Tutzinger Radiotage: Rezepte für die Zukunft

(Foto: Stefan Fries)

Dass viele Menschen morgens vom Radio geweckt werden, ist Alltag in Deutschland. Genauso selbstverständlich könnte es werden, dass man sich mit seinem Radiogerät unterhält. Bei den Tutzinger Radiotagen wurde über aktuelle Trends diskutiert. Mein Beitrag über #tura18 in @mediasres im Deutschlandfunk.

Tutzinger Radiotage: Journalisten müssen Frames genauso checken wie Fakten

Wie wichtig Sprache in der öffentlichen Auseinandersetzung ist, haben die letzten Tage besonders deutlich gezeigt. Gab es in Chemnitz nun eine „Hetzjagd“ oder nicht? Was ist eigentlich eine Hetzjagd? Ab wieviel Meter ist es eine? Wie unterscheidet sie sich von „Jagdszenen“? Und lenkt diese Diskussion über Sprache nicht vom eigentlichen Inhalt ab?

Bei den Tutzinger Radiotagen hat Friederike Herrmann von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt darauf hingewiesen, dass jedes Wort bei uns einen sprachlichen Frame eröffnet. Es gibt keinen objektiven Sinn von Wörtern, wir schöpfen aus unserer Erfahrung, was wir damit verbinden – nicht nur aus unserer individuellen, sondern aus unserer kollektiven Erfahrung als Gruppe, die sich unterhält.

Ihre Thesen:

These 1: Frames sind Deutungsrahmen, die den Informationen, die Sie wahrnehmen, Sinn geben.

Aus den Worten erschaffen wir einen Sinn.

These 2: Framing beschreibt Wirklichkeit nicht nur, es erschafft sie. Die Welt, wie wir sie wahrnehmen, ist das Produkt von Frames.

Woran denken Sie, wenn Sie nicht an einen rosa Elefanten denken sollen? Genau an den.

These 3: Die Negierungsfalle: Frames lösen sich nicht dadurch auf, dass man gegen sie verneint. Im Gegenteil: Die Wiederholung von Frames führt dazu, dass sie sich in den Köpfen vefestigen – selbst wenn man gegen sie argumentiert.

Eine Negation funktioniert nicht, denn in ihr wird die eigentliche Aussage wiederholt. Vom Satz „Ausländer sind nicht krimineller als Deutsche“ bleiben nur die inhaltlichen Frames übrig, die die Schlagworte „Ausländer“ und „kriminell“ transportieren. Das „nicht“ funktioniert bei uns nicht.

These 4: Frames prägen unbemerkt unser Weltbild. Durch Frames kann unbemerkt Ideologie – z.B. in Form von rechtspopulistischen Behauptungen – in Sprache und Denken von Medien, Bürgerinnen und Bürgern einfließen.

Es geht um Begriffe wie „Flüchtlingswelle“ und „Überfremdung“, die eine negative Konnotation haben, aber mittlerweile wie selbstverständlich im politischen Diskurs verwendet werden. CSU-Chef und der heutige Bundesinnenminister Horst Seehofer benutzt seit 2015 – wohl mehr bewusst als unbewusst – solche Begriffe, wenn er von „Herrschaft des Unrechts“ spricht oder von Migration/Migrationspolitik als „Mutter aller Probleme“. Auch Söders/Dobrindts „Asyltourismus“ fällt in diese Kategorie.

Friederike Herrmann fordert, dass Journalisten solche Frames genauso routiniert überprüfen sollten wie sie das mit Fakten tun.

These 5: Man kann nicht nicht framen.

Jeder Begriff ruft einen Frame auf, einen Rahmen. Herrmann verweist auf das Bild eines Glases, das zur Hälfte mit Wasser gefüllt ist. Ist es halb voll oder halb leer? Wie formuliert man es neutral? Das Beispiel zeigt, wie schwierig es sein kann, ohne Frames zu berichten – oder mit solchen, die möglichst wenig vorgeben.

These 6: Frames müssen in der Wahrnehmung verankert sein.

Frames lassen sich nicht beliebig setzen, man braucht einen Resonanzboden, an den man andocken können muss.

