Eine unverschämte Frage oder: Was ein Interviewer tun soll

Die CDU-Politikerin Vera Lengsfeld hat sich in ihrem Blog darüber beklagt, dass man „Verfehlungen einzelner Einwanderer nicht auf alle Migranten beziehen“ dürfe, das bei „den Sachsen“ aber tue.

Es geht so weit, dass der Moderator des Deutschlandfunks ein Interview mit der ehemaligen sächsischen Spitzenpolitikerin der Grünen mit der unverschämten Frage eröffnete: „Frau Hermenau, fühlen Sie sich noch wohl in Sachsen?“

Die Frage als unverschämt zu bezeichnen und dem Interviewer damit eine persönliche Positionierung zu unterstellen, greift allerdings zu kurz.

Wer die Frage in dem Interview mit Antje Hermenau von heute morgen im gesamten Zusammenhang betrachtet, den Lengsfeld ausspart, versteht Sinn und Zweck der Frage.

Dirk Müller: Bautzen, Heidenau, Freital, Meißen, Dresden – immer wieder Sachsen und immer wieder auch Dresden. Zwei Sprengstoffanschläge erschüttern einmal mehr die offizielle Weltoffenheit der barocken Stadt an der Elbe. Ein Anschlag galt einer Moschee, der zweite Sprengsatz ging vor dem Internationalen Kongresszentrum der Stadt hoch. Niemand wurde bei der Detonation verletzt. Die Polizei geht von einer ausländerfeindlichen Tat aus, das Ganze wenige Tage, bevor in Dresden der Tag der Deutschen Einheit gefeiert werden soll.

Die Sprengsätze in Dresden – Sachsen und die zunehmende Gewalt – das ist unser Thema jetzt mit der Unternehmerin und Politikberaterin Antje Hermenau, früher Spitzenpolitikerin der Grünen. Guten Morgen nach Dresden.

Antje Hermenau: Guten Morgen! Ich grüße Sie.

Müller: Frau Hermenau, fühlen Sie sich in Sachsen noch wohl?

Hermenau: Natürlich. Ich fühle mich in Sachsen wohl, das ist meine Heimat und es gibt sehr viele interessante Menschen. Natürlich fühle ich mich wohl. Aber ich habe gerade Ihre Anmoderation entnommen, in der Sie sagten, immer wieder Sachsen, dass offensichtlich 15 Bundesländer der Meinung sind, sie haben kein Problem und können zufrieden auf Sachsen blicken, das dieses Problem hat. Ich wäre da vorsichtig. Gerade aus Unternehmersicht glaube ich, dass wir in Gesamtdeutschland ein Problem haben, und das ist eine Melange aus den unaufgearbeiteten Fehlern der letzten Jahrzehnte bei mangelhafter Integration vor allem im Westen Deutschlands und jetzt einer aufschwappenden zornigen Entladung im Osten, weil nicht öffentlich diskutiert wird, was die Zuwanderung bringen soll.

Die Frage wirkt: Hermenau tritt der von Müller geäußerten Meinung entgegen, besonders in Sachsen würden besonders viele Menschen zu Gewalt neigen, indem sie das als gesamtdeutsches Problem bezeichnet. Sie bekommt Gelegenheit, ihre Überzeugung darzulegen. Wie jeder aus persönlichen Diskussionen weiß, ist es um so leichter, sich seine Meinung zu bilden, wenn man sich an denen anderer abarbeiten kann. Müller erfüllt also seine Aufgabe als Interviewer.

In journalistischen Seminaren empfehlen Trainer, möglichst genau die Position des Interviewpartners zu recherchieren. Bei öffentlichen Personen wie Politikern haben sich diese ohnehin schon mal in anderen Zusammenhängen über das Thema oder einem Aspekt dazu geäußert, so dass ihre grundsätzliche Haltung tendenziell ermittelbar ist. Ihre Zugehörigkeit zu einer politischen Partei, einem Unternehmen, einem Unternehmensverband, einer NGO usw. legt außerdem den Schluss nahe, dass sie ebenfalls deren bekannte politische Positionen vertreten. Dieser Position tritt der Interviewer dann mit einer möglichst kontroversen Gegenmeinung gegenüber – sei es, dass es sich um eine tatsächlich in der Öffentlichkeit geäußerte Position handelt oder lediglich als solche denkbar ist.

