Journalisten können den Wettbewerb mit Social Media nicht gewinnen

Es erscheint paradox: Ausgerechnet bei dem mutmaßlichen Anschlag von Berlin, dem bisher größten in Deutschland in der aktuellen Terrorlage, bleibt die Diskussion in der Öffentlichkeit weitgehend ruhig. Verglichen mit den Anschlägen von Paris, Brüssel und Nizza hält sich die Aufgeregtheit in Grenzen. Dass „die Medien“ diesmal zu spät oder gar nicht reagiert hätten, habe ich als Vorwurf selten gelesen und gehört. Vielleicht, weil viele Redaktionen diesmal tatsächlich schnell auf Sendung und online waren – ganz gleich, was es zu berichten gab.

Genau das ist aber das Problem solch einer Berichterstattung, wie sich in diesem Fall wieder einmal daran gezeigt hat, dass sie sich zu stark auf eine Person konzentriert hat.

Hilfreich ist das nicht.

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat die Berichterstattung im Deutschlandfunk analysiert. Er sagte, sie besitze eine offene Flanke – Ungewissheit verbunden mit Geschwindigkeitsrausch im digitalen Zeitalter sei eine fatale Kombination. Klassischer Journalismus stehe vor einem Dilemma. Das Publikum treibe ihn in den sozialen Medien, schneller und früher zu berichten – gleichzeitig gehöre es zum Markenkern von Journalismus, Fakten zu vermitteln. „Diesen Geschwindigkeitswettbewerb mit den sozialen Medien kann man gar nicht gewinnen“, sagte Pörksen.

Deswegen sollte man ihn am besten gar nicht erst beginnen. Getrieben dazu fühlen sich Journalisten aber nicht nur von Nutzern in sozialen Netzwerken, sondern auch von den Anbietern selbst.

Patrick Beuth schreibt bei Golem, in Gefahrenlagen wie denen in Berlin aktiviere etwa Facebook einen sogenannten Safety Check. Damit können Nutzer leicht und schnell bekanntgeben, dass sie sich nicht oder nicht mehr in Gefahr befinden.

Anfangs waren nur wenige Facebook-Mitarbeiter in der Lage, den Safety Check auszulösen. Mittlerweile tun das die Nutzer selbst. Stojanow sagt, sobald bestimmte Begriffe wie Feuer, Erdbeben oder auch Anschlag in einer Region so häufig von Facebook-Nutzern gepostet werden, dass sie einen Schwellenwert überschreiten und die entsprechende Nachricht auch von externen Dritten verbreitet wird, denen Facebook vertraut, löse die Funktion automatisch aus.

Damit konstruiert Facebook allerdings eine eigene Realität. So wurde der Safety Check zunächst „Der Anschlag von Berlin“ genannt, lange bevor die Polizei diesen Verdacht bestätigte. Später hieß es „Gewalttat“, dann „Der Vorfall am Weihnachtsmarkt in Berlin“. Safety Check ohne Faktencheck: Die Titel vergeben Facebook-Mitarbeiter und produzieren so Fake-News. Denn Nutzer gehen davon aus, zu den entsprechenden Schlagworten auch Informationen zu finden, was bei seriösen Medien in dieser Schnelligkeit nicht geht. So werfen sie ihnen vor, zu langsam zu sein.

Da hilft es auch nicht, wenn Journalisten mehr und mehr darauf setzen, nicht nur zu sagen, was sie wissen (was lange dauert), sondern auch, was sie nicht wissen (was recht schnell geht). Stefan Niggemeier hat bei Übermedien.de allerdings festgestellt, dass viele unter „Wissen“ jetzt nicht auflisten, was sie nicht wissen, sondern welche Gerüchte sie kennen – was so ziemlich das Gegenteil von Wissen sei. Allerdings sei es in so einer unübersichtlichen Situation wichtig, sich auf Fakten zurückzuziehen:

Hinter der Frage nach dem Umgang mit diesem Format steht ja eine sehr viel größere: In welchem Umfang Medien sich überhaupt auf Spekulationen einlassen sollen. Der Druck aus den digitalen Netzwerken, sofort das zu melden, was vermeintlich auf der Hand liegt, ist riesengroß. Die Lügenpresse-Rufer sahen schon in jeder korrekten Zurückhaltung, im Abwarten von Bestätigungen, einen Beweis, dass die etablierten Medien am liebsten die Wahrheit gar nicht melden wollten („die Wahrheit“, die sie selbst natürlich längst kannten).

