Ein Hoeneß muss nicht gewählt werden

Gut, gut, offenbar gibt es wenige Zweifel daran, dass Uli Hoeneß demnächst wieder Präsident des FC Bayern München sein wird. Allerdings haben sich manche Journalisten heute dermaßen überschlagen, dass ganz durcheinander ging, wie das eigentlich ablaufen soll. Kandidatur? Wahl? Offenbar nicht nötig.

So war sich die Sportschau etwa schon sehr sicher, dass Hoeneß zurückkehrt – laut Tweet und Überschrift des Artikels in jedem Fall. Sogar der ersten Satz im Text lautete „Honeß wird sich (…) wählen lassen.“ Das ist kühn. Auch MDR Aktuell formulierte das so, als sei Hoeneß soeben gewählt worden.

ZDF heute schrieb zwar zuerst richtig, dass Hoeneß kandidiere, rutschte dann aber später wieder teilweise in den Indikativ ab.

Während die Süddeutsche Zeitung sich zumindest sprachlich ein wenig distanzierte.

Vielleicht haben sich einige Journalisten auch zu sehr auf die Formulierung der Nachrichtenagentur SID verlassen. Der Sport-Informationsdienst etwa meldete die Kandidatur ebenfalls als praktisch unnötig.

SIDSehr schön hat die ganze Geschichte SPIEGEL online zusammengefasst.

Am Ende gilt aber in jedem Fall:

Arbeiten in der Chaosphase – zwei Redaktionen zeigen, wie das läuft

Der mutmaßliche Amoklauf von München hat zum ersten Mal in Deutschland eine Breaking-News-Situation der besonderen Art für hiesige Journalisten hergestellt. Anders als bei den Terroranschlägen von Paris, Brüssel und Nizza waren nicht nur einige wenige deutsche Korrespondenten vor Ort, sondern hunderte, die direkt von den Orten der Ereignisse berichten konnten – nicht nur vom Tatort, sondern auch von anderen Orten in München, die von der Polizei stundenweise für Tatorte gehalten wurden.

Eine Berichterstattung im Ausnahmezustand – oder in der „Chaosphase“, wie Annette Ramelsberger in der Süddeutschen Zeitung schreibt. Der Begriff beschreibe die Anfangsphase, in der erst mal nichts klar sei, in der man keine Hintergründe kenne und auf alles gefasst sein müsse. Eine Woche nach dem mutmaßlichen Amoklauf blickt Ramelsberger auf die Berichterstattung ihrer Zeitung in jener Nacht von München und versucht transparent zu machen, wie die Arbeit von Journalisten in so einer Situation aussieht.

„In diesem Moment muss eine Redaktion entscheiden, was sie berichtet und was nicht. Während eine Zeitungsredaktion zumindest ein paar Stunden zum Nachrecherchieren der Hinweise hat, muss eine Online-Redaktion sofort entscheiden, was sie weitergibt. Innerhalb von Minuten muss dann entschieden werden, ob man den Hinweis auf eine Schießerei am Stachus auf die Homepage nimmt oder nicht. Die Entscheidung muss fallen zwischen der Warnung, dem möglichen Schutz von Menschenleben und dem weiteren Schüren von Hysterie.“

Ramelsberger greift auch die Skepsis von Nutzern auf, die glauben, alle Tatsachen müssten von Anfang an bekannt sein.

„Doch die belastbaren Tatsachen schälen sich erst allmählich aus dem Wust an Informationen heraus, die minütlich auf die Redaktion einprasseln. Vieles lässt sich erst nach mehreren Tagen wirklich klären – das ist keine böse Absicht, das heißt nicht, dass die SZ etwas verschweigen will, sondern: Sie weiß es einfach nicht. Genauso wenig wie die Ermittler.“

Auch der Nachrichtenchef des Deutschlandfunks, Marco Bertolaso, hat mit etwas Abstand aufgeschrieben, unter welchen Bedingungen seine Redaktion während des Amoklaufs arbeitet. Er findet, dass es heutzutage nicht mehr reicht, nur Fakten zu melden und bei Gerüchten abzuwarten, bis sie bestätigt oder widerlegt werden.

„Wir müssen uns auch aktiv daran beteiligen, Gerüchte und Unterstellungen einzufangen, bevor sie politisch-gesellschaftliche oder andere Folgen haben. (…) Wir müssen die Spekulationen offensiv angehen und klar stellen, dass es keinerlei Anhaltspunkte dafür gibt.“

Als reine Redaktion für Radionachrichten hat man früher bis zur jeweils nächsten Sendung, also bis zu einer Stunde lang, abwarten können, wie sich eine unsichere Lage bis dahin darstellt. Heute kann man ständig online informieren – und tue das deshalb auch in unsicheren Informationslagen.

„Wie andere Berufe auch hat sich der Nachrichtenjournalismus rasant verändert. Wir müssen in Echtzeit reagieren und eine Vielzahl an Verbreitungswegen bedienen. Mehr denn je müssen wir schnell sein, mehr denn je müssen wir abwägen. Das ist eine beachtliche Herausforderung.“

Zwei gute Beispiele, wie Redaktionen offenlegen können, wie sie in solchen auch für Journalisten extremen Situationen arbeiten. Wir brauchen mehr davon, um Vertrauen in unsere Arbeit zu bewahren. Ich glaube, dass es irgendwann selbstverständlicher Teil unserer Arbeit sein wird, nicht nur Rechercheergebnisse zu liefern, sondern auch deren Zustandekommen transparent zu machen.

Offenlegung: Ich arbeite als freier Mitarbeiter für die Nachrichten- und Online-Redaktion des Deutschlandfunks.

Nachtrag, 5. August: Auch Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke hat die Berichterstattung noch mal Revue passieren lassen.