Zusammenfassung

Medien sind in die Journalisten meistens unbewusste Dynamik eingebunden, Frames von Politik und öffentlichen Diskursen zu transportieren. Politiker kämen mit ihren Rahmensetzungen nicht weiter, wenn Journalisten sie nicht wörtlich zitieren bzw. ihre Aussagen so weitergeben würden. Frames zu beschreiben, bietet die Chance, darüber aufzuklären und sie bewusst zu machen. Wird ein Frame erkannt und beschrieben, kann man sich seiner Deutungsmacht entziehen.

Sprachkritik am DFB: Verband distanziert sich von eigenem Sponsor

Der „Verein Deutsche Sprache“ zeichnet jedes Jahr mit einem Negativpreis die „Sprachpanscher des Jahres“ aus. In diesem Jahr ging der Hauptpreis an den Deutschen Fußball-Bund – mit folgender Begründung:

Sein Motto „Best never rest“, mit dem der DFB zur missglückten WM-Verteidigung in Russland angetreten war, klänge nach Meinung erzürnter Sprachfreunde wie die ungelenke Formulierung eines russischen Englischschülers im ersten Lernjahr. Auch der Aufdruck „Germany“ auf verschiedenen Kleidungsstücken wurde oft moniert.

(Die erzünte Sprachfreundin war übrigens die Russland-Korrespondentin Katrin Scheib, die das im März so kommentierte.)

Mit der Kritik kann der DFB aber überhaupt nicht umgehen. Gestern setzte er dazu diesen Tweet ab:

Interessant, wie sich der DFB hier von seinem eigenen Sponsor Mercedes Benz distanziert. Als habe der eine mit dem anderen gar nichts zu tun. Als habe Mercedes die Nationalelf gegen deren Willen gesponsert. Als habe sich die Mannschaft gegen ihren Willen in den Mannschaftsbus gesetzt und Mercedes auch das DFB-Logo einfach so verwendet.

Tatsächlich hat der DFB weder bei @dfb_team noch bei @dfb den entsprechenden Hashtag oder auch nur den Slogan benutzt. Aber sie haben den Slogan unterstützt – wie sich auch an den Retweets des entsprechenden Hashtags durch @dfb_team zeigt.

Es ist schon eine bemerkenswerte Übung in Kritikfähigkeit, die der DFB hier zeigt. Da geht praktisch komplett unter, dass der Verein Deutsche Sprache den Urheber des Slogans tatsächlich falsch ausgemacht hat. Er müsste sich an Mercedes richten. Dass der DFB aber nun plötzlich nichts mehr damit zu tun haben will, wie er hier behauptet, ist von einer interessanten Verantwortungslosigkeit.

Und noch was: Mit seinem Tweet hat er den berühmten Streisand-Effekt ausgelöst. Ohne ihn hätten nie so viele Menschen von der Auszeichnung des publizistisch weniger beachteten Vereins Deutsche Sprache erfahren. Ihn wird’s freuen.

Hass – ein schwieriges Wort

Hass – ein starkes Wort, findet @mediasres-Kolumnistin Silke Burmester:

Hass ist der Flüssigkitt der Journalisten. Sie gießen ihn in jede gedankliche Fuge. Bevor sie überlegen, worum es eigentlich geht und was für diesen Umstand das passende Wort wäre, gießen sie das Wort „Hass“ in die Lücke in ihrem Kopf und lassen einen Text herausplumpsen, in dem der Hass herumwirbelt wie einst die Kessler-Zwillinge.

Eigentlich hätte sie ihren Text auch in der sprachkritischen Rubrik des Medienportals Übermedien veröffentlichen können. Sie beschäftigt sich mit Wörtern, die die Gastautoren unpassend finden, übertrieben oder falsch. Problem ist nur der Titel der Rubrik. Sie heißt „Hasswort.“

Hoppala: Wenn ein Regierungschef hinfällt

Wenn ein Regierungschef gestürzt wird, klingt das dramatisch. Es klingt gewalttätig; das Substantiv „Umsturz“ schwingt mit. Es klingt aber meiner Meinung nach auch undemokratisch und nach einem illegitimen Vorgang.

So etwas ist heute im spanischen Parlament passiert. Dort hat Sozialistenchef Pedro Sanchez ein Misstrauensvotum gegen den konservativen Regierungschef Mariano Rajoy beantragt – und gewonnen. Rajoy wurde damit abgewählt. Abgesetzt. Des Amtes erhoben.

