Wie geschlechtergerecht muss journalistische Sprache sein?

Ob mit Gendersternchen, Binnen-I oder Doppelpunkt, geschlechtergerechte Sprache wird in unterschiedlichen Formen immer häufiger von Medienschaffenden genutzt. Braucht der Journalismus diese Entwicklung? Darüber habe ich in @mediasres im Dialog mit Hörerinnen und Hörern diskutiert.

Pädophilie ist keine Straftat

In der Berichterstattung über Kindesmissbrauchsfälle ist auch oft die Rede von Pädophilie. Der Begriff wird allerdings oft nicht richtig eingeordnet, denn bei weitem nicht alle Pädophile vergehen sich an Kindern. Pädophilie ist auch keine Straftat. Mein Beitrag für den @mediasres-Sprachcheck „Sagen & Meinen“.

Wie Rezo reagiert: Die Kritik der Kritik der Kritik

Vor drei Wochen hat Rezo ein Video veröffentlicht, in dem er verschiedene Vorgehensweisen der Presse (ja, vor allem von Zeitungen) kritisiert hat („Die Zerstörung der Presse“).

Ich habe über das neue Video im Deutschlandfunk gesprochen. Damit hat Rezo viel Resonanz ausgelöst (wenngleich nicht so viel wie mit seiner „Zerstörung der CDU“ im Jahr 2019). Seien allgemeinen Kritikpunkte sind dabei kaum angegriffen worden, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Aber seine Analyse, wie einzelne Zeitungen über ihn selbst berichtet haben und was er daran alles falsch findet, sind dabei von eben jenen Redaktionen scharf kritisiert worden.  Unter anderem die FAZ hat sich die Kritik angesehen und ihrerseits eine Kritik der Kritik vorgelegt, unter anderem auch in einem Video.

Aus all dem hat Rezo jetzt wiederum ein Antwortvideo gemacht, das er „Die dümmsten und lustigsten Reaktionen“ nennt, das aber auch seriöse Rückmeldungen enthält.

Deutschlandradio-Hörspiele jetzt auch bei Youtube

Das Deutschlandradio bietet seine Hörspiele von Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur schon länger in einem eigenen Portal auch als Podcast an. Jetzt sind ausgewählte Stücke auch auf Youtube zu hören.

Mit dabei zum Auftakt: „Party für eine Leiche“ nach dem Roman von Patrick Hamilton, nach dessen Vorlage Alfred Hitchcock seinen Film „Cocktail für eine Leiche“ (im Original: „Rope“) gedreht hat.

Hörspiele gibt es bei Youtube schon länger. Viele Hörspielmacher nutzen die Plattform, um ihre Produktionen zu verbreiten. Auch wenn es nichts zu sehen gibt, hat Youtube einfach eine so hohe Reichweite, dass es sich lohnt, auch nur Hörstücke einzustellen. So wie viele Leute sich über Youtube auch Musik anhören, indem sie Musikvideos laufen lassen, aber nicht hinsehen.

So stellt der Maritim-Verlag Sherlock-Holmes-Hörspiele online.

Kinderhörspiele wie „Bibi und Tina“ sind auch zu hören, teils sogar mit eine Art Dia-Show illustriert.

Früher hat auch der Hörspielmacher David Holy eigene hochkarätige Produktionen online gestellt, das Youtube-Konto wurde aber nach Unternehmensangaben wegen Urheberrechtsverletzungen gesperrt.

Wie neutral können Journalist*innen sein?

Eigentlich wollte ich mich mal wieder dem Thema Neutralität im Journalismus widmen. Anlass war eine Diskussion, die in der Spiegel-Redaktion geführt und von ihr öffentlich gemacht wurde.

Auslöser dieser Diskussion war wiederum, dass der Chef der Meinungsseiten der New York Times nach einem Streit über eine abgedruckte Meinung gekündigt hatte. Dass sie das problematisch findet, hat ARD-New-York-Korrespondentin Antje Passenheim vorige Woche im Deutschlandfunk kommentiert.

Spiegel-Redakteur Philipp Oehmke kommentierte daraufhin bei spiegel.de: „Die Zeit der Neutralität ist vorbei“. Sein Kollege Florian Gathmann erwiderte darauf: „Wir müssen so neutral sein wie möglich“.

Interessanterweise schreibt Gathmann dann etwas, das der Überschrift widerspricht:

Aber es gehört zu unserer Arbeit, über die AfD zu berichten. Das kann nicht unvoreingenommen erfolgen, wenn sich ein Teil der Partei außerhalb der Grenzen des Grundgesetzes bewegt.