Weniger Ruhm für die Täter – die ersten Medien machen ernst

Es deutet sich ein Umdenken an in der deutschen Medienlandschaft. Nach praktisch jedem Terroranschlag, nach jedem Amoklauf interessierten sich Journalisten fast immer stärker für den Täter als für die Opfer. Das ist verständlich, versucht man doch, seine Motivation herauszufinden, um sein Handeln verstehen zu können. Doch das ist letztlich kontraproduktiv.

Einige Redaktionen haben das verstanden und für ihre Produkte eine Grundsatzentscheidung getroffen.

„Die Zeit“ zum Beispiel hat sich entschieden, den Täter und seine Symbole wie etwa seine Waffen unkenntlich zu machen. Auch wenn ich es noch besser finden würde, sie gar nicht zu zeigen, das heißt auf Fotos besser ganz zu verzichten, ist das ein guter Schritt in die richtige Richtung. Tätern, die Aufmerksamkeit wollen, sollte man diese Öffentlichkeit verweigern. Im Falle von Terroranschlägen wie auch bei Amokläufen geht es nach allem, was wir wissen, ja genau darum. Deswegen hatte ich neulich schon mal dazu aufgerufen, auf Bilder und eine zu große Berichterstattung über die Taten zu verzichten.

Der Kriminologe und Strafrechtler Henning Müller von der Universität Regensburg beschäftigt sich mit Amok und Schulmassakern. Er sagte im Interview mit wdr.de:

„Die Tat ist (…) für Amokläufer und Attentäter die Chance, es bis auf alle Titelseiten zu schaffen und Berühmtheit und Aufmerksamkeit zu erlangen. (…) Diese mediale Aufmerksamkeit wiederum kann Anreiz für andere potenzielle Täter sein, die genau diesen Effekt auch für sich wiederholen oder sogar übertreffen (…) wollen.“

Müller fordert, dass alle seriösen Medien darauf verzichten sollten, Bilder zu zeigen, die den Täter identifizierbar machen. Auch das WDR-Magazin „Aktuelle Stunde“ will deswegen laut seinem Chef Stefan Brandenburg auf solche Bilder verzichten.

Verzichten wollen auch in Frankreich einige Medien, etwa die Tageszeitung „Le Monde“, erläutert die Süddeutsche Zeitung. Und sie will auch kein Propagandamaterial mehr verbreiten. Ähnlich die katholische Tageszeitung „La Croix“ und der Nachrichtenfernsehsender BMFTV. Eine tiefgründige Berichterstattung über das Profil und den Werdegang der Täter verhindere dies nicht, berichtet der Tagesspiegel unter Berufung auf den Sender. Ein wenig Aufmerksamkeit könnte ihm also trotzdem noch zuteil werden, wenn auch nicht mit großen Bildern.

Boulevardblätter wie die „Bild“ und (auch) das Nachrichtenmagazin „Focus“ sind da skrupelloser. Sie bieten dem Attentäter die Bühne, die er braucht – und versprechen das damit indirekt auch seinen Nachahmern. Mit der Veröffentlichung von Bildern sowohl des Selbstmordattentäters von Ansbach als auch des Amokläufers von München hat es die „Bild“ jedenfalls wieder gezeigt. Denn auch wenn man laut schreit, wie schlimm die Propaganda ist, so verbreitet man sie damit doch.

Die B.Z. Berlin hat die Idee nur halbherzig umgesetzt. Sie brachte das Foto des Amokläufers von München zwar nicht auf der Titelseite und rühmte sich stattdessen dafür. Im Innenteil konnte man es jedoch trotzem sehen. Für mich macht das keinen großen Unterschied. Die Erklärung von Chefredakteur Peter Huth bei Meedia:

Wir müssen das, was wir über den Täter wissen, in Wort und Bild, darstellen.

Das überzeugt mich nicht. Wieso muss man? Im Wort, okay. Aber warum im Bild? Selbst wenn der Amokläufer ein Mensch war und keine Bestie, wie Huth ausführt, so geben wir ihm damit am Ende jene Aufmerksamkeit, die er sich (wie andere nach ihm) gewünscht haben mag, die er aber offenbar nur auf diese Weise bekommen konnte. Damit ist der Weg für Nachahmer bereitet. (In der FAZ äußert sich Huth noch mal zu dem Fall.)

Dass das Interesse der Zuschauer für die Berichterstattung ausschlaggebend sein soll, wie mancher Journalist glaubt, enthebt uns Journalisten der Verantwortung. Würden wir ständig danach handeln, was für Zuschauerinteresse hielten (aber nicht wüssten), würden viele Themen nicht ihren Weg in die Medien finden – und viele andere umso mehr.

Allerdings sind Zuschauer auch Bürger dieses Landes, die gleichermaßen ein Interesse an Sicherheit haben. Es liegt also auch in ihrem Interesse, wenn Nachahmer abgeschreckt oder zumindest nicht ermutigt werden. Insofern hat der Kriminologe Müller ganz recht, wenn er sagt:

„Wenn der Täter keinen ‚Ruhm‘ mehr bekommt und kein ’negativer‘ Held wird, dann geben die Medien potenziellen Nachahmern kein zusätzliches Motiv an die Hand.“

Bisher haben nur seriöse Medien angekündigt, keine Bilder des Täters mehr zu zeigen. Wie es andere deutsche Zeitungen im Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger halten, wollte dieser auf Anfrage des Deutschlandfunks nicht kommentieren. Auf solcherlei seriöse Berichterstattung kann so ein Täter wahrscheinlich am ehesten verzichten, solange er im Boulevard und im Fernsehen mit großen Bildern und wenigen Buchstaben rechnen kann. Aber ein Anfang ist gemacht.

Nachtrag, 30. Juli: Kolja Reichert kritisiert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass Medien den Fotos gerade durch das Nichtzeigen einen gewissen Nimbus verleihen.