Wie wirksam dieses Entgegenhalten von Meinungen ist, lässt sich noch deutlicher als im Fall Hermenau exemplarisch im Interview von Tobias Armbrüster mit Uwe Junge, dem Vorsitzenden der rheinland-pfälzischen AfD, zeigen. Armbrüster gelingt es, Junge durch beharrliches Nachfragen immer wieder auf Ungereimtheiten und Widersprüche in Aussagen von AfD-Politikern zu stoßen, die am Ende dazu führen, dass Junge seine ursprüngliche stark vereinfachende Position aufgibt und eine differenziertere Haltung einnimmt.

Das ist in der Tat ein extremes Beispiel. Denn dass ein Politiker innerhalb eines Interviews so stark umschwenkt wie Junge ist ungewöhnlich – und nicht das Ziel des Interviewers. Seine Aufgabe ist es, die Position seines Interviewpartners verständlich zu machen. Wenn dieser durch kritische Nachfragen zum Schluss gelangt, dass er sie auch vor sich selbst nicht verteidigen kann, ist das ein Erkenntnisgewinn nicht nur für ihn selbst, sondern vor allem für die Hörer.

Das Interview ist für den Deutschen Radiopreis 2016 nominiert worden. Die Jury begründet das unter anderem so:

Dieses kontrovers geführte Interview zeigt, wie sich politische Thesen und Behauptungen durch beharrliches Nachfragen zerlegen und widerlegen lassen. Der Interview-Partner kann seine Behauptungen über den Islam in Deutschland nicht mit Fakten unterfüttern und wird daher zunehmend unsicher. Trotz einiger Versuche des Politikers lässt sich der Interviewer nicht vom eigentlichen Thema des Interviews abbringen und hält Kurs. Ein hörenswerter Schlagabtausch, hoch-politisch und  unterhaltsam zugleich.

Aus der Fragestellung eines Interviewers auf seine persönliche Meinung zu schließen, greift deshalb deutlich zu kurz. Eigentlich sollte das eine erfahrene Politikerin wie Vera Lengsfeld wissen.

Offenlegung: Ich arbeite als freier Mitarbeiter für den Deutschlandfunk.

Warum fast jeder Erdenbürger einmal mit Bus und Bahn durch Deutschland fuhr

Seilbahn in Köln
Auch ein Verkehrsmitteln mit Fahrgästen, wird aber nicht gezählt: Seilbahn in Köln. (Foto: Stefan Fries)

Es ist ein Wahnsinn. Im ersten Halbjahr war fast die ganze Welt in Deutschland – zumindest für eine kurze Weile. Nämlich, um eines der öffentlichen Verkehrsmittel in Deutschland zu nutzen.

Im ersten Halbjahr 2016 nutzten in Deutschland nach vorläufigen Ergebnissen über 5,7 Milliarden Fahrgäste den Linienverkehr mit Bussen und Bahnen.

Das schreibt das Statistische Bundesamt. Bei einer Weltbevölkerung von mehr als 7 Milliarden Menschen stellt das dem deutschen ÖPNV ein gutes Zeugnis aus, würde ich sagen. Sogar erstaunlich, dass das noch nicht zu eine Überlastung geführt hat. Einige Medien haben die Meldung des Statistischen Bundesamts ausgewertet und formulieren die Sachlage genauso. Erst im zweiten Satz ihrer Pressemitteilung wird das Amt präziser:

Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, bedeutet dies einen Zuwachs des Fahrgastaufkommens um 2,0 % gegenüber dem ersten Halbjahr 2015. Durchschnittlich legte damit im ersten Halbjahr 2016 jeder Einwohner 70 Fahrten zurück, bundesweit waren dies täglich fast 32 Millionen Fahrten.

Es handelt sich also nicht um 5,7 Milliarden Fahrgäste, sondern um 5,7 Milliarden Fahrten – das sind die erwähnten im Schnitt 70 Fahrten pro Bundesbürger. In dieser Dimension ergibt die Zahl wieder Sinn. Dankenswerterweise gibt das Amt noch einen Hinweis zur Methodik der Zählung:

Im Nahverkehr werden Fahrgäste, die während einer Fahrt zwischen den Verkehrsmitteln eines Unternehmens umsteigen, in die Gesamtzahl nur einmal einbezogen, in die nach Verkehrsmitteln untergliederten Angaben jedoch mehrmals. Als Fahrgäste werden Beförderungsfälle erhoben. Fahren im Berichtszeitraum Personen mehrfach, so werden sie auch mehrfach gezählt.

