Journalismus 2018: Die Zeit des Weiterreichens ist vorbei

Bei den Tutzinger Radiotagen vor zwei Wochen kam es an einer Stelle über mich und ich habe mich in einem dreiminütigen Monolog etwas echauffiert darüber, dass Journalismus im digitalen Zeitalter nicht mehr so funktionieren sollte wie früher, das aber viele noch nicht so sehen. Ich will kurz erklären, worum es mir geht.

Auslöser ist die Diskussion über Haltung im Journalismus. Dazu haben sich in den letzten Wochen und Monaten viele Kollegen geäußert – Sascha Lobo war dabei, Georg Restle, Stefan Winterbauer, Froben Homburger, Jay Rosen, Klaus Meier und einige andere. Die Befürworter sagen vereinfacht zusammengefasst, dass Journalisten natürlich eine Haltung haben müssten, wenn sie berichten, und sei es nur, dass sie sich an Werten wie Menschenrechte orientieren. Die Gegner sagen, Journalisten sollten sich damit begnügen, zu berichten, was ist, den Rest würden die Bürger schon selbst hinkriegen.

Das finde ich zum einen sehr kurzsichtig und zum anderen gefährlich. Sehr kurzsichtig, weil Journalisten nicht davon ausgehen sollten, dass ihre Leser, Hörer, Zuschauer alle Hintergründe zu jeder Meldung kennen und sofort einordnen können, in welchem Kontext sich „das Neue“ bewegt, das berichtet wird. Sehr kurzsichtig auch, weil die Journalisten damit zum einen ihre eigene Arbeit zu wenig wertschätzen – nach dem Motto: Warum soll ich mehr berichten als das, was passiert ist? Außerdem ist es arrogant anzunehmen, dass jeder Nutzer dieses Hintergrundwissen hat. Für sehr gefährlich halte ich es, weil die Nutzer sonst nicht in der Lage sind, sich eine fundierte politische Meinung zu bilden, wenn wir ihnen diese Hintergründe verweigern. Nicht-Wissen gefährdet die Demokratie – oder wie es die „Washington Post“ in ihrem Slogan sagt: „Democracy dies in darkness“.

In Tutzing habe ich vor allem dafür plädiert, Journalismus heute nicht mehr ausschließlich als Megaphon für Politiker zu verstehen. Früher erfuhren Bürger fast nichts, wenn Journalisten es ihnen nicht gesagt haben. Sie konnten keine Bundestagsdebatten verfolgen, sie kamen nur schwer in Kontakt mit Abgeordneten, sie waren nicht vor Ort, sie konnten kaum nachfragen und bekamen nur schleppend Antworten.

Dass das heute völlig anders ist (nebenbei m.E. eine Ursache für den Vertrauensverlust bei Teilen der Nutzer), verdanken wir dem Internet und der dadurch bedingten Weiterentwicklung der Medien. Statt nur einmal am Tag können Leser sich bei Zeitungen jederzeit über die aktuelle Lage der Welt informieren, statt linear können sie heute alles auch zeitversetzt konsumieren, dank Facebook und Twitter können sie in Kontakt mit Abgeordneten kommen oder Live-Videos vom Ort des Geschehens schauen, noch bevor Journalisten berichten. Politiker wenden sich über soziale Netzwerke direkt an ihre Anhänger – besonders die AfD macht das erfolgreich.

Einfach weiterreichen ist also keine Aufgabe von Journalisten mehr. Warum einen Tweet nur zitieren, wenn ihn jeder selber lesen kann? Deswegen schließe ich mich voll und ganz DLF-Kollegin Ann-Kathrin Büüsker an, die gerade heute genau das aufgeschrieben hat, was ich noch vorhatte:

Wir als Journalisten dürfen uns nicht zu Sprachrohren von Politiker*innen machen lassen, damit werden wir unserer Aufgabe nicht gerecht und machen uns überflüssig. Denn ihre Botschaften kann eine Politikerin heute viel bequemer über ihre Social-Media-Kanäle ausspielen. Ein kleines Video drehen, ab auf die Plattformen – schon ist die Botschaft in der Welt. Unsere Aufgabe muss es sein, diese Botschaft einzuordnen. Warum sagt sie, was sie sagt? Und stimmt das überhaupt? Wir brauchen keinen „he said, she said“-Journalismus, in dem wir schamlose Lügen und provokante Statements von Populist*innen multiplizieren. Das entspricht nicht nur nicht unserem journalistischen Auftrag, ich halte es letztlich sogar für demokratiegefährdend.