Nachtrag, 31. Juli: Wibke Becker beschäftigt sich ebenfalls in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit der Nennung des Namens von Attentätern:

Die „damnatio memoriae“ für Attentäter wäre keine Auslöschung der Tat oder der Zeugnisse. Sie wäre eine gemeinschaftliche Verweigerung, einem Täter durch die Namensnennung den Platz in der Geschichte zu schaffen, den er sich selbst durch ein Verbrechen ausgesucht hat.

Weiterführend:

Bitte verfallen Sie in Panik

Eine Aufgabe von Journalisten ist es, auszuwählen, welche Themen relevant sind für ihre Leser, Hörer und Zuschauer. Seit den jüngsten Terroranschlägen zweifle ich aber daran, ob wir das wirklich tun. Denn die Horrormeldungen reißen nicht ab: Orlando, Nizza, Würzburg, Reutlingen, München, Ansbach – Orte, an denen es Gewalttaten gegeben hat. Nicht alle sind journalistisch gleich relevant. Die Tat in Reutlingen etwa ist insofern ein Ausreißer, da es sich dabei laut Polizei um eine Beziehungstat gehandelt hat, also die Relevanz für eine größere Öffentlichkeit über Reutlingen hinaus zweifelhaft ist. Dennoch sind wir Journalisten alle drauf angesprungen, war der Täter in Reutlingen doch ein Flüchtling aus Syrien, der einen Asylantrag gestellt hatte.

Jede Gewalttat weltweit scheinen wir offenbar erst mal als weiteren Anschlag einzustufen, bis das Gegenteil bewiesen ist. Das zeigte sich nicht nur an Reutlingen, sondern auch an Fort Myers in Florida. Dort hatte es eine Schießerei mit zwei Toten gegeben, die zugegebenermaßen an den Anschlag auf einen schwulen Club in Orlando erinnerte, aber nach derzeitigem Stand keinen terroristischen Hintergrund hat. Dennoch klingelten die Eilmeldungen und suggerierten einen solchen Zusammenhang. Denn die Tat fügt sich in das Narrativ dieser Tage ein, dass es überall Terrorismus gibt. Dabei sterben in den USA jedes Jahr mehr als 30.000 Menschen durch Schusswaffen, und die Tat von Fort Myers ist nach derzeitigem Ermittlungsstand wohl nur eine weitere in dieser Reihe. Wäre sie uns wirklich eine Eilmeldung wert, wenn sie nicht nach anderen Taten passiert wäre?

Ich finde, indem Journalisten bei jeder neuen dieser Taten erst mal hyperventilieren, ohne weitere Hintergründe zu kennen, ihn per Eil- oder Pushmeldung in die Welt blasen und ihn damit indirekt in das Narrativ einbauen, bauen sie ein Bedrohungsszenario auf, das mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat. Selbst wenn innerhalb der Meldungen differenzierter argumentiert wird. Die Relevanz solcher Meldungen – zumindest als Eilmeldung – ist für mich fraglich. Damit verfallen wir in das Narrativ von Terroristen, die Angst und Schrecken verbreiten wollen – und wir Journalisten komplettieren ihre Angstmache mit Taten, die damit nichts zu tun haben.

Nach dem Amoklauf von München: Lieber zurückhaltend berichten?

Eigentlich hatte sich ein Großteil der Journalisten mal darauf geeinigt, wie über Suizide berichtet werden soll. Gegossen wurde das in Richtlinie 8.7 des Pressekodex:

Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen, die Veröffentlichung von Fotos und die Schilderung näherer Begleitumstände.

Der Hauptgrund dafür liegt im sogenannten Werther-Effekt. Demzufolge gehen Wissenschaftler davon aus, dass nach ausführlicher Berichterstattung über einen Suizid Nachahmer angeregt werden. Zahlen belegen das – wie im Fall des Fußballtorwarts Robert Enke, der sich im November 2009 das Leben nahm.

Was aber tut man, wenn die „näheren Begleitumstände“ so gravierende Ausmaße angenommen haben wie am Freitag in München?

Als die ersten Meldungen über Schüsse am Olympia-Einkaufszentrum eingingen, war die Lage völlig unklar. Später am Abend ging die Münchener Polizei von einer „akuten Terrorlage“ aus. Bei einer Pressekonferenz am Samstag sprach Polizeipräsident Hubertus Andrä dann schließlich davon, dass es sich wahrscheinlich um einen Amoklauf gehandelt habe. Ein Kennzeichen vieler Amokläufe ist auch, dass die Täter Öffentlichkeit herstellen wollen; sie enden oft damit, dass sich der Täter selbst tötet und das auch von Anfang an vorhatte. Auch im Fall von München war das so.

Marlene Halser schreibt heute in der taz:

Auswertungen zeigen, dass fast die Hälfte aller Amokläufe innerhalb von zehn Tagen nach einer ausführlichen Berichterstattung über einen anderen Amoklauf geschehen. Ist dieser „Werther-Effekt“ mit Grund für die hohe Schlagzahl an Schreckensereignissen, die wir erleben? Möglich ist das auf jeden Fall.

Damit geraten zwei Interessen in Konflikt: Einerseits sollen Journalisten im Fall eines Selbstmords Zurückhaltung üben, andererseits war die Öffentlichkeit durch den Fall so massiv beeinträchtigt, dass ein berechtigtes Interesse an Information besteht. Folgt man ersterer Maxime, hätte man die Berichterstattung am Samstag sofort auf ein Minimum beschränken müssen, um keine Nachahmer anzuregen.

Dabei gilt das nicht nur für Amokläufer, sondern auch für Terroristen, wie der Politikwissenschaftler Matthias Hermann im Schweizer Tagesanzeiger vorige Woche schrieb:

Längst ist bekannt, dass immer umfänglicher bebilderte terroristische Taten und Amokläufe nur noch mehr Nachahmungstäter auf den Plan rufen. Dazu kommt, dass mit der Bilderflut jeder nächste Täter von seinen Vorgängern lernen kann, ohne selbst vor Ort gewesen zu sein.

