Neues aus der „“-Redaktion

 

„Ich finde, zum Stil gehört auch, dass Sie mir einfach mal gratulieren“

So schnell kann’s heute gehen. Da ist man kurz mal angepisst von ein paar Fragen im Interview – schon wird ein kleiner Sturm daraus.

So ging es heute dem ehemaligen nordrhein-westfälischen Medienstaatssekretär Marc Jan Eumann (SPD) im Interview bei @mediasres im Deutschlandfunk. Moderatorin Isabelle Klein befragte ihn kritisch zu den Vorwürfen, er sei auf undurchsichtigen Wegen und unter Missachtung eigener Standards zum künftigen Direktor der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz gewählt worden.

Vorwürfe, die er gekannt hat – schließlich wurden sie seit Wochen öffentlich erhoben: von der FAZ, Übermedien, der Medienkorrespondenz und auch von @mediasres selbst. Dass er dann im Interview so dünnhäutig reagiert, hat mich überrascht.

Nachdem er eine Reihe von Vorwürfen pariert, verliert er an dieser Stelle im Gespräch ein wenig die Beherrschung:

Eumann: Also ich bin ganz sicher, dass ich auch diese Erfahrung im Bereich Medienkompetenz selbstverständlich als Politiker mitbringe. Deswegen hat – glaube ich – die Findungskommission auch mich vorgeschlagen, auch wegen dieser medienpolitischen Qualifikation.
Ich will Ihnen aber sagen, Frau Klein, ganz offen: Ich finde, zum Stil gehört auch, dass Sie mir einfach mal gratulieren, dass ich diese Wahl gewonnen habe. Aber das ist offensichtlich auch Teil…

Klein: War es denn tatsächlich eine Wahl? Viele sagen, Sie seien der einzige Kandidat gewesen. Und es wird Ihnen vorgeworfen, dass Sie ausgeklüngelt worden sind. Was entgegnen Sie denn dem?

Eumann: Also finde schon tatsächlich die Frage, ob es denn eine Wahl gewesen ist, vor dem Hintergrund, dass es eine Wahl gewesen ist, besonders merkwürdig, Frau Klein. Aber – wie gesagt, wenn das Ihr journalistischer Stil ist, dann nehme ich das gerne hin. Ich setze mich für Medienfreiheit und Meinungsfreiheit, seitdem ich politisch aktiv bin, ein. Also auch für die Art und Weise, wie Sie Interviews führen.

Kann mal passieren. (Passiert in Zeitungsinterviews wegen der Autorisierung nicht, aber das nur nebenbei.) Heute versendet sich so was aber nicht mehr, wie man das früher gesagt hat. Heute wird eine ganze Welle draus, wie sich gerade beispielhaft zeigt.

Erst entdeckte Stefan Niggemeier das Interview:

Darauf wurde dann Jan Böhmermann aufmerksam und verbreitete den Tweet weiter an seine 1,9 Millionen Follower:

Und jetzt ruft auch noch Daniel Fiene für „Was mit Medien“ bei Dlf Nova dazu auf, Eumann zu gratulieren.

Daraus entwickelte sich dann schnell der Hashtag #gratuliertmjeumann – mit entsprechenden Tweets:


Man muss Eumann nicht übermäßig in Schutz nehmen – schließlich ist er ein erfahrener Politiker und hat sich durch seine Antworten selbst in diese Lage gebracht, auch durch Aussagen wie diese hier:

Dennoch ist es interessant zu beobachten, wie sehr ihm dieser Moment des Interviews schadet, in dem er die Beherrschung verliert. Ein Musterbeispiel für die geballte Kraft von sozialen Netzwerken.

Freilich wird daraus keine ganz große Nummer werden. Jetzt ist Eumann ja gewählt, so leicht wird er das Amt nicht mehr los – oder das Amt ihn. Und das Thema ist zugegeben eine sehr brancheninternes. Durch eine Unbedachtheit wie diese hier hat Eumann selbst es aber möglicherweise über deren Grenzen hinaus bekannt gemacht.

Drei Fragen an Tanjev Schultz: „Der Lokaljournalismus stirbt“

Was läuft gerade gut in den Medien? Was läuft schlecht? Und was beschäftigt Sie?