Das heißt, er sieht doch Anlass für eine gewisse Unvoreingenommenheit gegen Positionen außerhalb des demokratischen Spektrums. Was ich richtig finde. Denn Journalismus findet nicht im luftleeren Raum statt. Pressefreiheit ist nur in Demokratien möglich, und wenn wir die Demokratie schon nicht um ihrer selbst willen verteidigen, dann sollten wir es für die Pressefreiheit tun. Insofern ist eine bestimmte Haltung gegenüber unseren Berichtsgegenständen nicht falsch.

Den besten Text dazu hat aktuell Samira el Ouassil für Übermedien geschrieben. Gleich zu Anfang heißt es dort:

Man kann als Journalist objektiv sein – ohne neutral sein zu müssen.

Beides sind unterschiedliche Werte des Handwerks Journalismus. Und in manchen Fällen darf man gar nicht neutral in Bezug auf das zu Berichtende sein, wenn man seine journalistische Integrität bewahren möchte. Denn Journalisten sollten, um ihrem Beruf gerecht zu werden, natürlich parteiisch sein: Sie müssen immer auf der Seite der Wahrheit sein.

Denken wir beispielsweise an Korruptionsfälle. Nehmen wir mal diesen einen aktuellen um einen jungen CDU-Abgeordneten. JournalistInnen decken diesen auf und sind schon allein durch ihre Haltung „Korruption ist schlecht“ automatisch in dieser Geschichte nicht neutral, dennoch macht das ihre Berichterstattung nicht minder objektiv.

Und später konstatiert sie: „Gleiche Distanz zu allen? Funktioniert nicht.“

Das ist der Text, den ich hätte schreiben wollen, aber nicht konnte. Insofern verweise ich gerne auf Übermedien.de.

Weiterer Lesehinweis: Sonja Zekri bei sueddeutsche.de über die Illusion von Neutralität

Kreis Gütersloh ist nicht wieder im „Lockdown“

Mittlerweile kann man den Begriff „Lockdown“ offenbar auf alles anwenden, wenn es um Beschränkungen in der Corona-Krise geht. Vor allem NRW-Ministerpräsident Armin Laschet hat ihn immer wieder verwendet, aber im Laufe der Zeit völlig verwässert. Denn was er bezeichnet,

  • unterliegt ständigem zeitlichen Wandel: was vor vier Monaten ein Lockdown war, unterscheidet sich sehr von dem, was es heute ist
  • hängt sehr vom Ort ab: in Italien und Spanien war das, was man dort Lockdown nannte, sehr viel extremer als hier, weil die Menschen ihre Wohnungen dort höchstens noch für den Weg zur Arbeit, zum Arzt, zur Apotheke, zum Supermarkt oder um jemandem zu helfen verlassen durften
  • ist eigentlich englischen Ursprungs und meint dort „Ausgangssperre“, die gab es in Deutschland aber nur sehr lokal galt.

Deswegen habe ich mich damit schon vor zwei Monaten für den Sprachcheck im Deutschlandfunk damit beschäftigt:

Einen Shutdown hatten wir dagegen in Deutschland nie. In den USA meint das das Stilllegen der Bundesverwaltung, wenn es kein neues Haushaltsgesetz gibt.

Wir hatten also keinen Shutdown, geschweige denn seine Steigerung: den totalen Lockdown. Wenn Politiker, Medien oder Wirtschaftsexperten von Ausgangssperre, Shutdown oder Lockdown sprechen, stellen sie die Situation extremer dar, als sie ist – und verfolgen damit womöglich Interessen.

Wenngleich ich mir bei den Interessen mittlerweile nicht mehr sicher bin. Mir kommt die Kommunikation von Laschet nicht sonderlich stringent vor.

Denn hatte er im April noch Gründe, von einem „totalen Lockdown“ zu reden, den er ja beenden wollte, wäre es heute in seinem Sinne, die Sache differenzierter darzustellen, um sich Unterstützung dafür vor allem von den betroffenen Menschen im Kreis Gütersloh zu sichern.

Die Maßnahmen dort sind nämlich nicht ganz so streng wie im März, mal davon abgesehen, dass sie eben nicht landes- oder bundesweit gelten, sondern nur regional. So bleiben zum Beispiel Geschäfte und Restaurants geöffnet.

Auch wegen solcher Unterschiede verdeckt der Begriff „Lockdown“, was genau eigentlich gerade gilt. Differenzierter lässt sich einfach darstellen, was jetzt verboten wurde bzw. was noch gilt. Ein schwammiger Begriff wie „Lockdown“ hilft dabei nur begrenzt.

Für Online extra scharf gemacht: Wie die „Welt am Sonntag“ mit einer Umfrage polarisiert

Welcher Einstieg in einen Artikel zieht Sie mehr an?

