NZZ-Autor verhindert Link auf kritischen Artikel

Ende Juni habe ich für Übermedien einen NZZ-Artikel auseinandergenommen. Der Heilbronner Gastautor Wolfgang Bok hatte für seine These, dass „die Medien“ alle tendenziell eher linksgrün seien, ziemlichen Unsinn zusammengesammelt, der das belegen sollte – aber gar nicht konnte. Dafür hatte er falsche Zitate und irreführende Zahlen verwendet.

Jetzt wurde Bok auf seinen faktenarmen Text angesprochen, in einem Interview mit dem „Phonk-Magazin“ – das in der online abrufbaren PDF-Ausgabe aber leider nicht zu lesen ist, schreibt Boris Rosenkranz im Übermedien-Newsletter – und weiter:

Wieso? Weil Kommunikator Bok nicht wollte, dass die Leute vom „Phonk-Magazin“ einen Link zum Übermedien-Beitrag setzen. Also haben sie das Interview kurzerhand aus der PDF-Ausgabe geworfen und den Grund offengelegt. Würde sagen: Strategische Kommunikation geglückt!

Wer kontrolliert die Medien?

Kontrolle spielt im Zusammenhang mit Medien eine zentrale Rolle. Einerseits wachen die Medien als „Vierte Gewalt“ über einflussreiche Akteure im öffentlichen Leben, andererseits unterliegen Medien in Deutschland auch einer öffentlichen Kontrolle.

Aber sind die heutigen Aufsichtsgremien überhaupt in der Lage, in einer zunehmend digitalen Welt diese Kontrollfunktion angemessen auszuüben? Oder ist das Mediensystem im frühen 21. Jahrhundert bereits so komplex, dass nur noch Nutzerinnen, Nutzer und die Medien selbst vernünftige Leitplanken setzen können?

Darüber habe ich bei den Südwestdeutschen Medientagen für die SR2-Sendung „Diskurs“ mitdiskutiert – mit Dr. Ilka Desgranges (Saarbrücker Zeitung, ehemaliges Mitglied im Deutschen Presserat) und Prof. Hektor Haarkötter (Initiative Nachrichtenaufklärung), moderiert von Katrin Aue – und anzuhören hier.

US-Medien und Trump: „Überforderung des Systems“

Wenn die US-Amerikaner nichts mehr schreiben oder lesen wollen über sexuelle Übergriffe des amerikanischen Präsidenten, so habe das mit einer kompletten Überforderung von Öffentlichkeit und Journalismus zu tun. Das sagte der Politikwissenschaftler und Philosoph Michael Werz im Dlf. Ich habe ihn für @mediasres interviewt.

Foulen im Kampf gegen grüne „Mainstream-Medien“

Der Publizist Wolfgang Bok wirft den deutschen Medien vor, die Grünen großgeschrieben zu haben und abweichende Meinungen zu unterdrücken. Um das zu belegen, hantiert er mit falschen Zahlen, irreführenden Zitaten und fehlenden Kontexten. Meinen kleinen Thread von gestern habe ich noch mal für Übermedien etwas ausführlicher aufgeschrieben.

Nachtrag, 26. Juni: Kollege René Martens weist per Twitter darauf hin, dass es über Wolfgang Bok schon einen Artikel gibt, der 2013 im „Neuen Deutschland“ erschienen ist.

Presserat: bild.de hat sich zum Werkzeug des Christchurch-Täters gemacht

Der Deutsche Presserat hat bild.de dafür gerügt, dass es Sequenzen aus dem Video des Christchurch-Attentäters veröffentlicht hat. Dieser hatte im März die Tötung von mehr als 50 Menschen live bei Facebook übertragen. bild.de hatte Video-Ausschnitte gewählt, die den Täter auf dem Weg zu den Moscheen und beim Laden einer Waffen zeigten. Von den eigentlichen Tötungen zeigte die Redaktion nur Standbilder.

Der Presserat kritisiert: „Mit der Veröffentlichung seiner Video-Ausschnitte bot die Redaktion dem Täter genau die öffentliche Bühne, die er haben wollte.“ Sie habe damit gegen Richtlinie 11.2 des Pressekodex verstoßen, in der es heißt:

Bei der Berichterstattung über Gewalttaten, auch angedrohte, wägt die Presse das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegen die Interessen der Opfer und Betroffenen sorgsam ab. Sie berichtet über diese Vorgänge unabhängig und authentisch, lässt sich aber dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen. Sie unternimmt keine eigenmächtigen Vermittlungsversuche zwischen Verbrechern und Polizei.

