Kreis Gütersloh ist nicht wieder im „Lockdown“

Mittlerweile kann man den Begriff „Lockdown“ offenbar auf alles anwenden, wenn es um Beschränkungen in der Corona-Krise geht. Vor allem NRW-Ministerpräsident Armin Laschet hat ihn immer wieder verwendet, aber im Laufe der Zeit völlig verwässert. Denn was er bezeichnet,

  • unterliegt ständigem zeitlichen Wandel: was vor vier Monaten ein Lockdown war, unterscheidet sich sehr von dem, was es heute ist
  • hängt sehr vom Ort ab: in Italien und Spanien war das, was man dort Lockdown nannte, sehr viel extremer als hier, weil die Menschen ihre Wohnungen dort höchstens noch für den Weg zur Arbeit, zum Arzt, zur Apotheke, zum Supermarkt oder um jemandem zu helfen verlassen durften
  • ist eigentlich englischen Ursprungs und meint dort „Ausgangssperre“, die gab es in Deutschland aber nur sehr lokal galt.

Deswegen habe ich mich damit schon vor zwei Monaten für den Sprachcheck im Deutschlandfunk damit beschäftigt:

Einen Shutdown hatten wir dagegen in Deutschland nie. In den USA meint das das Stilllegen der Bundesverwaltung, wenn es kein neues Haushaltsgesetz gibt.

Wir hatten also keinen Shutdown, geschweige denn seine Steigerung: den totalen Lockdown. Wenn Politiker, Medien oder Wirtschaftsexperten von Ausgangssperre, Shutdown oder Lockdown sprechen, stellen sie die Situation extremer dar, als sie ist – und verfolgen damit womöglich Interessen.

Wenngleich ich mir bei den Interessen mittlerweile nicht mehr sicher bin. Mir kommt die Kommunikation von Laschet nicht sonderlich stringent vor.

Denn hatte er im April noch Gründe, von einem „totalen Lockdown“ zu reden, den er ja beenden wollte, wäre es heute in seinem Sinne, die Sache differenzierter darzustellen, um sich Unterstützung dafür vor allem von den betroffenen Menschen im Kreis Gütersloh zu sichern.

Die Maßnahmen dort sind nämlich nicht ganz so streng wie im März, mal davon abgesehen, dass sie eben nicht landes- oder bundesweit gelten, sondern nur regional. So bleiben zum Beispiel Geschäfte und Restaurants geöffnet.

Auch wegen solcher Unterschiede verdeckt der Begriff „Lockdown“, was genau eigentlich gerade gilt. Differenzierter lässt sich einfach darstellen, was jetzt verboten wurde bzw. was noch gilt. Ein schwammiger Begriff wie „Lockdown“ hilft dabei nur begrenzt.

Für Online extra scharf gemacht: Wie die „Welt am Sonntag“ mit einer Umfrage polarisiert

Welcher Einstieg in einen Artikel zieht Sie mehr an?

Variante 1:

Die Mehrheit der Deutschen lehnt es ab, die deutsche Sprache durch neue Regeln zu ergänzen, die zu einer stärkeren Berücksichtigung unterschiedlicher Geschlechter in der Grammatik führen sollen.

Variante 2:

Die Mehrheit der Deutschen lehnt es ab, die deutsche Sprache zwanghaft zu verweiblichen.

Egal, wie man zum Thema steht, Variante 2 wird die meisten von uns wohl stärker triggern.

Es sind zwei Varianten eines ansonsten weitgehend ähnlichen Textes, den die „Welt am Sonntag“ bereits Anfang Juni veröffentlicht hat. Sie hat Infratest Dimap eine Umfrage durchführen lassen, in der es um die Akzeptanz bestimmter Formen der geschlechtergerechten Sprache geht. Um die scheint es den Zahlen zufolge nicht gut bestellt, aber dazu später mehr.

Online-Fassung polarisiert

Interessant ist, dass sie ihre Ergebnisse in diesen zwei Varianten präsentiert: Die erste ist die Variante für die Print-Ausgabe der „Welt am Sonntag“, die zweite die Online-Fassung.

