Gedanken über die „Pegida-Stadt Dresden“

Mich twitterte neulich ein (anonymer) Nutzer an und kritisierte folgendes:

In Dresden? Ausgerechnet in der Stadt, die @stfries im @DLF jüngst als „Pegida-Stadt“ abqualifizierte?

Er bezog sich auf diesen Beitrag über Reconquista Internet, in dem ich die Formulierung tatsächlich so verwendet habe:

Zu Wochenbeginn machte auch eine Offline-Aktion von sich reden. Auf die Frauenkirche in der Pegida-Stadt Dresden wurde ein Text mit dem Logo von Reconquista Internet projiziert. Dort hieß es:

„Durchhalten, freundliches Dresden! Ihr seid nicht alleine! #ReconquistaInternet“

Ich ahne, aus welchem Grund die Kritik geäußert wurde, habe aber unabhängig davon trotzdem darüber nachgedacht, ob ich damit tatsächlich Dresden abqualifiziert habe.

Man kann das so deuten; intendiert war es nicht. An dieser Stelle im Beitrag ging es mir eher um Kürze. Im Radio haben wir nur begrenzt Zeit, anders als in einem Online-Beitrag. Dementsprechend zählt manchmal jedes Wort. An dieser Stelle hatte ich ursprünglich so etwas getextet wie:

Zu Wochenbeginn macht auch eine Offline-Aktion von sich reden. Auf die Frauenkirche in Dresden, wo sich seit Jahren montags die (fremdenfeindliche) Pegida-Bewegung trifft, wurde ein Text mit dem Logo von Reconquista Internet projiziert.

Wie man sieht, ist das aber etwas länger als der später tatsächlich verwendete Text. Auf der Suche nach möglichen Kürzungen ist damit eben aus Dresden die Pegida-Stadt geworden, um in diesem Kontext zu erläutern, warum die Aktion ausgerechnet dort stattgefunden hat.

Dabei ist Pegida-Stadt für mich aber keine sprachlich grundsätzlich andere Zusammensetzung als Domstadt oder Oktoberfest-Stadt oder Bankenstadt, die man auch als „Stadt der Banken“ bezeichnen könnte. Das ist sprachlich leicht anders, lässt sich in dieser Form aber für viele andere Städte finden oder konstruieren:

  • Köln – Stadt der Silvesterübergriffe
  • München – Stadt der Bücherverbrennung
  • Mölln – Stadt des fremdenfeindlichen Anschlags

Und so weiter. In dieser Reihe hätte ich eben auch so formulieren können:

  • Dresden – Stadt der Pegida-Demonstrationen

Nichts anderes ist die kürzere Form „Pegida-Stadt“. Dass Dresden damit abqualifiziert wird, liegt eher im Auge des Betrachters. Natürlich kann „die Stadt“ – ob jetzt als kommunale Gliederung, als Ort oder als Gesamtheit seiner Bewohner – wenig dazu, wie sie von solchen Begriffen vereinnahmt wird. Gegen solche Zuschreibungen kann sich niemand wirksam wehren; sie geschehen einfach. Entweder aufgrund einer Zuschreibung von Orten oder Eigenschaften oder aufgrund von positiven oder negativen Ereignissen.

Aber natürlich ist mit keinem dieser Begriffe jeweils die Gesamtheit der Bürger beschrieben. Denn in der „Pegida-Stadt“ finden natürlich auch andere Dinge statt als ausschließlich diese Demos. Genauso wie es in Köln nicht nur den Dom gibt und in Frankfurt nicht nur Banken. So viel Souveränität sollten Leser dann schon haben.

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