Mit ihrer Berichterstattung habe die Redaktion aber genau das getan, sich nämlich zum Werkzeug von Verbrechern gemacht. Der Presserat kritisiert weiter:

Diese Bilder reichten jedoch, um Assoziationen zu erzeugen, die weit über das berechtigte öffentliche Interesse an dem Geschehen hinausgingen. Auch die detaillierte, dramatisierende Schilderung und drastische Bebilderung im  Begleittext zum Video bedienten nach Ansicht des Beschwerdeausschusses überwiegend Sensationsinteressen.

Ich hatte das im März im Deutschlandfunk entsprechend kommentiert:

Die Medien, die sich auf die Logik des Attentäters von Christchurch eingelassen haben, waren Komplizen bei seiner Tat. Denn sie haben das vollendet, was er begonnen hat. Der Täter hat die mediale Verbreitung seiner Tat einkalkuliert. Wer ihm hilft, macht sich mitschuldig – an diesem Verbrechen, aber auch an denen von Nachahmern.

Denn dem rechtsextremen Attentäter ging es nicht nur darum, viele Muslime zu töten. Er wollte auch, dass die Welt das erfährt.

Chefredakteur Julian Reichelt war das egal. Er hatte schon zur Veröffentlichung kommentiert:

Journalismus ist dazu da, Bilder der Propaganda und Selbstdarstellung zu entreißen und sie einzuordnen. Erst die Bilder verdeutlichen uns die erschütternde menschliche Dimension dieser Schreckenstat.

Genau das hatte bild.de aber nicht getan. Es hat die Bilder nicht der Propaganda entrissen, sondern die Propaganda fortgeführt. Das sieht auch der Presserat so. bild.de hat sich mit Anerkennung des Pressekodex dazu verpflichtet, Rügen zu veröffentlichen. Beim Presserat heißt es:

Die öffentliche Rüge ist die härteste Sanktion der Beschwerdeausschüsse. Sie muss von der Redaktion in einer ihrer nächsten Ausgaben veröffentlicht werden.

Mal sehen, ob das tatsächlich passiert.

Die 90er haben angerufen und wollen ihre Spam-Mail zurück…

Heute kommen die offenbar per Twitter-Direktnachricht. Von einem frisch angelegten Account, mit einem gefälschten Namen, einem Twitter-Handle mit vielen Zahlen dahinter (@JAMESED39981369) und einem geklauten Foto, das den CEO der Barclays Bank zeigt, James E. Staley.

Die Mail liest sich aber ganz lustig:

Liebe Pommes Ich bin James .E. Staley, Geschäftsführer der Barclays Bank in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ich schreibe Ihnen diesen Vorschlag in gutem Glauben in der Hoffnung, dass ich mich bei einer Geschäftstransaktion auf Sie verlassen kann, die absolute Vertraulichkeit erfordert und von großem Interesse ist und unseren beiden Familien zugute kommt Herr Husson Fries, ein Emiratsbürger, dessen Nachname mit Ihrem Namen identisch ist und dessen Herkunftsort Ihr Land ist, hat bei meiner Bank eine feste Einzahlung von 36 Monaten im Wert von 26.700.000 USD geleistet. Ich war sein Account Officer, bevor ich zum Geschäftsführer aufstieg. Der Fälligkeitstermin für diesen Einlagenvertrag war der 27. September 2010. Leider gehörte Husson Fries zu den Todesopfern des Erdbebens in Indonesien im September 2009, bei dem mehr als 1.200 Menschen auf Geschäftsreise ums Leben kamen. Seit dem letzten Quartal 2010 Bis heute hat die Geschäftsführung meiner Bank nach Möglichkeiten gesucht, ihn zu erreichen, um festzustellen, ob er die Einzahlung verlängern oder die Vertragssumme zurückziehen wird. Als ich herausfand, dass dies passieren wird, habe ich versucht, mir ein Verfahren auszudenken, um diese Mittel zu erhalten und den Erlös für geschäftliche Zwecke zu verwenden. Einige Direktoren hier haben versucht, die Informationen über dieses Konto und den Eigentümer von mir zu erfahren, aber ich habe sie geschlossen gehalten, weil ich weiß, dass sie, wenn sie feststellen, dass Herr Husson zu spät kommt, die Gelder für sich selbst umleiten werden. Bitten Sie daher um Ihre Mitarbeit, um Sie als denjenigen zu präsentieren, der bei seinem Tod von seinem Fonds profitiert, da Sie den gleichen Namen haben, damit mein Hauptsitz die Mittel an Sie auszahlt. Ich habe genug Insidebank-Vereinbarungen getroffen, und Sie müssen nur Ihre Daten in das Informationsnetz in den Bankcomputern eingeben und Sie als seine nächsten Verwandten angeben. Wenn Sie diesem Vorschlag zustimmen, beabsichtige ich, dass Sie 50% der Mittel behalten während 50% für mich sein sollen. Bitte leiten Sie Ihre Antwort an mich weiter. Email===barclaysjames11@gmail.com

Soweit von mir – schöne Grüße von Pommes!