Unterschiede gibt es nicht nur beim Einstieg, sondern auch an weiteren Stellen, etwa bei der Überschrift. Im Print heißt es:

Mehrheit der Deutschen lehnt „Gender“-Sprache ab

Online mit Betonung eines anderen Aspekts:

Mehrheit der Frauen will keine Gendersternchen

Im Print lautet der Vorspann:

56 Prozent der Bevölkerung sind gegen Binnen-I und Gendersternchen. Talkmaster Markus Lanz: Solche Formalismen seien „Unfug“. Befürworter dagegen halten die deutsche Sprache für „ausgrenzend“

Online fehlen im Vorspann die Argumente der Befürworter, stattdessen vertritt die Redaktion die Argumente der Gegner:

Eine Umfrage im Auftrag der WELT AM SONNTAG zeigt: Die Mehrheit der Deutschen hält nichts von Binnen-I und Gendersternchen, mit denen politische Aktivisten ihre Mitbürger erziehen wollen. Kritiker sprechen von „Gender-Unfug“.

Online wird im Vorspann die geschlechtergerechte Sprache ausschließlich negativ dargestellt; Formulierungen wie „zwanghafter Verweiblichung“, Erziehung durch politische Aktivisten und „Gender-Unfug“ finden sich dagegen im Print-Artikel nicht. Online fehlt außerdem ein Absatz mit Argumenten für eine geschlechtergerechte Sprache der Schriftstellerin und Übersetzerin Andrea Paluch, der den Print-Artikel ausgewogener macht.

Problematische Fragestellung

Mal davon abgesehen, dass die „Welt am Sonntag“ mit ihrem Artikel gegen den Pressekodex verstößt (Richtlinie 2.1), weil sie die Metadaten der Umfrage nicht veröffentlicht, ist die Interpretation der Ergebnisse nicht von der Umfrage selbst gedeckt. Wie man bei Infratest Dimap nachlesen kann, wurde gefragt:

Nun eine Frage zur geschlechterneutralen Sprache, also der sogenannten Gendersprache. Dafür wird beispielsweise beim ‚Binnen-I‘ nicht von Wählerinnen und Wählern, sondern in einem Wort von ‚WählerInnen‘ gesprochen, d.h. mit kurzer Pause vor dem ‚i‘. Außerdem werden beispielsweise aus den Zuhörern die Zuhörenden. Wie stehen Sie zur Nutzung einer solchen Gendersprache in Presse, Radio und Fernsehen sowie bei öffentlichen Anlässen? Befürworten Sie dies voll und ganz, eher, lehnen Sie dies eher ab oder voll und ganz ab?

(Quelle: Infratest Dimap, https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/umfragen/aktuell/vorbehalte-gegenueber-genderneutraler-sprache/)

Welche Antworten Befragte geben, hängt immer auch von der Wortwahl der Fragestellung ab (und von den Antwortmöglichkeiten, die hier keine neutrale Position zulässt, nur eine Enthaltung). Dabei lässt es sich nicht immer komplett vermeiden, über die Wortwahl eine bestimmte Sicht zu transportieren. Hier wurden „geschlechterneutrale Sprache“ und „Gendersprache“ als Begriffe gewählt; man hätte auch von „geschlechtergerechter Sprache“ reden können und den Begriff „Gendersprache“, der gerade bei ablehnenden Kreisen ein gewisses Triggerpotenzial hat, vermeiden können.

Problematischer finde ich, dass hier einerseits ganz allgemein nach der Verwendung solcher Formen gefragt wird, aber dann nur zwei davon tatsächlich benannt werden, obwohl es sehr viele Varianten geschlechtergerechter Sprache gibt. Ich gehe davon aus, dass, je nachdem, welche Varianten man zur Auswahl stellt, man unterschiedlich viel Zuspruch für die Formen bekommen könnte. Alle über einen Kamm zu scheren, heißt aber, dass die Befragten ihre Meinung anhand einiger der polarisierendsten Varianten äußern sollen, wenngleich sie durchaus einige Formen begrüßen würden.

Zu weitgehende Interpretation

Aber selbst, wenn wir diesen Aspekt außen vor lassen, begeht die „Welt am Sonntag“ m.E. einen Fehler in der Interpretation dieser Ergebnisse. Denn die Frage wurde sehr spezifisch gestellt: nach geschlechterneutraler Sprache im Allgemeinen und zwei Varianten davon im Speziellen. Im Text heißt es aber:

Demnach halten 56 Prozent der Bevölkerung nichts vom „Gendern“ von Begriffen durch ein großes Binnen-I, ein Gendersternchen oder einen Unterstrich in journalistischen und literarischen Texten sowie in politischen Reden.

