Journalisten auf der schiefen Bahn – eine kleine Presseschau

Der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG hat kein grünes Licht für eine Vertragsverlängerung für Bahnchef Grube gegeben. Das hat in vielen Redaktionen die Weichen gestellt: Vorsicht an der Bahnsteigkante und Bahn frei für einen ganzen Zug an Floskeln.

Spiegel online

(Screenshot: spiegel.de)
(Screenshot: spiegel.de)

Tagesschau um 20 Uhr

„Nun also Bahn frei für die Nachfolgersuche…“

„Die SPD betonte heute, sie wolle auf jeden Fall mitentscheiden, wer künftig die Weichen bei der Bahn stellt.“

Süddeutsche.de

„Am Donnerstagmorgen vergangener Woche liegt Rüdiger Grubes Leben Leben noch voll im Plan.“

„Draußen geht gerade die Sonne auf, drinnen ist Grube nur schwer zu bremsen.“

FAZ.net

(Screenshot: faz.net)
(Screenshot: faz.net)

(Die FAZ reagierte im Übrigens mit dem Artikel „Wie das Netz auf Rücktritt von Bahnchef Rüdiger Grube reagiert“ und spricht von einem „gefundenen Fressen“. Da kannte der Autor aber seine eigenen Kollegen nicht.)

ZEIT online

(Screenshot: zeit.de)
(Screenshot: zeit.de)

Berliner Morgenpost

(Screenshot: morgenpost.de)
(Screenshot: morgenpost.de)

Deutschlandfunk, Kommentar

(Screenshot: deutschlandfunk.de)
(Screenshot: deutschlandfunk.de)

„Auch an der Spitze des Unternehmens Deutsche Bahn gibt es keine reservierten Vertragsverlängerungen und keine ungestörten Betriebsabläufe beim Übergang von einem Chef zum anderen.“

„Hatte er den Bahn-Konzern nach der Ära Hartmut Mehdorn doch wieder auf die Spur gesetzt…“

„…die Verantwortung für die Weichenstellungen der Zukunft“

„Streiterei um die Konzernführung braucht die Bahn aber nicht, sondern einen entschlossenen Lokführer an der Spitze.“

Tagesspiegel

„Grube musste die S-Bahn wieder aufs Gleis stellen…“

Wirtschaftswoche

(Screenshot: wiwo.de)
(Screenshot: wiwo.de)

Handelsblatt

(Screenshot: handelsblatt.com)
(Screenshot: handelsblatt.com)

Von der Eilmeldung zur Voreiligmeldung

Manchmal hat man den Eindruck, eine Eilmeldung zu wichtigen, absehbaren Ereignissen müsse fast noch vor deren Stattfinden versendet werden. Kein Wunder, dass es dann zu Fehlern wie diesem kommt:

 

Dazu trägt vermutlich auch eine gewisse Hektik in Reaktionen bei. Wer nur einen kleinen Satz von Bundesverfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle bei der Urteilsverkündung verpasst hat, kann ihn sogleich völlig missverstehen.

Der Spiegel hat sich für den Irrtum entschuldigt:

Mit einem anderen Aspekt zum Thema Eilmeldung, ihrer Entwertung durch zu viele davon, habe ich mich neulich schon beschäftigt.

Ein Hoeneß muss nicht gewählt werden

Gut, gut, offenbar gibt es wenige Zweifel daran, dass Uli Hoeneß demnächst wieder Präsident des FC Bayern München sein wird. Allerdings haben sich manche Journalisten heute dermaßen überschlagen, dass ganz durcheinander ging, wie das eigentlich ablaufen soll. Kandidatur? Wahl? Offenbar nicht nötig.

So war sich die Sportschau etwa schon sehr sicher, dass Hoeneß zurückkehrt – laut Tweet und Überschrift des Artikels in jedem Fall. Sogar der ersten Satz im Text lautete „Honeß wird sich (…) wählen lassen.“ Das ist kühn. Auch MDR Aktuell formulierte das so, als sei Hoeneß soeben gewählt worden.