Der freie Journalist Michael Hirschler hat bei Twitter gefordert:

Das finde ich problematisch. Denn dieser Wettbewerb läuft unter ungleichen Voraussetzungen. Oft haben sich Gerüchte schon auf ihren Weg durch die sozialen Netzwerke gemacht, während Journalisten immer noch nicht loslaufen können, weil sie erst Informationen recherchieren müssen. Und das braucht Zeit, wie man nicht müde werden kann zu betonen. Insofern ist Lisa Hegemann bei t3n zuzustimmen:

Die Medien sollten nur das berichten, was schon valide ist (…). Der Journalismus kann schnell sein, er muss dann aber auch richtig liegen. Er muss all das, was ungefiltert in unseren Feeds aufschlägt, einordnen und bewerten. Sonst unterscheidet er sich nicht von Facebook oder Twitter.

Den Wettbewerb mit sozialen Netzwerken können Redaktionen nicht gewinnen. Sie sollten sich gar nicht erst darauf einlassen.

Die US-Wahl im Deutschlandfunk: Ein Blick hinter die Kulissen

Die US-Präsidentschaftswahl liegt mittlerweile mehr als eine Woche zurück. Zeit, auch noch mal auf die Berichterstattung im Deutschlandfunk zurückzublicken, die in diesem Jahr nicht nur von der Wahl selbst geprägt war, sondern auch einen Blick hinter die Kulissen ermöglicht hat.

Ich hatte schon vorige Woche darauf hingewiesen, dass Boris Bittner einen Einblick in die Arbeit des Studios Washington geben wird. So hat er zum Beispiel gezeigt, wie es aussieht, wenn Korrespondent Thilo Kößler bei Deutschlandradio Kultur zum Kollegengespräch zugeschaltet wird.

Er ist selbst auf die Straße gegangen, um Stimmen und Stimmungen einzufangen.

Er hat Korrespondentin Bettina Klein exklusiv fürs Web befragt, wie sie noch während des Wahlvorgangs die aktuelle Lage einschätzt.

Er hat gezeigt, wie hinter den Kulissen gearbeitet wird.

Nachdem das Wahlergebnis tendenziell feststand, wurde vom Studio in Washington aus Peter Sparding nach Köln zugeschaltet, den Boris auch noch mal für ein exklusives Statement für Twitter vor die Kamera gebeten hat.

Korrespondent Thilo Kößler und Techniker Nils Heider haben gemeinsam O-Töne geschnitten. Beste Quelle in diesem Fall für deutsche Korrespondenten: das Fernsehen.

Gleichzeitig haben wir auch im Funkhaus in Köln versucht, zu zeigen, wie Radio wirklich aussieht. So haben wir mit Periscope über Twitter einfach mal in Studio, Regie und Redaktion gefilmt. (Periscope schneidet das Video bei Twitter automatisch zu, deswegen sieht man in diesem Tweet nicht alles; das ganze Bild gibt es direkt bei Periscope.)

Wir haben einen Blick in Nachrichtenredaktion und Studio geworfen.

Wir haben einen Blick ins Studio geworfen, nachdem die Sendung „Radionacht“ im Deutschlandfunk abgelöst worden war von der Sendung „Informationen am Morgen“ und dementsprechend auch die Moderatoren gewechselt hatten.

Und wir haben mit Experten geredet, die in der Nacht im Deutschlandfunk im Einsatz waren. So sorgte Nachrichtenredakteur Harald Gesterkamp dafür, dass zwischen 1 und 6 Uhr morgens stündlich und zusätzlich um 4.30 und 5.30 Uhr auch zur halben Stunde Nachrichten auf Sendung gingen. Ein durchaus schwieriges Unterfangen, wie er bei Facebook live erklärte.

Als der Wahlausgang einigermaßen sicher war, haben wir noch mal unseren außen- und sicherheitspolitischen Korrespondenten Klaus Remme, früher Washington-Korrespondent fürs Deutschlandradio, zu seiner Einschätzung befragt.

Eine intensive und lange Nacht, nicht nur für die USA und die Welt, sondern auch für uns Journalisten.

Nach der Wahl hat Thilo Kößler noch mal in einem Interview bei dbate seine Einschätzungen abgegeben, auch zur Meinungsforschung im Vorfeld der Wahl.

Wie Korrespondenten arbeiten – der DLF mit einem Blick nach Washington

Der Deutschlandfunk beschäftigt sich schon seit Wochen intensiv mit der wahrscheinlich wichtigsten Wahl der Welt, die am Dienstag ansteht. Vor allem in der Nacht selbst geht es zehn Stunden lang nonstop live um Erkenntnisse und Ergebnisse aus den USA.

