Wer sich über das Programm der öffentlich-rechtlichen Sender beschweren will, dem wird es nicht leicht gemacht. Das lässt sich schon daran ablesen, dass die Rundfunkräte 2023 (die letzten erhobenen Zahlen) nur fünf Beschwerden stattgegeben haben. Meine ganze Recherche dazu findet sich hier.
Dass sie auch nur 98 der insgesamt 708 eingegangenen Beschwerden überhaupt behandelt haben, liegt an den jeweiligen Regeln, wie die Sender und Rundfunkräte mit Programmbeschwerden umzugehen haben. Denn sie müssen sie immer zuerst der Intendantin bzw. dem Intendanten vorlegen. Räumt dieser die Kritik ab und meldet sich der Beschwerdeführer nicht mehr zurück, kann i.d.R. auch der Rundfunkrat selbst keine Kritik mehr üben.
Beim Norddeutschen Rundfunk soll das in Zukunft anders laufen. Dazu hat der Rundfunkrat seine Geschäftsordnung überarbeitet. Der Vorsitzende Nico Fickinger sagte laut Pressemitteilung:
„Das Gremium kann künftig seine Kritik an einem Angebot auch unabhängig von einer Programmbeschwerde und den darin beanstandeten Punkten deutlich machen und dazu entsprechende Erwartungen, Hinweise und Empfehlungen an den Intendanten oder die Intendantin formulieren. Das erweitert den Handlungsspielraum des Rundfunkrats spürbar, weil er jetzt auch unterhalb der Aufgreifschwelle einer Staatsvertragsverletzung Kritik äußern kann.“
Tatsächlich war es der NDR-Rundfunkrat, bei dem es im vorigen Jahr einen der seltenen Fälle gab, in denen einer Beschwerde stattgegeben wurde. Allerdings wird die Änderungen auf diese Zahl vermutlich keine Auswirkungen haben, denn es geht ja nicht darum, den Nutzern mehr Rechte zu geben. Allerdings wurden dem Rat durch die Regeln bisher auch oft eigene Instrumente aus der Hand genommen, Kritik zu üben.
Der Journalist Hubert Seipel hat Geld aus Russland bekommen – um über Russland zu berichten. Zuvor hatte er auch für die ARD Filme gemacht. Der unter anderem zuständige NDR hat die Vorwürfe intern aufarbeiten lassen. Darüber wurde am Wochenende bei der Jahrestagung des Netzwerks Recherche in Hamburg gesprochen.
Seit Juni beschäftigen uns Skandale im öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Erst beim rbb in Berlin, wo gegen die mittlerweile entlassene Intendantin Patricia Schlesinger ermittelt wird. Dann auch beim NDR in Schleswig-Holstein und in Hamburg. Einige Aspekte dieser Fälle sind bereits untersucht worden, die Ergebnisse und die Berichterstattung dazu werfen aber Fragen auf. Welche, habe ich in den „Informationen am Morgen“ im Deutschlandfunk erzählt.
Haben die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland eine besondere Aufgabe, etwas gegen Desinformation und Propaganda im Netz zu tun? Eine Frage, die man kontrovers diskutieren kann. Schließlich sind Medien in erster Linie dazu da, zu berichten, was passiert ist, und nicht, was nicht passiert ist. Ich finde diese Frage pauschal schwierig zu beantworten. Man könnte vermutlich seine ganzen Ressourcen darauf verwenden, um angebliche Nachrichten richtigzustellen.
Aber macht man damit nicht auch auf Meldungen aufmerksam, die besser gar nicht erst verbreitet würden? Patrick Gensing nennt es kontraproduktiv, jede dieser Meldungen in der 20-Uhr-Tagesschau vorzustellen.
Über das Thema haben auf der Republica diskutiert:
Ina Ruck, ARD-Korrespondentin in Russland, ehemals in den USA
Jan Schulte-Kellinghaus, rbb-Programmdirektor
Stefan Niggemeier, Übermedien
Patrick Gensing, Leiter Faktenfinder tagesschau.de
In den Medien wird ständig über aktuelle Debatten, Skandale und Probleme berichtet. Lösungen werden dagegen nur selten aufgezeigt. Deswegen schließen sich immer mehr Journalisten einer Bewegung an, die das ändern will. Sie arbeiten an einem konstruktiven und lösungsorientierten Journalismus.
Journalisten sind Ziel von Hetze und Drohungen – weil sie nicht so berichten, wie sich manche das wünschen. Eigentlich müssten sie zusammenstehen. Doch Betroffene fühlen sich teils von Kollegen und Chefs im Stich gelassen. Mein Beitrag für @mediasres im Deutschlandfunk.