Entlarven oder ignorieren – was müssen die Öffentlich-Rechtlichen gegen Fake News tun?

Haben die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland eine besondere Aufgabe, etwas gegen Desinformation und Propaganda im Netz zu tun? Eine Frage, die man kontrovers diskutieren kann. Schließlich sind Medien in erster Linie dazu da, zu berichten, was passiert ist, und nicht, was nicht passiert ist. Ich finde diese Frage pauschal schwierig zu beantworten. Man könnte vermutlich seine ganzen Ressourcen darauf verwenden, um angebliche Nachrichten richtigzustellen.

Aber macht man damit nicht auch auf Meldungen aufmerksam, die besser gar nicht erst verbreitet würden? Patrick Gensing nennt es kontraproduktiv, jede dieser Meldungen in der 20-Uhr-Tagesschau vorzustellen.

Über das Thema haben auf der Republica diskutiert:

  • Ina Ruck, ARD-Korrespondentin in Russland, ehemals in den USA
  • Jan Schulte-Kellinghaus, rbb-Programmdirektor
  • Stefan Niggemeier, Übermedien
  • Patrick Gensing, Leiter Faktenfinder tagesschau.de
  • Anna-Mareike Krause, Head of Social Media, rbb

Moderation: Teresa Sickert

 

Bild lässt Greta Thunberg die Schule schwänzen, obwohl sie gar nicht mehr hin muss

Dass Greta Thunberg und die Schüler, die seit Wochen und Monaten freitags nicht in die Schule gehen, von Politikern und Journalisten diffamiert werden, ist nichts Neues.

Statt über deren Anliegen, nämlich mehr Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe, zu diskutieren, sprechen sie lieber darüber, dass die Schüler ihrer Schulpflicht nicht nachkommen – also schwänzen. Das ist ganz praktisch, weil es vom eigentlichen Thema ablenkt – klassisches Derailing, wie es von Trollen im Netz praktiziert wird, aber auch Politikern und Journalisten nicht fremd ist.

Auch die Bild-Zeitung nutzt dieses Framing und schreibt jetzt zum Beispiel:

Greta Thunberg (16) wird das kommende Schuljahr ganz schwänzen – um sich dem Kampf gegen die Klima-Krise zu widmen!

In der Überschrift heißt es zwar noch relativ neutral:

Allerdings verrät die URL, dass der Artikel ursprünglich mit anderem Titel online gegangen ist oder gehen sollte:

https://www.bild.de/politik/ausland/politik-ausland/greta-thunberg-klimaaktivistin-wird-ein-jahr-lang-die-schule-schwaenzen-62336250.bild.html

Und auch die Vorschau im Tweet von Kevin Kühnert zeigt das:

Allerdings weist Kühnert zurecht darauf hin, dass das so nicht stimmt. Denn Greta schwänzt nicht die Schule. Das würde nur gelten, wenn sie so gegen die Schulpflicht verstoßen würde – was sie aber nicht tut, wie die Bild selbst später im Artikel schreibt:

Um ihre Schulzeit mache sie sich keine Sorgen, sagte Thunberg. Sie werde einfach ein Jahr später aufs Gymnasium wechseln. Normalerweise stünde für die junge Schwedin im August der Wechsel auf eine weiterführende Schule an. In den ersten neun Jahren gilt Schulpflicht.

Interessanterweise schreibt die Bild im selben zuerst zitierten Satz aber auch von der Klimakrise – und nutzt damit ein stärkeres Framing als mit dem sonst üblicherweise oft genutzten Begriff Klimawandel. Ein Wandel kann in die eine oder andere Richtung gehen, also auch einen positiven Wandel bringen. Beim Klima geht es allerdings für uns Menschen in eine negative Richtung, deswegen sind Begriff wie Klimakatastrophe und Klimakrise aus Sicht derjenigen, die diesen bekämpfen wollen, passender.

Welche Folgen haben journalistische Recherchen?

Journalismus wirkt. Das hat diesen Monat die Veröffentlichung des Videos mit dem österreichischen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache gezeigt. Er ist als Vizekanzler und Parteichef zurückgetreten, die FPÖ-Minister haben die Regierung verlassen, im Herbst gibt es Neuwahlen. Selten hat journalistische Arbeit so schnell so deutliche Auswirkungen.

Aber auch die Panama und Paradise Papers, die Steuerbetrugsfälle von CumEx und Football Leaks haben teilweise Sensationelles zu Tage gefördert. Im Anschluss gibt es manchmal große Aufregung, aber oft verpufft ein aufgedeckter Skandal danach schnell wieder. Was können Journalisten mit investigativen Recherchen überhaupt noch ausrichten? Ich habe mich für @mediasres im Deutschlandfunk mit der Frage befasst.