Um 23.10 Uhr fassen die Kollegen von „Das war der Tag“ noch mal den vorhergehenden Tag zusammen und berichten dabei auch aus den USA. Um 0.05 Uhr übernehmen dann Moderatorin Stephanie Gebert, der frühere USA-Korrespondent Klaus Remme als Experte und Online-Redakteur Tobias Jobke das Studio. Sie schauen noch mal zurück auf den Wahlkampf und berichten über erste Ergebnisse aus einzelnen Bundesstaaten. Die „Informationen am Morgen“ beginnen am Mittwoch eine Stunde früher als sonst und beschäftigen sich fast monothematisch mit den Wahlen. Voraussichtlich in den frühen Morgenstunden wird mit einem Ergebnis der Präsidentschaftswahl gerechnet.

Die wichtigste Leitung in dieser Nacht wird die von Köln nach Washington sein. Dort sitzen die Korrespondenten Thilo Kößler, Marcus Pindur und Bettina Klein. Ihre Arbeit lässt sich nicht nur on air verfolgen. Der Deutschlandfunk ermöglicht auch einen Blick hinter die Kulissen. Für den sorgt Online-Redakteur Boris Bittner, der die Kollegen seit der vergangenen Woche begleitet und im Washington-Blog berichtet.

Dort erzählt etwa Thilo Kößler von seiner täglichen Arbeitsroutine:

Der Tag des Washington-Korrespondenten beginnt heute mit dem Blick aufs Smart-Phone: Eilmeldungen checken, die hier news alert heißen. Mails auswerten. Newsletter aufklicken. Blogs lesen. Tweetdeck: Was kam in der Nacht aus dem Trump-Lager? Was aus dem Clinton-Lager? Erst dann der Blick in die Agenturen. Da läuft schon der längst der Fernseher.

Außerdem geht es auch um die Technik, die in Washington zum Einsatz kommt.

Wer wissen will, wie Korrespondenten arbeiten, sollte in den nächsten Tagen auch einen Blick in dieses Blog werfen.

Offenlegung: Ich arbeite als ständiger freier Mitarbeiter für den Deutschlandfunk.

Eine unverschämte Frage oder: Was ein Interviewer tun soll

Die CDU-Politikerin Vera Lengsfeld hat sich in ihrem Blog darüber beklagt, dass man „Verfehlungen einzelner Einwanderer nicht auf alle Migranten beziehen“ dürfe, das bei „den Sachsen“ aber tue.

Es geht so weit, dass der Moderator des Deutschlandfunks ein Interview mit der ehemaligen sächsischen Spitzenpolitikerin der Grünen mit der unverschämten Frage eröffnete: „Frau Hermenau, fühlen Sie sich noch wohl in Sachsen?“

Die Frage als unverschämt zu bezeichnen und dem Interviewer damit eine persönliche Positionierung zu unterstellen, greift allerdings zu kurz.

Wer die Frage in dem Interview mit Antje Hermenau von heute morgen im gesamten Zusammenhang betrachtet, den Lengsfeld ausspart, versteht Sinn und Zweck der Frage.

Dirk Müller: Bautzen, Heidenau, Freital, Meißen, Dresden – immer wieder Sachsen und immer wieder auch Dresden. Zwei Sprengstoffanschläge erschüttern einmal mehr die offizielle Weltoffenheit der barocken Stadt an der Elbe. Ein Anschlag galt einer Moschee, der zweite Sprengsatz ging vor dem Internationalen Kongresszentrum der Stadt hoch. Niemand wurde bei der Detonation verletzt. Die Polizei geht von einer ausländerfeindlichen Tat aus, das Ganze wenige Tage, bevor in Dresden der Tag der Deutschen Einheit gefeiert werden soll.

Die Sprengsätze in Dresden – Sachsen und die zunehmende Gewalt – das ist unser Thema jetzt mit der Unternehmerin und Politikberaterin Antje Hermenau, früher Spitzenpolitikerin der Grünen. Guten Morgen nach Dresden.

Antje Hermenau: Guten Morgen! Ich grüße Sie.

Müller: Frau Hermenau, fühlen Sie sich in Sachsen noch wohl?

Hermenau: Natürlich. Ich fühle mich in Sachsen wohl, das ist meine Heimat und es gibt sehr viele interessante Menschen. Natürlich fühle ich mich wohl. Aber ich habe gerade Ihre Anmoderation entnommen, in der Sie sagten, immer wieder Sachsen, dass offensichtlich 15 Bundesländer der Meinung sind, sie haben kein Problem und können zufrieden auf Sachsen blicken, das dieses Problem hat. Ich wäre da vorsichtig. Gerade aus Unternehmersicht glaube ich, dass wir in Gesamtdeutschland ein Problem haben, und das ist eine Melange aus den unaufgearbeiteten Fehlern der letzten Jahrzehnte bei mangelhafter Integration vor allem im Westen Deutschlands und jetzt einer aufschwappenden zornigen Entladung im Osten, weil nicht öffentlich diskutiert wird, was die Zuwanderung bringen soll.