Wenn es Amokläufern wie Terroristen um Öffentlichkeit geht – ist es dann nicht die Aufgabe von Journalisten im Dienste der Öffentlichkeit, ihnen diese Medienpräsenz vorzuenthalten? Nur, wenn die Täter wissen, dass sie mit ihrer Tat nichts erreichen, verzichten vielleicht einige von ihnen darauf. Dann könnte man Matern Boeselager folgen, der bei VICE schrieb, die Medien müssten ihre Berichterstattung über Anschläge wie den in Nizza auf ein Minimum zurückfahren und nach kurzer Zeit sofort aufhören zu berichten.

Es ist eine schwierige Abwägung, die zu treffen ist. Wie viele Taten müssen noch folgen, bis wir Journalisten den Zusammenhang so klar sehen, dass wir handeln?

Update, 08.40 Uhr: Hinweis auf Artikel in der taz eingefügt.

Weiterführend:

#Muenchen und die Verantwortung jedes Einzelnen

Seitdem jeder, der mit Smartphone und Internetverbindung unterwegs ist, jederzeit öffentlich machen kann, was er sieht und erlebt, trägt er und sie auch die Verantwortung dafür. Es ist eine Verantwortung, wie sie lange Zeit lediglich Journalisten hatten, weil sie auch aus technischen Gründen das Monopol auf eine breite Öffentlichkeit hatten. Die Zeiten sind vorbei.

In der Nacht von Freitag auf Samstag habe ich leider nicht viel von dieser Verantwortung gesehen – und die Polizei München auch nicht.

Es ist erst 19.37 Uhr an jenem Abend, als die Pressestelle diesen Tweet absetzt. Etwa zwei Stunden vorher hat das begonnen, was die Polizei mittlerweile einen Amoklauf nennt, auch wenn es zwischenzeitlich nach einem Terrorangriff aussah. Dass dieser Tweet nötig war, hatte man schon die Stunden vorher sehen können. Immer wieder tauchten in meiner Timeline bei Twitter Fotos und Videos vom Tatort auf – und auch vom Polizeieinsatz. Getwittert wurden sie auch von Journalisten.

So veröffentlichte etwa Richard Gutjahr mehrmals im Laufe des Abends Bilder. Eins davon zeigte eine Gruppe von Polizisten, die offenbar vor einem Eingang des Olympia-Einkaufszentrums in München standen. Ein unverantwortliches Bild, hätte es dem Täter doch einen Hinweis geben können, wo die Polizei das Gebäude bereits gesichert hat, und seine Flucht begünstigen können.

Natürlich gibt es ein Interesse der Öffentlichkeit an Berichterstattung. Aber es gibt auch ein Interesse der Öffentlichkeit an Sicherheit – und die sollte vorgehen. Deswegen sollten wir Journalisten uns nicht in Polizeieinsätze einmischen. Das sollte spätestens seit der Geiselnahme von Gladbeck klar sein.

Dass Gutjahr später twitterte, die Bilder seien 30 Minuten zeitversetzt getwittert worden, macht meiner Meinung nach keinen großen Unterschied. Allerdings löschte er später reumütig die Fotos.

Ich halte ihm zugute, dass er innerhalb von wenigen Tagen gleich dreimal in außergewöhnlichen Situationen war, in der sofort journalistische Reflexe anspringen. Die kenne ich auch von mir, auch wenn ich nicht am Tatort bin und aufgrund meiner Jobs in Nachrichten- und Onlineredaktionen von Radiosendern immerhin noch die Möglichkeit für ein wenig mehr Reflexion habe, die am Tatort tatsächlich schwierig zu bekommen ist. Die technischen Möglichkeiten verleiten außerdem dazu, diese auch zu nutzen.

Man muss sich nicht in die sogenannte gute alte Zeit zurückwünschen, in der wir von solchen Einsätzen nicht live, sondern mit vielen Stunden Verzögerung erfahren haben, nicht mit der Ungewissheit, wie die Sache enden würde, sondern mit ihrem Ende. Aber abgesehen von Warnungen der Polizei, zu Hause zu bleiben, sich in Gebäude zu begeben und die Innenstadt zu meiden, sehe ich wenig Nutzen darin, ständig über jeden einzelnen Schritt des Einsatzes haarklein informiert zu werden.

Auch jeden anderen Augenzeugen, auch wenn er nicht Journalist ist, trifft allerdings eine große Verantwortung. Denn die Polizei München bezog sich auch auf die viele hundert anderen Smartphone-Nutzer rund um das Olympia-Einkaufszentrum, die immer wieder möglicherweise auch einsatzrelevante Informationen veröffentlichten. Auch sie tragen eine Verantwortung, sind sich dessen aber offenbar nicht bewusst. Und eine Verantwortung tragen auch diejenigen, die solche Informationen weiterverbreiten. Hinzu kamen falsche Beobachtungen etwa über angebliche Schüsse an anderen Stellen in der Stadt, bewusst veröffentlichte Fakes, die die Tat noch schlimmer erscheinen ließen und deren Ziel wohl ebenfalls das Verbreiten von Angst war, sowie das Schüren von Hass und Vorurteilen etwa durch AfD-Politiker, die noch vor dem Vorliegen von vorläufigen Erkenntnissen über Tat und Täter ihren politischen Nutzen ziehen wollten.

Ich habe mir vorige Woche schon Gedanken dazu gemacht, ob die Flut von Bildern der Öffentlichkeit alles in allem überhaupt noch nutzt. Denn nicht nur behindern sie möglicherweise einen Polizeieinsatz, sondern sie dienen im Falle von Terrorangriffen auch den Interessen der Terroristen, durch die Veröffentlichung Angst und Schrecken zu verbreiten. Daniel Fiene hat deshalb ganz recht, wenn er fordert:

In den letzten Monaten habe ich mich viel mit Periscope, Facebook Live und anderen Diensten beschäftigt. Es sind wunderbare Werkzeuge. In den letzten Tagen sind mir viele Szenarios bewusst geworden, in denen ich sie nicht im Einsatz sehen möchte. Das nehme ich zum Anlass, nicht nur über Live-Video, sondern auch um über normale Fotos und Videos zu reden. Mein Wunsch, an uns Social-Media-Intensivnutzer: Lasst uns in extremen Situationen zurück in den Textmodus wechseln.

