„Sie haben eine differenzierte Meinung“ – wäre bloß die Frage nicht so undifferenziert

Hier mal wieder ein Beispiel dafür, dass viele Umfragen im Netz nicht sonderlich zielführend sind. t-online.de fragt – eingebunden in einen Beitrag über die Leistungen der öffentlich-rechtlichen Sender – danach, ob der Rundfunkbeitrag erhöht werden sollte.

(Screenshot: https://www.t-online.de/digital/id_84136290/hoerspiele-orchester-co-das-steckt-alles-in-17-50-euro-rundfunkbeitrag.html)

Darauf könnte man zwei einfache Antwortmöglichkeiten geben: Ja und Nein. Das wäre sauber gewesen. Stattdessen wird diesen Antwortmöglichkeiten aber jeweils noch eine Begründung beigefügt, die vielen das Antworten unmöglich machen dürfte. Denn ich könnte durchaus Ja oder Nein sagen wollen, aber jeweils mit einer anderen Begründung.

Nur mal als Beispiel: Hinter Nein könnten sich mindestens diese drei Deutungen verstecken:

  1. Nein, er ist jetzt schon zu hoch.
  2. Nein, er sollte gesenkt werden.
  3. Nein, er ist angemessen.

Stattdessen hat sich die Redaktion nur für eine Option entschieden, die ich aber gar nicht teilen muss. Auch für Ja gäbe es sicher mehr Auswahlmöglichkeiten.

Nun ist die Umfrage eingebunden in einen Artikel über die Leistungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, plattes Bashing vermute ich dahinter nicht – und eine Beeinflussung in Richtung Nein kann man dem Artikel auch nicht entnehmen. Die Umfrage zeigt aber mal wieder exemplarisch, welche begrenzte Aussagekraft diese spezielle Form hat – und dass es den Machern nicht (immer) um seriöse Ergebnisse geht.

Lustig ist, dass man nach dem Abstimmen das automatische Lob bekommt, man habe eine differenzierte Meinung. Wo doch die Frage so undifferenziert ist.

Korrespondentenalltag: Wie Mexiko deutsche Journalisten ausbremst

Wer als deutscher Korrespondent aus Mexiko berichtet, muss einiges umstellen: die innere Uhr, den Tagesablauf, die Erwartungen. Denn mexikanische Kultur und deutsche Redaktionsroutinen passen schlecht zusammen, erzählt unsere Korrespondentin Christina Fee Moebus. Mit ihr habe ich für unsere Sommerreihe über den Arbeitsalltag unserer Korrespondenten gesprochen.

Deutsche Welle beklagt Repressionen gegen Journalisten in Weißrussland

In Weißrussland sind nach Polizeirazzien mehrere Journalisten verhaftet worden, darunter auch der Deutsche Welle-Korrespondent Paulyuk Bykowski. Die Deutsche Welle hat mit Protest auf die Festnahme reagiert und fordert die sofortige Freilassung ihres Mitarbeiters. Dazu habe ich Ingo Mannteufel interviewt, den Leiter der Russischen Redaktion bei der Deutschen Welle.

Viele Politiker nehmen (bei Twitter) Umfrageunternehmen wichtiger als große Konzerne

Soziale Netzwerke werden für Politiker immer wichtiger. Inzwischen haben 73 Prozent der Bundestagsabgeordneten einen eigenen Twitter-Account, haben Rainer Faus und Leonie Schulz von der Agentur pollytix strategic research zusammengestellt. In einem Gastbeitrag für den Hamburger Wahlbeobachter haben sie analysiert, wie sich die Abgeordneten auf Twitter informieren, das bedeutet vor allem: wem sie folgen.

Besonders interessant finde ich, welches die meistgefolgten Unternehmen sind. Und das sind nicht etwa die größten Konzerne Deutschlands, die zum Beispiel in Sachen Arbeitsplätze wichtig sind oder politisch großen Einfluss nehmen wie etwa Mercedes, Volkswagen oder Siemens. Unter den Top10 sind gleich drei Unternehmen, die Zahlen aus Meinungs- und Wahlforschung präsentieren, nämlich Infratest Dimap, Pollytix und YouGov.