All das hätte man schreiben können. Stattdessen las ich aber vor allem den Begriff „gestürzt“. Ein Wort, das ich problematisch finde.

Der Duden definiert den Begriff (an siebter Stelle der möglichen Bedeutungen) so:

[gewaltsam] aus dem Amt entfernen, aus der Regierungsgewalt entfernen

„Gewaltsam“ ist hier eingeklammert, weil „stürzen“ demnach offenbar auch das demokratisch legitimierte Absetzen meinen kann – wie es in Spanien passiert ist. Doch warum wählen Journalisten genau dieses Wort und nicht eines der vielen anderen für den Vorgang?

Ich glaube, weil es krawalliger klingt – nach Konflikt, Gewalt, Streit. Und solche Begriffe verkaufen sich im Zeitalter des aufmerksamkeitsgetriebenen Journalismus eben besser als die Sache auf einen verfassungsgemäßen Vorgang zu reduzieren. Dem dienen auch andere Buzzwörter wie etwa „umstritten“, das der frühere Piraten-Politiker Christopher Lauer einmal bei Übermedien kritisiert hat:

Neben der negativen Konnotation und der Neutralisierung hat „umstritten“ also ein dritte Funktion: Es wertet den Gegenstand der Berichterstattung auf, suggeriert, hui hui, an dem Streit muss ja was dran sein, wenn die ganze Sache „umstritten“ ist. Dabei hat vielleicht jemand einfach nur etwas ins Internet gepupst und die Medien nahmen das einfach dankbar auf.

Auch der Begriff „Kampfkandidatur“, den einige Journalisten gerne verwenden, macht diese Zuspitzung in der Sprache deutlich. Eine Kampfkandidatur ist es schon dann, wenn zwei Kandidaten gegeneinander antreten – wie zum Beispiel um die Parteispitze von Bündnis 90/Die Grünen oder die der SPD. Wenn dagegen nur ein einziger Kandidat antritt, wird einfach von Wahl geredet. (Eine Beobachtung, die der Kabarettist Volker Pispers schon vor zehn Jahren gemacht hat.)

Im Bemühen, einen politischen Vorgang für den Hörer sexy zu machen, benutzen wir Journalisten manchmal unpassende Wörter. Wir können sie besonders dann vermeiden, wenn es unnötig ist – die Abwahl eines Regierungschefs lässt sich auch unter Vermeidung solcher Begriffe darstellen: „Abwahl“, „Misstrauensvotum“, „neue Regierung“ – all das ermöglicht auch, den Vorgang angemessen darzustellen, ohne in Alarmismus zu verfallen.

Gedanken über die „Pegida-Stadt Dresden“

Mich twitterte neulich ein (anonymer) Nutzer an und kritisierte folgendes:

In Dresden? Ausgerechnet in der Stadt, die @stfries im @DLF jüngst als „Pegida-Stadt“ abqualifizierte?

Er bezog sich auf diesen Beitrag über Reconquista Internet, in dem ich die Formulierung tatsächlich so verwendet habe:

Zu Wochenbeginn machte auch eine Offline-Aktion von sich reden. Auf die Frauenkirche in der Pegida-Stadt Dresden wurde ein Text mit dem Logo von Reconquista Internet projiziert. Dort hieß es:

„Durchhalten, freundliches Dresden! Ihr seid nicht alleine! #ReconquistaInternet“

Ich ahne, aus welchem Grund die Kritik geäußert wurde, habe aber unabhängig davon trotzdem darüber nachgedacht, ob ich damit tatsächlich Dresden abqualifiziert habe.

Man kann das so deuten; intendiert war es nicht. An dieser Stelle im Beitrag ging es mir eher um Kürze. Im Radio haben wir nur begrenzt Zeit, anders als in einem Online-Beitrag. Dementsprechend zählt manchmal jedes Wort. An dieser Stelle hatte ich ursprünglich so etwas getextet wie:

Zu Wochenbeginn macht auch eine Offline-Aktion von sich reden. Auf die Frauenkirche in Dresden, wo sich seit Jahren montags die (fremdenfeindliche) Pegida-Bewegung trifft, wurde ein Text mit dem Logo von Reconquista Internet projiziert.

Wie man sieht, ist das aber etwas länger als der später tatsächlich verwendete Text. Auf der Suche nach möglichen Kürzungen ist damit eben aus Dresden die Pegida-Stadt geworden, um in diesem Kontext zu erläutern, warum die Aktion ausgerechnet dort stattgefunden hat.