Die Frage wirkt: Hermenau tritt der von Müller geäußerten Meinung entgegen, besonders in Sachsen würden besonders viele Menschen zu Gewalt neigen, indem sie das als gesamtdeutsches Problem bezeichnet. Sie bekommt Gelegenheit, ihre Überzeugung darzulegen. Wie jeder aus persönlichen Diskussionen weiß, ist es um so leichter, sich seine Meinung zu bilden, wenn man sich an denen anderer abarbeiten kann. Müller erfüllt also seine Aufgabe als Interviewer.

In journalistischen Seminaren empfehlen Trainer, möglichst genau die Position des Interviewpartners zu recherchieren. Bei öffentlichen Personen wie Politikern haben sich diese ohnehin schon mal in anderen Zusammenhängen über das Thema oder einem Aspekt dazu geäußert, so dass ihre grundsätzliche Haltung tendenziell ermittelbar ist. Ihre Zugehörigkeit zu einer politischen Partei, einem Unternehmen, einem Unternehmensverband, einer NGO usw. legt außerdem den Schluss nahe, dass sie ebenfalls deren bekannte politische Positionen vertreten. Dieser Position tritt der Interviewer dann mit einer möglichst kontroversen Gegenmeinung gegenüber – sei es, dass es sich um eine tatsächlich in der Öffentlichkeit geäußerte Position handelt oder lediglich als solche denkbar ist.

Wie wirksam dieses Entgegenhalten von Meinungen ist, lässt sich noch deutlicher als im Fall Hermenau exemplarisch im Interview von Tobias Armbrüster mit Uwe Junge, dem Vorsitzenden der rheinland-pfälzischen AfD, zeigen. Armbrüster gelingt es, Junge durch beharrliches Nachfragen immer wieder auf Ungereimtheiten und Widersprüche in Aussagen von AfD-Politikern zu stoßen, die am Ende dazu führen, dass Junge seine ursprüngliche stark vereinfachende Position aufgibt und eine differenziertere Haltung einnimmt.

Das ist in der Tat ein extremes Beispiel. Denn dass ein Politiker innerhalb eines Interviews so stark umschwenkt wie Junge ist ungewöhnlich – und nicht das Ziel des Interviewers. Seine Aufgabe ist es, die Position seines Interviewpartners verständlich zu machen. Wenn dieser durch kritische Nachfragen zum Schluss gelangt, dass er sie auch vor sich selbst nicht verteidigen kann, ist das ein Erkenntnisgewinn nicht nur für ihn selbst, sondern vor allem für die Hörer.

Das Interview ist für den Deutschen Radiopreis 2016 nominiert worden. Die Jury begründet das unter anderem so:

Dieses kontrovers geführte Interview zeigt, wie sich politische Thesen und Behauptungen durch beharrliches Nachfragen zerlegen und widerlegen lassen. Der Interview-Partner kann seine Behauptungen über den Islam in Deutschland nicht mit Fakten unterfüttern und wird daher zunehmend unsicher. Trotz einiger Versuche des Politikers lässt sich der Interviewer nicht vom eigentlichen Thema des Interviews abbringen und hält Kurs. Ein hörenswerter Schlagabtausch, hoch-politisch und  unterhaltsam zugleich.

Aus der Fragestellung eines Interviewers auf seine persönliche Meinung zu schließen, greift deshalb deutlich zu kurz. Eigentlich sollte das eine erfahrene Politikerin wie Vera Lengsfeld wissen.

Offenlegung: Ich arbeite als freier Mitarbeiter für den Deutschlandfunk.

Live ist live

In Radiokreisen wird immer wieder mal darüber diskutiert, wie wichtig es ist, dass das Programm auch tatsächlich so live ist, wie es verkauft wird. In den „Informationen am Morgen“ im Deutschlandfunk sind die Interviews bis auf wenige Ausnahmen tatsächlich live, wie sich neulich gezeigt hat.

Das Raunen als Argument

Die öffentliche Diskussion, wie sie in sozialen Netzwerken auftritt, leidet unter einem Paradox (sicher sogar unter mehreren, aber mir geht es um eines): die Unfähigkeit vieler, zu argumentieren. Wie leicht ist eine Meinungsäußerung, ein Medienbericht, eine Meinung kommentiert, die dann aber nicht argumentativ unterfüttert wird. Und auch auf Nachfrage gibt es keine weiteren Erläuterungen.

Ich nenne es das Raunen als Argument.