Die Aussagekraft dieser Zahlen ist natürlich begrenzt, aber die starke Präsenz von Meinungsforschungsunternehmen zeigt, wie wichtig Politiker diese offensichtlich nehmen. Und das trotz all der methodischen Probleme, die solche Umfragen mit sich bringen.

tagesschau.de feiert Rekorde, die es (wahrscheinlich) nicht gibt

Und schon wieder werden Zahlen missbraucht, um neue Rekorde zu bejubeln. So macht es die Tagesschau, die über eine vom WDR bei Infratest Dimap in Auftrag gegebene Umfrage schreibt:

Beide Rekorde halten jedoch einer genaueren Prüfung nicht stand.

Umfrageergebnisse sind immer mit statistischen Unsicherheiten verbunden. Wenn in der Sonntagsfrage danach gefragt wird, welche Partei man wählen würde, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahlen wäre, befragt man nicht alle Wähler, sondern nur rund tausend (hier waren es 1.008) und rechnet das dann hoch. Weil eine solche Hochrechnung aber nicht eindeutig und zuverlässig funktioniert, bekommt man beim Endergebnis Unsicherheiten. Bei einem Wert von fünf Prozent für eine Partei beträgt die mögliche Abweichung 1,4 Prozentpunkte, bei einem Wet von 50 Prozent 3,1 Prozentpunkte.

Wenn also der Wert von CDU/CSU mit 29 Prozent angegeben wird, liegt er nur zufällig dort, viel wahrscheinlicher aber in einer Spannbreite von etwa 27 bis 31 Prozent. Bei der letzten Umfrage sah Infratest Dimap CDU/CSU noch bei 30 Prozent, was einer Spanne von etwa 28 bis 32 Prozent entspricht. Es ist also unseriös, von einer tatsächlichen Veränderung des CDU/CSU-Werts von 30 auf 29 und von einem neuen Rekordtief zu sprechen. Denn möglich wäre auch ein Plus: Wenn die Parteien bei der letzten Umfrage schon bei 28 Prozent lagen und jetzt auf 31 Prozent raufgegangen sind. Man kann es einfach nicht genau sagen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Wert für die AfD. Statt 17 Prozent bewegt  er sich viel wahrscheinlicher in einem Bereich zwischen 15,5 und 18,5 Prozent. Auch hier ist statt einer Steigerung von 16 auf 17 Prozent vom letzten mal die umgekehrte Bewegung möglich: zum Beispiel von 18 auf 16 Prozent.

Ein Prozentpunkt Veränderung ist also statistisch überhaupt nicht relevant, bei höheren Werten sind es nicht mal drei Prozentpunkte. Eine größere Veränderung zwischen zwei Umfragen gibt es aber selten, so dass man von Umfrage zu Umfrage fast nie eine verlässliche Aussage treffen kann. Allenfalls über längere Zeiträume lassen sich Trends ausmachen. Aus denen lassen sich aber keine guten Schlagzeilen stricken, wie es jetzt tagesschau.de getan hat.

Und beim Kommentieren, wie es BR-Chefredakteur Christian Nitsche es getan hat, sollte man sich zurückhalten. Zwar nimmt er tatsächlich auch den längeren Trend in den Blick, hebt aber unnötigerweise auch die aktuellen Werte hervor:

Nach der Bundestagswahl sind diese Umfragewerte die bislang schallendste Ohrfeige für die Bundesregierung. Sie hat aktuell nicht einmal mehr die Hälfte der Bürger hinter sich. Die SPD hat mit weiter 18 Prozent den Volksparteistatus auf nicht absehbare Zeit eingebüßt. Die Union schrumpft unter die absolute Schmerzgrenze von 30 Prozent.