Journalisten sind also heute (zumindest außerhalb des schnellen Nachrichtengeschäfts) weniger als früher dazu da, Ereignisse und Meinungsäußerungen einfach nur kontextlos weiterzureichen; sie müssen sie erklären und einordnen.

Im Fall von Donald Trump hat sich das reine Weiterleiten bereits als problematisch erwiesen, findet der US-Journalismusforscher Jay Rosen. Und er sagt auch, dass, wer über Rechtspopulismus einfach nur berichte, Teil von ihm werde.

Das ist die Gefahr, die Ann-Kathrin andeutet und die auch ich sehe: Wenn Populisten die Reflexe von Journalisten triggern und wir immer wieder darauf anspringen, macht das was mit der öffentlichen Diskussion in der Demokratie: Journalisten geben das Framing von Populisten weiter (trotz Negierung), Debatten verschärfen sich und machen Probleme unlösbarer, die Grenze des Sagbaren verschiebt sich (das Overton Window, siehe Video), grundlegende Menschenrechte werden verletzt (von der Würde des Menschen über die Pressefreiheit bis hin zum Asylrecht).

Demokratische Werte und soziales Miteinander sind ohnehin schon in Mitleidenschaft gezogen worden. Wenn Journalisten sich daran beteiligen, das zu verschärfen, ist damit nur den Scharfmachern gedient. Deshalb meine Forderung: Die Zeit des (reinen) Weiterreichens (von Informationen) ist vorbei. Ohne Einordnung geht es nicht.

Süchtig nach schneller Belohnung und mehr Selbstwertgefühl

Kinder und Jugendliche seien deutlich häufiger abhängig von Smartphones und Spielen als Erwachsene, sagte der Lübecker Suchtforscher Hans-Jürgen Rumpf im Deutschlandfunk. Im Kampf gegen den Kontrollverlust sei neben den Eltern auch die Industrie gefragt. Für @mediasres habe ich mit Rumpf gesprochen.

Tutzinger Radiotage: Wie Podcasts das Radio beleben

Immer mehr neue Podcasts kommen auf den Markt – von Verlagen, Streaminganbietern und Privatpersonen. Innovative Audio-Formate werden zunehmend außerhalb der Radiosender entwickelt. Die profitieren aber trotzdem davon. Darüber habe ich für @mediasres im Deutschlandfunk berichtet – mit O-Tönen auch von den Tutzinger Radiotagen.

Tutzinger Radiotage: Herausfordernde Zeiten fürs Radio

(Foto: Stefan Fries)

In Tutzing haben Radiomacher aus ganz Deutschland über die Zukunft der Branche diskutiert. Wie umgehen mit Hass, wie mit der AfD und welche sind die Hörgewohnheiten der Zukunft? Ich habe im WDR5-Medienmagazin „Töne, Texte, Bilder“ über die Tagung erzählt.

Tutzinger Radiotage: Die neue Audio-Liebe

Mit den Tutzinger Radiotagen hat sich gestern auch noch „Was mit Medien“ bei Deutschlandfunk Nova beschäftigt. Die Tage wurden nämlich von einem Team namens „Junge Talente“ begleitet. Was sie über die Tagung berichtet haben, findet sich hier.

Und bei „Was mit Medien“ haben sie noch mal ausführlich über die drei Tage in Tutzing berichtet. Dabei werde ich anfangs auch zitiert – als „Die erste Meinung“. Nach einem Vortrag zum Thema Framing habe ich mich nämlich zur Rolle des Journalismus heute geäußert.

In Zeiten, in denen Politiker und Prominente mit empörenden Zitaten die Meinung der Öffentlichkeit steuern, müssen Journalisten gegenhalten. Wir brauchen mehr als Kurzmeldungen, die einfach nur die Aussagen von Politikern durchgeben, ohne sich weiter mit ihnen zu beschäftigen. So darf man zum Beispiel rassistische Beleidigungen nicht einfach wörtlich wiederholen, sondern muss sie auch so benennen, ohne das Narrativ einschleifen zu lassen. „Die Zeit des Weiterreichens ist vorbei.“

Ergänzend hatte Ann-Kathrin Büüsker, Redakteurin und Moderatorin beim Deutschlandfunk, gesagt: Wir müssen weg davon, immer nur zu melden, was jemand in der Politik sagen. Wir müssen stattdessen häufiger sagen, warum jemand etwas sagt.

