Populismus war 2008 durchaus auch links

Für unsere @mediasres-Sondersendung zum Thema Medien und Rechtspopulismus habe ich mir noch mal mein Feature zum Thema Populismus aus dem Jahr 2008 angehört und durchgelesen (PDF hier). Damals war von der AfD noch keine Rede. Aber der Politikwissenschaftler Frank Decker von der Universität Bonn wusste natürlich damals schon, was auch Kollegen seit Jahrzehnten sagen: Die Möglichkeit war damals schon angelegt.

Und hier muss man eigentlich nühtern konstatieren, dass es in der Bundesrepublik genauso wie in fast allen westlichen Demokratien ein Potential gibt, das Potential einer Wählerschaft, die von den etablierten Parteien nicht mehr erreicht werden kann, weil sie sich eben, wenn man so will, im herrschenden Modernisierungsdiskurs nicht mehr wiederfindet. Man bezeichnet diese Wähler in der Wissenschaft gerne als die Modernisierungsverlierer.

Ob die Erklärung über die Modernisierungsverlierer wirklich trägt, ist heute zwar umstritten. Und dass es damals keine Nachfrage gab, lag wohl auch daran, dass es kein richtiges Angebot gab:

Also es gibt vielleicht auch in der Bundesrepublik einen Nährboden, es gibt eine Befindlichkeit in der Bevölkerung, die es auch rechtspopulistischen Parteien ermöglichen sollte, Erfolge zu erzielen, aber es gibt kein Angebot, kein passendes Angebot, es gibt keine Figur, die in der Lage wäre, auf dieser Klaviatur zu spielen.

Das Angebot kam dann in Form der AfD, zunächst mit mäßig erfolgreichen Führungsfiguren wie Bernd Lucke und Frauke Petry, die aber schon bald von Leuten wie Alexander Gauland, Alice Weidel und Björn Höcke abgelöst wurden.

Wie wenig präsent der Rechtspopulismus im Jahr 2008 war, habe ich vor allem gemerkt, als ich auf der Suche nach populistischen Äußerungen von Politikern war. Gefunden habe ich damals vor allem Oskar Lafontaine, den Partei- und Bundestagsfraktionschef der Linken. Wenngleich es populistische Äußerungen damals wie heute auch von Politikern anderer Parteien gab und gibt – damals waren es Jürgen Rüttgers (CDU) und Christine Haderthauer (CSU), die mir als Beispiel dienten. Aber auch Roland Koch (CDU) hatte sich entsprechend geäußert, und natürlich Ronald Schill, der Kopf der Hamburger „Partei Rechtsstaatlicher Offensive“ (kurz Schill-Partei).

Populismus ist als politische Taktik also nicht auf eine bestimmte Richtung festgelegt, kann aber durch die Häufung ihrer Merkmale und ihre Verdichtung auf ein politisches Programm durchaus zur Bildung einer Partei führen.

Journalismus 2018: Die Zeit des Weiterreichens ist vorbei

Bei den Tutzinger Radiotagen vor zwei Wochen kam es an einer Stelle über mich und ich habe mich in einem dreiminütigen Monolog etwas echauffiert darüber, dass Journalismus im digitalen Zeitalter nicht mehr so funktionieren sollte wie früher, das aber viele noch nicht so sehen. Ich will kurz erklären, worum es mir geht.

Auslöser ist die Diskussion über Haltung im Journalismus. Dazu haben sich in den letzten Wochen und Monaten viele Kollegen geäußert – Sascha Lobo war dabei, Georg Restle, Stefan Winterbauer, Froben Homburger, Jay Rosen, Klaus Meier und einige andere. Die Befürworter sagen vereinfacht zusammengefasst, dass Journalisten natürlich eine Haltung haben müssten, wenn sie berichten, und sei es nur, dass sie sich an Werten wie Menschenrechte orientieren. Die Gegner sagen, Journalisten sollten sich damit begnügen, zu berichten, was ist, den Rest würden die Bürger schon selbst hinkriegen.

Das finde ich zum einen sehr kurzsichtig und zum anderen gefährlich. Sehr kurzsichtig, weil Journalisten nicht davon ausgehen sollten, dass ihre Leser, Hörer, Zuschauer alle Hintergründe zu jeder Meldung kennen und sofort einordnen können, in welchem Kontext sich „das Neue“ bewegt, das berichtet wird. Sehr kurzsichtig auch, weil die Journalisten damit zum einen ihre eigene Arbeit zu wenig wertschätzen – nach dem Motto: Warum soll ich mehr berichten als das, was passiert ist? Außerdem ist es arrogant anzunehmen, dass jeder Nutzer dieses Hintergrundwissen hat. Für sehr gefährlich halte ich es, weil die Nutzer sonst nicht in der Lage sind, sich eine fundierte politische Meinung zu bilden, wenn wir ihnen diese Hintergründe verweigern. Nicht-Wissen gefährdet die Demokratie – oder wie es die „Washington Post“ in ihrem Slogan sagt: „Democracy dies in darkness“.

