„Sie haben eine differenzierte Meinung“ – wäre bloß die Frage nicht so undifferenziert

Hier mal wieder ein Beispiel dafür, dass viele Umfragen im Netz nicht sonderlich zielführend sind. t-online.de fragt – eingebunden in einen Beitrag über die Leistungen der öffentlich-rechtlichen Sender – danach, ob der Rundfunkbeitrag erhöht werden sollte.

(Screenshot: https://www.t-online.de/digital/id_84136290/hoerspiele-orchester-co-das-steckt-alles-in-17-50-euro-rundfunkbeitrag.html)

Darauf könnte man zwei einfache Antwortmöglichkeiten geben: Ja und Nein. Das wäre sauber gewesen. Stattdessen wird diesen Antwortmöglichkeiten aber jeweils noch eine Begründung beigefügt, die vielen das Antworten unmöglich machen dürfte. Denn ich könnte durchaus Ja oder Nein sagen wollen, aber jeweils mit einer anderen Begründung.

Nur mal als Beispiel: Hinter Nein könnten sich mindestens diese drei Deutungen verstecken:

  1. Nein, er ist jetzt schon zu hoch.
  2. Nein, er sollte gesenkt werden.
  3. Nein, er ist angemessen.

Stattdessen hat sich die Redaktion nur für eine Option entschieden, die ich aber gar nicht teilen muss. Auch für Ja gäbe es sicher mehr Auswahlmöglichkeiten.

Nun ist die Umfrage eingebunden in einen Artikel über die Leistungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, plattes Bashing vermute ich dahinter nicht – und eine Beeinflussung in Richtung Nein kann man dem Artikel auch nicht entnehmen. Die Umfrage zeigt aber mal wieder exemplarisch, welche begrenzte Aussagekraft diese spezielle Form hat – und dass es den Machern nicht (immer) um seriöse Ergebnisse geht.

Lustig ist, dass man nach dem Abstimmen das automatische Lob bekommt, man habe eine differenzierte Meinung. Wo doch die Frage so undifferenziert ist.

Der unverzerrte, wirklichkeitsnahe Journalismus des „Medien-Kommissars“

Es ist schon erstaunlich, mit welchen Argumente manche Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks arbeiten. Es gäbe so viel Kritikwürdiges nicht nur bei den Sendern selbst, sondern auch an der Art und Weise, wie die Politik mit ihnen umgeht. Immer wieder aber weichen die Kritiker auf Nebengleise auf, raunen verschwörerisch und verzerren die Wirklichkeit.

Hans-Peter Siebenhaar, der sogenannten „Medien-Kommissar“ beim Handelsblatt, schreibt etwa in seiner Kolumne am Montag über das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Rundfunkbeitrag von voriger Woche:

Ohnehin hat die Entscheidung unter Ferdinand Kirchhof, seit 2010 Vorsitzender des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts, einen fahlen Beigeschmack. Ferdinand Kirchhof ist nämlich der sieben Jahre jüngere Bruder von Paul Kirchhof, dem prominenten Kronzeugen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Paul Kirchhof schrieb im April 2010 im Auftrag der ARD, des ZDF und des Deutschlandradios ein „Gutachten über die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“. Dabei kam Paul Kirchhof zu der Auffassung, es sei rechtens, auch bei denen zu kassieren, die gar kein öffentlich-rechtliches Programm konsumieren.

Mehr als Andeutungen hat Siebenhaar aber auch nicht parat, wenn er Ferdinand Kirchhof in Sippenhaft für seinen Bruder nimmt – also einen Hinweis, dass Ferdinand sich bei seiner Entscheidung von Paul hat beeinflussen lassen und damit Recht gebeugt. Stattdessen raunt Siebenhaar nur.

An einer anderen Stelle schreibt er:

Beispielsweise berichtete das Bayern-5-Medienmagazin des Bayerischen Rundfunks am Sonntag über den Karlsruher Richterspruch in Form eines Interviews mit dem Medienjournalisten Daniel Bouhs. Die Macher der Sendung suggerieren einen scheinbar unabhängigen Fachmann. Tatsächlich steht der Interviewgast aber bei ARD und Deutschlandfunk in Lohn und Brot. Nach eigener Aussage verdient er sein Geld vor allem im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Dieses Abhängigkeitsverhältnis wird dem Hörer des Bayerischen Rundfunks freilich verschwiegen.