Diese Differenzierung fließt in der Regel nicht in die Berichterstattung mit ein. Wünschenswert wäre es allerdings, um die unvorstellbare Zahl besser einzuordnen.

Arbeiten in der Chaosphase – zwei Redaktionen zeigen, wie das läuft

Der mutmaßliche Amoklauf von München hat zum ersten Mal in Deutschland eine Breaking-News-Situation der besonderen Art für hiesige Journalisten hergestellt. Anders als bei den Terroranschlägen von Paris, Brüssel und Nizza waren nicht nur einige wenige deutsche Korrespondenten vor Ort, sondern hunderte, die direkt von den Orten der Ereignisse berichten konnten – nicht nur vom Tatort, sondern auch von anderen Orten in München, die von der Polizei stundenweise für Tatorte gehalten wurden.

Eine Berichterstattung im Ausnahmezustand – oder in der „Chaosphase“, wie Annette Ramelsberger in der Süddeutschen Zeitung schreibt. Der Begriff beschreibe die Anfangsphase, in der erst mal nichts klar sei, in der man keine Hintergründe kenne und auf alles gefasst sein müsse. Eine Woche nach dem mutmaßlichen Amoklauf blickt Ramelsberger auf die Berichterstattung ihrer Zeitung in jener Nacht von München und versucht transparent zu machen, wie die Arbeit von Journalisten in so einer Situation aussieht.

„In diesem Moment muss eine Redaktion entscheiden, was sie berichtet und was nicht. Während eine Zeitungsredaktion zumindest ein paar Stunden zum Nachrecherchieren der Hinweise hat, muss eine Online-Redaktion sofort entscheiden, was sie weitergibt. Innerhalb von Minuten muss dann entschieden werden, ob man den Hinweis auf eine Schießerei am Stachus auf die Homepage nimmt oder nicht. Die Entscheidung muss fallen zwischen der Warnung, dem möglichen Schutz von Menschenleben und dem weiteren Schüren von Hysterie.“

Ramelsberger greift auch die Skepsis von Nutzern auf, die glauben, alle Tatsachen müssten von Anfang an bekannt sein.

„Doch die belastbaren Tatsachen schälen sich erst allmählich aus dem Wust an Informationen heraus, die minütlich auf die Redaktion einprasseln. Vieles lässt sich erst nach mehreren Tagen wirklich klären – das ist keine böse Absicht, das heißt nicht, dass die SZ etwas verschweigen will, sondern: Sie weiß es einfach nicht. Genauso wenig wie die Ermittler.“

Auch der Nachrichtenchef des Deutschlandfunks, Marco Bertolaso, hat mit etwas Abstand aufgeschrieben, unter welchen Bedingungen seine Redaktion während des Amoklaufs arbeitet. Er findet, dass es heutzutage nicht mehr reicht, nur Fakten zu melden und bei Gerüchten abzuwarten, bis sie bestätigt oder widerlegt werden.

„Wir müssen uns auch aktiv daran beteiligen, Gerüchte und Unterstellungen einzufangen, bevor sie politisch-gesellschaftliche oder andere Folgen haben. (…) Wir müssen die Spekulationen offensiv angehen und klar stellen, dass es keinerlei Anhaltspunkte dafür gibt.“

Als reine Redaktion für Radionachrichten hat man früher bis zur jeweils nächsten Sendung, also bis zu einer Stunde lang, abwarten können, wie sich eine unsichere Lage bis dahin darstellt. Heute kann man ständig online informieren – und tue das deshalb auch in unsicheren Informationslagen.

„Wie andere Berufe auch hat sich der Nachrichtenjournalismus rasant verändert. Wir müssen in Echtzeit reagieren und eine Vielzahl an Verbreitungswegen bedienen. Mehr denn je müssen wir schnell sein, mehr denn je müssen wir abwägen. Das ist eine beachtliche Herausforderung.“

Zwei gute Beispiele, wie Redaktionen offenlegen können, wie sie in solchen auch für Journalisten extremen Situationen arbeiten. Wir brauchen mehr davon, um Vertrauen in unsere Arbeit zu bewahren. Ich glaube, dass es irgendwann selbstverständlicher Teil unserer Arbeit sein wird, nicht nur Rechercheergebnisse zu liefern, sondern auch deren Zustandekommen transparent zu machen.

