Denkfallen für Journalisten

Der Kollege Ralf Heimann hat Ende des Jahres aufgeschrieben, was ich gerne zustande gebracht hätte: Er hat sich mit Denkfehlern und Denkfallen beschäftigt, mit denen wir als Menschen immer wieder zu tun kriegen. Für uns als Journalisten ergibt sich daraus aber eine besondere Verantwortung, denn wenn wir solche Fehler machen, kann das große Auswirkungen haben.

Ralfs Serie ist im Bildblog erschienen. Die achtteilige Reihe findet sich hier komplett oder in folgenden Teilen:

Teil 1: Fehlerforschung: Jeder zweite Artikel hat Mängel

Teil 2: Heuristiken: Riskante Schleichwege fürs Denken

Teil 3: Der Bestätigungsfehler: Die Erwartung macht das Ergebnis

Teil 4: Herdentrieb: Immer den anderen hinterher!

Teil 5: Dunning-Kruger: Wer nichts weiß, weiß nicht mal das

Teil 6: Storyformat: Das Format formt die Wirklichkeit

Teil 7: Das Zeugenproblem: Die Erinnerung ist eine Wikipedia-Seite

Teil 8: Fehlerkultur: Was Redaktionen von Piloten lernen können

Die Kunst des guten Interviews (16): Wie Franz Josef Strauß Journalisten angriff

„Zunächst muss ich mir leider die Bemerkung erlauben, dass diese Ihre eben gezeigte, von mir verfolgte Sendung tendenziös ist!“ Wenn ein Interview so anfängt, darf man wohl davon ausgehen, dass es turbulent wird. So geschehen mit dem bayerischen CSU-Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß im MONITOR-Kreuzfeuer. Damals wurde noch gestritten!

Die WDR-Redaktion „Monitor“ hat schon vor ein paar Jahren ein paar Ausschnitt aus einem Interview mit Strauß online gestellt, in dem dieser gegen die fragenden Journalisten keilt.

Auch dafür hatte ich leider keinen Platz in meiner Sendung über „Die Kunst des guten Interviews“.

Die Supermärkte waren voll – auch wenn Medienbilder das Gegenteil suggeriert haben

Im März haben wir darüber diskutiert, ob Hamsterkäufe nötig oder unnötig sind. Von Seiten der Regierung wie der Supermärkte und Handelsverbände hieß es immer, die Versorgung sei sichergestellt, Supermärkte dürften weiter geöffnet haben, es gebe keine Knappheit. Diese würde höchstens dadurch hergestellt, dass viele Leute den Eindruck haben, es gäbe im Supermarkt nichts mehr, dadurch über Bedarf kaufen und anderen die Waren damit wegnähmen.

In diesem Zusammenhang gab es ein gutes Beispiel dafür, wie Journalisten über Framing mit Bildern den gegenteiligen Effekt dessen erzielen können, den sie eigentlich anstreben.

Im März hatte sich Bundesernährungsministerin Julia Klöckner erneut zur Versorgungslage geäußert. Die Tagesschau hat darüber in ihrer 20-Uhr-Ausgabe folgendermaßen berichtet:

Was zeigen uns die Bilder? Weniger Kundschaft im Café, Schlangen auf dem Wochenmarkt, Bilder von leeren Regalen aus sozialen Netzwerken abgefilmt. Der Off-Text des Autors dazu:

Im Netz kursieren immer mehr Bilder von leeren Regalen, suggerieren einen Notstand, der nicht vorhanden sind. Sind Regale heute leer, sind sie Montag wieder voll, auch wenn nicht alles laut einigen Supermarkthändlern gleich am Morgen da ist.

Damit wird im Off-Text genau das Gegenteil dessen behauptet, was die Bilder vorher gezeigt haben. Auf der in ihrer Wirkung viel stärkeren Bild-Ebene wird das Gerücht also bestätigt (und weiterverbreitet), dass es in einigen Supermärkten in einigen Regalen keine Waren mehr gibt. Wie wenige Regelmeter betroffen sind oder wie wenige Supermärkte und wie schnell dort nachgefüllt wurde, wird in Bildern nicht transportiert. Es werden auch keine vollen Regale gezeigt.

Die sachlichen Aussagen im Bericht sind alle richtig, die Bilder zeigen aber das Gegenteil – und bleiben stärker haften als der Off-Text des Autors und der O-Ton der Ministerin.