Das ist schon perfide. Wie man bei B5 nachhören kann (was die wenigsten Siebenhaar-Leser tun werden), wird Daniel als Medienjournalist vorgestellt – und es wird keineswegs suggeriert, er sei ein scheinbar unabhäniger Fachmann. Daniel berichtet über Urteil und Reaktionen. Das journalistische Radioformat nennt man Kollegengespräch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Siebenhaar als „Der Medien-Kommissar“ das nicht weiß.

Nicht der Bayerische Rundfunk suggeriert seinen Hörern, Daniel sei ein Interviewpartner, sondern Siebenhaar seinen Lesern. Das ist schon perfide. Aber irgendwie auch lustig, wenn man Siebenhaars letzten Absatz liest:

Unverzerrter, wirklichkeitsnaher Journalismus, wie ihn Karlsruhe von den Rundfunkanstalten eindringlich einfordert, sieht anders aus.

Vom Handelsblatt fordert Karlsruhe diesen Journalismus nicht.

Ach ja, eins noch: Hans-Peter Siebenhaar arbeitet übrigens für die Zeitung, für die er schreibt. Dieses Abhängigkeitsverhältnis wird dem Leser des Handelsblatts freilich verschwiegen.

 

Offenlegung (speziell für Herrn Siebenhaar): Ich arbeite als Medienjournalist für Sender von ARD und Deutschlandradio und auch öfter mal mit Daniel Bouhs zusammen.

Kölner Stadt-Anzeiger lässt Ihnen keine Wahl, sich auf Kylie Minogue zu freuen

Der Kölner Stadt-Anzeiger demonstriert mal wieder, wie sinnbefreit manche dieser User-Engagement-Umfragen sind. Zu einem Artikel vom Montag darüber, dass Kylie Minogue für ein Konzert nach Köln kommt, werden die Nutzer gefragt, ob sie Fan von Kylie Minogue sind.

Die Antwortmöglichkeiten: Ja und ja. Oder so formuliert:

Von ihrer Musik nicht, aber ich finde sie sehr attraktiv.

Ja. Die Musik macht Laune.

Von ein bisschen Sexismus mal abgesehen: Zu welchen Erkenntnissen will man eigentlich mit solchen Umfragen kommen?

Später wurde die Umfrage übrigens geändert. Jetzt hat man eine etwas bessere Wahl.

welt.de übernimmt ARD-Inhalte für eigene Webseite

Ein ARD-Journalist schreibt einen Kommentar – und Medien des Springer-Verlags drehen fast durch. So geschehen am Montag.

Da hat Malte Pieper, Hörfunk-Korrespondent in Brüssel, in einem Kommentar den Rücktritt von Bundeskanzlerin Merkel gefordert. So weit, so unspektakulär; das Kommentieren von Politik und Zeitgeschehen gehört schließlich zum journalistischen Alltag. bild.de und auch der gedruckten „Bild“ von heute war das jedoch einige Aufregung wert. Wie falsch die „Bild“ die Sache darstellt, hat Moritz Tschermak hier im Bildblog aufgeschrieben.

Und Klaus Raab hat sich bei Übermedien etwas grundsätzlicher mit dem Eifer auseinandergesetzt, mit dem die Springer-Medien gegen den Kommentar vorgehen und auch Bild-Chefredakteur Julian Reichelt sich mit ARD-Journalistinnen beschäftigt. Raab schreibt dort auch:

Bemerkenswert ist weniger die Dreistigkeit, den Kommentar eines nicht zum eigenen Verlag gehörenden Journalisten online hinter der Paywall zusammenzufassen, also dafür Geld zu nehmen, sondern vielmehr, dass „Bild“ ihn auch noch falsch ankündigt: „Hier ist das erste deutsche Fernsehen mit der Rücktrittsforderung! Ta-ta-Ta-ta-ta-taaaa!“, lautete der erste Satz des „Bild“-Texts.

Dabei sind die Bild-Medien sogar noch zurückhaltend gewesen. Denn auch dem Schwestermedium welt.de war der Kommentar einen Bericht wert. Und auch die Kollegen dort verhalten sich etwas merkwürdig und titeln ähnlich irreführend wie die Bild-Kollegen:

„ARD-Journalist fordert Merkels Rücktritt“

Warum dieser eine von täglich vielleicht einem Dutzend Kommentaren in den 64 Radioprogrammen von ARD, ZDF und dem Deutschlandradio (allein im Deutschlandfunk laufen werktäglich drei) welt.de einen eigenen Artikel wert ist, schreibt „jr“ (so das Kürzel unter dem Artikel) nicht deutlich.