Offenlegung: Ich arbeite als freier Mitarbeiter für die Nachrichten- und Online-Redaktion des Deutschlandfunks.

Nachtrag, 5. August: Auch Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke hat die Berichterstattung noch mal Revue passieren lassen.

Journalismus im Zeitalter der Echtzeitmedien: Wir können nicht mehr näher ran

Radiogerät von 1946
Das erste Echtzeitmedium: ein Radiogerät von 1946.

Im Mittelalter dauerte es mitunter lange, bis eine Information ihren Empfänger erreichte. Manchmal erfuhren viele Untertanen erst mehr als ein Jahr später, wenn ihr König gestorben war. Schrittweise wurde die Lücke zwischen unerwartetem Ereignis und Zeitpunkt, an dem die Information einen Empfänger erreicht, verringert. Tageszeitungen verkürzten die Lücke bis heute auf ein paar Stunden. Und selbst als Radio und Fernsehen dazu kamen und live sendeten, mussten sich trotzdem noch Journalisten zum Ereignis begeben, bevor sie berichten konnten – unter teils beträchtlichem finanziellen und personellen Aufwand.

Diese Lücke existiert heute praktisch nicht mehr. Von fast jedem Punkt der Erde können fast jederzeit bewegte Live-Bilder verbreitet werden – völlig ohne Journalisten. Mehr als ein Handy und eine Internetverbindung braucht es dafür nicht. Vor allem die letzten Terroranschläge in Paris, Brüssel und Nizza haben gezeigt, dass Augenzeugen mit Fotos und Videos, Periscope und Facebook live schneller sind; bei landesweiten Ereignissen wie dem Putschversuch in der Türkei sind sie sogar unschlagbar, weil es kaum so viele Journalisten an so vielen Orten geben kann.

Wenn die klassischen Medien versuchen, dem hinterherzuhecheln, sind sie tot. Sie müssen aus der Defensive raus und in die Offensive.

Heute kann jeder so nah dran sein an solchen Ereignissen, wie er möchte. Doch je näher er herantritt, desto weniger versteht er. Wir Journalisten können bei dieser Nähe nicht mehr mithalten. Also treten wir doch lieber einen Schritt zurück – und liefern, was soziale Medien nicht liefern können.

Twitter ist ein Aggregator von Quellen, nicht mehr, aber auch nicht weniger

Viele Nutzer verwechseln die soziale Medien mit redaktionellen. Natürlich kann eine Information, ein Foto, ein Video auf diese Weise schnell vom Tatort in die Welt gelangen, aber sie gibt eben nur einen kleinen Ausschnitt dessen wieder, was passiert ist. Und die Informationen kommen oft von Betroffenen. Von jemandem, der gerade Opfer wurde – das kann auch ein reiner Augenzeuge sein. Ein Blick von außen fehlt – jemand, der die Informationen prüft, verschiedene Wahrnehmungen eines Ereignisses abgleicht, Stellungnahmen von Experten einholt, Hintergründe erklärt. All das ist und bleibt eine journalistische Aufgabe. Das kann man nicht im selben Moment erwarten, in dem Erstinformationen über ein Ereignis verbreitet werden, wie mein Nachrichtenkollege Udo Stiehl richtig feststellt:

Die User möchten gerne möglichst in Echtzeit die Bestätigung oder Widerlegung aller in ihrer Gerüchteküche befindlichen Informationen von professionellen Journalisten. Nur Zeit zur Recherche wird nicht gewährt.

Es ist erschreckend, dass nicht mal manche Journalisten das verstehen. In der taz schrieb etwa Jürn Kruse gestern, das Argument „Wir recherchieren erst, bevor wir senden!“ sei „ärgerlich und frech“. Und Nils Jacobsen schrieb bei Meedia, Twitter habe seine Relevanz als das erste Echtzeitmedium bei Breaking-News-Situationen unterstrichen, wohingehen Online-Medien „am Ende selbst wie alte Medien“ wirkten. Dabei sind sowohl Twitter als auch Facebook zwar durchaus Medien, aber eben keine redaktionellen. Sie liefern Quellen – was nicht wenig ist – aber die Informationen dort müssen trotzdem noch geprüft werden.