Beispielhaft zeigte es sich heute morgen. Da gab die Juristin und Publizistin Liane Bednarz dem Deutschlandfunk ein Interview, in dem sie ihre Position ausführlich darlegte. Man muss damit nicht einverstanden sein, aber man kann sich keiner Diskussion stellen, die ohne Argumente daherkommt. So schrieb der Publizist Hugo Müller-Vogg:

Das ist natürlich eine zulässige Meinungsäußerung. Sie sollte aber argumentativ gestützt werden können. Wenn man das Interview liest oder hört, sehe ich jedoch keinerlei Anhaltspunkte dafür, wie Müller-Vogg zu seiner Schlussfolgerung kommt. Bednarz ruft dazu auf, bewusst mit Sprache umzugehen, und sagt etwa auch:

Ich meine, man kann diese Gedanken ja nicht verbieten. Das soll man auch gar nicht. Aber diskutieren heißt auch, dass man es problematisiert, weil es ja nun tatsächlich auch problematisch ist, und Meinungsfreiheit wirkt in alle Richtungen. Das heißt, die Kritik an dieser Entwicklung ist natürlich auch von der Meinungsfreiheit und der Debatte gedeckt. Das vergessen häufig diejenigen, die diese Vokabeln benutzen und sich sofort, wenn sie kritisiert werden, zensiert fühlen zum Beispiel.

Wo da oder an anderen Stellen im Interview die Forderung nach einer Sprachpolizei – mit diesem Begriff verbinde ich Zensur, wie auch der Hashtag #1984 nahelegt – zu finden ist, erschließt sich mir nicht. Auf entsprechende Nachfragen nicht nur von mir hat Müller-Vogg bisher nicht reagiert. Er zeigte sich vielmehr gereizt davon, dass Bednarz selbst sein Geraune thematisierte.

So bleibt nur ein Raunen stehen. Es wurde etwas gesagt, das laut ihrem Urheber offenbar keinerlei Beleg verlangt. Es ist dies eine Methode, wie sie auch von Pegida-Anhängern oder AfD-Politikern verwendet wird: Man stellt eine Behauptung auf, die die Diskussion prägen wird, weist aber deren Plausibilität nicht nach.

Es ist eine Argumentation, die man in sozialen Netzwerken immer wieder findet, und bei deren Hinterfragung man Formulierungen erntet wie „Ist ja wohl klar, was ich meine“, „Wer das nicht sieht, ist blind“, „Das ist so offensichtlich, dazu muss ich nicht mehr sagen“. Tatsächlich entzieht man sich damit aber einer Auseinandersetzung, obwohl man diese selbst begonnen hat. Auf Kritik reagiert man dünnhäutig. Man pocht auf sein Recht, seine Meinung sagen zu dürfen, und erträgt es dann nicht, dass jemand anderes eben jenes Recht auch wahrnimmt, den anderen zu kritisieren.

Der politischen Auseinandersetzung ist nicht gedient, wenn sie nur durch Raunen geführt wird.

Nachtrag, 22.09., 13.40 Uhr: Mittlerweile hat Hugo Müller-Vogg geantwortet, allerdings nicht auf die von mir gestellte Frage.

Womit er meiner Argumentation einen weiteren Beleg geliefert hat. Danke dafür.

Nachtrag, 26.09., 12.45 Uhr: Das Raunen als Argument hat bei Müller-Vogg offenbar Methode. Mehrere Tweets, die sich auf die Seximusvorwürfe der Berliner CDU-Politikerin Jenna Behrends beziehen, erheben sehr diffuse Vorwürfe, ohne dass zu erkennen ist, was Müller-Vogg damit meint. Er zweifelt ihre Glaubwürdigkeit an, ohne ein Argument zu liefern, wieso er das tut.

Man würde gerne über die Sachlage diskutieren – aber Müller-Vogg zieht es vor, keine Argumente zu liefern. Das scheint seiner Sache mehr zu dienen. Für einen Journalisten keine Glanzleistung.

Arbeiten in der Chaosphase – zwei Redaktionen zeigen, wie das läuft

Der mutmaßliche Amoklauf von München hat zum ersten Mal in Deutschland eine Breaking-News-Situation der besonderen Art für hiesige Journalisten hergestellt. Anders als bei den Terroranschlägen von Paris, Brüssel und Nizza waren nicht nur einige wenige deutsche Korrespondenten vor Ort, sondern hunderte, die direkt von den Orten der Ereignisse berichten konnten – nicht nur vom Tatort, sondern auch von anderen Orten in München, die von der Polizei stundenweise für Tatorte gehalten wurden.