Diese drei Fragen habe ich Tanjev Schultz gestellt, Journalismusprofessor an der Universität Mainz und früher Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. Nachzuhören bei @mediasres im Deutschlandfunk.

Was läuft gut in den Medien?

„Aus meiner Sicht gut funktioniert im Moment, dass sehr viele Redaktionen erkannt haben, dass es darauf ankommt, wirklich tiefgründige Recherchen zu machen und einen Journalismus zu betreiben, der nicht ganz nur kurzatmig funktioniert. Die Paradise Papers derzeit sind natürlich eines der herausragenden Beispiele. Aber es gibt auch sehr sehr viele gute andere Rechercheleistungen in vielen Medien, und das überzeugt mich davon, dass doch erkannt wird: Es kommt auch echt auf die Substanz an.“

Was läuft schlecht in den Medien?

„Der Lokaljournalismus darbt. Der Lokaljournalismus stirbt in manchen Regionen. Der Lokaljournalismus ist auch manchmal qualitativ nicht so, wie er sein sollte. Das war früher teilweise schon ein Problem, wird aber jetzt immer augenfälliger. Auch die Kluft zu den guten Angeboten wird tiefer. Und hier muss, glaube ich, dringend irgendwas geschehen auch dann im Netz, um das auszugleichen.“

Und bei Ihnen?

„Verschwörungstheorien. Ich habe sehr stark mich mit Sicherheitspolitik und auch Rechtsextremismus und Rechtspopulismus befasst und stelle fest, dass Verschwörungstheorien doch sehr sehr weit verbreitet sind mit Überschneidungen in diese Milieus hinein, und die Medien haben jetzt diese ganzen Faktenchecks usw. Aber es ist teilweise uferlos, was da sich verbreitet, und ich sehe das mit großer Sorge.“

Eumann wird oberster Medienaufseher in Rheinland-Pfalz – Gegenkandidat Kompa unterliegt

Marc Jan Eumann wird neuer Direktor der Landeszentrale für Medien und Kommunikation in Rheinland-Pfalz. Er ist am Abend von der zuständigen Kommission der LMK gewählt worden. Sowohl das Verfahren zur Kandidatenfindung als auch die Person Eumann waren umstritten. Worum es geht, darüber haben wir neulich in @mediasres berichtet.

Am Freitag hat der Kölner Medienanwalt Markus Kompa symbolisch eine Gegenkandidatur angekündigt. Heute legt er mit einem Bewerbungsvideo nach. Trotz seiner humorvoll geschriebenen Bewerbung bestand Kompa im @mediasres-Interview im Deutschlandfunk darauf, dass seine Kandidatur ernst gemeint sei. Deswegen ist er heute auch nach Ludwigshafen zur Wahl gefahren – und hat nach Eumanns Wahl noch kurz dazu gebloggt.

Streit zwischen Zeitungen und ÖR vors Schiedsgericht?

Seit Anfang des Jahres arbeitet das Medienschiedsgericht in Leipzig. Es soll Streitigkeiten in der Medienbranche schlichten – ganz ohne langwierigen und teuren Prozess. Doch zum Einsatz kam es noch nicht. Dabei gebe es durchaus Verfahren, die dafür in Frage kämen. So wäre etwa der Streit um die Tagesschau-App ein gutes Beispiel dafür, welchen Konflikten sich das Schiedsgericht annehmen könnte, sagte dessen neuer Präsident Christian Berger im Deutschlandfunk. Man könne Lösungen mithilfe von Instrumenten finden, die das staatliche Gericht in der Form nicht habe. Ich habe mit Christian Berger für @mediasres gesprochen.

Drei Fragen an Uwe-Karsten Heye: Recherchieren die Medien zu wenig?

„Ich glaube, dass wir viel zu wenig über die Frage nachdenken, was die Gesellschaft spaltet“, sagt der ehemalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye (leider mit Vertipper in obigem Tweet) im Deutschlandfunk. Ich habe ihn für @mediasres befragt.