Dabei ist Pegida-Stadt für mich aber keine sprachlich grundsätzlich andere Zusammensetzung als Domstadt oder Oktoberfest-Stadt oder Bankenstadt, die man auch als „Stadt der Banken“ bezeichnen könnte. Das ist sprachlich leicht anders, lässt sich in dieser Form aber für viele andere Städte finden oder konstruieren:

  • Köln – Stadt der Silvesterübergriffe
  • München – Stadt der Bücherverbrennung
  • Mölln – Stadt des fremdenfeindlichen Anschlags

Und so weiter. In dieser Reihe hätte ich eben auch so formulieren können:

  • Dresden – Stadt der Pegida-Demonstrationen

Nichts anderes ist die kürzere Form „Pegida-Stadt“. Dass Dresden damit abqualifiziert wird, liegt eher im Auge des Betrachters. Natürlich kann „die Stadt“ – ob jetzt als kommunale Gliederung, als Ort oder als Gesamtheit seiner Bewohner – wenig dazu, wie sie von solchen Begriffen vereinnahmt wird. Gegen solche Zuschreibungen kann sich niemand wirksam wehren; sie geschehen einfach. Entweder aufgrund einer Zuschreibung von Orten oder Eigenschaften oder aufgrund von positiven oder negativen Ereignissen.

Aber natürlich ist mit keinem dieser Begriffe jeweils die Gesamtheit der Bürger beschrieben. Denn in der „Pegida-Stadt“ finden natürlich auch andere Dinge statt als ausschließlich diese Demos. Genauso wie es in Köln nicht nur den Dom gibt und in Frankfurt nicht nur Banken. So viel Souveränität sollten Leser dann schon haben.

Im „Handelskrieg“ bitte sprachlich abrüsten

In den letzten Tagen ist die Auseinandersetzung zwischen den USA und der EU über die Besteuerung von Waren offensichtlich außer Kontrolle geraten – in jedem Fall sprachlich. Plötzlich ist auf beiden Seiten von einem Handelskrieg die Rede. Also von einem Krieg.

Angefangen vom US-Präsidenten selbst, aber gerne aufgegriffen von Politikern in der EU und in Deutschland – weitgehend kritiklos weitergetragen von deutschen Medien. Nur ein paar Beispiele:

zeitung(Süddeutsche Zeitung)

zeitung

(Deutsche Welle)

zeitung(Handelsblatt)

zeitung

(tagesschau.de)

Und so weiter.

Besonders treffend ist diese Wortwahl nicht – und überdies äußerst wertend.

Um an die Definition des Duden zum Wort Krieg zu erinnern:

mit Waffengewalt ausgetragener Konflikt zwischen Staaten, Völkern; größere militärische Auseinandersetzung, die sich über einen längeren Zeitraum erstreckt

Nichts davon trifft auf eine Auseinandersetzung über Zölle zu. In der Wortwahl schwingt eine Bedrohung für Leib und Leben mit, die in Wirklichkeit nicht gegeben ist. Der Begriff ist aufmerksamkeitsheischend und soll eine besondere Dramatik in der wirtschaftspolitischen Auseinandersetzung zwischen beiden Seiten beschreiben. Dabei emotionalisiert er den Konflikt aber und schürt beim Rezipienten möglicherweise Angst.

Selbst wenn man diese Wortwahl aber grundsätzlich akzeptiert, ist sie im Moment auch abseits der Duden-Definition nicht sonderlich klug. Denn was soll jetzt noch kommen? Wir sprechen hier über Zölle auf Stahl und Motorräder. Das ist angesichts des Protektionismus zwischen Staaten noch vor ein paar Jahrzehnten nicht viel. Wird dann demnächst getitelt „Handelskrieg eskaliert“, wenn auch Autos und Whisky mit Zöllen belegt werden? Oder muss man dann von einem „nuklearen Handelskrieg“ sprechen, damit überhaupt noch deutlich wird, von welchen Dimensionen wir sprechen? Wohin soll das alles sprachlich noch führen, wenn man schon am Anfang sprachlich zum Äußersten greift?