Eine Berichterstattung im Ausnahmezustand – oder in der „Chaosphase“, wie Annette Ramelsberger in der Süddeutschen Zeitung schreibt. Der Begriff beschreibe die Anfangsphase, in der erst mal nichts klar sei, in der man keine Hintergründe kenne und auf alles gefasst sein müsse. Eine Woche nach dem mutmaßlichen Amoklauf blickt Ramelsberger auf die Berichterstattung ihrer Zeitung in jener Nacht von München und versucht transparent zu machen, wie die Arbeit von Journalisten in so einer Situation aussieht.

„In diesem Moment muss eine Redaktion entscheiden, was sie berichtet und was nicht. Während eine Zeitungsredaktion zumindest ein paar Stunden zum Nachrecherchieren der Hinweise hat, muss eine Online-Redaktion sofort entscheiden, was sie weitergibt. Innerhalb von Minuten muss dann entschieden werden, ob man den Hinweis auf eine Schießerei am Stachus auf die Homepage nimmt oder nicht. Die Entscheidung muss fallen zwischen der Warnung, dem möglichen Schutz von Menschenleben und dem weiteren Schüren von Hysterie.“

Ramelsberger greift auch die Skepsis von Nutzern auf, die glauben, alle Tatsachen müssten von Anfang an bekannt sein.

„Doch die belastbaren Tatsachen schälen sich erst allmählich aus dem Wust an Informationen heraus, die minütlich auf die Redaktion einprasseln. Vieles lässt sich erst nach mehreren Tagen wirklich klären – das ist keine böse Absicht, das heißt nicht, dass die SZ etwas verschweigen will, sondern: Sie weiß es einfach nicht. Genauso wenig wie die Ermittler.“

Auch der Nachrichtenchef des Deutschlandfunks, Marco Bertolaso, hat mit etwas Abstand aufgeschrieben, unter welchen Bedingungen seine Redaktion während des Amoklaufs arbeitet. Er findet, dass es heutzutage nicht mehr reicht, nur Fakten zu melden und bei Gerüchten abzuwarten, bis sie bestätigt oder widerlegt werden.

„Wir müssen uns auch aktiv daran beteiligen, Gerüchte und Unterstellungen einzufangen, bevor sie politisch-gesellschaftliche oder andere Folgen haben. (…) Wir müssen die Spekulationen offensiv angehen und klar stellen, dass es keinerlei Anhaltspunkte dafür gibt.“

Als reine Redaktion für Radionachrichten hat man früher bis zur jeweils nächsten Sendung, also bis zu einer Stunde lang, abwarten können, wie sich eine unsichere Lage bis dahin darstellt. Heute kann man ständig online informieren – und tue das deshalb auch in unsicheren Informationslagen.

„Wie andere Berufe auch hat sich der Nachrichtenjournalismus rasant verändert. Wir müssen in Echtzeit reagieren und eine Vielzahl an Verbreitungswegen bedienen. Mehr denn je müssen wir schnell sein, mehr denn je müssen wir abwägen. Das ist eine beachtliche Herausforderung.“

Zwei gute Beispiele, wie Redaktionen offenlegen können, wie sie in solchen auch für Journalisten extremen Situationen arbeiten. Wir brauchen mehr davon, um Vertrauen in unsere Arbeit zu bewahren. Ich glaube, dass es irgendwann selbstverständlicher Teil unserer Arbeit sein wird, nicht nur Rechercheergebnisse zu liefern, sondern auch deren Zustandekommen transparent zu machen.

Offenlegung: Ich arbeite als freier Mitarbeiter für die Nachrichten- und Online-Redaktion des Deutschlandfunks.

Nachtrag, 5. August: Auch Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke hat die Berichterstattung noch mal Revue passieren lassen.

Sandra Schulz ist nicht Malu Dreyer, auch wenn Julia Klöckner das so vorkommt

Die CDU-Fraktion im rheinland-pfälzischen Landtag hat heute versucht, Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) mit eine Misstrauensantrag aus dem Amt zu heben. Gelungen ist ihr das nicht. Am Morgen vor der Entscheidung hat CDU-Fraktionschefin Julia Klöckner dem Deutschlandfunk ein Interview gegeben.

Die Fragen von Moderatorin Sandra Schulz sind ein gutes Beispiel dafür, mit welcher Haltung Journalisten ein solches Meinungsinterview führen sollten. Klöckner legt diese Methode sogar zweimal indirekt offen, indem sie Schulz im Ton der Empörung darauf anspricht:

„Denn die Geschichte, die Sie jetzt erzählen, ist die Lesart der Landesregierung.“

„Das ist auch wieder die Lesart der Landesregierung, der Ampelkoalition.“

Und auf eine weitere Frage sagt Klöckner empört:

„Also Frau Schulz! Jetzt muss ich mal ganz kurz einhaken. Sie verwechseln gerade Täter und Opfer.“

Und dann ruft sie als Auftakt zu einer Antwort:

„Ja, einen Moment!“

Durch Julia Klöckners Reaktion wird deutlich, dass Sandra Schulz genau die richtigen Fragen stellt. Sie lässt Klöckner nämlich auf Positionen reagieren, die deren Meinung konträr gegenübersteht. Da Klöckner sich gegen die Landesregierung stellt, ist diese Position zu Teilen deckungsgleich mit deren Haltung. Damit gibt Schulz Klöckner die Gelegenheit, ihre Position genau abzugrenzen und klar darzustellen.

