Die Kunst des guten Interviews (7): Als Sigmar Gabriel auf 180 war

2013 wollte die SPD-Spitze ihre Parteimitglieder über den Koalitionsvertrag mit CDU und CSU abstimmen lassen. Parteichef Sigmar Gabriel stellte den Vertrag selbst auf Regionalkonferenzen vor.

Das ZDF-heute-journal schaltete zu einer dieser Konferenzen, und Moderatorin Marietta Slomka trug den Einwand von Verfassungsrechtlern an Gabriel heran, dass ein Mitgliederentscheid als eine Art zweite Bundestagswahl angesehen werden könnte, weil allein die Parteimitglieder über das Zustandekommen einer Koalition entscheiden würden.

Gabriel antwortete auf das Argument, Slomka aber hakte nach und bestand darauf, dass sich Gabriel erneut bzw. ausführlicher zu dem ihm entgegengehaltenen Argument äußert. Daraufhin wurde Gabriel teils ausfallend.

 

Die entscheidende erste Passage lautet so:

Sigmar Gabriel: „Und bei anderen Parteien, Frau Slomka, bei anderen Parteien, Frau Slomka, entscheiden kleine Gruppen, da entscheiden noch weniger Menschen über das Schicksal – in ihrer Argumentation – Deutschlands, und bei uns tut das eben immerhin 470.000 Mitglieder. Ich weiß nicht, warum das schlecht sein soll.“

Marietta Slomka: „Herr Gabriel, ich dachte… Ich dachte eigentlich, dass in Deutschland alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht, und dass das Wahlvolk entscheidet.“

Gabriel: „Ja, was macht denn dann die CDU? Wie hat denn der Wähler nun entschieden? Er hat entschieden, Frau Merkel vertritt die stärkste Fraktion und die stärkste Partei. Aber der Wähler hat nicht entschieden, dass sie die absolute Mehrheit hat. Und nun gibt es Koalitionsverhandlungen, um zu klären, mit wem wird eine Mehrheit gebildet. Und in der CDU entscheidet darüber auch nicht die Wähler, sondern der Parteivorstand der CDU und der Parteivorstand der CSU. Das sind viel weniger Menschen als bei der SPD. Tun Sie mir den Gefallen, lassen Sie uns den Quatsch beenden, das hat doch mit der Wirklichkeit nix zu tun…“

Slomka: „Also, Herr Gabriel, dieser Quatsch, der wird von sehr ernsthaften…“

Gabriel: „Wir kriegen, wir kriegen…“

Slomka: „Dieser Quatsch wird von sehr ernsthaften Verfassungsrechtlern diskutiert…“

Gabriel: „Wir kriegen in zwei Wochen, wir kriegen…“

Slomka: „…und dem kann man sich dann auch mal stellen.“

Gabriel: „Ja. Das mach ich doch gerade.“

In meinem Feature über „Die Kunst des guten Interviews“ im Deutschlandfunk sagte Slomka über diese Szene:

„Das war in vieler Hinsicht eine interessante Gesprächssituation, die jetzt aber auch nicht beispielhaft ist. Die war schon sehr besonders. Es war eine besondere Situation, weil die SPD und ihr Parteichef unter hohem Druck standen und er auch ein bisschen so etwas wie einen externen Feind brauchte zur Integration der Binnengruppe. Es ist eine relativ einfache soziale Funktionsweise, und er hatte schon in der Halle auf diesem Parteitag, auf der Delegiertenkonferenz gegen die Medien geschimpft und auch jetzt dann auch schon mal erwähnt, und jetzt gleich würde er noch dem ZDF ein Interview geben, da würden schon auch wieder blöde Fragen gestellt. Sinngemäß. Das wusste ich aber zu dem Zeitpunkt nicht, das habe ich erst im Nachhinein erfahren. Das heißt, da war schon sehr viel Dampf im Kessel und der Wunsch, jemandem zu finden, gegen den man sich jetzt gemeinsam sozusagen solidarisieren kann. Der war also schon auf 180, als das Interview anfing.“