Variante 1:

Die Mehrheit der Deutschen lehnt es ab, die deutsche Sprache durch neue Regeln zu ergänzen, die zu einer stärkeren Berücksichtigung unterschiedlicher Geschlechter in der Grammatik führen sollen.

Variante 2:

Die Mehrheit der Deutschen lehnt es ab, die deutsche Sprache zwanghaft zu verweiblichen.

Egal, wie man zum Thema steht, Variante 2 wird die meisten von uns wohl stärker triggern.

Es sind zwei Varianten eines ansonsten weitgehend ähnlichen Textes, den die „Welt am Sonntag“ bereits Anfang Juni veröffentlicht hat. Sie hat Infratest Dimap eine Umfrage durchführen lassen, in der es um die Akzeptanz bestimmter Formen der geschlechtergerechten Sprache geht. Um die scheint es den Zahlen zufolge nicht gut bestellt, aber dazu später mehr.

Online-Fassung polarisiert

Interessant ist, dass sie ihre Ergebnisse in diesen zwei Varianten präsentiert: Die erste ist die Variante für die Print-Ausgabe der „Welt am Sonntag“, die zweite die Online-Fassung.

Unterschiede gibt es nicht nur beim Einstieg, sondern auch an weiteren Stellen, etwa bei der Überschrift. Im Print heißt es:

Mehrheit der Deutschen lehnt „Gender“-Sprache ab

Online mit Betonung eines anderen Aspekts:

Mehrheit der Frauen will keine Gendersternchen

Im Print lautet der Vorspann:

56 Prozent der Bevölkerung sind gegen Binnen-I und Gendersternchen. Talkmaster Markus Lanz: Solche Formalismen seien „Unfug“. Befürworter dagegen halten die deutsche Sprache für „ausgrenzend“

Online fehlen im Vorspann die Argumente der Befürworter, stattdessen vertritt die Redaktion die Argumente der Gegner:

Eine Umfrage im Auftrag der WELT AM SONNTAG zeigt: Die Mehrheit der Deutschen hält nichts von Binnen-I und Gendersternchen, mit denen politische Aktivisten ihre Mitbürger erziehen wollen. Kritiker sprechen von „Gender-Unfug“.

Online wird im Vorspann die geschlechtergerechte Sprache ausschließlich negativ dargestellt; Formulierungen wie „zwanghafter Verweiblichung“, Erziehung durch politische Aktivisten und „Gender-Unfug“ finden sich dagegen im Print-Artikel nicht. Online fehlt außerdem ein Absatz mit Argumenten für eine geschlechtergerechte Sprache der Schriftstellerin und Übersetzerin Andrea Paluch, der den Print-Artikel ausgewogener macht.

Problematische Fragestellung

Mal davon abgesehen, dass die „Welt am Sonntag“ mit ihrem Artikel gegen den Pressekodex verstößt (Richtlinie 2.1), weil sie die Metadaten der Umfrage nicht veröffentlicht, ist die Interpretation der Ergebnisse nicht von der Umfrage selbst gedeckt. Wie man bei Infratest Dimap nachlesen kann, wurde gefragt:

Nun eine Frage zur geschlechterneutralen Sprache, also der sogenannten Gendersprache. Dafür wird beispielsweise beim ‚Binnen-I‘ nicht von Wählerinnen und Wählern, sondern in einem Wort von ‚WählerInnen‘ gesprochen, d.h. mit kurzer Pause vor dem ‚i‘. Außerdem werden beispielsweise aus den Zuhörern die Zuhörenden. Wie stehen Sie zur Nutzung einer solchen Gendersprache in Presse, Radio und Fernsehen sowie bei öffentlichen Anlässen? Befürworten Sie dies voll und ganz, eher, lehnen Sie dies eher ab oder voll und ganz ab?

(Quelle: Infratest Dimap, https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/umfragen/aktuell/vorbehalte-gegenueber-genderneutraler-sprache/)

Welche Antworten Befragte geben, hängt immer auch von der Wortwahl der Fragestellung ab (und von den Antwortmöglichkeiten, die hier keine neutrale Position zulässt, nur eine Enthaltung). Dabei lässt es sich nicht immer komplett vermeiden, über die Wortwahl eine bestimmte Sicht zu transportieren. Hier wurden „geschlechterneutrale Sprache“ und „Gendersprache“ als Begriffe gewählt; man hätte auch von „geschlechtergerechter Sprache“ reden können und den Begriff „Gendersprache“, der gerade bei ablehnenden Kreisen ein gewisses Triggerpotenzial hat, vermeiden können.