Das schon mal vorab, demnächst werde ich dazu noch etwas ausführlicher schreiben.

Tutzinger Radiotage: Rezepte für die Zukunft

(Foto: Stefan Fries)

Dass viele Menschen morgens vom Radio geweckt werden, ist Alltag in Deutschland. Genauso selbstverständlich könnte es werden, dass man sich mit seinem Radiogerät unterhält. Bei den Tutzinger Radiotagen wurde über aktuelle Trends diskutiert. Mein Beitrag über #tura18 in @mediasres im Deutschlandfunk.

Tutzinger Radiotage: Ist Podcast das neue Radio?

Radio hatte lange das Monopol aufs Hören. Diese Zeiten sind vorbei. Immer mehr Podcasts erobern den Markt – und zwar ausdrücklich nicht nur von Radiosendern, sondern auch von Verlagen und Streaming-Anbietern.

Im März 2017 ist Spiegel online mit dem Podcast „Stimmenfang“ gestartet – ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl. Bei den Tutzinger Radiotagen hat Reporterin Sandra Sperber davon erzählt. Sie macht den Podcast zusammen mit ihrer Kollegin Yasemin Yüksel.

Sandra Sperber von Spiegel online stellte ihren Podcast „Stimmenfang“ vor. (Foto: Stefan Fries)

Ihre erste Folge beschäftigte sich mit den „Wutwählern“. Die Methode ist spannend: Sandra hat sich für die erste Folge durch die Spiegel-online-Foren gewühlt, 20 Leser angeschrieben und mit fünf von ihnen in der ersten Podcast-Ausgabe gesprochen, um herauszufinden, was sie bewegt. Auch für andere Ausgaben haben sie gezielt Hörer angesprochen, sich bei ihnen zu melden – etwas, was sie gerne immer wieder machen. Dazu eignen sich besonders Themen wie Jungwähler, Lehrermangel, Hebammen, wo betroffene Hörer gesprochen werden. Damit verfolgen sie die Strategie, Politiker wieder von der Perspektive der Bürger her zu erzählen und nicht von der der Politiker.

Christian Lindner ruft an

Sandra ist auch wichtig, mit dem Podcast transparent zu machen, wer die Journalisten hinter den Texten sind: Wer schreibt da eigentlich, wie klingt er, wie schätze ich seinen Charakter ein? Und: Was passiert hinter den Kulissen? Gezeigt hat sich das etwa in der Folge vom 23. November 2017, in der das Handy von Spiegel-Redakteur Severin Weiland klingelte. Es rief an: FDP-Chef Christian Lindner. So könne man zeigen, dass Journalisten auch die Handynummern von Politikern haben, wie sie miteinander reden, so Sandra, die auch eine Zahl verriet: Im Jahr 2007 seien „Stimmenfang“ und die anderen Spiegel-online-Podcasts „Netzteil“, „Hörweite“ und der Debatten-Podcast von Sascha Lobo insgesamt 4,6 Millionen mal gespielt worden.*

Aus ihrer Arbeit erzählten in Tutzing auch Tina Hüttl und Jenni Roth. Sie haben für die Axel-Springer-Akademie die Podcastserie „Alyom“ geleitet. Die Vorgabe sei damals lediglich gewesen, dass die Volontäre gemeinsam etwas über syrische Kinder erzählen. Dabei mussten sich die Volontäre zunächst mit dem Format Audio vertraut machen, haben dann aber tatsächlich ein ordentliches Feature abgeliefert. Im Laufe der zunächst sechs Folgen sind auch die Volontäre selbst aufgetaucht, wollten sie doch ihren Protagonisten, einen zwölfjährigen Jungen, der bei dem weltweit bekannt gewordenen Giftgasangriff auf Chan Scheichun am 4. April 2017 in Syrien fast seine ganze Familie verloren hat. Die Volontäre in Berlin haben mit einem Reporter in Syrien zusammengearbeitet, der ursprünglich Kameramann war, den der Krieg aber zum Reporter gemacht hat.