Medienhäuser nutzen Facebook nicht nur, um eigene Inhalte zu verbreiten – viele sehen das Netzwerk inzwischen auch als Konkurrenten auf dem Werbemarkt. Zeitungen sowie Radio- und Fernsehsender wollen zurückhaltender werden. Der NDR macht jetzt einen ersten kleinen Schritt, der Signalwirkung haben könnte. Von der Jahreskonferenz des Netzwerks Recherche in Hamburg habe ich für @mediasres im Deutschlandfunk berichtet.
Die Milliardenumsätze bei den Sportrechten haben offenbar Begehrlichkeiten geweckt: In einer Machbarkeitsstudie für den Bundeswahlleiter spielt eine Agentur die Möglichkeit durch, die Übertragungsrechte für die Bundestagswahl zu vermarkten.
Das klingt skandalös. Und nachfolgend bedient Autor Wulf Rohwedder ein paar Vorurteile: die raffgierige Unternehmensagentur, die die Studie angefertigt haben soll, der Bundeswahlleiter, für den die Studie sein sollte, von dem aber unklar ist, ob er sie selbst in Auftrag gegeben hat, der ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke, der das Modell zwar ablehnt, aber trotzdem mitmachen würde.
Ich bin nicht humorlos, aber ich halte solche Aprilscherze in Zeiten von Vorwürfen sogenannter „Fake News“ und „Lügenpresse“ für gefährlich. Auch wenn nur ein kleiner Teil der Nutzer diese Begriffe benutzen würde, so finden sich doch in einem größeren Teil der Zuschauerschaft Menschen, die mit einem bestimmten Misstrauen mit Medien umgehen. Dieses Misstrauen ist prinzipiell wichtig, denn wir brauchen kritische Nutzer, keine, die uns blind vertrauen. Aber es gilt auch, dieses Vertrauen nicht zu verspielen.
Schließlich ist bekannt, wie schnell die Erregungsmaschine heute läuft, und wie wenige Nutzer tatsächlich einen Beitrag (bis zum Ende) lesen. Und nur am Ende gibt es den Hinweis auf den April-Scherz – und nur durch einen weiteren Klick. Wer den Artikel in sozialen Netzwerken findet, wo er nur Foto, Überschrift und Teaser findet, wer Kommentare nicht liest, in denen andere Nutzer den Charakter der Meldung schon offengelet haben, wer den Artikel nur überfliegt und durch die echten Links und die gesamte Aufmachung auf einen regulären Beitrag schließen muss, wer am Ende nicht auf den Link zur Studie klickt (mal ehrlich: wie viele Leute machen das?), dem entgeht die Auflösung.
Natürlich würde er dann noch nicht auf eine Falschmeldung schließen können, aber Vorurteile wurden bereits bedient. Trägt er aber im Bewusstsein, die Meldung sei richtig, dieses Wissen mit sich herum, und bringt es an späterer Stelle an, bis er wiederlegt ist, fühlt er sich zurecht getäuscht. Und das von einer Quelle, die er bisher noch für seriös hielt. Wir wissen schließlich auch, dass die Auflösung einer Propagandameldung oder Falschnachricht nur noch einen Bruchteil derjenigen erreicht, die diese Meldung für wahr halten.
Die Tagesschau hat sich mit diesem Aprilscherz keinen Gefallen getan. Und andere Medien tun es auch nicht. Gerade jetzt gilt mehr denn je, für Vertrauen zu sorgen anstatt – auch am 1. April – dieses aufs Spiel zu setzen. Zeitungen in Norwegen und Schweden verzichten deshalb dieses Jahr darauf.
Grund dafür waren vor allem die Terroranschläge in Nizza, Ansbach und Berlin, der Amoklauf in München und der Putschversuch in der Türkei.
Selbst nach Abzug aller Medaillen-EILs der Olympischen Spiele in Rio entspricht das noch einer Steigerung um 180 Kurzmeldungen der zweithöchsten Priorität. 2016 war also tatsächlich ein außergewöhnliches Jahr. Oder gingen etwa den Redakteuren die Eilmeldungen schlicht zu locker von der Hand?
Eine gute Frage, die Homburger am Ende implizit mit einem „Nein“ beantwortet. Zumal die dpa ihm zufolge die Schwellen für Eilmeldungen angehoben habe und die Kriterien schärfer gefasst.
