Die Amokfahrt von Münster: Was von der großen Aufregung übrig ist

Münster (2010)
Münster (2010) (Foto: Stefan Fries)

Man denkt ja, dass Journalisten lernen, wenn es um die Berichterstattung über plötzliche Großereignisse geht heute vor einer Woche bei der Amokfahrt in Münster. Dass sie nicht sofort von einem Anschlag reden – wie beim Amoklauf in München. Dass sie nicht sofort von Islamisten reden – wie beim rechtextremen Anschlag in Oslo und Ütöya. Dass sie einfach mal abwarten, was die Polizei ermittelt. Denkste.

Auch nach der Amokfahrt in Münster, bei der ein Mann zwei Menschen und dann sich selbst tötete, wurde wieder spekuliert – zu viel und zu sehr in eine Richtung, wie etwa mein Kollege Christoph Sterz für @mediasres im Deutschlandfunk kommentiert hat:

Wie über die Tat in Münster berichtet wurde, ist Teil eines grundsätzlichen Problems. Aus Angst, etwas falsch zu machen, sich durch das Verschweigen von Gerüchten angreifbar zu machen, werden journalistische Grundsätze missachtet.

Und weil die Tat von Münster traurigerweise sicher nicht die letzte ihrer Art war, sollten sich Journalisten jetzt dringend hinsetzen und ihre Berichte intern kritisch aufarbeiten – damit sie sich beim nächsten Mal nicht wieder von Hetzern, von Extremisten treiben lassen.

Boris Rosenkranz hat für Übermedien zusammengestellt, wie unseriös die Fernseh-Nachrichtensender n-tv und Welt (früher N24) berichtet haben, und schreibt:

Fährt derzeit irgendwo ein Auto in eine Menschenmenge, liegt natürlich der Verdacht nahe, dass es sich um einen Terroranschlag handelt. Weil das schon so oft passiert ist. Aber gerade Taten wie die in Münster zeigen, dass nicht alles ist, wie es scheint, und dass es angebracht wäre, mit allergrößter Vorsicht zu berichten. Es hat auch immer wieder Fälle gegeben, in denen zwar Autos in Menschenmengen gesteuert wurden, aber nicht aus terroristischen Motiven.

Eine Woche danach

Wir sind jetzt eine Woche weiter – welche Erkenntnisse ziehen wir aus der Berichterstattung vorige Woche? Heute gibt es kaum noch Berichte über die Tat und ihre Hintergründe. Was prinzipiell in Ordnung ist; solange sich nichts tut und während ermittelt wird, gibt es eben nichts zu berichten. Aber war im Hinblick darauf die Aufregung damals gerechtfertigt?

Auf den ersten Blick fällt es leicht, darauf die Antwort zu geben: Nein. Auf den zweiten Blick würden aber womöglich viele Journalisten, die vor einer Woche in den Rausch der Berichterstattung verfallen sind, darauf sagen: Natürlich war die Aufregung gerechtfertigt, wussten wir doch nicht, worum es sich handelt. Für mich wird aber umgekehrt ein Schuh draus: Gerade weil wir noch nicht wussten, was dahinter steckt, ist jede übertriebene Aufregung fehl am Platz – und zwar aus journalistischen Gründen.

Unsere Aufgabe ist es, zu berichten, was passiert ist – und nicht mehr. Natürlich gehört es auch dazu, Hintergründe zu liefern. Das Problem besteht aber in der unzulässigen Verknüpfung beider Aspekte. Es ist die eine Sache, zu berichten: „In Münster ist ein Auto in eine Menschenmenge gefahren. Dabei kamen zwei Menschen ums Leben.“ Oder zu schreiben: „In Münster hat es (offenbar) einen Anschlag gegeben. Dort ist ein Auto in eine Menschenmenge gefahren.“ Das eine ist bereits eine Interpretation, während das erste bei der reinen Beschreibung der Wirklichkeit bleibt. Darauf sollten sich Journalisten gerade dann immer zurückziehen, wenn sie nicht mehr wissen.