Wir werden nicht verhindern können, dass Augenzeugen ihre Beobachtungen in Bildern weitergeben. Aber wir Journalisten können durchaus steuern, wie wir mit diesen Bildern umgehen.

Wer „Zensur“ brüllt, darf woanders weiterschreien

In Deutschland gilt das Recht auf freie Meinungsäußerung. Das ist nicht umfassend, wie ich an anderer Stelle schon mal gezeigt habe. Aber es gilt und ist sehr weitreichend. Was ist nicht gilt, ist das Recht darauf, dass sich jemand meine Meinung anhören muss.

Wenn vor meinem Fenster herumgebrüllt wird, darf ich das Fenster schließen. Und wenn jemand in meinem Haus brüllt, darf ich ihn rauswerfen. Nichts anderes ist es, wenn jemand unter dem Facebook-Post eines Mediums kommentiert. Die Redaktion muss nicht alles dulden, und es liegt in ihrem Ermessen, was sie löscht. Wenn sie Interesse an einer Diskussion hat, wird das möglichst wenig sein. Und wenn sie Interesse an einer Diskussion hat, wird sie löschen, was diese Diskussion unangenehm macht.

Aber nur, weil ein Kommentar hier beiseitegefegt wird, ist das keine Zensur. Denn der Kommentator behält sein Recht, seine Meinung zu sagen. Er kann das auf seiner eigenen Facebook-Seite tun, er kann ein Blog eröffnen, er kann auf die Straße gehen. Dann darf er sein Recht auf freie Meinungsäußerung ausüben. Aber er hat kein Recht darauf, dass ihm jemand zuhört.

Journalismus im Zeitalter der Echtzeitmedien: Wir können nicht mehr näher ran

Radiogerät von 1946
Das erste Echtzeitmedium: ein Radiogerät von 1946.

Im Mittelalter dauerte es mitunter lange, bis eine Information ihren Empfänger erreichte. Manchmal erfuhren viele Untertanen erst mehr als ein Jahr später, wenn ihr König gestorben war. Schrittweise wurde die Lücke zwischen unerwartetem Ereignis und Zeitpunkt, an dem die Information einen Empfänger erreicht, verringert. Tageszeitungen verkürzten die Lücke bis heute auf ein paar Stunden. Und selbst als Radio und Fernsehen dazu kamen und live sendeten, mussten sich trotzdem noch Journalisten zum Ereignis begeben, bevor sie berichten konnten – unter teils beträchtlichem finanziellen und personellen Aufwand.

Diese Lücke existiert heute praktisch nicht mehr. Von fast jedem Punkt der Erde können fast jederzeit bewegte Live-Bilder verbreitet werden – völlig ohne Journalisten. Mehr als ein Handy und eine Internetverbindung braucht es dafür nicht. Vor allem die letzten Terroranschläge in Paris, Brüssel und Nizza haben gezeigt, dass Augenzeugen mit Fotos und Videos, Periscope und Facebook live schneller sind; bei landesweiten Ereignissen wie dem Putschversuch in der Türkei sind sie sogar unschlagbar, weil es kaum so viele Journalisten an so vielen Orten geben kann.

Wenn die klassischen Medien versuchen, dem hinterherzuhecheln, sind sie tot. Sie müssen aus der Defensive raus und in die Offensive.

Heute kann jeder so nah dran sein an solchen Ereignissen, wie er möchte. Doch je näher er herantritt, desto weniger versteht er. Wir Journalisten können bei dieser Nähe nicht mehr mithalten. Also treten wir doch lieber einen Schritt zurück – und liefern, was soziale Medien nicht liefern können.

Twitter ist ein Aggregator von Quellen, nicht mehr, aber auch nicht weniger

Viele Nutzer verwechseln die soziale Medien mit redaktionellen. Natürlich kann eine Information, ein Foto, ein Video auf diese Weise schnell vom Tatort in die Welt gelangen, aber sie gibt eben nur einen kleinen Ausschnitt dessen wieder, was passiert ist. Und die Informationen kommen oft von Betroffenen. Von jemandem, der gerade Opfer wurde – das kann auch ein reiner Augenzeuge sein. Ein Blick von außen fehlt – jemand, der die Informationen prüft, verschiedene Wahrnehmungen eines Ereignisses abgleicht, Stellungnahmen von Experten einholt, Hintergründe erklärt. All das ist und bleibt eine journalistische Aufgabe. Das kann man nicht im selben Moment erwarten, in dem Erstinformationen über ein Ereignis verbreitet werden, wie mein Nachrichtenkollege Udo Stiehl richtig feststellt:

Die User möchten gerne möglichst in Echtzeit die Bestätigung oder Widerlegung aller in ihrer Gerüchteküche befindlichen Informationen von professionellen Journalisten. Nur Zeit zur Recherche wird nicht gewährt.

Es ist erschreckend, dass nicht mal manche Journalisten das verstehen. In der taz schrieb etwa Jürn Kruse gestern, das Argument „Wir recherchieren erst, bevor wir senden!“ sei „ärgerlich und frech“. Und Nils Jacobsen schrieb bei Meedia, Twitter habe seine Relevanz als das erste Echtzeitmedium bei Breaking-News-Situationen unterstrichen, wohingehen Online-Medien „am Ende selbst wie alte Medien“ wirkten. Dabei sind sowohl Twitter als auch Facebook zwar durchaus Medien, aber eben keine redaktionellen. Sie liefern Quellen – was nicht wenig ist – aber die Informationen dort müssen trotzdem noch geprüft werden.