Tina Hüttl und Jenni Roth und ihr Podcast-Projekt „Alyom“. (Foto: Stefan Fries)

Die Strategie von Audible

Auch Tim Kehl von der Amazon-Audiostreamingplattform Audible hat die Podcasts seines Hauses vorgestellt. Audible bietet vor allem Hörbücher und Hörspiele an, die man streamen kann – nicht nur fremde Produktionen, sondern auch selbst in Auftrag Gegebenes. Als der Podcast zu boomen begann, habe sich auch Audible darauf eingestellt, hat Tim in Tutzing erzählt. Ende 2015 sei die Entscheidung für das Podcast-Programm gefallen. Die Podcasts sollten exklusiv bei Audible zu hören sein, im Abo enthalten sein, es sollten mehr als zwanzig neue starten und sie sollten wöchentlich erscheinen.

Per Marktforschung habe Audible versucht herauszufinden, für was es einen Markt gibt. So seien etwa Nachrichten und Reportage genannt worden, aber kein bestimmtes Format. Ob jemand, der sich für Comedy interessiert, eher lustige Gespräche oder eher Sketch-Comedy mag, sei dabei offen geblieben. Aussagekräftig seien erst Tests mit fertigen Dummys gewesen, die Nutzern vorgespielt wurden.

Audible unterscheidet emnach fünf verschiedene Formate: Talk-Show (wie etwa „Fest & Flauschig“), Interview (wie „WTF“), Documentary (wie „Serial“), Instructional (wie „ESL“) und Magazin (wie „The Daily“ von der New York Times). Auf dieser Grundlage seien dann Formate entwickelt worden, etwa „Sagen was ist – der Spiegel-Podcast“, „brandeins. Das Gespräch mit Jörg Thadeusz“ und „Juwelen im Morast der Langeweile“ mit Micky Beisenherz und Oliver Pollack. Im November 2017 wurde das Programm gestartet, inzwischen gibt es etwas mehr als 30 Podcasts bei Audible.

Vom Radio zum Podcast

Marc Krüger ist Audioredakteur bei t-online.de (bzw. Voice-Redakteur) und entwickelt dort Audioformate für das Nachrichtenportal. Nach vielen Jahren bei verschiedenen Radiosendern ist er zu t-online gewechselt, wo er damit anfangen konnte, seine vielen Ideen, für die er im Radio keinen Platz gefunden habe, endlich umzusetzen, erzählt Marc bei den Tutzinger Radiotagen.

Inzwischen arbeiten 75 Redakteure bei t-online.de, Marc ist der einzige für Audio. Entwickelt haben sie einen täglichen Podcast am Morgen, den „Tagesanbruch“, parallel zum gleichnamigen Newsletter von Chefredakteur Florian Harms, allerdings eingesprochen von einem Sprecher.

Mit Harms spricht Marc auch am Samstag in einem längeren Podcast. Dass der Chef dabei mitwirkt, habe Signalwirkung auch innerhalb der Redaktion gehabt, weil jetzt auch vermehrt andere Kollegen mitmachen wollten und Leuchten in den Augen bekomme, so Marc.

Ist Podcast das neue Radio?

Ich würde sagen: Jein. Die Formen, die im Podcast vorkommen, sind nicht grundsätzlich neu: Gespräch, Hörertalk, Feature, Hörspiel. Alles Gattungen, die das Radio seit fast hundert Jahren bietet. Neu ist allerdings, dass die Formate im Podcast möglicherweise nicht so streng vorgegeben sind wie im klassischen Radio – vor allem, was die Länge angeht. Auch die Präsentation kann persönlicher sein, denn die Hörsituation sei eine andere, sagt Radiomacherin Sandra Müller zurecht. Man höre mit Kopfhörern, sei also nah dran – auch in intimen Situationen: im Auto, im Bett, in der Badewanne. Natürlich nicht immer, aber eben auch, anders als etwa mit klassischem Radioprogramm.

Auf eine Definition, was ein Podcast ist, wurde verzichtet. Ich finde, dass de Begriff im Moment ein Hybrid ist: Er beschreibt ursprünglich nur einen Ausspielweg, auf diesem haben sich aber – gerade deswegen – eigene Formen und Eigenheiten entwickelt, die auch dafür sprechen, ihn als Genrebegriff zu benutzen: die Authentizität der Protagonisten, die intime Hörsituation (wie Sandra sagt), der Verzicht auf unbedingte Perfektion, die Darstellung nicht nur von Rechercheergebnissen, sondern auch vom Rechercheverlauf. Und mehr.

 

Korrektur: Zunächst hatte ich versehentlich geschrieben, dass allein „Stimmenfang“ 4,6 Millionen mal gespielt worden sei. Es geht aber um alle vier Spiegel-online-Podcasts.

