Was will uns Frau Steinbach damit sagen?

Eins muss man der Bundestagsabgeordneten Erika Steinbach von der CDU lassen: Sie hat Chuzpe. Wer ihr bei Twitter folgt, stößt immer wieder auf gezielte Sticheleien und auf provozierende Grenzüberschreitungen. Am Samstagnachmittag postete sie ein Bild, das ein kleines blondes Kind zeigt, das von mehreren dunkelhäutigen, möglicherweise indischen Menschen umringt ist. Dem Foto hinzugefügt hatte jemand die Überschrift „Deutschland 2030“ und den Untertitel „Woher kommst du denn?“

Damit hat sie sich gleich Reaktionen eingehandelt: Die Grünen-Bundesvorsitzende Simone Peter twitterte als Antwort.


Was Steinbach uns damit sagen will, hat sie bisher (Stand: 16.00 Uhr) nicht beantwortet. Auffällig ist jedoch, in welchem Kontext die Bildmontage sonst verwendet wird. Die Rückwärtssuche für Bilder bei Google ergibt, dass das Bild seit dem vergangenen Jahr dutzendfach auf Seiten eingebunden wurde, in den meisten Fällen in rassistischen Zusammenhängen.

Schon das erste Suchergebnis zeigt das, in dem vor 1,4 Milliarden Afrikanern gewarnt wird, die bis 2050 angeblich nach Europa kommen wollen. Dieser Beitrag wurde offenbar dutzendfach kopiert; der Text findet sich komplett oder größtenteils wortgleich auf vielen anderen Portalen wieder, die auch das Foto dazu nutzen.

Vielleicht weiß Erika Steinbach das nicht. Dann wäre ein Erläuterung, wie sie es meint, hilfreich. Vielleicht weiß sie es. Das macht es ohne Erläuterung zumindest fragwürdig. Ansonsten muss man davon ausgehen, dass sie das Bild so meint wie die übrigen Autoren, die es verwendet haben.

Update (28.02., 13.00 Uhr): Erika Steinbach hat auf meine direkte Frage nicht geantwortet, aber dutzendfach auf andere Kritik reagiert. In der üblichen Weise, in der der Inhalt ihrer Aussage (Kritik an der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung) jede Form der Aussage rechtfertigen mag. Ein typisches Mittel von Populisten.

Sprache in der Krise: Wie wichtig die richtigen Wörter sind

Sprache ist wichtig. Gerade in politisch und gesellschaftlich turbulenten Zeiten wie derzeit zeigt sich immer wieder, wie wichtig sie genommen wird. Akif Pirincci wusste, was er tat, als er von Konzentrationslagern sprach, und er ahnte vermutlich, dass ihn viele Medien nur verkürzt und damit entstellend zitieren würden. Anhand des Wortlauts seiner Rede kann ihm niemand nachweisen, dass er etwas anderes sagen wollte als die Vermutung, dass Politiker die Bürger in KZs schicken wollen. Wichtig war ihm aber offenbar, dass das Wort fiel. Mit entsprechender Resonanz.

Ähnlich agierte Pegida-Organisator Lutz Bachmann. Er sagte am Montag in Dresden:

Gewissermaßen sind Sie einer der schlimmsten geistigen Brandstifter in diesem Land seit einem Goebbels im Dritten Reich oder einem Karl-Eduard von Schnitzler in der DDR.

“Seit” lässt sich vermutlich auf zweierlei Weise interpretieren: Entweder sind Goebbels und Schnitzler in den Vergleich mit eingeschlossen oder es geht um die Zeit nach ihrem Abtreten. Entscheidend ist auch hier lediglich, dass das Wort “Goebbels” fällt – mit entsprechender Resonanz, wie zum Beispiel im Deutschlandfunk-Bericht von Nadine Lindner zu hören.