Es ist eine Herausforderung, der nicht mal die Twitter-Nutzer gewachsen sind. Warum sonst fordern genau sie, nachdem sie doch angeblich durch die kleinteiligen sozialen Medien auf dem Laufenden sind, noch redaktionelle Berichterstattung? Weil sie wohl eben doch Einordnung, Hintergrund, Analyse brauchen. Aber sofort geht nicht.

Interesse an verlässlicher Information lässt nach

Vielen Nutzern scheint eine Grundregeln von Journalisten, nämlich das Zwei-Quellen-Prinzip, nicht mehr wichtig zu sein. Es geht nicht mehr um die verlässliche Information, sondern um die schnelle, auch wenn sie falsch ist. Dabei ist nichts so schwierig zu korrigieren wie eine falsche Informationen; hängen bleibt immer die erste. Man sieht das zum Beispiel daran, welche Karriere Gerüchte in sozialen Netzwerken noch Jahre nach ihrer Falsifizierung machen.

Dafür ist auch mangelnde Medienkompetenz verantwortlich. Eine Fähigkeit, die früher in der Schule nur rudimentär gelehrt wurde, heute aber wichtiger ist denn je, wie auch Udo Stiehl findet.

Was passiert, wenn Journalisten mit einer halbgar recherchierten Geschichte auf Sendung gehen, zeigten ausgerechnet die Tagesthemen, die sich in den vergangenen Tagen auf die erwähnte Position zurückgezogen hatten, erst zu recherchieren und dann zu senden.

Der Reporter bezieht sich auf Gerüchte, die noch nicht verifiziert werden konnten (in Sachen Axt hatte er Recht), er spricht von 21 Verletzten (körperlich verletzt waren es fünf, die übrigen traumatisiert, was sich in der Verkürzung aber nicht vermittelt) und erwähnt ausdrücklich, dass man keine Information über Tote habe (es gab bisher keine). Ohne die Schwere der Tat zu leugnen: Diese wurde damit zunächst größer gemacht als sie war. Zunächst das Schlimmste anzunehmen und dann schrittweise alles zurückzunehmen ist auch keine journalistische Vorgehensweise.

David Denk formulierte es in der Süddeutschen Zeitung ganz richtig:

Schnelligkeit ist schön und gut, aber doch kein Wert an sich.

Das könnten wir tun

Vielleicht sollten wir uns von dieser Form der Berichterstattung zurückziehen. Deutlich machen, was soziale Medien sind und was redaktionelle. Stattdessen bei Krisenlagen immer dazu sagen, was wir machen und was nicht – und warum. Wir sollten offen thematisieren, wenn wir eine Lageeinschätzung für schwierig halten, und warum. Wir sollten uns mit der Weitergabe von Gerüchten zurückhalten und auch das dazu sagen. Wir dürfen erwähnen, dass auch wir Posts, Fotos und Videos lesen und sehen, die das Ereignis zeigen sollen, dass wir sie aber verifizieren wollen. Vielleicht im Einzelfall dazu sagen, wie wir das tun. Dass Verstörendes darunter ist, das wir nicht ungefiltert weiterreichen wollen. Weil Gesagtes und Gesehenes nicht so leicht ungesagt und ungesehen gemacht werden kann.

Wir sollten keine verwackelten, schwer zu erkennenden, verängstigenden Videos senden, wenn sie den Interessen der Täter dienen, erst recht nicht live. Auch, um damit dem Terror keine Bühne für Propaganda zu bieten. Den Täter nicht verherrlichen. Stattdessen zusätzliche Informationen recherchieren, das Ereignis einordnen, Hintergründe und Analysen liefern, mit Fachwissen und Haltung kommentieren. Und auch eben mal nichts sagen, wenn schon alles gesagt ist, was man weiß. Keine Endlosschleifen mit Reportern in der Nähe des Tatorts, denen man damit die Zeit zur Recherche klaut. Dann ist auch die Gefahr nicht da, in Spekulationen zu verfallen. Die Sondersendung erst mal beenden, weil alles gesagt ist, was wir wissen. Versprechen, dass wir uns wiedermelden, sobald es Neuigkeiten gibt. Und das dann auch wirklich tun. Ansonsten untergraben wir auf Dauer unsere eigene Glaubwürdigkeit.

Weiterführend:

Monique Hofmann: Nichts Genaues weiß man nicht, Hauptsache auf Sendung?

Michael Hermann: Nicht die Welt ist aus den Fugen

Jan Fleischhauer: Nachrichten gefährden Ihre Gesundheit

Christian Neuner-Duttenhofer: Medien in der Krise. Ratlosigkeit als Betriebssystem

Christine Watty: Haben ARD und ZDF den Putsch verschlafen?

Stefan Niggemeier: Das Ende des Nachrichtenfernsehens, wie wir es kennen (exklusiv für Übermedien-Abonnenten)

Dürfen Journalisten eine Meinung haben? Oder wenigstens eine Haltung?

Mehr oder weniger sichtbar: Pauline Tillmann, Franziska Augstein, Joachim Knuth, Kuno Haberbusch, Anja Reschke, Sarah Tacke (verdeckt), David Schraven (v.l.) (Foto: Stefan Fries)
Mehr oder weniger sichtbar: Pauline Tillmann, Franziska Augstein, Joachim Knuth, Kuno Haberbusch, Anja Reschke, Sarah Tacke (verdeckt), David Schraven (v.l.) (Foto: Stefan Fries)

Als Journalist begegnet man immer wieder Lesern, Hörern, Zuschauern und Nutzern, die glauben, es sei möglich, objektiv und neutral zu berichten. Eine Einschätzung, die Journalisten ihnen vermutlich im Laufe der letzten Jahre und Jahrzehnte selbst vermittelt haben. Dabei prägen eigene Erfahrungen die Berichterstattung zwangsläufig, das eigene Interesse am Thema lenkt die Aufmerksamkeit, das Vorwissen befähigt zu unterschiedlicher Beschäftigung mit dem Thema.