Solche Bilder wären viel sinnvoller gewesen:

Warum die Autokaufprämie eigentlich gar keine Prämie ist

Eine Prämie kann ich mir verdienen – oder sie gewinnen. Zum Beispiel, wenn ich in meiner Firma besonders gute Leistungen erbracht habe – oder beim Lotto richtig getippt habe – oder für etwas geehrt werde.

Was Autoindustrie und manche Politiker jetzt fordern, ist aber weder das eine noch das andere. Ich bekomme gar nichts obendrauf.

Mein Beitrag für unsere neue @mediasres-Sprachrubrik „Sagen & meinen“.

Die Kunst des guten Interviews (15): Warum man eine Abgeordnete fragen kann, was sie im Parlament verloren habe

Ich habe in der ZiB2 in 13 Jahren schon weit über 1.000 Politiker-Interviews geführt. Und ich habe dabei noch nie einen Parlamentarier gefragt, was jemand „wie Sie im Parlament verloren“ hat. Aber ich würde es jeden Parlamentarier (egal welcher Partei) wieder fragen, der bereits wegen Verhetzung rechtskräftig verurteilt wurde, Menschen öffentlich als „Neger“ mit „genetischen Problemen“ bezeichnet, „die zionistischen Geld-Juden für das Problem“ hält, alle paar Tage wirre Verschwörungsfantasien publiziert, von seiner Partei rausgeworfen wird – und trotzdem auf seinem Mandat beharrt.

So schreibt es ORF-Moderator Armin Wolf in seinem Blog, nachdem er 2015 ein viel beachtetes Interview mit der FPÖ-Abgeordneten Susanne Winter geführt hatte. Und in dem geht es sehr konfrontativ zu.

Kritisiert wurde er vor allem für diese Frage:

Sie wurden wegen Verhetzung rechtskräftig verurteilt. Sie nennen Schwarzafrikaner „Neger“. Und behaupten allen Ernstes „Schwarze hätten wegen ihrer Gene zu wenig Selbstbewusstsein“. Sie finden, man müsse „den Islam über das Mittelmeer zurückwerfen.“ Sie halten „die zionistischen Geldjuden weltweit für ein Problem.“ Sie halten den Klimawandel für „eine Erfindung von Atomindustrie und Lügenpresse.“ Sie haben auf Facebook praktisch jede Verschwörungstheorie ‚geliked‘, die man überhaupt finden kann. Und Sie meinen tatsächlich: „Wir alle werden von einer totalitären Minderheit kontrolliert.“ Was hat jemand wie Sie im Parlament verloren?

Und zwar – nach den vielen Belegen – vor allem die eigentliche Frage, was jemand wie Winter im Parlament verloren habe. In seinem Blog (Link oben) erklärt Wolf ausführlich, warum er diese Frage gestellt hat, und verweist auch ausführlich auf eine historische Gerichtsentscheidung in Österreich, dass solche Frage selbstverständlich zulässig sind.

Warum wir weder Ausgangssperren noch den „totalen Lockdown“ haben

Shutdown, Lockdown – während der Corona-Pandemie werden in den Medien viele Begriffe für die Einschränkungen im öffentlichen Leben verwendet. Bisher hat es in Deutschland allerdings keine Shut- oder Lockdowns gegeben. Der Shutdown meint in den USA das Stilllegen der Bundesverwaltung; Lockdown ist lediglich die Übersetzung für Ausgangssperre. In Deutschland gibt es nur Ausgangsbeschränkungen. Wenn Politiker, Medien oder Wirtschaftsexperten von Ausgangssperre, Shutdown oder Lockdown sprechen, stellen sie die Situation also extremer dar, als sie ist – und verfolgen damit vielleicht eigene Interessen.

Darum geht es in meiner ersten Folge der neuen @mediasres-Reihe „Sagen & meinen – der Sprachcheck“ – kann man hier hören (Dlf-Audiothek).

Sagen & meinen – der Sprach-Check bei @mediasres

Das „Familiendrama“, Trumps „Friedensplan“, die „Klimakrise“: In den Medien setzen sich Begriffe fest, ohne hinterfragt zu werden.

Dabei ist ein Familiendrama höchstens ein Streit über den Hausputz, aber keinesfalls ein Dreifachmord an Frau und Kindern. Für einen „Friedensplan“, der diesen Namen verdient, müssten zumindest alle befragt worden sein, die Frieden schließen sollen. Und kann man wirklich noch verharmlosend von einer „Krise“ sprechen, wenn wir – wissenschaftlich untermauert – nur noch zehn Jahre haben, um das Klima auf diesem Planeten zu retten? Wir sitzen denen auf, die uns mit  dem „Gute-Kita-Gesetz“ die Bewertung von politischen Vorhaben gleich mitliefern wollen.