So sollte man in aufgeheizten Zeiten mit Sprache vorsichtig umgehen. Leicht fallen Begriffe, die rechtsextrem besetzt sind. So benutzte CDU-Vizechefin Julia Klöckner am Sonntag bei “Günther Jauch” das Wort “Überfremdung”, Unwort des Jahres 1993, damals mit der Begründung:

Ausschlaggebend für die Kritik an diesem auf den ersten Blick harmlos erscheinenden Wort war die Feststellung, dass Überfremdung nach wie vor im Sinne einer rassistischen Uminterpretation verwendet wird.

Bis 1934 war Überfremdung ein rein betriebswirtschaftlicher Terminus (= zuviel fremdes Geld in einem Unternehmen), danach musste der Rechtschreib-Duden die Interpretationen »Eindringen Fremdrassiger« und »Eindringen fremden Volkstums« (1941) aufnehmen. Durch diese Sprachlenkungsmaßnahme wurde die betriebswirtschaftliche Ausgangsbedeutung schließlich völlig verdrängt, und Überfremdung wurde zur Stammtischparole, die auch die undifferenzierteste Fremdenfeindlichkeit »argumentativ« absichern soll.

In ähnlicher Weise verwenden Rechtsextremisten und Fremdenfeinde heute Begriffe wie “Flüchtlingswelle” und “Flüchtlingsflut” – sie machen die ankommenden Menschen damit zum einen zu einer Naturkatastrophe und zum anderen zu etwas, das zerstörerisch über uns kommt. Beides ist freilich Unsinn. In Nachrichtenredaktionen vermeiden wir deshalb solche Begriffe und diskutieren stetig darüber, welche Worte wir verwenden.

Im Sommer war es der Begriff “Asylkritiker”, den viele Medien für Demonstranten vor Flüchtlingsheimen verwendeten. Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch kritisierte diesen Begriff im Deutschlandfunk:

…das hat sich in den letzten Monaten als so eine Art Euphemismus, als so eine Art verschleiernde, beschönigende Bezeichnung für eine Mischung von Rassisten, von Rechtsextremen, von fremdenfeindlichen Menschen, sicher auch von Menschen, die da irgendwie nur mitlaufen oder von dumpfen Ressentiments sich da leiten lassen, also für diese Mischung von Menschen, die mit rechtem Gedankengut, sage ich mal, sympathisieren, durchgesetzt. Und das ist gefährlich, weil das dieser Mischung quasi eine Art Legitimität verleiht.

Die Deutsche Presse-Agentur kündigte im Zuge dieser Diskussion an, auf den Begriff zu verzichten, wie ihr Nachrichtenchef Froben Homburger bei Twitter ankündigte:

dpa wird die Teilnehmer an Protesten und Angriffen gegen Flüchtlinge künftig nicht mehr als “Asylgegner” oder „Asylkritiker“ bezeichnen.

Während Nachrichtenredaktionen sich also Gedanken über Wörter machen, sind Werbeabteilungen da offenbar weniger kritisch. Das ZDF schaltete heute eine Anzeige – mindestens in der Süddeutschen Zeitung, wo ich sie gesehen habe.

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Nicht nur das schlechte Wortspiel sorgte für Irritationen bei Twitter, wo ich die Anzeige gepostet habe. Später antwortete das ZDF darauf:

Hier geht es um die “Nachrichtenflut”, wie die Begriffe Klimaschutz, NSA oder auch Bundestag im Hintergrund des Bildes zeigen.

Ich halte das für eine plausible Erklärung. Aus dem Nachrichtenalltag weiß ich, wie schnell eine Formulierung misslingen kann, weil sie einen Kontext aufruft, der uns in diesem Moment nicht bewusst ist. Auch wenn das schnelle Nachrichtengeschäft vermutlich mit den Abläufen in einer Werbeabteilung nicht zu vergleichen ist. Das Beispiel zeigt allerdings, wie vorsichtig man mit Sprache umgehen muss.

Nachtrag: WDR-Kollege Horst Kläuser hat die Bedeutung von Sprache heute auch in einem Kommentar bei WDR2 thematisiert.

Nachtrag, 18.30 Uhr: Justament heute hat sich auch Kai Biermann mit der Bedeutung von Welle und Flut beschäftigt.