Zumal der Artikel noch viel mehr als der bei bild.de über weite Strecken eine Art Plagiat des Original-Kommentars ist, also gar keine inhaltliche Auseinandersetzung damit stattfindet. Die Argumentation wird über große Strecken wörtlich und in Anführungszeichen übernommen, an anderen Stellen wird in indirekter Rede paraphrasiert.

Wie großflächig die Übernahme war, habe ich hier markiert. Das sind alle Stellen aus dem ARD-Kommentar, die sich entweder direkt oder indirekt bei welt.de finden.

Die Gegenprobe zeigt, dass der welt.de-Artikel nach einer Einleitung nur aus dem paraphrasierten oder wörtlich zitierten tagesschau-Kommentar besteht. Die Übernahmen sind gelb zitiert.

Nun ist es üblich, dass Journalisten sich auf die Arbeit von Kollegen berufen und fremde Erkenntnisse in eigene Artikel und Beiträge einarbeiten. Dass aber ein einziger Kommentar eines Autors, in dem noch nicht mal etwas Neues steht, praktisch zu einem anderen Kommentar umgearbeitet wird, ist ungewöhnlich.

Sieht so die Einigung zwischen Verlegern und öffentlich-rechtlichen Sendern aus, was das deren Online-Angebot angeht? Ein ARD-Korrespondent schreibt einen Kommentar, den dann anschließend welt.de fast vollständig übernimmt? Denn angesichts der Tatsache, dass vor allem Springer-Chef Mathias Döpfner die öffentlich-rechtlichen Sender immer wieder als „Staatsfunk“ bezeichnet hat, die durch Rundfunkgebühren bezahlt werden, ist es interessant, dass sich hier die welt.de-Redaktion an rundfunkbeitragfinanzierten Inhalten vergreift und diese wieder werbefinanziert an ihre Nutzer ausspielt.

Es scheint sich einzureihen in eine Reihe von neuen Attacken gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Haben die Redaktionen noch nicht mitbekommen, dass Döpfner inzwischen mit den ÖR-Chefs die Friedenspfeife geraucht hat?

Keine eindeutige Mehrheit für CSU-Politik – Spiegel online interpretiert das aber anders

Die Überschrift ist natürlich ein Eyecatcher:

Mehrheit will CSU-Politik – aber mit Merkel als Kanzlerin

titelt Spiegel online. Der Text gibt das aber gar nicht her. Warum nicht?

Die Überschrift suggeriert, es gebe eine Mehrheit, die die CSU-Politik will und gleichzeitig Merkel als Kanzlerin. Darin liegt natürlich ein Widerspruch angesichts des derzeitigen Streits zwischen CDU und CSU, in dem ja ausgerechnet die CDU-Politikerin Angela Merkel die Position der CSU in der Migrationspolitik ablehnt.

Darin liegen aber zwei Fehldeutungen: Zum einen wurde gar nicht explizit nach der CSU-Politik gefragt, sondern nach verschiedenen Aspekten, die durchaus unterschiedlich beurteilt wurden. Zum anderen handelt es sich nicht um eine deckungsgleiche Mehrheit von Menschen, die beides gleichzeitig wollen, sondern um eine Mehrheit für die CSU-Politik einerseits und um eine Mehrheit für die Kanzlerin andererseits.

Zahlen geben keine Mehrheit für CSU-Politik her

Erst mal zu Punkt 1: Die Redaktion leitet ihre Zusammenfassung, was CSU-Politik ist, aus Antworten zu verschiedenen Fragen ab: einmal 57 Prozent, die für einen erschwerten Zugang von Flüchtlingen nach Deutschland sind, einmal 61 Prozent, die genau wie die CSU Flüchtlingen an der Grenze zurückweisen wollen, die schon in einem anderen EU-Land registriert wurden. Wichtiges Element der CSU-Politik ist aber auch die Frage, ob Deutschland versuchen sollte, die Flüchtlingsproblematik eher auf nationaler Ebene oder gemeinsam mit den EU-Partnern zu lösen. Da teilen nur 25 Prozent die CSU-Linie, die Frage solle national gelöst werden; 68 Prozent sagen, dass dies nur auf europäischer Ebene möglich ist – was wiederum die Position Angela Merkels ist.