ZDF heute schrieb zwar zuerst richtig, dass Hoeneß kandidiere, rutschte dann aber später wieder teilweise in den Indikativ ab.

Während die Süddeutsche Zeitung sich zumindest sprachlich ein wenig distanzierte.

Vielleicht haben sich einige Journalisten auch zu sehr auf die Formulierung der Nachrichtenagentur SID verlassen. Der Sport-Informationsdienst etwa meldete die Kandidatur ebenfalls als praktisch unnötig.

SIDSehr schön hat die ganze Geschichte SPIEGEL online zusammengefasst.

Am Ende gilt aber in jedem Fall:

Wie sich Medien zum Sprachrohr eines Tatverdächtigen machen

Hey, das lief ja gut für den Bielefelder Rechtsanwalt Detlev Binder. Er vertritt Wilfried W., der in seinem Haus in Höxter zwei Frauen zu Tode gequält haben soll.

Schlagzeile im Westfalen-Blatt (Screenshot: http://www.westfalen-blatt.de/OWL/Lokales/Kreis-Hoexter/Hoexter/2385095-Horror-Haus-Anwalt-kritisiert-Polizei-mit-Video-Die-Opfer-von-Hoexter-koennten-noch-leben)
Schlagzeile im Westfalen-Blatt (Screenshot: http://www.westfalen-blatt.de/OWL/Lokales/Kreis-Hoexter/Hoexter/2385095-Horror-Haus-Anwalt-kritisiert-Polizei-mit-Video-Die-Opfer-von-Hoexter-koennten-noch-leben)

Er hat dem „Westfalen-Blatt“ ein Interview gegeben. In einem Video-Interview dort sagt er, die beiden Opfer könnten noch leben, wenn die Polizei damals richtig reagiert hätte.

Binder macht seinen Job richtig: Er verteidigt seinen Mandanten. Es steht ihm frei, dessen Version in die Öffentlichkeit zu geben. Auch wenn es manch einem merkwürdig erscheinen mag, dass er einen Teil der Verantwortung auf die Polizei abwälzt, darf er das tun. Wahrscheinlich hätte er aber nicht gedacht, dass ihm viele Medien so willfährig folgen und seine Version fast ungefiltert weitergeben.

So schreibt etwa der Kölner Stadt-Anzeiger:

„Das Täterpaar wollte die Frau freilassen und fuhr mit ihr zur Polizeiwache“, heißt im Anreißer zum Link. Tat es das wirklich? Wollte es das wirklich? Die Indikative im Satz legen das nahe. Aber wir wissen es nicht; die einzige Quelle dafür ist parteilich.

Auch der Tagesspiegel erweckt mit seiner Überschrift den Eindruck von Tatsachenbehauptungen:

Bericht auf tagesspiegel.de (Screenshot: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/hoexter-bosseborn-taeterpaar-wollte-frau-aus-berlin-2012-in-polizeiwache-freilassen/13641862.html)
Bericht auf tagesspiegel.de (Screenshot: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/hoexter-bosseborn-taeterpaar-wollte-frau-aus-berlin-2012-in-polizeiwache-freilassen/13641862.html)

Der Stern versteckt immerhin den Urheber der Aussagen in der Dachzeile:

Überschrift bei stern.de (Screenshot: http://www.stern.de/panorama/stern-crime/hoexter-polizei-anwalt-vorwuerfe-6866614.html)
Überschrift bei stern.de (Screenshot: http://www.stern.de/panorama/stern-crime/hoexter-polizei-anwalt-vorwuerfe-6866614.html)

Überrascht bin ich, dass sich die Clickbaiting-Maschine focus.de zurückhält und sich sogar in der Überschrift von der Aussage des Anwalts distanziert:

Schlagzeile auf focus.de (Screenshot: http://www.focus.de/panorama/welt/horror-paar-von-hoexter-anwalt-erhebt-schwere-anschuldigung-polizei-haette-tod-der-frauen-verhindern-koennen_id_5564762.html)
Schlagzeile auf focus.de (Screenshot: http://www.focus.de/panorama/welt/horror-paar-von-hoexter-anwalt-erhebt-schwere-anschuldigung-polizei-haette-tod-der-frauen-verhindern-koennen_id_5564762.html)