Einige Hörer unterstellen Journalisten, die ein Interview führen, gerne mal, dass diese unzulässige, unverschämte oder „nicht neutrale“ Fragen stellen. Das ist jedoch nicht die Aufgabe eines Interviewers. Er soll stattdessen in einem Interview wie dem mit Klöckner den Hörern deren Meinung kenntlich machen. Das gelingt umso leichter, je klarer – und in gewisser Weise auch provokanter – die Fragen sind. Sandra Schulz hat das hier in vorbildlicher Weise getan.

Nachtrag, 17.20 Uhr: Offenbar findet Sandra Schulz‘ Moderations- und Interviewstil glücklicherweise auch Anhänger, die ihre Art nicht missverstehen.

Offenlegung: Ich arbeite regelmäßig als freier Mitarbeiter für den Deutschlandfunk.

Günther Oettinger kommt auch künftig nicht ums Englische herum


(Foto: Martin KraftEigenes Werk, CC BY 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35875097)

Der Englischkurs für EU-Kommissar Günther Oettinger lohnt sich weiterhin. Selbst wenn das Vereinigte Königreich austreten sollte, gibt es für ihn immer noch genug andere Länder, wegen denen sich die Weltsprache zu lernen lohnt. So lässt sich jedenfalls seine Antwort im Deutschlandfunk verstehen, als ihn Moderatorin Christine Heuer aus der Reserve locken wollte.

Heuer: Herr Oettinger, ganz kurz zum Schluss. Vielleicht hat ja der Brexit doch etwas Gutes. Wenn ich das richtig verstehe, dann ist Englisch als Gemeinschaftssprache eigentlich so gut wie erledigt. Freut Sie persönlich das?

Oettinger: Nein. Die Iren sind ja englischsprachig und bleiben drin. Und die Schotten kommen vielleicht rein. Damit haben wir weiter eine Reihe von Mitgliedsstaaten, die Englisch sprechen, und Englisch ist nun mal die Weltsprache, die wir alle akzeptieren.

 

Anmerkung (20.05.2018): Wegen der Datenschutzgrundverordnung habe ich Widgets, die sich ursprünglich im Text befanden, entfernt.

Wieso es keine Vertrauenskrise gibt und wir sie trotzdem wahrnehmen

Die Medien sind in einer Vertrauenskrise – so empfinden es viele Journalisten, seit sie mit Kritik an ihrer Arbeit konfrontiert sind, vor allem aus dem Netz. Entsprechende Umfragen seitdem werden immer wieder so interpretiert, dass diese Kritik bei den Bürgern tatsächlich zu einer Vertrauenskrise geführt hat. Auch ein Grund dafür, dass nun schon zum zweiten Mal beim Kölner Forum für Journalismuskritik diskutiert wurde. Journalismusprofessor Kim Otto von der Universität Würzburg teilte dabei allerdings schon gleich die zugrunde liegende Annahme nicht.

Otto sagte, es gebe keine empirische Evidenz dafür, dass sich das Vertrauen in die Medien innerhalb der letzten Jahre systematisch verschlechtert habe. Schon im März hatte er zusammen mit seinem Kollegen Andreas Köhler bei meedia.de Umfragen aus vergangenen Jahren ausgewertet, dabei zwar einen leichten Vertrauensverlust festgestellt, aber dennoch konstatiert:

Das Misstrauen war in den Jahren von 2000 bis 2003 und im Zeitraum von 2006 bis 2008 (…) schon einmal größer als heute.

Otto und Köhler schreiben, anhand der verfügbaren Langzeitdaten zeige sich, dass das Vertrauen in die Presse in Deutschland im Allgemeinen nicht dramatisch eingebrochen sei. Sie stellen aber auch fest:

Allerdings ist das Vertrauen in die Presse bei Menschen, die sich im politischen Spektrum als sehr links und sehr rechts einordnen, gering. Dass dieser Personenkreis von „Lügenpresse“ spricht, ist ein weit bekanntes Muster: Gerade Populisten und Extremisten am rechten wie linken Rand des politischen Spektrums sehen in der Presse oft „Systemmedien“, welche das gegenwärtige „kapitalistische politische System“ stützen.

