hass. Bis alles eskaliert und die öffentliche Meinung kippt.

Das Hörspiel setzt Dynamiken medialer Ereiferung in Szene, schreibt der Sender dazu, und stellt die Frage nach unserer Verantwortung für das, was aus Kommentarfeldern erwachsen kann.

Das Hörspiel kann man hier nachhören und downloaden.

Nachrichten aus der Zukunft (2): „Die Augenzeugen übernehmen die Nachrichten“

Und dann bin ich auch noch auf eine Kulturpresseschau gestoßen, die ich im Jahr 2008 für hr2-kultur zusammengestellt habe. Als der Moderator eins meiner Themen anmoderiert, zögert er plötzlich einen Moment, weil er nicht weiß, wie er das wohl richtig aussprechen soll: „Twittern“.

So weit weg war Twitter damals und hatte sich noch längst nicht etabliert. Deswegen musste ich erst mal erklären, was „to tweet“ überhaupt heißt (an das Zeichentrickvögelchen Tweety erinnerte sich damals offenbar schon keiner mehr). „Twitter, das sind heute kleine Einträge in Weblogs, also in diesen Internet-Tagebüchern“, versuchte ich dem hr2-Hörer „dieses Internet“ nahezubringen.

Damals gab es noch keine Smartphones oder sie hatten sich jedenfalls noch nicht auf breiter Ebene durchgesetzt, man konnte Tweets noch per SMS absetzen, was sich besonders im Fall der Terroranschläge von Bombay gezeigt hat, von denen unzählige Nutzer getwittert haben. Das war auch der Anlass für den Bericht in der Süddeutschen Zeitung. Sie zitierte einen Journalisten vom „Guardian“ mit den Worten: „Die Augenzeugen übernehmen die Nachrichten“.

Allerdings glaubte SZ-Autor Niklas Hofmann nicht so wirklich daran, wie er schrieb, denn die Twitter-Nutzer berichteten ohnehin nur über das, worüber auch Journalisten berichteten – wie eben in Bombay. Das seien nur die Dinge, die in dicht besiedelten Regionen passierten, mit Internetanschluss. An den Orten jedoch, an denen die Welt wirklich ihre schwarzen Löcher besitze, da sehe es ganz anders aus – also aus den Kampfgebieten des Kongo, aus Darfur, Nordkorea oder Birma würden wohl auch in Zukunft selten Twitteralarme erklingen.

Nachrichten aus der Vergangenheit: Bayerns Ministerpräsident von 1919 schickt Whatsapp-Nachrichten

Um mit den Toten zu reden, braucht man ein Medium: Ein Projekt des Bayerischen Rundfunks lässt die Nutzer über WhatsApp mit dem 1919 ermordeten ersten Ministerpräsidenten Bayerns, Kurt Eisner, kommunizieren. „Wir wollen den Menschen erfahrbar machen“, hat mir Projektleiter Matthias Leitner in @mediasres im Deutschlandfunk gesagt.