Debatte um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk: „Kommt mal wieder runter!“

Die Diskussion über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist aufgeheizt: Verleger argumentieren mit den Schlagwörtern „Staatspresse“ und „Staatsfunk“. Die Rundfunkredakteure fordern Respekt und werfen manchen Zeitungskollegen Nähe zu Rechtspopulisten vor. Wo bleibt die seriöse Debatte? Mein Beitrag für @mediasres im Deutschlandfunk.

Wie schuldig ist die FDP am Jamaika-Aus? Warum sich drei Umfragen widersprechen

Na, wer trägt denn nun die Schuld daran, dass die Sondierungsgespräche zwischen CDU, CSU, FDP und Grünen in der Nacht zu Montag gescheitert sind?

Mal davon abgesehen, dass das rein faktisch schwer zu sagen ist, hatten sich in mehreren Blitzumfragen unterschiedlich viele Befragte auf die FDP festgelegt. In einer Umfrage für die Tagesschau hieß es, 32 Prozent gäben der FDP die Schuld. Im ZDF waren es 55 Prozent. Bei RTL und n-tv 19 Prozent. Das klingt widersprüchlich. Wie kommen diese unterschiedlichen Werte zustande? Gestern habe ich das in @mediasres im Deutschlandfunk erklärt – hier jetzt noch mal etwas ausführlicher.

Es geht um diese drei Umfragen:

Dass die Werte so stark voneinander abweichen, hat vor allem zwei Ursachen. Zum einen gab es bei den Umfragen unterschiedliche Fragestellungen, zum anderen unterschiedliche Antwortmöglichkeiten.

Die Fragestellung

Infratest Dimap hat zum Beispiel für die Tagesschau die Frage gestellt:

Die Gespräche zwischen CDU, CSU, FDP und Grünen zur Bildung der nächsten Bundesregierung sind gestern Abend gescheitert. Welche der verhandelnden Parteien trägt Ihrer Meinung nach in erster Linie die Verantwortung hierfür: die CDU, die CSU, die FDP oder die Grünen?

Forsa stellte wiederum diese Frage:

Wer ist für das Scheitern der Jamaika-Verhandlungen verantwortlich?

Die Forschungsgruppe Wahlen hat für das ZDF gefragt:

Wer ist Ihrer Meinung nach hauptsächlich Schuld daran, dass jetzt die Bildung einer „Jamaika“-Koalition gescheitert ist, …
– die CDU,
– die CSU,
– die FDP oder
– die Grünen?

Man sieht schon an der Fragestellung, dass diese unterschiedlich akzentuiert ist. Während Forsa relativ allgemein fragte, fragten Infratest und die Forschungsgruppe nach einer herausgehobenen Verantwortung eines (oder mehrerer) Beteiligter („in erster Linie“, „hauptsächlich“). Es ist nur eine Kleinigkeit in der Akzentuierung, die allerdings schon zu leicht unterschiedlichen Aussagen führen kann.

Die Antwortmöglichkeiten

Bei jeder der drei Umfragen gab es unterschiedliche Antwortmöglichkeiten. Während Infratest die Befragten zwang, sich auf eine Partei festzulegen, bot Forsa zusätzlich an, alle vier Parteien gemeinsam zu benennen. Bei der Forschungsgruppe wiederum wies der Interviewer darauf hin, dass Mehrfachnennungen möglich waren. Dadurch gab es hier nicht nur vier oder fünf, sondern sogar 15 verschiedenen Antwortmöglichkeiten – indem entweder eine Partei genannt wurde, zwei oder drei (in unterschiedlichen Kombinationen) oder alle vier.

Je größer die Auswahl ist, desto besser werden sich die Antworten verteilen. Dass bei Forsa die Werte für die einzelnen Parteien geringer sind, ist deswegen genausowenig verwunderlich wie die Tatsache, dass sie bei der Forschungsgruppe Wahlen für jede einzelne Partei wiederum höher ist.

Die Frage nach den Neuwahlen

Dieselben Ursachen haben auch die Abweichungen bei der Frage nach Neuwahlen.

Während Infratest eine Zustimmung von 63 Prozent ermittelte, kam die Forschungsgruppe Wahlen auf 51 Prozent und Forsa auf 45 Prozent. Auch hier liegen die Unterschiede in verschiedenen Fragen und unterschiedlichen Antwortmöglichkeiten begründet.