Objektiv und neutral wird man also nie berichten können – schon deswegen nicht, weil gerade die Auswahl dessen, worüber man berichtet, und die Gewichtung der Aspekte innerhalb des Themas, die man auswählt, nicht mehr dem Anspruch der Objektivität genügen können. Denn beides ist essenzieller Part der Aufgabe von Journalisten: Sie wählen aus und gewichten. Diese Position müssen wir immer wieder deutlich machen, um dem Vorwurf zu entgehen, durch mangelnde Objektivität hinter unseren eigenen Ansprüchen zurückzubleiben.

Es liegt auf der Hand, dass eine Journalistin, deren Familie von der Erfahrung einer Flucht geprägt ist, mit einem anderen Verständnis und anderem Vorwissen über die nach Deutschland kommenden Flüchtlinge berichtet. Es ist klar, dass jemand, der sich für Aktien interessiert, anders über das Geschehen an der Börse berichtet. Es ist offensichtlich, dass ein Fußballfan andere Fragen an ein Spiel stellt als jemand, der nicht an Sport interessiert ist. Es sollte eine Fähigkeit von Journalisten sein, sich dieser Prägungen und Erfahrungen bewusst zu sein.

Was ist Haltung?

In diesen Zeiten diskutieren Journalisten viel darüber, auf welcher Position sie stehen, wenn sie über Themen berichten. Auf der Jahreskonferenz des Netzwerks Recherche in Hamburg gab es kontroverse Meinungen dazu, ob ein Journalist eine Haltung haben sollte und welche. Pauline Tillmann, seit 2015 Chefredakteurin und Geschäftsführerin des digitalen Magazins „Deine Korrespondentin“, definierte den Begriff Haltung für sie so:

Haltung ist Meinung auch bei viel Gegenwind.

Eine Definition, der sich auch Anja Reschke, Leiterin der Abteilung Innenpolitik beim NDR-Fernsehen, anschloss. Und sie ergänzte: Haltung sei auch die Verteidigung von Fakten bei Gegenwind. Es gebe aber auch eine Grundhaltung, wie wir als Journalisten unsere Grundaufgabe in diesem Land und in der Demokratie sehen würden. Das seine eine andere Form von Haltung.

Franziska Augstein von der Süddeutschen Zeitung erweiterte die Definition um ein Wort des Schriftstellers Martin Walser:

Eine Meinung könne man sich anziehen wie ein Kleid, eine Haltung habe man.

Das heißt, alle Meinungen zu verschiedenen Themen basieren auf einer inneren eher weniger veränderbaren Haltung. Augstein wandte sich dagegen, dass sie als Journalistin eine Position der völligen Neutralität einzunehmen habe. Journalisten müssten sich geradezu mit Sachen gemein machen, etwa mit dem Grundgesetz, mit Antirassismus, mit der Idee, dass ein menschenwürdiges Leben auch für Leute mit weniger Geld möglich sein sollte.

Einer Position, der ich mich grundsätzlich anschließe. Als AfD-Chefin Frauke Petry vor einigen Monaten von Journalisten eine Art von Neutralität verlangte, die auch Rassismus als eine akzeptable Haltung darstellen sollte, habe ich ihr widersprochen. Journalismus schwebt, anders als von ihr suggeriert, nicht im luftleeren Raum. Journalismus ist auch eine Errungenschaft von Demokratie, und er wird von ihr garantiert. Es liegt im ureigensten Interesse von Journalisten, sich für die Werte eben jener Gesellschaftsform einzusetzen, die ihre eigene Arbeit garantiert. Und die nach allen Erfahrungen auch für Menschen die beste Gesellschaftsform ist. Das schließt nicht aus, Fehlentwicklungen zu kritisieren.

Anja Reschke zeigte sich unentschlossen, ob sie sich Augsteins Meinung anschließen würde. „Verteidige ich die demokratische Grundordnung oder sage ich, ein großer Teil der Bevölkerung nimmt die nicht mehr an?“ Müsste ich das nicht also eigentlich hinterfragen? Reschke räumte ein, dass sie nicht wisse, wo sie sich positionieren wolle.

Auf welcher Seite stehen Journalisten?

David Schraven vom Recherchenetzwerk Correctiv fand in Hamburg eine Positionierung dagegen wichtig. Man müsse entscheiden, auf welcher Seite man stehe: auf der Seite der Macht gegen die Bevölkerung oder auf der Seite der Bevölkerung gegen die Macht. Eine Positionierung, die NDR-Hörfunkdirektor Joachim Knuth für sich nicht gelten lassen wolle:

„Ich stehe am liebsten zwischen den Stühlen, weil ich finde, da gehören Journalisten hin.“

Der Widerstandsimpuls sei ein Wesensmerkmal von Journalismus, den stelle man doch nicht mit einer Haltung, die ich in Grundsatzfragen habe, in Frage. Anja Reschke findet, die Formulierung „zwischen den Stühlen“ klinge zunächst gut, allerdings fragt sie sich angesichts von Zweifeln an der demokratischen Grundordnung bei Teilen der Bevölkerung:

„Jetzt könnte man auch sagen: Guck mal, ein Teil oder ein großer Teil der Bevölkerung nimmt das nicht mehr an, müsste ich mich nicht auf die Seite derer schlagen, die das hinterfragen? Da weiß ich nicht mehr, wie ich zwischen den Stühlen stehen soll.“

Zurück in die Vertrauenskette

David Schraven beklagt, dass Journalisten auf den klassischen Vertrauenswegen immer weniger Chancen hätten und immer seltener nicht mehr „Teil der Vertrauenskette“ seien – hier seine Ausführungen im Video:

Er bezieht sich auf den Strom von Neuigkeiten, den heute viele Nutzer nur noch über ihre Timelines etwa bei Facebook bekommen. Von dort beziehen sie ihre Informationen – oft, ohne auf die Quelle zu schauen und damit einschätzen zu können, wie verlässlich diese sind. Entscheidend ist eher, wer die Information verbreitet hat, wer sie geteilt und kommentiert hat. Vertraue ich demjenigen, vertraue ich auch der Quelle – ohne selbst noch mal Quellenkritik üben zu müssen.