Oberstes Credo: Eine Nachrichtenagentur sollte sich keinem Alarmismus hingeben, sondern Ereignisse immer besonnen priorisieren – erst recht dann, wenn die Aufregung in den sozialen Medien besonders groß ist.
Nun ist die Arbeit einer Nachrichtenagentur die eine Sache. Ihre Kunden sind nämlich nicht die Leser, Hörer und Zuschauer, sondern Redaktionen, also Journalisten. Dass diese so schnell wie möglich über Ereignisse von hoher Relevanz und Eilbedürftigkeit informiert werden wollen, halte ich für plausibel. Sie brauchen Zeit, um sich auf eine entsprechende Berichterstattung vorzubereiten, den Personalbedarf zu planen und weitergehende Recherchen einzuleiten.
Meinem Eindruck nach bedeutet so eine Eilmeldung für viele Redaktionen allerdings eher, sie sofort und ungeprüft an ihre Nutzer weiterzureichen. Beobachten lässt sich das etwa daran, wie n-tv Eilmeldungen direkt an ihr Laufband durchreicht. Andere eilen in ihren Apps jede kleine Weiterentwicklung einer solchen Breaking News, so dass man innerhalb von wenigen Stunden eine Liste an Eilmeldungen vorfindet.
Natürlich war der Sommer ungewöhnlich; vor allem die zwölf Tage vom 14. bis 25. Juli, wie Homburger schreibt: Terroranschlag von Nizza, Putschversuch in der Türkei, Schießerei in Baton Rouge, Angriff in Zug bei Würzburg, Amoklauf von München, Angriff in Reutlingen, Anschlag in Ansbach, Anschlag in Orlando.
Genau zu jener Zeit habe ich untersucht, was Redaktionen einiger ausgewählter Apps per Eilmeldung an ihre Nutzer weitergeben. Eine statistische Auswertung dieser Untersuchung hat sich gerade wegen der ungewöhnlichen Ereignisse im Erhebungszeitraum nicht angeboten und blieb deshalb liegen; mit dem Abstand von heute und dem Blick auf die Jahresbilanz der dpa will ich aber einige Beispiele herausgreifen, bei denen ich das Instrument der Eilmeldung als wenig sinnvoll erachte.
Eins kann man schon mal vorwegnehmen: Viele Eilmeldungen von Redaktionen halfen Nutzern gerade nicht dabei, Ereignisse besonnen zu priorisieren. Das ist vor allem dann der Fall, wenn es um terminierte Ereignisse geht – und erst recht, wenn das Ergebnis das erwartete ist. So war sowohl der Termin des Misstrauensvotums gegen die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer am 14. Juli bekannt als auch die Tatsache, dass Dreyers Koalition über eine Mehrheit verfügte. Trotzdem eilte die Tagesschau:
(Screenshot: tagesschau-App)
Interessant auch, wenn ein Nicht-Ereignis Thema einer Eilmeldung wird, wie etwa am 30. Juni, als Brexit-Befürworter Boris Johnson verkündete, was er nicht tun werde, wie etwa die App der Süddeutschen Zeitung eilig vermeldete.
(Screenshot: SZ-App)
Was wäre geschehen, wenn der Nutzer das nicht sofort erfahren hätte? Sein Wissensstand wäre unverändert geblieben, nämlich dass Johnson nicht Premierminister werden will. Das war bis dahin Stand der Dinge; die Eilmeldung änderte daran nichts. Auch die Apps von Tagesschau und Spiegel online meldeten das, die Tagesschau immerhin mit dem Zusatz „überraschend“. Eine Angewohnheit von Journalisten, einer Nachricht etwas mehr Pepp zu geben: oft hilfreich zur Einordnung, nicht immer falsch, manchmal übertrieben.
Keine Frage, dass beide bisher genannten Beispiele berichtenswert sind. Entscheidend ist jedoch, ob sie eine Eilmeldung wert sind, ob es wichtig ist, dass der nachrichteninteressierte Nutzer unverzüglich darüber informiert werden muss.
Manche Redaktionen finden manchmal besonders eilig, was sie exklusiv haben – ganz gleich, wie eilbedürftig ihr Inhalt ist.
(Screenshot: tagesschau-App)
So bietet etwa die Information, dass Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble an seiner „schwarzen Null“ weiter festhält und das auch mit dem nächsten Haushaltsentwurf so festschreiben will, meiner Meinung nach wenig Eilbedürftigkeit.