Tutzinger Radiotage: Journalisten müssen Frames genauso checken wie Fakten

Wie wichtig Sprache in der öffentlichen Auseinandersetzung ist, haben die letzten Tage besonders deutlich gezeigt. Gab es in Chemnitz nun eine „Hetzjagd“ oder nicht? Was ist eigentlich eine Hetzjagd? Ab wieviel Meter ist es eine? Wie unterscheidet sie sich von „Jagdszenen“? Und lenkt diese Diskussion über Sprache nicht vom eigentlichen Inhalt ab?

Bei den Tutzinger Radiotagen hat Friederike Herrmann von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt darauf hingewiesen, dass jedes Wort bei uns einen sprachlichen Frame eröffnet. Es gibt keinen objektiven Sinn von Wörtern, wir schöpfen aus unserer Erfahrung, was wir damit verbinden – nicht nur aus unserer individuellen, sondern aus unserer kollektiven Erfahrung als Gruppe, die sich unterhält.

Ihre Thesen:

These 1: Frames sind Deutungsrahmen, die den Informationen, die Sie wahrnehmen, Sinn geben.

Aus den Worten erschaffen wir einen Sinn.

These 2: Framing beschreibt Wirklichkeit nicht nur, es erschafft sie. Die Welt, wie wir sie wahrnehmen, ist das Produkt von Frames.

Woran denken Sie, wenn Sie nicht an einen rosa Elefanten denken sollen? Genau an den.

These 3: Die Negierungsfalle: Frames lösen sich nicht dadurch auf, dass man gegen sie verneint. Im Gegenteil: Die Wiederholung von Frames führt dazu, dass sie sich in den Köpfen vefestigen – selbst wenn man gegen sie argumentiert.

Eine Negation funktioniert nicht, denn in ihr wird die eigentliche Aussage wiederholt. Vom Satz „Ausländer sind nicht krimineller als Deutsche“ bleiben nur die inhaltlichen Frames übrig, die die Schlagworte „Ausländer“ und „kriminell“ transportieren. Das „nicht“ funktioniert bei uns nicht.

These 4: Frames prägen unbemerkt unser Weltbild. Durch Frames kann unbemerkt Ideologie – z.B. in Form von rechtspopulistischen Behauptungen – in Sprache und Denken von Medien, Bürgerinnen und Bürgern einfließen.

Es geht um Begriffe wie „Flüchtlingswelle“ und „Überfremdung“, die eine negative Konnotation haben, aber mittlerweile wie selbstverständlich im politischen Diskurs verwendet werden. CSU-Chef und der heutige Bundesinnenminister Horst Seehofer benutzt seit 2015 – wohl mehr bewusst als unbewusst – solche Begriffe, wenn er von „Herrschaft des Unrechts“ spricht oder von Migration/Migrationspolitik als „Mutter aller Probleme“. Auch Söders/Dobrindts „Asyltourismus“ fällt in diese Kategorie.

Friederike Herrmann fordert, dass Journalisten solche Frames genauso routiniert überprüfen sollten wie sie das mit Fakten tun.

These 5: Man kann nicht nicht framen.

Jeder Begriff ruft einen Frame auf, einen Rahmen. Herrmann verweist auf das Bild eines Glases, das zur Hälfte mit Wasser gefüllt ist. Ist es halb voll oder halb leer? Wie formuliert man es neutral? Das Beispiel zeigt, wie schwierig es sein kann, ohne Frames zu berichten – oder mit solchen, die möglichst wenig vorgeben.

These 6: Frames müssen in der Wahrnehmung verankert sein.

Frames lassen sich nicht beliebig setzen, man braucht einen Resonanzboden, an den man andocken können muss.

Zusammenfassung

Medien sind in die Journalisten meistens unbewusste Dynamik eingebunden, Frames von Politik und öffentlichen Diskursen zu transportieren. Politiker kämen mit ihren Rahmensetzungen nicht weiter, wenn Journalisten sie nicht wörtlich zitieren bzw. ihre Aussagen so weitergeben würden. Frames zu beschreiben, bietet die Chance, darüber aufzuklären und sie bewusst zu machen. Wird ein Frame erkannt und beschrieben, kann man sich seiner Deutungsmacht entziehen.