In Tutzing habe ich vor allem dafür plädiert, Journalismus heute nicht mehr ausschließlich als Megaphon für Politiker zu verstehen. Früher erfuhren Bürger fast nichts, wenn Journalisten es ihnen nicht gesagt haben. Sie konnten keine Bundestagsdebatten verfolgen, sie kamen nur schwer in Kontakt mit Abgeordneten, sie waren nicht vor Ort, sie konnten kaum nachfragen und bekamen nur schleppend Antworten.

Dass das heute völlig anders ist (nebenbei m.E. eine Ursache für den Vertrauensverlust bei Teilen der Nutzer), verdanken wir dem Internet und der dadurch bedingten Weiterentwicklung der Medien. Statt nur einmal am Tag können Leser sich bei Zeitungen jederzeit über die aktuelle Lage der Welt informieren, statt linear können sie heute alles auch zeitversetzt konsumieren, dank Facebook und Twitter können sie in Kontakt mit Abgeordneten kommen oder Live-Videos vom Ort des Geschehens schauen, noch bevor Journalisten berichten. Politiker wenden sich über soziale Netzwerke direkt an ihre Anhänger – besonders die AfD macht das erfolgreich.

Einfach weiterreichen ist also keine Aufgabe von Journalisten mehr. Warum einen Tweet nur zitieren, wenn ihn jeder selber lesen kann? Deswegen schließe ich mich voll und ganz DLF-Kollegin Ann-Kathrin Büüsker an, die gerade heute genau das aufgeschrieben hat, was ich noch vorhatte:

Wir als Journalisten dürfen uns nicht zu Sprachrohren von Politiker*innen machen lassen, damit werden wir unserer Aufgabe nicht gerecht und machen uns überflüssig. Denn ihre Botschaften kann eine Politikerin heute viel bequemer über ihre Social-Media-Kanäle ausspielen. Ein kleines Video drehen, ab auf die Plattformen – schon ist die Botschaft in der Welt. Unsere Aufgabe muss es sein, diese Botschaft einzuordnen. Warum sagt sie, was sie sagt? Und stimmt das überhaupt? Wir brauchen keinen „he said, she said“-Journalismus, in dem wir schamlose Lügen und provokante Statements von Populist*innen multiplizieren. Das entspricht nicht nur nicht unserem journalistischen Auftrag, ich halte es letztlich sogar für demokratiegefährdend.

Journalisten sind also heute (zumindest außerhalb des schnellen Nachrichtengeschäfts) weniger als früher dazu da, Ereignisse und Meinungsäußerungen einfach nur kontextlos weiterzureichen; sie müssen sie erklären und einordnen.

Im Fall von Donald Trump hat sich das reine Weiterleiten bereits als problematisch erwiesen, findet der US-Journalismusforscher Jay Rosen. Und er sagt auch, dass, wer über Rechtspopulismus einfach nur berichte, Teil von ihm werde.

Das ist die Gefahr, die Ann-Kathrin andeutet und die auch ich sehe: Wenn Populisten die Reflexe von Journalisten triggern und wir immer wieder darauf anspringen, macht das was mit der öffentlichen Diskussion in der Demokratie: Journalisten geben das Framing von Populisten weiter (trotz Negierung), Debatten verschärfen sich und machen Probleme unlösbarer, die Grenze des Sagbaren verschiebt sich (das Overton Window, siehe Video), grundlegende Menschenrechte werden verletzt (von der Würde des Menschen über die Pressefreiheit bis hin zum Asylrecht).

Demokratische Werte und soziales Miteinander sind ohnehin schon in Mitleidenschaft gezogen worden. Wenn Journalisten sich daran beteiligen, das zu verschärfen, ist damit nur den Scharfmachern gedient. Deshalb meine Forderung: Die Zeit des (reinen) Weiterreichens (von Informationen) ist vorbei. Ohne Einordnung geht es nicht.

Tutzinger Radiotage: Die neue Audio-Liebe

Mit den Tutzinger Radiotagen hat sich gestern auch noch „Was mit Medien“ bei Deutschlandfunk Nova beschäftigt. Die Tage wurden nämlich von einem Team namens „Junge Talente“ begleitet. Was sie über die Tagung berichtet haben, findet sich hier.

Und bei „Was mit Medien“ haben sie noch mal ausführlich über die drei Tage in Tutzing berichtet. Dabei werde ich anfangs auch zitiert – als „Die erste Meinung“. Nach einem Vortrag zum Thema Framing habe ich mich nämlich zur Rolle des Journalismus heute geäußert.

In Zeiten, in denen Politiker und Prominente mit empörenden Zitaten die Meinung der Öffentlichkeit steuern, müssen Journalisten gegenhalten. Wir brauchen mehr als Kurzmeldungen, die einfach nur die Aussagen von Politikern durchgeben, ohne sich weiter mit ihnen zu beschäftigen. So darf man zum Beispiel rassistische Beleidigungen nicht einfach wörtlich wiederholen, sondern muss sie auch so benennen, ohne das Narrativ einschleifen zu lassen. „Die Zeit des Weiterreichens ist vorbei.“

Ergänzend hatte Ann-Kathrin Büüsker, Redakteurin und Moderatorin beim Deutschlandfunk, gesagt: Wir müssen weg davon, immer nur zu melden, was jemand in der Politik sagen. Wir müssen stattdessen häufiger sagen, warum jemand etwas sagt.

Das schon mal vorab, demnächst werde ich dazu noch etwas ausführlicher schreiben.