So kam es zu der anfangs zitierten Szene im Interview, setzte sich dann aber so fort:

Marietta Slomka: „Aber lassen Sie uns noch über etwas anderes reden. Wenn Sie Ihre Partei… Ja, Sie sagen jetzt, das ist Quatsch, das ist ne besondere Form der Argumentation. Aber wenn Sie Ihre Parteimitglieder so ernst nehmen…“

Sigmar Gabriel: „Ja, ich hab Ihnen versucht, Frau Slomka.“

Slomka: „Wenn Sie Ihre Parteimit…“

Gabriel: „Es wird ja nicht besser, wenn wir uns gegenseitig…“

Slomka: „Wenn Sie Ihre Parteimitglieder so ernst nehmen…“

Gabriel: „Es wird ja nicht besser, wenn wir uns gegenseitig so behandeln.“

Slomka: „Ich behandle Sie gar nicht schlecht, ich stelle Ihnen Fragen, die hab ich mir auch nicht ausgedacht, diese Kritik.“

Gabriel: „Ich nehme die Mitglieder SPD ernst, weil ich der Vorsitzende der SPD bin, und ich habe Ihnen Argumente… ich habe argumentiert, warum ich das nicht für sehr tragfähig habe, und ich kenne auch keinen Verfassungsrechtler, der sich dieser Debatte öffentlich stellt. Und deswegen sage ich: Das ist doch Quatsch. In anderen Ländern…“

Slomka: „Herr Professor Degenhardt schon und noch einige andere, die stehen ja auch heute alle in den Zeitungen…“

Gabriel: „In anderen Ländern… in anderen…“

Slomka: „Aber die interessante Frage ist doch, wenn Sie Ihre Parteimitglieder…“

Gabriel: „Frau Slomka, das stimmt nicht, was Sie sagen.“

Slomka: „Doch. Das können Sie nachlesen.“

Gabriel: „Es ist nicht das erste Mal, dass Sie in Interviews mit Sozialdemokraten nix anderes versuchen, als uns das Wort im Mund umzudrehen.“

Slomka: „Herr Gabriel, Sie werden mir jetzt bitte nichts unterstellen.“

Gabriel: „Gucken Sie ins Parteiengesetz… Gucken Sie… Doch, das machen Sie ja auch.“

Slomka: „Die Kritik, die ich genannt habe, steht in Zeitungen, von Professoren, die darüber diskutieren, und das ernst nehmen, ist das eigentlich okay.“

Gabriel: „Ja, ich doch auch.“

Slomka: „Man muss das nicht so sehen, aber man kann zumindest darüber diskutieren.“

Slomka wirkt im Interview sichtlich angefasst – und räumt das auch ein, auch sechs Jahre später:

„Ich war sauer, weil er mir Parteilichkeit unterstellt und sagte, wir wissen ja, wie sie mit SPD-Politikern umgehen. Das ist eine Unverschämtheit. Das hab ich ihm übel genommen. Das würde ich auch jederzeit so sagen, wenn er vor mir steht. Ich glaube, das würde er auch annehmen, die Kritik. Und das fand ich nicht in Ordnung, weil das geht mir dann auch an meine journalistische Ehre. Ich bin nicht parteipolitisch. Ich nehme nicht SPD-Politiker anders heran als Politiker anderer Parteien. Das ist einfach nicht wahr, und das weiß er eigentlich auch. Und das fand ich unlauter, und an der Stelle wurde ich dann wirklich auch sauer. (…) Was man aber natürlich eigentlich nicht werden soll, man soll natürlich professionell dann immer ganz ruhig bleiben. Aber wir sind ja auch nur Menschen, ja, und nicht nur die Interviewten, auch die Interviewer, und in der Situation war dann sehr viel Menschlichkeit auf beiden Seiten zu sehen. Das macht es wahrscheinlich auch so ungewöhnlich und hat deshalb so nachhaltig für Aufsehen gesorgt, dieses Gespräch.“