Dabei wurde nach dem Gendersternchen oder einem Unterstrich überhaupt nicht gefragt, und es ist auch nicht erkennbar, ob den Befragten diese Varianten bekannt waren. Deswegen ist schon der Einstiegssatz (hier zitiert aus Print, nicht zu schweigen von Online, s.o.) eine zu weitgehende Interpretation:

Die Mehrheit der Deutschen lehnt es ab, die deutsche Sprache durch neue Regeln zu ergänzen, die zu einer stärkeren Berücksichtigung unterschiedlicher Geschlechter in der Grammatik führen sollen.

Dabei gibt es durchaus mehr Varianten „geschlechtergerechter Sprache“, mit denen die Befragten vielleicht mehr anfangen könnten, wie ein Blick zum Beispiel auf genderleicht.de zeigt. Neben Doppelformen („Lehrer und Lehrerinnen“) sind das auch neutrale Formen („Team“, „Personal“) oder eine Umformulierung des Satzes.

Die Polemik in der Online-Variante zeigt m.E. aber, worauf es der „Welt am Sonntag“ ankam: eine Verächtlichmachung dieser Varianten der geschlechtergerechten Sprache, gestützt durch eine Umfrage, die das Ergebnis nicht hergibt.

Die Ironie der Gegner

Nebenbei bemerkt: In beiden Texten kommt die Schriftstellerin Monika Maron zu Wort, die so zitiert wird:

Die politische Bereinigung der Sprache ist eine geradezu diktatorische, auf jeden Fall eine ideologische Anmaßung, die nur Leute mit Hoheitsgewalt durchsetzen können: in Behörden, Rathäusern, Universitäten, öffentlich-rechtlichen Sendern

Woher die Hoheitsgewalt in öffentlich-rechtlichen Sendern kommt, erschließt sich mir nicht. Aber die Ironie solcher Äußerungen liegt ja darin, dass Gegner solcher Entwicklungen in der Sprache beklagen, dass andere ihnen angeblich vorschreiben wollen, wie sie zu reden haben. Sie dagegen tun nichts anders: Sie wollen den Befürwortern solcher Entwicklungen vorschreiben, wie sie zu reden haben – auf jeden Fall nicht so.

Warum man nicht von „Rassenunruhen“ sprechen kann

Seit Wochen demonstrieren vor allem in den USA zehntausende Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt. Um die Bewegung zusammenzufassen, wird in einigen Medien von „Rassenunruhen“ gesprochen. Doch neutral ist dieser Begriff nicht – und er benennt nicht treffend, was wirklich passiert, findet Annika Schneider in ihrem Beitrag zur Reihe „Sagen & Meinen – Der Sprach-Check“ im Deutschlandfunk.

Argentinische Regierung hat Informationen über Journalisten gesammelt

In Argentinien hat die Regierung in den Jahren 2017 und 2018 Informationen über Journalistinnen und Journalisten gesammelt. Es handelte sich um die Regierung des damaligen Präsidenten Mauricio Macri, die mittlerweile abgewählt ist. Mit unserem Korrespondenten Ivo Marusczyk in Buenos Aires habe ich in @mediasres darüber gesprochen, über wen genau welche Informationen gesammelt wurden und welche Folgen das hatte.

Regierungschefs der Länder stimmen für höheren Rundfunkbeitrag

Im kommenden Jahr soll der Rundfunkbeitrag um 86 Cent pro Monat steigen – auf dann 18,36 Euro. Voraussetzung ist, dass alle mitmachen, die darüber zu entscheiden haben. Heute haben die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer schon mal Ja gesagt und den entsprechenden Vertrag unterzeichnet. Ich habe für @mediasres mit unserem Experten für Rundfunkpolitik, Christoph Sterz, über die Entscheidung gesprochen.

„Kinderpornographie“ ist kein Porno

Lügde, Bergisch Gladbach, Münster – immer wieder berichten Medien über Kindesmissbrauchsfälle. Oft ist dann auch die Rede von „Kinderpornographie“. Doch der Begriff ist unpassend und verharmlost Gewalt gegen Kinder. Mein Beitrag für den Sprachcheck „Sagen & Meinen“ im Deutschlandfunk.