So bastelt man sich das gewünschte Umfrageergebnis

Stellen Sie sich vor, Sie wollen gute Nachrichten verkünden, arbeiten aber in einer Branche, in der das etwas schwierig ist. Sagen wir mal, in der Atomwirtschaft. Oder in der Dieselbranche. Oder bei einem Zeitungsverlag.

Wenn sie für den gute Zukunftsaussichten verkünden wollen, können sie Print natürlich in einer Pressemitteilung in hohen Tönen loben. Aber dass der Verlag sich selbst gut findet und will, dass das auch in Zukunft so ist, ist natürlich keine Nachricht. Also fragen Sie doch einfach ein paar Leute, was die so glauben. Eine Umfrage macht sich immer gut, klingt wissenschaftlich (wenn sie von einem sogenannte Umfrageinstitut kommt – schon der Name!) und ist leicht zu verdauender Content, den auch Nachrichtenagenturen gerne aufgreifen.

Jetzt überlegen Sie, was Sie fragen wollen. Sagen wir mal: Kaufen Sie Zeitungen? Nee, das ist blöd, das kann man ja an Auflagen und Verkaufszahlen feststellen. Dann besser: Kaufen Sie in zehn Jahren noch gerne Zeitungen? Nee, auch nicht gut, das will und kann heute sicher keiner sagen. Das Ergebnis stünde uns dann wohl nicht so gut zu Gesicht. Dann so: Haben Zeitungen Zukunft? Oder etwas plakativer: Sind Printmedien in zehn Jahren tot? Und das lassen wir dann bewerten.

Das hat den Vorteil, dass die Leute Prognosen abgeben müssen, obwohl sie keinerlei Kenntnis des Marktes haben – das kann nur gut für uns sein. Und sie müssen die Zeitung nicht mal selber kaufen – es reicht, dass sie glauben, das genug andere das tun. Sehr gut, das nehmen wir.

Ein Blick in die Glaskugel

Und als Antwortmöglichkeiten? „Weiß nicht“ ist blöd, das würden zu viele sagen, das lassen wir mal weg. „Ja“ und „Nein“ ist vielleicht etwas simpel, zumal die Leute ja nicht vom Fach sind – am Ende legen sie sich auf das falsche fest. Also nehmen wir

  • trifft voll und ganz zu
  • trifft eher zu
  • trifft eher nicht zu
  • trifft ganz und gar nicht zu.

Dann können wir am Ende jeweils zwei Blocks zusammenrechnen und kriegen trotzdem unser Ja oder Nein. Sehr gut. Dann also mal los.

Keine Ahnung, ob sich „Next Media Hamburg“, die „Standortinitiative der Hamburger Digital- und Medienwirtschaft“, ihre Umfrage so ausgedacht hat. Sie hat aber Statista für sie danach fragen lassen- mit diesem Ergebnis:

Bewerten Sie folgende Aussage: Printmedien sind in zehn Jahren tot.

  • 42 %: Trifft eher nicht zu
  • 15 %: Trifft ganz und gar nicht zu
  • 9 %: Trifft voll und ganz zu
  • 34 %: Trifft eher zu

Sieht also ganz gut aus für die Zeitungen. Zusammengerechnet 57 Prozent sagen, dass es ihn zehn Jahren eher noch Printmedien gibt. Ist natürlich eine unqualifizierte Prognose von Fachfremden. Und weil die ja nicht mal sagen mussten, ob sie selbst in zehn Jahren noch Zeitungen kaufen, fällt sie auch nicht so schlecht aus.

Und dann ist das Gute ja auch, dass man diese Zahlen auch noch gewagt interpretieren kann. Next Media schreibt nämlich:

Mehr als die Hälfte der Deutschen hält an Print-Produkten wie der Tageszeitung fest!

Nach Festhalten wurde natürlich nicht gefragt. Gefragt wurde lediglich, ob die Leute glauben, dass es sie in zehn Jahren noch gibt. Das heißt aber nicht, dass sie selbst sie in zehn Jahren noch kaufen werden.

Mehr als eine Behauptung ist diese Interpretation also nicht. Lustigerweise schreibt Nextmedia selbst:

Behauptet ist vieles ganz schnell. Dass Print tot ist, zum Beispiel. Dass dem nicht so ist, zeigt die repräsentative Studie, die Statista im Auftrag von nextMedia.Hamburg durchgeführt hat.

Nö, zeigt sie nicht. Aber wenn man so eine Botschaft brauchen würde, könnte man sie sich ja bestellen.