Auch, wer Nachfolger des umstrittenen Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst wird, halte ich nur für von regionaler Bedeutung. Schließlich war es nicht das Amt selbst, dessen Besetzung interessiert, sondern die Person. Mit ihrem Abgang ist die Nachfolgefrage meines Erachtens für eine Eilmeldung weit überschätzt.
(Screenshot: SZ-App)
Es liegt im Wesen von Eilmeldungen, dass sie über herausgehobene Ereignisse möglichst schnell informieren. Wer einmal weiß, was passiert ist, hat somit die Möglichkeit, live an der Entwicklung dranzubleiben. Wenig sinnvoll ist es meines Erachtens dagegen, wenn zu einem bekannten Ereignis im Stundentakt Details nachgereicht werden, die keine eigene Eilmeldung mehr hergeben sollten.
Eilmeldungen sollten meiner Meinung nach eine relativ hohe Relevanzschwelle überspringen müssen, geleitet von der Frage, welche Ereignisse es wirklich wert sind, den Nutzer innerhalb kurzer Zeit und damit zwischen den Momenten, in denen er sich ohnehin über das Nachrichtengeschehen informiert, auf dem Laufenden zu halten.
Da hilft es dann auch nicht, wenn Spiegel online über seinen Twitter-Account @SPIEGEL_EIL nicht nur Eilmeldungen raushaut, sondern auch Kommentare, die der Einordnung und dem Hintergrund dienen.
Der inzwischen weit verbreitete Reflex in Redaktionen, nahezu jede Eilmeldung unverzüglich als wichtiges und weltbewegendes Ereignis weiterzureichen, dürfte auf Dauer aber zu einem Bumerang werden. Eilmeldungen, die ihren Namen nicht verdienen, werden Leser, Zuschauer und Hörer noch gleichgültiger werden lassen. Das kann niemand ernsthaft wollen. Die Aufgabe einer Redaktion ist es auch heute noch, vorzusortieren nach journalistischen Kriterien. Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Insbesondere in Zeiten, in denen Informationen und solche die es gerne wären, in nie da gewesenen Mengen kursieren.
Seitdem hat sich die Situation angesichts noch mehr Nachrichten-Apps meiner Meinung nach allerdings eher verschlimmert. Wie Udo schreibt, freuen sich manche Redaktionen über jedes Thema, das auch nur annähernd dazu geeignet ist, ein rotes Laufband oder eine rote Binde ins Fernsehbild, auf die Webseite oder in die App einzubinden. Die Orientierung der Nutzer geht damit verloren, wenn die Meldung tatsächlich wenig hergibt.
Eilmeldungen über Gewalttaten erzeugen selten Sicherheit, aber fast immer Eilgefühle. Unsicherheit. Verwirrung. Genervtheit. Trotzdem wollen wir sie lesen. (…) Wir wollen schnelle Infos und bedachte Analysen, sofort und mit Abstand, wir wollen alles gleichzeitig. Es geht nicht.
Sie bezog sich auf Eilmeldungen über Nizza, Würzburg, Ansbach, München. Das sind Nachrichten, die auch in meinen Augen eine besondere Eilbedürftigkeit haben, auch wenn wir die Nutzer damit zunächst ratlos zurücklassen. Aber zugleich Einordnung liefern, wie sie sofort gefordert wird, können wir nicht. Ein Dilemma.
Trotzdem wäre es gut, würden Journalisten, wenn eine Eilmeldung von Nachrichtenagenturen kommt, zunächst mal durchatmen würden und überlegen: Ist die Meldung wichtig? Ist die Quellenlage gut genug? Ist die Meldung eilig? Und wenn ja, wie eilig? Und erst dann entscheiden, ob sie wirklich den Nutzern dient oder doch eher dem geforderten Ausstoß an Eilmeldungen, ganz gleich, was passiert?
Messen Medien bei Gewalttaten mit zweierlei Maß, abhängig davon, von wem diese verübt wurden?
Seit ein Reichsbürger in Georgensgmünd in Bayern auf vier Polizisten geschossen und sie zum Teil schwer verletzt hat (einer von ihnen ist inzwischen gestorben), wurde der Vorwurf in mehreren Tweets erhoben, zum Teil von Journalisten selbst.
Hätte ein Islamist vier Polizisten niedergeschossen, wäre es die Top-Nachricht auf allen Kanälen. Schießt ein #Reichsbürger, ist das anders.
Das ist nach meiner Wahrnehmung aber falsch. Tatsächlich war die Meldung die Top-Nachricht auf den größten Kanälen. Wer sich gestern ein wenig durch die Seiten geklickt hat, konnte das sehen. Wer bei Google News nach „Reichsbürger“ sucht, findet hunderte Ergebnisse.