Es ist eine Herausforderung, der nicht mal die Twitter-Nutzer gewachsen sind. Warum sonst fordern genau sie, nachdem sie doch angeblich durch die kleinteiligen sozialen Medien auf dem Laufenden sind, noch redaktionelle Berichterstattung? Weil sie wohl eben doch Einordnung, Hintergrund, Analyse brauchen. Aber sofort geht nicht.

Interesse an verlässlicher Information lässt nach

Vielen Nutzern scheint eine Grundregeln von Journalisten, nämlich das Zwei-Quellen-Prinzip, nicht mehr wichtig zu sein. Es geht nicht mehr um die verlässliche Information, sondern um die schnelle, auch wenn sie falsch ist. Dabei ist nichts so schwierig zu korrigieren wie eine falsche Informationen; hängen bleibt immer die erste. Man sieht das zum Beispiel daran, welche Karriere Gerüchte in sozialen Netzwerken noch Jahre nach ihrer Falsifizierung machen.

Dafür ist auch mangelnde Medienkompetenz verantwortlich. Eine Fähigkeit, die früher in der Schule nur rudimentär gelehrt wurde, heute aber wichtiger ist denn je, wie auch Udo Stiehl findet.

Was passiert, wenn Journalisten mit einer halbgar recherchierten Geschichte auf Sendung gehen, zeigten ausgerechnet die Tagesthemen, die sich in den vergangenen Tagen auf die erwähnte Position zurückgezogen hatten, erst zu recherchieren und dann zu senden.

Der Reporter bezieht sich auf Gerüchte, die noch nicht verifiziert werden konnten (in Sachen Axt hatte er Recht), er spricht von 21 Verletzten (körperlich verletzt waren es fünf, die übrigen traumatisiert, was sich in der Verkürzung aber nicht vermittelt) und erwähnt ausdrücklich, dass man keine Information über Tote habe (es gab bisher keine). Ohne die Schwere der Tat zu leugnen: Diese wurde damit zunächst größer gemacht als sie war. Zunächst das Schlimmste anzunehmen und dann schrittweise alles zurückzunehmen ist auch keine journalistische Vorgehensweise.

David Denk formulierte es in der Süddeutschen Zeitung ganz richtig:

Schnelligkeit ist schön und gut, aber doch kein Wert an sich.

Das könnten wir tun

Vielleicht sollten wir uns von dieser Form der Berichterstattung zurückziehen. Deutlich machen, was soziale Medien sind und was redaktionelle. Stattdessen bei Krisenlagen immer dazu sagen, was wir machen und was nicht – und warum. Wir sollten offen thematisieren, wenn wir eine Lageeinschätzung für schwierig halten, und warum. Wir sollten uns mit der Weitergabe von Gerüchten zurückhalten und auch das dazu sagen. Wir dürfen erwähnen, dass auch wir Posts, Fotos und Videos lesen und sehen, die das Ereignis zeigen sollen, dass wir sie aber verifizieren wollen. Vielleicht im Einzelfall dazu sagen, wie wir das tun. Dass Verstörendes darunter ist, das wir nicht ungefiltert weiterreichen wollen. Weil Gesagtes und Gesehenes nicht so leicht ungesagt und ungesehen gemacht werden kann.

Wir sollten keine verwackelten, schwer zu erkennenden, verängstigenden Videos senden, wenn sie den Interessen der Täter dienen, erst recht nicht live. Auch, um damit dem Terror keine Bühne für Propaganda zu bieten. Den Täter nicht verherrlichen. Stattdessen zusätzliche Informationen recherchieren, das Ereignis einordnen, Hintergründe und Analysen liefern, mit Fachwissen und Haltung kommentieren. Und auch eben mal nichts sagen, wenn schon alles gesagt ist, was man weiß. Keine Endlosschleifen mit Reportern in der Nähe des Tatorts, denen man damit die Zeit zur Recherche klaut. Dann ist auch die Gefahr nicht da, in Spekulationen zu verfallen. Die Sondersendung erst mal beenden, weil alles gesagt ist, was wir wissen. Versprechen, dass wir uns wiedermelden, sobald es Neuigkeiten gibt. Und das dann auch wirklich tun. Ansonsten untergraben wir auf Dauer unsere eigene Glaubwürdigkeit.