Gegen das Triggern

Freilich denkt womöglich jeder, der von dem Ereignis an sich hört, daran, dass bereits vorher Fahrzeuge in Menschenmengen gefahren sind, etwa in Nizza und London. In diesen Fällen handelte es sich um islamistischen Terror. Aber dieser automatischen Verknüpfung im Gehirn sollten Journalisten nicht folgen. Sie können in diese Richtung recherchieren, aber sie müssen auch Belege dafür liefern. Solange sie diese nicht finden, verbietet es sich, darüber öffentlich zu spekulieren.

Ich habe die Berichterstattung selbst am Samstag nicht verfolgt. Ich habe bei einem sonnigen Nachmittag mit Freunden nur kurz gehört, als eine Freundin eine erste Eilmeldung vorlas, nach der das Auto in die Menschenmenge gefahren war.

Ich habe mich an dem Nachmittag und Abend bewusst ferngehalten von Nachrichten. Ich wusste, dass mich das Thema ansonsten stundenlang nicht loslassen würde. Im Hunger nach immer mehr Informationen, nach immer mehr Details, nach Erklärungen, Analysen und Hintergründen würde ich nicht nur bei redaktionellen Medien nachschlagen, sondern auch bei Twitter suchen.

Und ich wusste, ich würde nicht nur bei den einschlägigen Twitter-Accounts schnelle Erklärungen, einfach Deutungen und klare Schuldzuweisungen finden. Ich wusste, dass auch eigentlich seriöse Medien, dass Kollegen sich nicht würden zurückhalten können, sich in ihrer Berichterstattung nicht nur auf Fakten zurückziehen, sondern auch spekulieren würden. All das hätte genau zu der Art Halbwissen oder sogar Nichtwissen geführt, die ich selbst als Journalist nicht vermitteln möchte. Eine Blase, die nicht nur aus Fakten, sondern auch aus Vermutungen und Befürchtungen besteht, und in der am Ende das eine nicht mehr vom anderen zu unterscheiden ist.

Genau das ist eben nicht die Aufgabe von Journalisten. Sie sollen über Fakten berichten und sich nicht an unbegründeten Spekulationen beteiligen. Es ist deprimierend zu sehen, wenn Kollegen gegen solche Grundregeln ihres Handwerks verstoßen. Und es hilft mir auch als Konsument solcher Halbnachrichten nicht weiter, zu verstehen, was wirklich passiert ist.

Keine Stadt im Schock

Zumal Maren Urner von Perspective Daily, die in Münster wohnt und arbeitet, dort einen ganz anderen Blick auf die Ereignisse hatte als sie medial vermittelt wurden. Sie schreibt:

Die Welt hängt an den Bildschirmen und lernt: »An diesem Frühlingsabend ist Münster eine Stadt im Schock.«

Falsch! Es scheint eher umgekehrt: Die Welt, die auf Münster schaut, ist im Schock, während für die meisten Menschen in Münster der Alltag in Parks, Cafés und Straßen (einmal abgesehen vom direkten Umkreis des Unglücksorts) weitergeht.

Wird die Aufregung also tatsächlich umso größer, je weiter man vom Ort des Geschehens weg ist? Nach dem Motto: Die größte Angst habe ich vor etwas, das ich nicht kenne? Bilden Journalisten die Lage vor Ort also wirklich so ab, wie sie ist?

Tatsächlich habe ich mich ablenken können und mich erst am Sonntagmorgen über den Stand der Dinge informiert. Ich konnte Fakten lesen, musste mich nicht an Gerüchten und Wahrscheinlichkeiten entlanghangeln. Ich erfuhr etwas über den Tathergang und das wenige, was man an Hintergründen wusste. Das aber waren greifbare Informationen, die ich einordnen konnte, die keine unnötige Sorge ausgelöst oder unnötige Angst verbreitet haben.

Ich habe den Kollegen Zeit gegeben, ihre Arbeit zu machen. Das klingt pathetischer als es ist. Was ich damit meine: Ich habe als Nutzer nicht sofort nach Informationen gefragt und gesucht, die keiner liefern konnte und sich stattdessen in Spekulationen ergoss. Ich habe den Journalisten Zeit gegeben, zutreffende Informationen zu besorgen, die mir helfen, die Situation zu verstehen. Anstatt nach etwas zu fragen, das man mir so schnell nicht liefern kann und stattdessen etwas anderes zu bekommen. (Das merkt natürlich kein Kollege direkt. Aber es soll ein Signal sein, sich die nötige Zeit zu geben.)