Journalistinnen und Journalisten sagen das eine, meinen aber in Wirklichkeit etwas ganz anderes. Deswegen haben wir die neue Rubrik bei @mediasres im Deutschlandfunk „Sagen & meinen“ genannt. Sie nimmt solche Begriffe aufs Korn. Wir erklären, welcher „Frame“ damit verbunden ist, dass in manchen Fällen nicht einmal der rhetorische Griff zum „so genannt“ hilft und welche Wort-Alternative es gibt. Kurz, knapp und vor allem aktuell zeigen wir auf, worin der Unterschied besteht zwischen Sagen und Meinen.

In Schleswig-Holstein ist gegebenenfalls jemand zurückgetreten. Weiß man aber nicht so genau. Können wir aber schon mal melden.

Ist der Innenminister von Schleswig-Holstein jetzt eigentlich noch Mitglied der Landesregierung? Man würde es gerne wissen, jetzt, wo die Frage im Raum steht.

Aber der „Spiegel“ zeigt mal wieder, dass es gar nicht so leicht ist, das genau herauszufinden, denn wie fast immer bei einem Rücktritt machen Journalist*innen nicht unbedingt klar, wie eigentlich der Stand der Dinge ist.

In seiner Eilmeldung (von mir abgerufen um 14.40 Uhr, beim Klicken wahrscheinlich schon aktualisiert) stehen drei Informationen, die nicht alle gleichzeitig richtig sein können:

  1. bietet Rücktritt an
  2. hat Rücktritt eingereicht
  3. ist zurückgetreten

Im Text heißt es:

Hat Grote seinen Rücktritt nur informell angeboten? Hat er ihn formell eingereicht? Braucht er überhaupt die Zustimmung des Ministerpräsidenten, um aus dem Amt zu gehen? Würde er unter Umständen im Amt bleiben? Ist er doch zurückgetreten und schon raus?

Ich weiß es nicht – und die Meldung hilft mir auch nicht weiter.

Die Kunst des guten Interviews (14): Blinde Flecke

In meiner Sendung über „Die Kunst des guten Interviews“ habe ich mich vor allem auf das Handwerk konzentriert und wenig über Inhalte gesprochen. Natürlich kann man Interviews aber auch auf inhaltliche Aspekte hin auswerten – und sollte das natürlich auch tun, denn Interviewer wählen ja nicht per se die richtigen, entscheidenden Fragen, reagieren im Gespräch nicht angemessen auf ihre Interviewpartner usw.

Im Jahr 2018 hat das Boris Rosenkranz von Übermedien getan, als er sich ansah, worüber in den damaligen Sommerinterviews eigentlich geredet wurde.

Die Kunst des guten Interviews (13): Wie Moderatoren gegen Framing vorgehen

Politiker versuchen, ihre Themen auch durch Begriffe zu besetzen. Wer die sprachliche Hoheit über ein Thema erlangt, kann auch die Inhalte leichter bestimmen. Ganz besonders deutlich wird das in PR-Begriffen wie „Gute-Kita-Gesetz“ oder „Widerspruchslösung“, mit der Bundesfamilienministerin Franziska Giffey ihrem Gesetz einen wohlklingenden Namen und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn aus seinem Plan zur Organspende gleich eine Lösung statt nur eine Regelung machten.

Auch in Interviews versuchen Politiker, solche Begriffe zu setzen. Dann bedarf es aufmerksamer Interviewer, um solche Begriffssetzungen deutlich zu machen und zu hinterfragen, wenn sie sich schon – da live – nicht verhindern können.

So sprach Bayerns Ministerpräsident Markus Söder im Jahr 2018 in einem Interview von „Asyltourismus“ – und ZDF-Moderatorin Marietta Slomka hakte nach.

Zwar konnte Söder gleich wieder an sein Thema anschließen und ließ sich nicht darauf ein, sich für den Begriff zu rechtfertigen, aber Slomka konnte immerhin deutlich machen, dass Söder einen euphemistischen Begriff für eine oft tödliche Flucht nutzte.

Ähnlich ARD-Moderator Ingo Zamperoni in einem Interview mit der CDU-Politikerin Julia Klöckner, die auf seinen Einwand allerdings merkwürdig reagierte.

(ab Minute 8:16)

Auch diesen Aspekt habe ich in meiner Sendung über „Die Kunst des guten Interviews“ nicht mehr untergekriegt.