Die Grenzen des Sagbaren

So frei reden wie in Deutschland kann man global gesehen nicht in vielen Ländern. In Autokratien und Diktaturen im Nahen und Mittleren Osten zum Beispiel riskiert man mal mehr, mal weniger, wenn man sich frei äußert: in Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien und Libanon zum Beispiel. Mit unserem langjährigen Kairo-Korrespondenten Carsten Kühntopp habe ich in @mediasres im Deutschlandfunk über die Grenzen des Sagbaren in diesen Ländern gesprochen.

Findet Steingarts Geschäftsmodell Nachahmer?

Selten wurde eine neue Medienmarke mit so viel Pathos eingeführt wie die von Gabor Steingart, dem früheren Chefredakteur und Herausgeber des Handelsblatts. Man beachte nur dieses Werbevideo auf Englisch für ein deutsches Medienangebot mit dem wiederum englischen Namen „Media Pioneer“. Gabor Steingarts Tochter deklamiert in schwarz-weiß in die Kamera, ihr Vater aus dem Off.

Über das Video hat neulich schon Stefan Niggemeier bei Übermedien alles gesagt, was man dazu überhaupt noch sagen kann. Oder wie er es formuliert:

Man kann es sich nicht vorstellen, wenn man es nicht gesehen hat. Man kann es sich nicht einmal vorstellen, wenn man es gesehen hat.

Herr Steingart, das Pathos ist schon wieder leer!

Steingarts Slogan lautet: „100 Prozent Journalismus. Keine Märchen“. Beides hält er nicht ein, hat sich in den vergangenen Wochen immer wieder gezeigt. Dokumentiert hat das unter anderem der frühere Journalist und heutige Digitalberater Thomas Knüwer.

Er hatte sich im Januar vorgenommen, ein halbes Jahr die Fakten in Steingarts Newsletter „Morning Briefing“ zu überprüfen. Jetzt schreibt er: „Ich gebe auf. Ich kann nicht mehr. Es reicht. Gabor Steingart hat gewonnen.“

Ich hab mit Thomas Knüwer für @mediasres im Deutschlandfunk darüber gesprochen (Audio-Link), warum – und was man zum Geschäftsmodell Gabor Steingart sagen kann.

 

Wie Sprache die politische Wirklichkeit formt

Schon lange war nicht mehr so wichtig, wie Politikerinnen und Politiker mit Bürgerinnen und Bürgern sprechen. In der Corona-Krise haben sie wochenlang alle paar Tage über die Maßnahmen gesprochen, die sie ergriffen haben. Wer wissen wollte, welche Regeln gerade gelten, musste ihnen zuhören – wenn auch vermittelt über die Medien.

Wie kommunizieren Politiker in Corona-Zeiten und wie eigentlich grundsätzlich? Darüber habe ich für das Deutschlandfunk-Medienmagazin @mediasres mit dem Sprachwissenschaftler Sascha Michel von der Universität Erfurt gesprochen (Audio-Link).

USA: Polizei greift auch Journalistinnen und Journalisten an

Die Reaktionen auf den Tod des Afroamerikaners George Floyd in den USA werden immer heftiger. Mit großer Härte gehen Polizisten offenbar nicht nur gegen Demonstranten vor. Auch Journalisten werden von Sicherheitskräften brutal angegriffen, verletzt, sogar beschossen, wie etwa der Deutsche-Welle-Reporter Stefan Simons.

Vorige Woche hatten Polizisten den schwarzen CNN-Reporter Omar Jimenez festgenommen – vor laufender Kamera. Er war von Polizisten umkesselt und bot mehrmals an, mit seinem Team auszuweichen, wo immer ihn die Polizisten hinschicken würden. Sie schickten ihn nicht weg, sondern nahmen ihn und sein Team fest – weil er nicht habe gehen wollen. Später entschuldigte sich der Gouverneur bei CNN. Die Szene ist hier zu sehen:

Über das Vorgehen und die Angriffe von Polizistinnen und Polizisten genauso wie von Demonstrantinnen und Demonstranten habe ich in @mediasres im Deutschlandfunk mit unserem Korrespondenten Jan Bösche in Washington gesprochen.