Dass ich allein das so halte, hilft nicht dabei, die Situation zu verändern. Ich fürchte, dass man das Rad in gewisser Weise nicht zurückdrehen kann. Es ist unrealistisch, dass Medien nicht über einen solchen Vorfall berichten. Sie sollten aber zu jedem Zeitpunkt nur das erzählen, was sie wissen. Das ist gar nicht so schwer: Sie können zum Beispiel einfach schildern, was sie sehen und was ihnen berichtet wurde, sollten aber nicht Vermutungen darüber anstehen, was sie nicht sehen. Das ist der Unterschied zwischen „Auto in Menschenmenge gefahren“ und „offenbar Anschlag“.

Es ist wichtig, dass die Kollegen nicht ständig auf Sendung gehen müssen, sondern Zeit bekommen, zu recherchieren. Wer alle paar Minuten immer und immer wieder über den Stand der Dinge berichten muss, kommt gar nicht dazu, sich auf denselben zu bringen – und wiederholt sich damit.

Relevanz statt Erregungspotenzial

Zudem sollte Relevanz entscheiden, nicht Erregungspotenzial. Bei der Auswahl der Meinungsäußerungen sollte man das bedenken. Eine Stellungnahme des Münsteraner Bürgermeisters ist berichtenswert, weil er die Bürger der betroffenen Stadt vertritt. Ein Statement des nordrhein-westfälischen Innenministers ist es, weil er die Arbeit der Polizei verantwortet. Die Tweets einer uninformierten AfD-Politikerin, die weder eine Verantwortung trägt noch selbst am Ort ist, ist es nicht. Arno Frank schreibt bei Spiegel online unter Berufung darauf:

Solange wir soziale Netzwerke für legitime Foren diskursiver Auseinandersetzung halten, werden wir ihrer suggestiven Illusion erliegen und noch das galligste gedankliche Bäuerchen als Beitrag zur Debatte wahrnehmen, vielleicht sogar fürchten – wo es doch in Wahrheit nur erfreulich erhellende Rückschlüsse auf Gemüt und Intellekt der Absender zulässt.

Wer nichts dazu beiträgt, die Ereignisse zu verstehen, hat in Berichten erst mal nichts verloren. Schnellschüsse unbeteiligter und machtloser Politiker (aus der Distanz, aus der Opposition) in Form von Forderungen, die nicht auf Fakten basieren, weil die noch gar nicht geklärt sind, sollten Journalisten erst mal zurückstellen – ob sie per Tweet kommen oder als Pressemitteilung.

Solche Nachrichten sind irrelevant – und sollten von Medien auch so behandelt werden. Später kann man darauf immer noch einsteigen, wenn die politische Diskussion beginnt. Die kann aber erst anfangen, wenn wir wissen, was passiert ist. Das ist kurz nach der Tat selten der Fall.

Diese Erregungsmaschine erregt mich zunehmend. Wenn ich selbst im Dienst und für solche Ereignisse zuständig bin, versuche ich auf die Bremse zu treten und die Regeln zu befolgen, die ich gerade skizziert habe. Ich versuche, mich nicht mitreißen zu lassen von der Wucht des Ereignisses selbst und der daraufhin losrollenden medialen Lawine. Nur so kann ich meine Arbeit vor mir selbst verantworten und auch vor dem Nutzer, für den ich berichte. Das schließt nicht aus, dass es auch mir mal so gehen kann, wie ich es jetzt Kollegen vorwerfe. Dann hoffe ich, dass es jemanden gibt, der mich darauf hinweist. Das geht aber nur, wenn wir uns alle zusammen bewusst sind, worauf es gerade in solchen Krisensituationen im Journalismus ankommt – gerade in Zeiten „großer Gereiztheit“.

Nachtrag (16. April, 21.45 Uhr): Uwe Schulz hat sich in seiner Medienschelte im WDR5-Medienmagazin „Töne, Texte, Bilder“ auch noch mal der Berichterstattung über Münster angenommen.

Ein Gedanke zu „Die Amokfahrt von Münster: Was von der großen Aufregung übrig ist“

  1. Zitat: <<>>

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