In zwei von drei Aspekten der CSU-Politik gibt es also eine Mehrheit, bei einem wichtigen Aspekt aber nicht. Daraus schlusszufolgern, eine Mehrheit sei für die CSU-Politik, wo es zumindest Widersprüche gibt, finde ich nicht zulässig.

Mehrheit für CSU-Politik und Merkel ist nicht deckungsgleich

Jetzt zum anderen Aspekt: Auf die Frage, ob Merkel Bundeskanzlerin bleiben soll, antworten 58 Prozent mit Ja – also in derselben Bandbreite wie bei den ersten beiden Fragen. Da liegt es nahe, zu denken, dass das fast dieselbe Gruppe sei wie die, die die CSU-Positionen unterstützen.

Das muss aber nicht so sein und lässt sich zumindest an dem veröffentlichten Zahlenmaterial nicht ablesen: Von den 58 Prozent für Merkel können rechnerisch 43 Prozentpunkte gegen einen erschwerten Zuzug sein – dann wären nur die übrigen 15 Prozentpunkte sowohl für eine CSU-Position als auch für Merkel. Der Widerspruch wäre also längst nicht so groß wie von Spiegel online suggeriert.

Interessant in dem Zusammenhang ist die Reihenfolge, in der Spiegel online die Ergebnisse präsentiert: zunächst die beiden Mehrheiten für CSU-Positionen, dann die Mehrheit für Merkel, dann eine Mehrheit gegen eine CSU-Position. Hätte man die Ergebnisse zu CSU-Positionen zusammen präsentiert, wäre der Widerspruch aufgefallen – aber die Überschrift nicht mehr möglich gewesen.

Umfragedesign transparent gemacht

Um zum Schluss zu loben: Spiegel online hat transparent (und ohne Nachfrage) das Umfragedesign offengelegt, also mitgeteilt, wann wie viele Leute befragt wurden, ob die Umfrage repräsentativ ist und wie Fragestellung und Antwortmöglichkeiten lauteten. Ohne diese Angaben, die größtenteils vom Pressekodex gefordert werden, hätte ich die Aussagekraft dieser Umfrage nämlich gar nicht auf diese Weise einschätzen können.

Das (un)zuverlässige Zitat

Über die Satireaktion der Titanic von Freitag ist schon viel geschrieben worden. Ja, es war Satire. Ja, das Ziel war wohl, aufzudecken, wie unseriös in manchen Redaktionen gearbeitet wird. Ja, das liegt nicht nur an den einzelnen Journalisten, sondern auch an Arbeitsverdichtung und personeller Unterbesetzung. Geschenkt.

Ich finde einen Aspekt entscheidend, der mich gerade noch in anderer Hinsicht beschäftigt: Es geht um das mitgelieferte Zitat, das Titanic-Redakteur Moritz Hürtgen bei seinem Tweet mitgeliefert hat.

Es kommt nämlich als Bildkachel daher. Eine mittlerweile ziemlich beliebte Form, ein Zitat zu vertwittern – beliebt nicht nur bei Journalisten, sondern auch bei PR- und Presse-Abteilungen. Mehr als das Zitat selbst wird dabei in der Regel nicht mitgeliefert, sondern einfach eine Aussage in die Welt gesetzt, die dann ihre Wirkung entfalten soll.

Versehen mit dem Logo des Hessischen Rundfunks (wenn auch als Fake erkennbar an der nicht existierenden Redaktion „Tagesgeschehen“) verbreitet die Kachel offenbar genug Glaubwürdigkeit, um zumindest ein paar Medien in die Irre zu führen.

Problematisch finde ich die Kacheln eher, weil sie populistische Aussagen unterstützen. Indem einfach besonders knallige, weil prägnante Zitate in die Welt gebracht werden – per Twitter, Facebook usw. – ohne journalistische Einordnung, machen sich Journalisten damit zu nichts anderem als eine Social-Media-Abteilung des Politikers oder der Partei. Doch dazu später mal mehr.

Susanna

Ich habe ja schon mehrmals darauf hingewiesen, wie gut ich es finde, dass die Kollegen vom Deutschlandfunk-Podcast „Der Tag“ immer wieder thematisieren, wie sie über die Themen diskutiert haben, die dann im Podcast vorkommen oder nicht. Aber nicht nur da, sondern auch im Radio.