Ebenso wie Spiegel online:

Bericht auf spiegel.de (Screenshot: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/hoexter-mutmassliches-folterpaar-soll-mit-opfer-zu-polizeiwache-gefahren-sein-a-1094105.html)
Bericht auf spiegel.de (Screenshot: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/hoexter-mutmassliches-folterpaar-soll-mit-opfer-zu-polizeiwache-gefahren-sein-a-1094105.html)

Sowohl Focus als auch Spiegel tun dann aber auch kaum anderes, als die Aussagen des Anwalts wiederzugeben. Zwar gibt es den Hinweis darauf, dass sich die Polizei wegen der laufenden Ermittlungen nicht dazu äußern möchte. Aber beide geben dem Tatverdächtigen breiten Raum, ohne den Vorwürfen eine zweite Meinung oder Fakten entgegenstellen zu können. Und rücken damit die Polizei in den Mittelpunkt des Falls.

Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt. Die Journalisten wissen es auch nicht. Was sich der Leser denkt: keine Ahnung.

Vorwürfe erheben kann jeder. Aber es liegt in der Verantwortung von Journalisten, diesen Vorwürfen entweder nachzugehen und sie zu erhärten – oder die Geschichte erst mal liegenzulassen.

Aber sie klang einfach zu spektakulär. Vielleicht wusste Detlev Binder das.

Merkels Spiel mit den Medien

Bundeskanzlerin Angela Merkel versteht es, die Medien für ihre Zwecke zu benutzen. Am Dienstag hatte sie sich noch dagegen ausgesprochen, Jean-Claude Juncker, den Spitzenkandidaten der Europäischen Volkspartei, der auch Merkels CDU angehört, zum EU-Kommissionspräsidenten zu machen. Ihre Äußerungen hatten ihr viel Kritik gebracht.

Auf dem Katholikentag in Regensburg scheint sie nun anscheinend einzulenken – und die Medien machen genau das daraus, was Merkel wollte. So schreibt etwa die dpa:

Merkel: Juncker soll EU-Kommissionspräsident werden

tagesschau.de titelt:

Merkel spricht sich für Juncker aus

Aber die Medien legen Merkel falsch aus. Im Original hat sie nämlich gesagt:

Und was die Personen anbelangt, so haben wir zum ersten Mal ganz offiziell Spitzenkandidaten für das Amt des Kommissionspräsidenten benannt, alle Parteien. Und es gab das Einverständnis, dass die Partei, die dann die stärkste wird, die Parteiengruppe, auch dann den Kommissionspräsidenten stellt. Und es hat sich herausgestellt: Die Europäische Volkspartei mit ihrem Spitzenkandidaten Jean-Claude Juncker ist die stärkste politische Kraft geworden, und deshalb führe ich jetzt alle Gespräche genau in diesem Geist, dass Jean-Claude Juncker auch Präsident der Europäischen Kommission werden sollte.

Sie sagt nicht: Ich will, dass er es wird. Oder: Ich setze mich dafür ein, dass er es wird. Sondern sie sagt: „in diesem Geis“” will sie reden. Das ist aber nichts anderes als das, was sie bisher getan hat und was auch in den Verträgen steht:

Der Europäische Rat schlägt dem Europäischen Parlament nach entsprechenden Konsultationen mit qualifizierter Mehrheit einen Kandidaten für das Amt des Präsidenten der Kommission vor; dabei berücksichtigt er das Ergebnis der Wahlen zum Europäischen Parlament.

(Hervorhebung von mir)

Nichts anderes sagt sie: „in diesem Geiste“. Daraus zu machen, wie der Spiegel – „Merkel unterstützt Juncker doch“ – ist einfach falsch.

 

(Dies ist eine späte Übernahme aus meinem Tumblr-Blog von 2014, eingefügt am 13.09.2019.)