So begegnet man als Journalist immer öfter dem Argument, diese oder jene Information „auf Facebook“ gelesen zu haben, ohne auf die eigentliche Quelle zu schauen. Dass viele Nutzer unfähig zur Quellenkritik sind und ein soziales Medium nicht von einem redaktionellen Medium unterscheiden können – also mitunter Facebook nicht von der FAZ – ist ein Grund dafür, dass viele Journalisten eine Vertrauenskrise beklagen, die auch in Umfragen belegt sei. Dabei vertrauen viele „den Medien“ insgesamt nicht mehr so stark; fragt man sie aber konkret nach Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern, sind die Zustimmungswerte deutlich höher. Die mangelnde Fähigkeit, diese Mediengattungen zu unterscheiden, mag eine Ursache für den Glauben an die Existenz einer solchen Vertrauenskrise sein. Dieser generelle Eindruck wird dann durch entsprechende Nutzerkommentare scheinbar bestätigt.

Zurück zu Schravens Vertrauenskette: Seit Facebook angekündigt hat, dass sein Algorithmus in den Timelines der Nutzer eher deren Freunde berücksichtigt als redaktionelle Angebote, droht den traditionellen Medien auch dort ein Präsenz- und vielleicht auch (weiterer) Vertrauensverlust.

Schraven fordert deshalb, dass Journalisten sich überlegen müssen, wie sie in diese Vertrauensketten wieder hineinkommen, um dann dort zu erklären, dass die eigene Berichterstattung im Gegensatz zu beliebigen Postings auf Standards beruht, dass verschiedene Seiten angehört worden seien, Informationen abgewogen wurden. An diesem Punkt hätten Journalisten nachgelassen.

Wie funktioniert Journalismus?

Auch Pauline Tillmanns forderte, dass Journalisten ihre Arbeit transparenter machen müssten. Meistens seien es sogar Ältere, denen nicht klar sei, wie wir arbeiten würden. Auch Anja Reschke wusste das von zahlreichen Diskussionsrunden und Podien aus dem letzten Jahr zu berichten:

„Ich stelle immer wieder fest, wie groß das Unwissen ist über sowohl unseren Job als auch übrigens über politische Prozesse. Also welche Vorstellungen Menschen von Neutralität von Journalismus haben, von Objektivität, oder überhaupt, wie eine Meldung zustandekommt, wie wir auf unsere Themen kommen. Also totale Basissachen, wo ich mir denke, das würde ich ja nie senden, weil das interessiert doch keine Katze.“

Die Zuhörer würden diese Informationen aufsaugen, sagte Reschke.

„All das ist ein Wissen, was wir hier vielleicht schick in unserem Kreis haben, aber da draußen ist das nicht vorhanden, und ich glaube, im Prinzip muss man wieder von vorne anfangen mit Erklärungen.“

David Schraven findet, dass man durchaus auch Erklärungen finden könne, die auch überzeugend seien. Er verwies auf die viel kritisierte Berichterstattung über die sexuelle Übergriffe und Diebstähle in der Kölner Silvesternacht. Wie er die Abfolge der Ereignisse und der Berichterstattung erklärt, lohnt sich zum Schluss kurz anzuhören:

Wir sollten uns auf den Weg machen, stärker die eigene Arbeit zu erklären. Anstatt sie uns von anderen erklären zu lassen.

Keine gute Figur – über die taz zur Putsch-Nacht

20160718_191714Jürn Kruse (@taz_kruse) kritisiert in der taz die Berichterstattung von ARD und ZDF in der Nacht des Putschversuchs in der Türkei. Er mag dabei nicht Unrecht haben; ich habe die Berichterstattung nicht verfolgt. Und für ihn bin ich jetzt wahrscheinlich auch nur so einer wie die Moderatoren, die er erwähnt, die in den sozialen Netzwerken „die eigenen Sender loben und immer wieder das gleiche Argument abfeuern: Wir recherchieren erst, bevor wir senden!“ Diese Kritik irritiert mich doch ein wenig. Wie arbeitet Kruse denn als Journalist?

Er nennt das Argument „in vierfacher Hinsicht ärgerlich und frech“. Weil es impliziere, dass alle anderen nur ungeprüften Schwachsinn hinausposaunen würde. Wenn er das so sieht…

„Zweitens macht nicht erst die offizielle ARD-ZDF-Verifikation eine Nachricht zu einer Nachricht.“

Aber bitte: Was denn sonst? Berichtet die taz etwa über Dinge, die sie nicht selbst verifiziert hat? Und unter Verifikation verstehe ich auch die Prüfung von Meldungen verschiedener Agenturen, auf die ich mich dann beziehe. Sicherlich macht das auch die taz, und nicht anders arbeiten nach meiner eigenen Erfahrung ARD und ZDF. Es ist eben nicht so, dass sie immer auf die Bestätigung eines eigenen Reporters warten.

„Warum lasst ihr die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht teilhaben an diesem Prozess des Sortierens und Einordnens?“

fragt Kruse weiter – und landet damit einen Punkt. Das, finde ich, ließe sich durchaus machen. Obwohl ich dabei unterscheiden würde, über welches Sujet eigentlich berichtet wird. Geht es um einen Terroranschlag, habe ich meine Bedenken über die atemlose Vor-Ort-Berichterstattung schon gestern hier deutlich gemacht.

Ja, vielleicht haben ARD und ZDF Fehler gemacht in dieser Nacht. Aber nicht alle Argumente dagegen ziehen, bloß weil man sich selbst ärgert. Nein, lieber Jürn Kuse, das haben Sie nicht ganz so gut gemacht.