Das haben sie auch vorige Woche ausführlich in einer Ausgabe gemacht. Am Freitag haben Ann-Kathrin Büüsker und Jasper Barenberg aus der aktuellen Redaktion des Deutschlandfunks auseinandergenommen, warum dieser einzelne Kriminalfall der ermordeten 14-jährigen Susanna aus Mainz Thema im Deutschlandfunk geworden ist – nicht nur im Podcast, sondern auch im Radio.

Ann-Kathrin schreibt dazu:

Wir haben heute intensiv in der Redaktion darüber diskutiert, warum das so ist und warum wir auch die Nationalität des Tatverdächtigen nennen. Einen kleinen Ausschnitt dieser Diskussion versuchen wir im Podcast transparent zu machen.

Sie nehmen dabei auch Bezug auf die journalistisch umstrittene Schlagzeile der Bild-Zeitung, bei der im Titel der Verdächtige schon zum Mörder gemacht wurde, während nur im kleinen Text darunter von einem Verdacht gesprochen wird.

Ein guter Einblick in redaktionelle Diskussionen.

Nur weil Gauland anderen die Würde nimmt, darf man ihm nicht seine nehmen

Und nochmal schreibe ich über Alexander Gauland, diesmal jedoch in anderer Angelegenheit. Heute wurde bekannt, dass Gauland schon vergangene Woche Dienstag bestohlen worden ist. Er war nach einem Bericht der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ) in der Nähe seiner Wohnung in Potsdam ins Wasser gegangen. Währenddessen habe ein Unbekannter am Ufer der wilden Badestelle Gaulands Kleidung bestohlen – mit dem Ruf „Nazis brauchen keinen Badespaß“, so Gauland. Jetzt ermittelt der Staatsschutz.

Problematisch ist das Foto, das die MAZ zum Beitrag veröffentlicht hat. Es zeigt nämlich Gauland in Badehose, aufgenommen von hinten und offenbar aus größerer Entfernung (zu schließen aus der Auflösung des Fotos), wie er von einer Polizistin begleitet nach Hause geht. Als Quelle des Fotos wird „privat“ angegeben. Offenbar hat ein Passant das Foto gemacht.

Ich finde es journalistisch nicht gerechtfertigt, das Foto zu veröffentlichen, weil es ehrverletzend ist. Gauland hat sich selbst nicht auf diese Weise öffentlich gezeigt, sondern ist durch den mutmaßlichen Diebstahl dazu genötigt worden. Auch wenn er öffentliche Person ist, gibt es keinen Grund, ein Foto von ihm aus dieser privaten Situation zu veröffentlichen. Da hat es schon eindeutige Urteile gegeben.

Bei Twitter habe ich dazu viel Häme gelesen. Selbst als Kollegen das Foto problematisierten, stellte sich bei den Kritisierten kein Unrechtsbewusstsein ein. Gespeist wurde es vor allem aus der Tatsache, dass Gauland selbst keine Probleme hat, sich öffentlich ehrverletzend (und schlimmer) über andere zu äußern, insofern dürfe sich niemand darüber beschweren, dass ihm seine Ehre hier genommen werde.

Auch nicht besser als Gauland

Aber: Wollen wir denn wirklich dieselben niederträchtigen Methoden nutzen wie Gauland? Wollen wir uns herablassen, auf eine Stufe mit ihm? Müssten wir nicht vielmehr gerade deshalb genau den Regeln des Anstands folgen, die wir bei Gauland vermissen?

Die Würde des Menschen ist unantastbar – und sie gilt auch für diejenigen, die nicht danach handeln und sie abschaffen wollen.

Das ist manchmal schwer zu akzeptieren, aber es ist eine große Errungenschaft unserer Demokratie, die wir nicht opfern sollten, nur weil ihre Feinde es wollen.

Ich bin gespannt, wie sich die Märkische Allgemeine Zeitung dazu äußert. Auf eine Anfrage per Twitter meinerseits haben weder Redaktion noch Chefredakteurin Hanna Suppah bisher geantwortet. Dafür hat die MAZ zwar einen Artikel mit Reaktionen verfasst und in den Teaser geschrieben: „es gibt aber auch kritische Töne“. Das kritische Foto thematisiert der Artikel allerdings nicht.

Es hätte nicht geschadet, Gauland ausführlicher zu zitieren – im Gegenteil

Soll man über jedes der berühmten Stöckchen springen, das einem die AfD hinhält? Am Wochenende haben viele Kollegen in Artikeln und Tweets darüber diskutiert, wieviel Aufmerksamkeit man der Äußerung von AfD-Fraktionschef Alexander Gauland schenken sollte.