Problematischer finde ich, dass hier einerseits ganz allgemein nach der Verwendung solcher Formen gefragt wird, aber dann nur zwei davon tatsächlich benannt werden, obwohl es sehr viele Varianten geschlechtergerechter Sprache gibt. Ich gehe davon aus, dass, je nachdem, welche Varianten man zur Auswahl stellt, man unterschiedlich viel Zuspruch für die Formen bekommen könnte. Alle über einen Kamm zu scheren, heißt aber, dass die Befragten ihre Meinung anhand einiger der polarisierendsten Varianten äußern sollen, wenngleich sie durchaus einige Formen begrüßen würden.

Zu weitgehende Interpretation

Aber selbst, wenn wir diesen Aspekt außen vor lassen, begeht die „Welt am Sonntag“ m.E. einen Fehler in der Interpretation dieser Ergebnisse. Denn die Frage wurde sehr spezifisch gestellt: nach geschlechterneutraler Sprache im Allgemeinen und zwei Varianten davon im Speziellen. Im Text heißt es aber:

Demnach halten 56 Prozent der Bevölkerung nichts vom „Gendern“ von Begriffen durch ein großes Binnen-I, ein Gendersternchen oder einen Unterstrich in journalistischen und literarischen Texten sowie in politischen Reden.

Dabei wurde nach dem Gendersternchen oder einem Unterstrich überhaupt nicht gefragt, und es ist auch nicht erkennbar, ob den Befragten diese Varianten bekannt waren. Deswegen ist schon der Einstiegssatz (hier zitiert aus Print, nicht zu schweigen von Online, s.o.) eine zu weitgehende Interpretation:

Die Mehrheit der Deutschen lehnt es ab, die deutsche Sprache durch neue Regeln zu ergänzen, die zu einer stärkeren Berücksichtigung unterschiedlicher Geschlechter in der Grammatik führen sollen.

Dabei gibt es durchaus mehr Varianten „geschlechtergerechter Sprache“, mit denen die Befragten vielleicht mehr anfangen könnten, wie ein Blick zum Beispiel auf genderleicht.de zeigt. Neben Doppelformen („Lehrer und Lehrerinnen“) sind das auch neutrale Formen („Team“, „Personal“) oder eine Umformulierung des Satzes.

Die Polemik in der Online-Variante zeigt m.E. aber, worauf es der „Welt am Sonntag“ ankam: eine Verächtlichmachung dieser Varianten der geschlechtergerechten Sprache, gestützt durch eine Umfrage, die das Ergebnis nicht hergibt.

Die Ironie der Gegner

Nebenbei bemerkt: In beiden Texten kommt die Schriftstellerin Monika Maron zu Wort, die so zitiert wird:

Die politische Bereinigung der Sprache ist eine geradezu diktatorische, auf jeden Fall eine ideologische Anmaßung, die nur Leute mit Hoheitsgewalt durchsetzen können: in Behörden, Rathäusern, Universitäten, öffentlich-rechtlichen Sendern

Woher die Hoheitsgewalt in öffentlich-rechtlichen Sendern kommt, erschließt sich mir nicht. Aber die Ironie solcher Äußerungen liegt ja darin, dass Gegner solcher Entwicklungen in der Sprache beklagen, dass andere ihnen angeblich vorschreiben wollen, wie sie zu reden haben. Sie dagegen tun nichts anders: Sie wollen den Befürwortern solcher Entwicklungen vorschreiben, wie sie zu reden haben – auf jeden Fall nicht so.

Warum man nicht von „Rassenunruhen“ sprechen kann

Seit Wochen demonstrieren vor allem in den USA zehntausende Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt. Um die Bewegung zusammenzufassen, wird in einigen Medien von „Rassenunruhen“ gesprochen. Doch neutral ist dieser Begriff nicht – und er benennt nicht treffend, was wirklich passiert, findet Annika Schneider in ihrem Beitrag zur Reihe „Sagen & Meinen – Der Sprach-Check“ im Deutschlandfunk.

Argentinische Regierung hat Informationen über Journalisten gesammelt

In Argentinien hat die Regierung in den Jahren 2017 und 2018 Informationen über Journalistinnen und Journalisten gesammelt. Es handelte sich um die Regierung des damaligen Präsidenten Mauricio Macri, die mittlerweile abgewählt ist. Mit unserem Korrespondenten Ivo Marusczyk in Buenos Aires habe ich in @mediasres darüber gesprochen, über wen genau welche Informationen gesammelt wurden und welche Folgen das hatte.

Regierungschefs der Länder stimmen für höheren Rundfunkbeitrag

Im kommenden Jahr soll der Rundfunkbeitrag um 86 Cent pro Monat steigen – auf dann 18,36 Euro. Voraussetzung ist, dass alle mitmachen, die darüber zu entscheiden haben. Heute haben die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer schon mal Ja gesagt und den entsprechenden Vertrag unterzeichnet. Ich habe für @mediasres mit unserem Experten für Rundfunkpolitik, Christoph Sterz, über die Entscheidung gesprochen.