Kriegsmetaphern sind grundsätzlich keine gute Wahl, wenn wir nicht über Krieg sprechen. Denn was unterscheidet den Bürgerkrieg sprachlich noch vom Handelskrieg? Warum sollte uns der Krieg in Syrien noch interessieren, wenn wir einen eigenen Krieg mit den USA führen?

Natürlich müssen Journalisten den Begriff transportieren, wenn er von Politikern benutzt wird, denn korrekt zitieren gehört ja dazu. Und deren Wortwahl deutet womöglich darauf hin, auf welcher Eskalationsstufe sie den Konflikt sehen. Aber Journalisten sollten sich einen solch wertenden Begriff nicht zu eigen machen und ihn tunlichst vermeiden.

Das Ende der „Großen Koalition“

(Foto: Stefan Fries)
(Foto: Stefan Fries)

Nach der Bundestagswahl 1990 verfügte die Regierungskoalition aus CDU/CSU und FDP im Bundestag über 60,1 Prozent der Sitze.

Im Jahr 2018 werden CDU/CSU und SPD mit ihrer möglichen Koalition über 56,3 Prozent der Sitze verfügen.

Die Preisfrage:

Welche dieser Konstellationen nennt man Große Koalition?

Das Beispiel zeigt, dass der Begriff im Jahr 2018 nicht mehr zutreffend ist.

In Deutschland hatte es sich eingebürgt, ein Zusammengehen der damaligen großen Volksparteien CDU/CSU (als Schwesterparteien) und SPD als Große Koalition zu bezeichnen. Auf Bundesebene sind sie bis heute die mandatsstärksten Parteien. So definiert auch Wikipedia den Begriff – und ergänzt:

Für westeuropäische Staaten wird der Begriff in der Regel verwendet, um eine Koalition zwischen den beiden größten in einem von zwei so genannten Volksparteien dominierten Parteiensystem zu beschreiben, bei dem rechnerisch auch kleinere Koalitionen möglich gewesen wären.

Nun sind zunehmend kleinere Koalitionen nicht mal mehr rechnerisch möglich. Eine Koalition aus CDU/CSU, FDP und den Grünen hätte zwar weniger Sitze gehabt als eine aus CDU/CSU und SPD, wäre aber in gewisse Weise wieder größer gewesen, weil mehr Parteien beteiligt gewesen wären.

Der Begriff „Große Koalition“ jedenfalls passt nicht mehr. Wurde schon bei einer Koalition in der Regel davon ausgegangen, dass sie eine Mehrheit im Parlament besitzt, also mehr als 50 Prozent der Sitze, so suggeriert „Große Koalition“, dass es sich um eine besonders große Mehrheit handelt.

Bis 2017 war das auch der Fall. Damals hielten CDU/CSU und SPD rund 80 Prozent der Sitze. Das war so viel, dass die Opposition aus Grünen und Linkspartei nicht mal all die Rechte ausüben konnte, die eine Opposition sonst eigentlich hat. Das machte die Macht der Koalition noch größer, weswegen der Begriff angemessen war.

Keine #GroKo mehr, bitte

Doch das liegt hinter uns, und es ist an der Zeit, den Begriff „Große Koalition“ für das möglicherweise kommende Bündnis nicht mehr zu verwenden, ebenso wie die nach Kindergarten klingende Abkürzung GroKo, die 2013 Wort des Jahres wurde und die die Jury damals animierte, es mit einem kleinen Krokodil zu bebildern.

Der Begriff verschleiert, wie klein die Koalition tatsächlich ist, obwohl sie aus den ehemals so genannten Volksparteien gebildet wird (die zwischen 1966 und 1969 sogar über knapp 91 Prozent der Sitze im Bundestag verfügte). Auch wenn der Begriff deutlich macht, dass die Koalition eine Mehrheit hat, unterschlägt er, wie groß die Opposition (310 Sitze) im Vergleich zur Koalition (399 Sitze) inzwischen ist.

Es gibt ja durchaus andere Begriffe, die das Bündnis beschreiben: die schwarz-rote Koalition oder die Koalition aus CDU/CSU und SPD etwa. Im Bemühen, die Realität richtig abzubilden, sollten Journalisten wertende Adjektive wie „groß“ nur verwenden, wenn die Sachlage eindeutig dafür spricht. Bei der „Großen Koalition“ tut sie das nicht.

Hauptstadt oder Hochburg? Die Sensibilität des Übersetzers

Als Donald Trump noch nicht Präsident war, nannte er Belgien einmal eine „beautiful city“.