Ich gebe zu, dass ich da lange unentschieden war und auch jetzt noch nicht völlig überzeugt von einer der beiden Extrempositionen: entweder die Aussage komplett zu ignorieren, um ihm keine unnötige Aufmerksamkeit zu geben, oder sie als nicht hinnehmbar zu skandalisieren. Tatsächlich spricht viel für letzteres, denn ein Skandal sind die Äußerungen ja. Dass Gauland sich schon zuvor rassistisch und geschichtsvergessen geäußert hat, sollte dabei keine Rolle spielen: Nur weil seine Aussagen in der Substanz nicht neu sind, sind sie nicht weniger skandalös.

Mir geht es im Rahmen der Diskussion um einen Aspekt, der eher am Rande vorkommt, wenn überhaupt: Gehen wir Journalisten richtig mit der Aussage um? Auslöser für den Skandal waren ja diese Worte Gaulands am Wochenende:

Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahre erfolgreicher deutscher Geschichte.

Wenn ich das richtig mitbekommen habe, sind sie durch einen Tweet der Deutschen Welle in dieser Kurzform zuerst in die Welt gesetzt worden.

Gauland hat diesen Satz aber nicht losgelöst gesprochen, sondern sie waren eingebettet in eine Rede. Gibt man dem Ausschnitt etwas mehr Kontext, lautete die Aussage so:

Wir haben eine ruhmreiche Geschichte. Daran hat vorhin Björn Höcke erinnert. Und die, liebe Freunde, dauerte länger als die verdammten zwölf Jahre. Und nur, wenn wir uns zu dieser Geschichte bekennen, haben wir die Kraft, die Zukunft zu gestalten. Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die zwölf Jahre. Aber, liebe Freunde, Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahre erfolgreicher deutscher Geschichte.

Dass die AfD-Fraktion dieses Zitat in einer Mitteilung auf ihrer Homepage verfälscht, ist die eine Sache. Aber sollten wir Journalisten Gauland nicht in Gänze zitieren, um unserer Verantwortung einer sachlich zutreffenden Berichterstattung gerecht zu werden? Das führt nicht zwangsläufig dazu, ihn von den Vorwürfen zu entlasten, denn auch die Einbettung in größeren Kontet macht die Aussage nicht besser. Aber es entlastet Journalisten vom Vorwurf, eben nicht korrekt oder nicht in Gänze zitiert zu haben.

Das längere Zitat relativiert die Aussage nicht

Denn natürlich muss man auch Gaulands geäußertes Bekenntnis „zu unserer Verantwortung für die zwölf Jahre“ erwähnen. Das relativiert meines Erachtens die anderen Worte Gaulands gar nicht, es entlarvt sie nur noch deutlicher, weil sie die Widersprüchlichkeit aufzeigt. Man kann sich nämlich nicht zu einer Verantwortung bekennen, die man im nächsten Satz gleich wieder implizit zurückweist. Es zeigt meines Erachtens eher, dass die vorausgehenden Worte nur deshalb gewählt werden, um sich nicht angreifbar zu machen und um im Zweifel darauf verweisen zu können, missverstanden worden zu sein.

Die Skandalisierung der wenigen Worte führt nämlich auch dazu, dass der restliche Kontext auch ansonsten nicht ausreichend betrachtet wird. Von einer tausendjährigen deutschen Geschichte zu sprechen, ist nach Ansicht von Historikern nämlich gar nicht haltbar; vielmehr knüpft der Begriff sprachlich an das tausendjährige Reich an, das die Nationalsozialisten propagiert haben. Dieses Framing mag viel wichtiger sein als das einzelne Zitat Gaulands.

Auch in den 988 übrigen Jahren ist dieses „Deutschland“ übrigens natürlich keineswegs durchgehend ruhmreich gewesen (wie auch immer man diesen Begriff definieren mag); angefangen damit, dass es in dieser nur rund 90 Jahre Demokratie gab, wie Matthias Quent feststellt, geschweige denn einen Einheitsstaat, fortgesetzt mit Dutzenden Kriegen, Hungersnöten, Krankheiten und Seuchen, worauf Alexander Nabert hinweist.