Weiterführend:

Monique Hofmann: Nichts Genaues weiß man nicht, Hauptsache auf Sendung?

Michael Hermann: Nicht die Welt ist aus den Fugen

Jan Fleischhauer: Nachrichten gefährden Ihre Gesundheit

Christian Neuner-Duttenhofer: Medien in der Krise. Ratlosigkeit als Betriebssystem

Christine Watty: Haben ARD und ZDF den Putsch verschlafen?

Stefan Niggemeier: Das Ende des Nachrichtenfernsehens, wie wir es kennen (exklusiv für Übermedien-Abonnenten)

Sandra Schulz ist nicht Malu Dreyer, auch wenn Julia Klöckner das so vorkommt

Die CDU-Fraktion im rheinland-pfälzischen Landtag hat heute versucht, Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) mit eine Misstrauensantrag aus dem Amt zu heben. Gelungen ist ihr das nicht. Am Morgen vor der Entscheidung hat CDU-Fraktionschefin Julia Klöckner dem Deutschlandfunk ein Interview gegeben.

Die Fragen von Moderatorin Sandra Schulz sind ein gutes Beispiel dafür, mit welcher Haltung Journalisten ein solches Meinungsinterview führen sollten. Klöckner legt diese Methode sogar zweimal indirekt offen, indem sie Schulz im Ton der Empörung darauf anspricht:

„Denn die Geschichte, die Sie jetzt erzählen, ist die Lesart der Landesregierung.“

„Das ist auch wieder die Lesart der Landesregierung, der Ampelkoalition.“

Und auf eine weitere Frage sagt Klöckner empört:

„Also Frau Schulz! Jetzt muss ich mal ganz kurz einhaken. Sie verwechseln gerade Täter und Opfer.“

Und dann ruft sie als Auftakt zu einer Antwort:

„Ja, einen Moment!“

Durch Julia Klöckners Reaktion wird deutlich, dass Sandra Schulz genau die richtigen Fragen stellt. Sie lässt Klöckner nämlich auf Positionen reagieren, die deren Meinung konträr gegenübersteht. Da Klöckner sich gegen die Landesregierung stellt, ist diese Position zu Teilen deckungsgleich mit deren Haltung. Damit gibt Schulz Klöckner die Gelegenheit, ihre Position genau abzugrenzen und klar darzustellen.

Einige Hörer unterstellen Journalisten, die ein Interview führen, gerne mal, dass diese unzulässige, unverschämte oder „nicht neutrale“ Fragen stellen. Das ist jedoch nicht die Aufgabe eines Interviewers. Er soll stattdessen in einem Interview wie dem mit Klöckner den Hörern deren Meinung kenntlich machen. Das gelingt umso leichter, je klarer – und in gewisser Weise auch provokanter – die Fragen sind. Sandra Schulz hat das hier in vorbildlicher Weise getan.

Nachtrag, 17.20 Uhr: Offenbar findet Sandra Schulz‘ Moderations- und Interviewstil glücklicherweise auch Anhänger, die ihre Art nicht missverstehen.

Offenlegung: Ich arbeite regelmäßig als freier Mitarbeiter für den Deutschlandfunk.

Auf der Suche nach dem „Anhalter“ – eine transparente Recherche

Im Tagesgeschäft geben Journalisten eher selten Einblick in ihre Arbeitsmethoden. Wie sie auf ein Thema gestoßen sind. Warum sie entschieden haben, sich weiter damit zu beschäftigen. Welche Quellen sie angezapft haben. Was dabei herumgekommen ist.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens lässt ihnen dazu das journalistische Format oft keinen Raum. Eine Nachricht etwa soll kurz und knapp sein, das Wesentliche erzählen und nichts Unwesentliches etwa zur Entstehung der Meldung. Zweitens würde die genaue Wiedergabe des Rechercheweges die Ausspielung der Nachricht verzögern. Drittens ist es in vielen Fällen mehr oder weniger implizit klar oder irrelevant, wie ein Thema zu einem Thema geworden ist.