In Köln sagte Otto, gestützt auf die Umfragen: Würden die Menschen allgemein nach ihrem Vertrauen in die „Medien“ gefragt, kämen dabei geringere Vertrauenswerte heraus als wenn sie konkret nach Fernsehen, Radio und Zeitung gefragt würden. Das heißt, sie fassen den Begriff „Medien“ offenbar sehr viel weiter als wir Journalisten es für diese Umfrage vermuten lassen. Für sie fallen darunter möglicherweise auch soziale Medien und vielleicht sogar Veröffentlichungen im Netz allgemein, inklusive Unternehmenswebseiten, Shoppingportale und Werbung.

Was viele Nutzer unter „Medien“ und „Journalismus“ verstehen

Eine Ansicht, die Frank Überall teilt, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV). Er sagte, heute werde vieles im Netz für Journalismus gehalten, das es gar nicht sei, und er verwies darauf, wie leicht sich heutzutage professionell aussehende Blogs anlegen ließen, ohne dass sich dahinter ein journalistischer Anspruch verberge.

Das, was online läuft, kommt ja zum Teil so professionell daher. (…) Und das wird dann für ein Medium gehalten, ohne zu differenzieren, dass da kein Journalist, keine Journalistin hinter steckt, noch nicht mal jemand mit journalistischem Anspruch, und dann wird alles in einen Topf geworfen. Dann gibt es die aberwitzigsten Behauptungen, und wenn man dann nachfragt: Hab ich im Internet gelesen.

Otto fügte hinzu, die Menschen, die den Medien tatsächlich misstrauten, seien in den Meinungsforen überrepräsentiert. Wir sollten ihre Meinung nicht für die aller Menschen halten. Deutschlandfunk-Chefredakteurin Birgit Wentzien unterstrich, dass deren Kritik dennoch jetzt eine andere Kraft habe, etwa durch die AfD. Das heißt, die Kritik wird lauter durch solche Verstärker.

Journalisten als Ventil für Kritik am System?

RTL- und n-tv-Reporter Carsten Lueb wies aus dem Publikum darauf hin, dass seiner Ansicht nach Journalisten ein Ventil seien für eine Unzufriedenheit mit anderen Zuständen. Kim Otto und Frank Überall stimmten dem zu. Überall verwies darauf, dass Kritik oft aus dem rechts- und linksextremen Spektrum komme – eine Kritik, die ganz grundsätzlich sei.

Wir werden in einen Topf geworfen, und in der Tat, seien wir mal ehrlich, natürlich: Die meisten von uns stehen auf dem Boden des demokratischen Systems. Das wiederum wird von den Extremisten abgelehnt, rundweg abgelehnt, dieses System, und in dem Zusammenhang sind wir in dieser ideologischen Logik natürlich Systempresse. Und dass wir da angegriffen werden, von welcher Seite auch immer, muss uns doch an der Stelle nicht verwundern.

Es gibt Überall zufolge eine diffuse Unzufriedenheit mit dem aktuellen demokratischen System, aus dem Extremisten versuchten, Kapital zu schlagen.

Die Medienkompetenz der Nutzer

Beim Forum wurde auch die eine mangelnde Medienkompetenz der Nutzer beklagt. Eine Radiojournalistin aus dem Publikum führte als Beispiel an, dass zum Beispiel bei einem eindeutig als Kommentar gekennzeichnetem Stück die fehlende Objektivität bemängelt wurde. Und sie wies darauf hin, dass sie bei einer Umfrage, bei der sie nur mit dem Mikrofon unterwegs sei, danach gefragt worden sei, wann das denn im Fernsehen komme. Eine Erfahrung, die ich auch bereits gemacht habe.

DJV-Chef Frank Überall ergänzte, dass vielen Menschen nicht klar sei, dass es im Journalismus unterschiedliche Stilformen gebe. Kommentiere ein Journalist ein Thema, werde gleich unterstellt, dass auch seine Berichterstattung nicht objektiv sein könne. Dass es dabei eine professionelle Trennung gebe, werde vielen nicht mehr bewusst.

Fazit

Am Ende blieb die Frage offen, ob es tatsächlich eine Vertrauenskrise gibt. Dabei gibt es möglicherweise gar keinen Widerspruch zwischen den in Umfragen erhobenen Zahlen und der subjektiven Wahrnehmung der Journalisten. Angenommen, dass ein gewisser Prozentsatz der jeweils Befragten immer schon Medien gegenüber skeptisch war, so artikulieren sich diese Menschen heutzutage einfach deutlicher und werden so wahrnehmbar, möglicherweise sogar überrepräsentiert. Die Kritik gab es also immer schon. Aber jetzt müssen wir uns ihr stellen.