Kongressveranstalter veröffentlichen Interview ohne Hinweis darauf, wie alt es ist

Der Virologe Christian Drosten wird heute mit einer Aussage zitiert, die aktuell klingt. Demnach hat er gesagt:

Wir müssen, um die Situation in den kommenden Monaten zu beherrschen, Dinge ändern. Die Pandemie wird jetzt erst richtig losgehen. Auch bei uns.

Das sorgte heute verständlicherweise für einige Schlagzeilen, die Drosten daraufhin richtigstellen musste. Denn seine Aussage sei schon ein paar Wochen alt, wie er unter anderem dem ZDF sagte. Über Details berichtet unter anderem Zeit online:

Das Gespräch wurde am Mittwoch im Vorfeld der im Oktober anstehenden Gesundheitskonferenz World Health Summit in Berlin veröffentlicht. Nach Angaben des World Health Summit vom Donnerstag war das Gespräch am 13. August geführt worden. Der Erscheinungstermin sei mit allen Beteiligten abgestimmt gewesen.

Dennoch ist so eine späte Veröffentlichung natürlich problematisch, wenn es um derartige Aussagen und ihre mediale Verwertung geht. Zwar sagte Drosten im ZDF, er habe das Interview „mit einem sehr weiten Zeitrahmen gespannt“ geführt, wenn man

aus einer Perspektive mitten im Sommer sagt, es wird noch mal kommen. Also hier geht es jetzt nicht darum zu warnen vor der nächsten Woche oder so etwas, sondern es geht um eine weltweite Perspektive. Und weltweit geht es jetzt richtig los.

Wer aber ein Interview führt in einer Situation wie dieser Pandemie, in der sich die Erkenntnisse so schnell ändern, und es erst sechs Wochen später veröffentlicht, der sorgt natürlich für derartige Missverständnisse wie sie heute aufgetreten sind – so dass derjenige, dessen Aussagen im Interview eigentlich für sich sprechen sollten, diese noch mal zurechtrücken muss.

Gerade in so einer Lage kann man Interviewpartnern natürlich nicht auferlegen, dass sie sich so äußern sollen, als würden sie in sechs Wochen sprechen. Problematisch ist es aber durchaus, dass der World Health Summit, der in seiner Pressemitteilung nicht deutlich macht, wer das Interview namentlich geführt hat, so ein Gespräch so lange zurückhält. Und bei der Veröffentlichung gestern auch keinen Hinweis darauf gibt, wie alt dieses Gespräch schon ist.

Dass das Interview heute noch mal viel Presse erhalten hat, mag auch darauf zurückzuführen sein. Denn wahrscheinlich viel weniger Medien wäre es eine Meldung wert gewesen, wie Drosten vor sechs Wochen die mittlerweile hinter uns liegende Zukunft sah – jedenfalls wäre die Meldung abhängig vom Ergebnis womöglich weniger prominent platziert worden.

Wie der Stadt-Anzeiger mit den Erwartungen seiner Leserschaft spielt

Wenn ein Interview im Kölner Stadt-Anzeiger mit dem Philosophen Markus Gabriel mit dieser Überschrift aufwartet:

„Man hätte nicht die Virologen fragen dürfen“

Dann klingt das so, als würde Gabriel deren Wissen und Meinung in der Bekämpfung der Corona-Pandemie ablehnen. Es ist eine Überschrift, die in jedem Fall ihren Zweck erfüllt, Lust auf das Interview zu machen. Sie ist aber auch irreführend, denn natürlich pfeift Gabriel nicht auf die Virologen. Im Wortlaut heißt es da erst gegen Ende des einseitigen Interviews:

„Man hätte von vornherein nicht die Virologen fragen dürfen, ob man die Kitas öffnen soll oder nicht. Nur medizinische Profis können uns über das Virus belehren. Ohne sie bekommen wir die nicht-moralischen Tatsachen nicht sortiert. Aber die Abwägung über das Handeln, das aus diesen Tatsachen folgt, müssen andere vornehmen und das kann auch nicht alleine auf den Schultern der Politik lasten.“

Das Zitat aus der Überschrift bezieht sich also nur auf den Aspekt der Kita-Öffnungen. Und tatsächlich heißt es in der Unterzeile:

Der Philosoph Markus Gabriel über Schieflagen in der Pandemiebekämpfung, „Covidioten“ und die Öffnung der Kitas

Die Kitas, auf die sich das Zitat im Titel bezieht, tauchen also sogar in der Unterzeile auf – aber als letztes. Liest man Überschrift und Unterzeile gemeinsam, kann man aber den Eindruck bekommen, Gabriel lehne es ab, zur Pandemiebekämpfung Virologen zu befragen. Während die Redaktion zurecht sagen kann, dass die Kitas, auf die er sich bezieht, ja direkt oben erwähnt sind.

Es ist also ein interessantes Spiel mit den Erwartungen der Leser*innen. Halten Sie die Überschrift für eine provokante Aussage eines Corona-Leugners und werden am Ende enttäuscht, dass Gabriels Aussage eher harmlos ist?