In manchen Fällen ist das anders. Die fünfteilige WDR5-Dokumentarserie „Der Anhalter“ von Sven Preger und Stephan Beuting macht vor, wie transparent man eine Recherche gestalten kann. In diesem Fall ist das nicht ganz überraschend, schließlich gehört die Recherche zur Geschichte, denn sie erzählt etwas über den Protagonisten der Reihe: Heinrich Kurzrock.

Preger und Beuting treffen ihn unabhängig voneinander, mit einem Jahr Abstand. Am selben Ort: einer Tankstelle am Kölner Verteilerkreis. Er erzählt ihnen, er habe seine Kindheit in der Psychiatrie verbracht, mehr als 14 Jahre lang. Weggesperrt, geschlagen, missbraucht – in den 1950er und 60er Jahren sei das gewesen. Nun will Heinrich nur noch Schluss machen und sucht eine Mitfahrgelegenheit.

Als die beiden Reporter sich zufällig davon erzählen, beschließen sie, sich auf die Suche zu machen: nach diesem Mann und nach der Wahrheit? Was ist, wenn nur ein Bruchteil von seinen Geschichten stimmt? Wenn er wirklich als Kind in einer Psychiatrie geschlagen und missbraucht wurde? Dann ist er eines von tausenden Kindern, die bis heute auf eine Entschädigung warten.

Schon im Ankündigungstext von WDR5 wird die Suche der Journalisten ausdrücklich angesprochen, die sie im Verlauf des Features immer wieder transparent machen. Man hört Preger beim Telefonieren mit Behörden, er erzählt, welche Auskünfte er rechtlich nicht bekommen kann, welche Recherchen in die Sackgasse führen. Anstatt Interviewpartner zu besuchen (was Journalisten für ein Feature bevorzugt tun), hört man sie auch mal am Telefon.

Als Preger und Beuting endlich Kontakt zu Heinrich Kurzrock bekommen und zu ihm fahren, hört man, wie sie sich im Auto über ihn unterhalten. Welche Gefühle und Gedanken sie mit dem bevorstehenden Treffen verbinden. Sie machen damit deutlich, dass auch Journalisten nicht rein objektiv an eine Geschichte herangehen können, sondern – wie alle Menschen – Gefühle damit verbinden.

Preger: Damals sagte er schon, dass er sozusagen Knochenkrebs im Endstadium hat, und jetzt ist es anderthalb Jahre später, wo ich genau wie du auch sagen würde: Dann kann er ja nicht mehr leben. Und jetzt lebt er. Was sofort die Frage auch danach stellt: Was davon war eigentlich wahr, was er mir damals erzählt hat?
Beuting: Ja, das ist die gute Frage. Wieviel erzählt er uns eigentlich, was wirklich wahr ist, wie gehen wir eigentlich damit um, wenn wir offensichtlich merken, dass was nicht wahr ist? Wieviel kann man Heinrich eigentlich gleich glauben? Das beschäftigt mich auch.

Sie machen zugleich deutlich, dass sie – trotz des menschlichen Interesses, das sie an Heinrich haben – ihm nicht alles glauben können. Und nicht alles glauben werden. Aber sie machen auch deutlich, worum es ihnen geht:

Wir wollen die Wahrheit, wittern eine Geschichte und wollen Heinrich helfen.

Immer wieder erzählen sie einer Kollegin von ihren Recherchen, die wertvolle Anregungen von außen liefert. Die sie zum Beispiel darauf hinweist, dass auch Heinrich sich von ihrem Treffen bestimmte Dinge verspricht, er also auch ein eigenes Interesse daran haben kann, dass über die reine Berichterstattung hinausgeht. In Folge 2 legen Preger und Beuting offen, dass sie Heinrich eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 300 Euro zahlen dafür, dass er ihnen ihre Geschichte erzählt. Dass sie das tun, halte ich in dem Zusammenhang für plausibel und vertretbar. Aber sie erwähnen auch, dass sie sich damit angreifbar machen.

Der erste von fünf Teilen endet damit, dass sie Heinrich wiedertreffen. Das macht Lust auf mehr.

Bisher sind von „Der Anhalter“ von Sven Preger und Stephan Beuting vier Folgen erschienen, die auf der Webseite von WDR5 und als Podcast abrufbar sind.

Disclaimer: Ich arbeite gelegentlich als freier Mitarbeiter für WDR5.