Übrigens: Dass die Werte nicht schwankungsfrei sind, schreibt tagesschau.de sogar selbst am Ende des Textes. Dort heißt es:

Die Ergebnisse sind auf ganze Prozentwerte gerundet, um falsche Erwartungen an die Präzision zu vermeiden. Denn für alle repräsentativen Befragungen müssen Schwankungsbreiten berücksichtigt werden. Diese betragen im Falle eine Erhebung mit 1000 Befragten bei großen Parteien rund drei Prozentpunkte, bei kleineren Parteien etwa einen Punkt. Hinzu kommt, dass der Rundungsfehler für kleine Parteien erheblich ist. Aus diesen Gründen wird deshalb keine Partei unter drei Prozent in der Sonntagsfrage ausgewiesen.

Aber vermutlich geht es den Journalisten wie vielen Lesern: Die kommentieren ja auch, bevor sie den ganzen Artikel gelesen haben.

Eine Zukunft für die Öffentlich-Rechtlichen

„Die Medien sind in der Krise“, sagt der Mediensoziologe Volker Grassmuck. Auf der Republica 2018 Anfang Mai in Berlin stellte er sein Projekt vor, öffentlich-rechtliche Medien, die Europeana und Wikipedia zu einem großen Medien- und Wissensprojekt zu verschmelzen.

Er bezieht sich in seinem Vortrag auch auf die Idee einer „Super-Mediathek“, über die der DLF im März berichtet hat. Reaktionen dazu hat Zapp gesammelt.

Offenes Gespräch unter Freunden

Lorenz Lorenz-Meyer, Professur für Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt, ist ein Freund des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Er unterstützt die Idee grundsätzlich, hat aber auch Kritik daran, wie sie im Moment ausgestaltet wird. Mittelfristig will er eine Debattenplattform zur Zukunft des Systems einrichten. Bei der Republica in Berlin stellte er diese Idee vor und erläuterte auch, welchen Herausforderungen und Gegnern der öffentlich-rechtliche Rundfunk im Moment gegenübersteht – und was er dagegen tun kann. Deshalb auch der Titel seines Vortrags: „Offenes Gespräch unter Freunden“.

Wer sich schon länger mit den Anfeindungen des öffentlich-rechtlichen Systems beschäftigt, für den findet sich da vielleicht nicht viel Neues. Für alle anderen ist es eine gute Einführung zum Thema.

Demnächst soll dann übrigens auf dieser Webseite Debattenbeiträge zum Thema veröffentlicht werden. Bis heute hat sich da allerdings noch nichts getan.

Bild getwittert – Tatverdacht!

Lars Hohl hat ein Foto gemacht. Verdächtig. Fanden die Behörden.

Auf der Republica 2018 in Berlin hat er davon erzählt, wie er ins Visier der Behörden geriet und dass seine Daten trotz erwiesener Unschuld weiter gespeichert werden. Bis ins Jahr 2023 soll die Information gespeichert werden, dass er eine Zeit lang als Tatverdächtiger geführt wurde.

Nach ihm erzählte die Datenschutz-Bloggerin Katharina Nocun von ihren Erfahrungen mit staatlicher Überwachung. Sie stellte eine Reihe von Anfragen, wo Daten über sie gespeichert sind. Und erfuhr, dass sie cyberkriminell ist. Wusste sie vorher noch nicht.

Journalisten zwischen den Fronten in Kamerun

In Kamerun gärt schon seit dem vorigen Jahr weitgehend unbemerkt von der internationalen Öffentlichkeit ein Konflikt zwischen zwei Bevölkerungsgruppen – zwischen den englischsprachigen Bewohnern einerseits und den französischsprachigen Bewohnern andererseits. Die englischsprachigen in zwei Regionen Kameruns fühlen sich von den französischsprachigen unterdrückt. Zumal auch Präsident Paul Biya, der seit 35 Jahren an der Macht ist und trotzdem mit 85 Jahren in diesem Herbst erneut als Präsidentschaftskandidat antritt, französischsprachig ist.

Journalisten geraten immer wieder zwischen die Fronten von Regierung und Separatisten. Beide Seiten versuchen, sie für ihre Seite zu instrumentalisieren. Der Zivile Friedensdienst versucht, in Kamerun einen friedensfördernden Journalismus zu unterstützen. Darüber habe ich in @mediasres im Deutschlandfunk mit Alexander Vojvoda gesprochen, der sich in Kamerun darum bemüht. Nachzuhören hier.