Daran fühlte ich mich erinnert, als ich gestern vom Zitat des türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu las. Er soll die Niederlande als „Hauptstadt des Faschismus“ bezeichnet haben, berichten zum Beispiel die Rheinische Post und das ZDF.

Vom Inhalt mal abgesehen – wurde hier richtig übersetzt?

Die Cosmo-Kollegin Evren Zahirovic bestätigt die Übersetzung und sagt, dass dieser Ausdruck im Türkischen geläufig sei. Allerdings erinnert er mich in seiner wortwörtlichen Übersetzung doch zu sehr an Trumps „Belgium is a beautiful city“ und lässt den Urheber etwas schräg dastehen. Statt Übersetzung wäre also eine Übertragung notwendig.

So macht es zum Beispiel der Deutschlandfunk, der „Hochburg des Faschismus“ schreibt. Gerade jetzt, in der Schärfe der Auseinandersetzung, ist es wichtig, auch in der Übersetzung genau zu sein, vor allem bei Beleidigungen und den damit verbundenen Konnotationen, damit der Streit nicht unnötig eskaliert. Auch Medien sollten sich dessen bewusst sein.

Offenlegung: Ich bin freier Mitarbeiter beim Deutschlandfunk.

Wir gehen @mediasres

Funkhaus des Deutschlandfunks in Köln
Funkhaus des Deutschlandfunks in Köln

Medien sind heute für jeden selbstverständlich. Hat man sie vor 30 Jahren selbst lediglich konsumiert – und Zeitungen gelesen, Radio gehört, Fernsehen geguckt – so ist man heute selbst Medienproduzent. Und kann darüber hinaus noch auf eine Vielzahl von Quellen zurückgreifen, die früher Journalisten vorbehalten waren. Das bringt viele Vorteile und einige Nachteile. Vor allem aber hat es sehr viel Neues mit sich gebracht: nicht nur das persönliche Verhältnis zu Medien, sondern auch eine gewisse Überforderung, so ganz nebenbei die Seiten gewechselt zu haben.

Es ist eine ganze Reihe von Technologien, die dazu beigetragen haben: das Internet im Allgemeinen, soziale Netzwerke im Besonderen, mobile Netzwerkverbindungen, immer öfter verfügbares WLAN, die allzeit bereite Kamera im Handy für Fotos und Videos. All das versetzt jeden Nutzer heute in die Lage, nicht nur zu empfangen, sondern auch selbst zu senden. Mit all den Chancen und Schwierigkeiten, die das mit sich bringt.

Nicht nur haben Journalisten zuweilen das Gefühl, unter diesen Entwicklungen zu leiden, anstatt sie als Herausforderung zu begreifen. Auch kommen sie den Herausforderungen nur unzureichend entgegen – schon der Tatsache, wie präsent Medienthemen heute jeden Tag sind.

Lediglich auf den Medienseiten der Tageszeitungen und natürlich bei Mediendiensten im Netz geht es täglich um die Herausforderungen der allumfassenden Medialisierung. Was aber fehlt, ist ein tägliches Magazin im Radio, das sich mit Medienthemen beschäftigt.

Die bestehenden Medienmagazine im Radio – wie die gleichnamigen Sendungen etwa bei Radio Eins oder bei B5 aktuell, „Töne Texte Bilder“ bei WDR5 oder „Markt und Medien“ im Deutschlandfunk – leiden vor allem darunter, dass sie nicht so aktuell sind wie sie sein müssten. Und zum Teil im Ein-Mann-Betrieb arbeiten. Am Wochenende können sie nur noch zurückschauen auf Themen, die längst von verschiedenen Seiten aus betrachtet und durchgesprochen worden sind.

Der Deutschlandfunk schafft Abhilfe: Ab dem 20. März beschäftigt sich täglich eine 25-minütige Sendung mit Medien. Sie trägt den beziehungsreichen Titel @ mediasres. Sie will sich nicht nur mit tagesaktuellen Themen beschäftigen, sondern auch auf Hintergründe schauen und sich mit längerfristigen Entwicklungen beschäftigen – täglich zwischen 15.35 und 16 Uhr im Deutschlandfunk und natürlich im Netz.

Ich freue mich, dass ich als Redakteur und Moderator dabei sein kann.