Der entscheidende Unterschied in der journalistischen Einschätzung liegt vermutlich auch in der Frage begründet, ob es sich bei der Tat des Reichsbürgers um Terror gehandelt hat oder nicht.
@stfries@Paxter_Redwyne Reichsbürger-Tat war kein Terror. Daher anderer Aufmerksamkeits-Level.
Journalisten vertreten dazu unterschiedliche Auffassungen. heute-plus-Moderator Daniel Bröckerhoff etwa spricht nicht von Terror und begründet das inmehrerenTweets damit, dass Terror geplant und gezielt sei, um die Bevölkerung zu verunsichern, was hier augenscheinlich nicht vorliege.
Reichsbürger rechtfertigen die Tat als „Selbstverteidigung“. Terror wär z.B. gewesen, in eine Polizeistation zu gehen und dort Polizisten zu töten.
Den Aspekt der „Selbstverteidigung“ will NDR-Nachrichtenredakteur Michael Draeger dagegen nicht als Abgrenzung gelten lassen:
Mir fällt dabei als Begriff spontan „passiver Terror“ ein. Solange man sie in Ruhe lässt, gehen Reichsbürger dieser Kragenweite möglicherweise nicht gegen Menschen vor, die nicht ihrem fiktiven Staat angehören; wenn der deutsche Staat allerdings sein Recht einfordert, etwa wenn er Steuern eintreiben oder Waffen entziehen will, werden sie gewalttätig.
Dirk Wilking vom Brandenburgischen Institut für Gemeinwesenberatung würde die Reichsbürger nicht als Terroristen definieren. Er hat im Auftrag des Landes Brandenburg in Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz dort ein Handbuch für Behörden (hier als PDF) geschrieben hat über den Umgang mit den sogenannten Reichsbürgern. Er sagte im Interview mit dem Deutschlandfunk:
Es sind keine terroraffinen Leute, sondern sie benutzen das, was ihnen zur Verfügung steht.
Wilking hält die Reichsbürger zwar für verfassungsfeindlich, weil sie den Staat ablehnten, spricht aber nicht von terroristischen Organisationen, weil sie dafür zu zersplittert seien (kein Wunder, wäre ein Zusammenschluss doch in ihrer Logik eine Art Staatenbund).
Tatsächlich aber ist die Einschätzung, ob es sich hierbei um Terror handelt, nicht entscheidend dafür, ob und wie Journalisten mit dem Thema umgehen. Nachrichtenkriterien orientieren sich schließlich nur zum Teil auch an juristischen, polizeilichen oder sonstwelchen Definitionen wie in diesem Fall der des Terrors. Man kann auch darüber berichten und den Begriff trotzdem vermeiden.
@stfries@M_Draeger@Ruhrnalist Ich arbeite lieber mit klaren Definitionen. “Terror” ist ein Kampfbegriff, das möchte ich vermeiden.
Aus meiner Sicht rechtfertigen vor allem zwei Aspekte eine ausführlichere und überregionale Berichterstattung: die gewaltsame Auseinandersetzung mit vier verletzten Polizeien, die in dieser Form selten ist, sowie der damit verbundene Fokus auf eine offensichtlich bisher unterschätzte Gruppe von Tätern mit einer bestimmten Ideologie, deren Gewaltpotenzial in der Öffentlichkeit so bisher kaum bekannt war oder zumindest nicht zum Tragen kam. Auch wenn dem bereits die Festnahme des Reichsbürgers Adrian Ursache vorausging, der dabei ebenfalls SEK-Beamte verletzte.
Wie ausführlich die Berichterstattung dann tatsächlich ist, ist allein mit Zahlen nicht zu fassen. Denn wie man anhand des eingangs zitierten Tweets mit dem „völlig durchdrehen“ sieht, geht es auch um Bewertungen.
Tatsächlich kann man aber kritisieren, dass über die üblichen Nachrichtensendungen und Informationsformate hinaus keine Sondersendungen ins Programm gehoben wurden, zumal ARD und ZDF unter anderen Umständen nicht gerade hohe Hürden dafür aufbauen. Allerdings brachte diesmal etwa das heute-journal im ZDF zum Reichsbürger nur eine Nachricht im Kurzmeldungsblock und keinen Film. Und das Erste verzichtete auf einen Brennpunkt.
@stfries@M_Draeger es gab auch keinen Brennpunkt o. ä. den es bei vergleichbaren Vorfällen mit anderem Hintergrund vermutlich gegeben hätte