So sprechen wir aber nur über dieses eine Zitat, das dann – in der Form, in der es gefallen ist – von AfD-Politikern leicht umgedeutet werden kann. Nicht nur durch die Verfälschung vom „Vogelschiss“ zum „Fliegenschiss“, wie ich hier dargestellt habe. AfD-Pressesprecher Christian Lüth verteidigt die Aussage zum Beispiel so:

Gauland: ist das, was ich von der Nazi-Zeit halte. Quantitativ auf die rund tausend Jahre deutsche Geschichte gesehen. Inhaltlich sowieso. Wer das missversteht, will es auch und der schaden.

Was einen gewissen Witz hat, denn auf ein Missverständnis legt es Gauland ja in der Regeln an. Er selbst verteidigte sich (zitiert nach FAZ) so:

Ich habe den Nationalsozialismus als Fliegenschiss bezeichnet. Das ist eine der verachtungsvollsten Charakterisierungen, die die deutsche Sprache kennt. Das kann niemals eine Verhöhnung der Opfer dieses verbrecherischen Systems sein

Mal von der Verschiebung von Wortlaut und Wortbedeutung – „Vogelschiss“ zu „Fliegenschiss“ – und der Einlassung, dass sei „eine der verachtungsvollsten Charakterisierung“, abgesehen, zeigt sich hier genau das erwähnte Muster, Kritik zurückzuweisen, indem auf eine andere Bedeutung verwiesen hat.

Auf der Suche nach einem längeren Redeausschnitt bei YouTube bin ich auf ein Dutzend Videos gestoßen, in denen Medien die Verkürzung vorgeworfen wird. Nun geht es mir nicht darum, den dahinter stehenden Verschwörungstheoretikern entgegenzukommen, denen man auch mit einem vollständigen Zitat genug Anhaltspunkte gegeben hätte, sich zu beklagen. Aber Sie haben Recht damit, dass das Zitat verkürzt wurde.

Aussagen transportieren doppelte Botschaft

Ich glaube, dass man mit solch einer unsauberen Arbeit nicht um Vertrauen wirbt, das Medien bei vielen AfD-Anhängern verloren haben. Sie werden nur allzu leicht von der Partei darauf hingewiesen, dass das Zitat unzulässig verkürzt wurde. Das wird der Strategie der Partei nur allzu gerecht. Sie legt es ja darauf an, ihre Provokationen so zu setzen, dass die Botschaft an ihre Anhänger klar wird, gegenüber der kritischen Öffentlichkeit allerdings darauf verwiesen werden kann, dass man es nicht so gemeint habe. Man kann das so gut an diesem Beispiel sehen wie an Björn Höckes Rede vom „Mahnmal der Schande“.

Während Gauland im aktuellen Fall den Begriff „Fliegenschiss“ in der Rede verwendet, um den Nationalsozialismus zu einer unbedeutenden Episode der Geschichte zu erklären, deutet er ihn nach der Kritik um zu einer verachtenswerten Episode.

Ähnlich ging damals Björn Höcke vor. Im Januar 2017 sagte er, übrigens ebenfalls auf einer Veranstaltung der „Jungen Alternative“, wie gerade Gauland, mit Blick auf das Berliner Holocaust-Mahnmal:

Wir Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.

Im Kontext war klar, wie er es gemeint hatte – als Schande, dass die Deutschen sich so zu ihrer Geschichte bekennen. Aber auch diese Aussage konnte man auf zwei Arten lesen – eine für die Anhänger, eine für die empörte Öffentlichkeit. Matthias Kamann wies in der „Welt“ auf das Spiel mit sprachlichen Doppeldeutigkeiten hin:

Der Genitiv hat im Deutschen viele Bedeutungen, und bei manchen Konstruktionen sind mehrere Bedeutungen gleichzeitig möglich. Doppeldeutig ist etwa die Wendung „Denkmal der Schande“. Bedeuten kann sie einerseits, dass es sich um ein „Denkmal zur Erinnerung an eine Schande“ handelt. Andererseits und genauso aber kann damit ein „schändliches Denkmal“ gemeint sein.

Kamann schreibt weiter, später habe sich Höcke für den Satz gerechtfertigt und ihn in einen anderen Kontext gestellt:

Hinterher jedoch, in einer am Mittwoch verschickten „Persönlichen Erklärung“, behauptete Höcke, es sei ihm nur um die Bedeutung „Denkmal zur Erinnerung an eine Schande“ gegangen. Er sei „erstaunt über die Berichterstattung“, schrieb Höcke. Denn tatsächlich habe er „den Holocaust, also den von Deutschen verübten Völkermord an den Juden, als Schande für unser Volk bezeichnet“.

Diesen Satz allerdings hatte er in seiner mehr als 40-minütigen Dresdner Rede nicht gesagt. Genauso wenig wie einen weiteren Satz seiner späteren „Erklärung“, nämlich, „dass wir Deutsche diesem auch heute noch unfassbaren Verbrechen, also dieser Schuld und der damit verbundenen Schande mitten in Berlin, ein Denkmal gesetzt haben“.

Problematisch an den Aussagen Gaulands wie Höckes ist so gut wie alles. Mir geht es auch nicht darum, sie in Schutz zu nehmen vor einer verkürzten Zitierung. Ich glaube bloß nicht, dass es in der Auseinandersetzung um solche Zitate hilfreich ist, diese so stark zu verkürzen, dass sich sowohl der Zitatgeber als seine Parteikollegen und Wähler am Ende darauf berufen können, er sei falsch oder verkürzt zitiert worden.

AfD verfälscht Gauland-Zitat

Die AfD hat einen Teil der Rede ihres Fraktionschefs im Bundestag, Alexander Gauland, transkribiert – und dabei verfälscht. Wie man hier nachhören kann, sagte Gauland tatsächlich folgendes:

Wir haben eine ruhmreiche Geschichte. Daran hat vorhin Björn Höcke erinnert. Und die, liebe Freunde, dauerte länger als die verdammten zwölf Jahre. Und nur, wenn wir uns zu dieser Geschichte bekennen, haben wir die Kraft, die Zukunft zu gestalten. Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die zwölf Jahre. Aber, liebe Freunde, Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahre erfolgreicher deutscher Geschichte.

Nun ist der Begriff Vogelschiss nicht im Duden zu finden. Es ist aber offensichtlich, dass damit eine Verharmlosung einhergehen sollte. Als könne man Geschichte allein in Jahreszahlen messen und nicht in Taten.

Der Auszug auf der Homepage der AfD-Fraktion entspricht allerdings nicht dem, was Gauland tatsächlich gesagt hat. Ich habe im nachfolgenden Zitat die Änderungen markiert:

Wir haben eine ruhmreiche Geschichte (Auslassung), die länger dauerte als (Auslassung) 12 Jahre. Und nur wenn wir uns zu dieser Geschichte bekennen, haben wir die Kraft, die Zukunft zu gestalten. Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die 12 Jahre. Aber, liebe Freunde, Hitler und die Nazis sind nur ein Fliegenschiss (Verfälschung) in unserer über 1000-jährigen Geschichte.

Es ist eben nicht der Wortlaut der umstrittenen Passage, wie die Überschrift behauptet. Es ist eine Verfälschung, die aus dem Vogelschiss einen Fliegenschiss macht – einen Begriff, den es wiederum im Duden gibt. Dort wird er definiert als

<in übertragener Bedeutung>: reg dich bloß nicht über jeden Fliegenschiss (über jede Kleinigkeit) auf!

Selbst wenn das Gaulands Aussage in den Augen seiner Kritiker wahrscheinlich nicht besser macht – die AfD verfälscht sie hier. Die ersten Medien zitieren Gauland inzwischen ebenfalls schon falsch – zum Teil unter Berufung auf ihn selbst. In einer persönlichen Stellungnahme erklärte er am Sonntagabend (zitiert nach FAZ):

Ich habe den Nationalsozialismus als Fliegenschiss bezeichnet.

Genau das hat er eben nicht.

 

Nachtrag (12.10 Uhr): Inzwischen hat die AfD die Transkription auf der Homepage teilweise korrigiert – vor allem aus „Fliegenschiss“ wieder „Vogelschiss“ gemacht, aber immer noch nicht an den Originalwortlaut der gesprochenen Rede angeglichen. Sie zitiert Gauland jetzt so:

Wir haben eine ruhmreiche Geschichte (Auslassung bleibt), die länger dauerte als (Auslassung bleibt) 12 Jahre. Und nur wenn wir uns zu dieser Geschichte bekennen, haben wir die Kraft, die Zukunft zu gestalten. Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die 12 Jahre. Aber, liebe Freunde, Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss (korrigiert) in unserer über 1000-jährigen Geschichte.

Hier zum Abgleich das Original als Screenshot:

(Quelle: https://www.afdbundestag.de/wortlaut-der-umstrittenen-passage-der-rede-von-alexander-gauland/)