Infratest stellte folgende Frage:

Angenommen, eine Neuauflage der großen Koalition aus CDU/CSU und SPD kommt nicht zustande. Wie sollte es Ihrer Meinung nach dann weitergehen? Sollten CDU und CSU eine Minderheitsregierung bilden oder sollte es Neuwahlen geben?

Eine Große Koalition wurde also schon in der Fragestellung ausgeschlossen, antworten konnten die Befragten nur mit Minderheitsregierung oder Neuwahlen. Kein Wunder, dass sich die Werte nur auf diese zwei Antworten verteilen.

Forsa nahm diese Option ausdrücklich mit auf, dementsprechend verteilten sich auch die Antworten stärker.

Die Forschungsgruppe Wahlen ging dagegen ungewöhnlich vor. Sie stellte nicht eine einzige Frage, sondern gleich drei, auf die die Befragten separat antworten mussten.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie es jetzt weiter geht. Im Gespräch sind Neuwahlen, eine Minderheitsregierung oder die Bildung einer großen Koalition.

  1. a) Wenn es jetzt zu Neuwahlen käme, fänden Sie das …
    – gut    oder
    – schlecht?
  1. b) Eine weitere Möglichkeit wäre eine Minderheitsregierung unter Führung der CDU/CSU, also eine Regierung, die im Bundestag keine eigenständige Mehrheit hat und deshalb bei Abstimmungen auf die Unterstützung anderer Parteien angewiesen ist. Fänden Sie eine solche Minderheitsregierung unter Führung der CDU/CSU …
    – gut    oder
    – schlecht?
  1. c) Eine weitere Möglichkeit wäre die Bildung einer großen Koalition aus CDU/CSU und SPD, obwohl die SPD eine solche Koalition unter Führung der CDU/CSU ausgeschlossen hat. Wenn es trotzdem zu einer großen Koalition käme, fänden Sie das …
    – gut  oder
    – schlecht?

Das erklärt, warum die Zustimmung für Neuwahlen bei 51 Prozent liegt und die für eine Große Koalition bei 48 Prozent. Nur eine Minderheitsregierung wird mit 30 Prozent ähnlich schwach befürwortet wie bei Infratest.

Wie aussagekräftig sind die Umfragen?

Jeweils für sich besitzt jede Umfrage genug Aussagekraft – wenn man Fragestellung und Antwortmöglichkeiten berücksichtigt. Diese transparent zu machen versäumen die Sender jedoch oft, die sie in Auftrag gegeben haben. In diesem Fall musste ich alle drei Sender ausdrücklich danach fragen, obwohl der Pressekodex verlangt, diese mit zu veröffentlichen.

Alle drei Umfragen sind im Prinzip repräsentativ, unter anderem weil jeweils mehr als tausend wahlberechtigte Menschen in Deutschland befragt wurden, bei der Forschungsgruppe Wahlen mehr als 1.300, bei Forsa sogar mehr als 1.700.

Allerdings stellt sich die Frage, wie informiert die Befragten zum Zeitpunkt der Umfrage sind. Während Forsa für RTL schon ab 9.00 und bis 17.00 Uhr per Online-Panel gefragt hat, ließ die Tagesschau erst zwischen 15.00 und 19.15 Uhr telefonisch befragen und das ZDF zwischen 16.30 und 20.45 Uhr. Gerade an einem ereignisreichen Tag wie dem nach dem Abbruch der Sondierungsverhandlungen ist allerdings nicht nur der Sachstand der Informationen zum Zeitpunkt der Abstimmung entscheidend als auch der Spin, den Parteien und Medien dem Ereignis geben und der sich im Laufe des Tages durchaus ändern kann. Das bedeutet, dass morgens wahrscheinlich auf anderer Informationsgrundlage abgestimmt wurde als am Nachmittag.

All diese Faktoren haben Einfluss auf das Ergebnis. All diese Faktoren teilen die Sender aber in der Regel nicht mit. Am Ende bleiben dann vielleicht höchstens noch die Werte hängen: dass 55 Prozent „der Deutschen“ der FDP die Schuld geben – oder 32 Prozent – oder 19 Prozent.

Diese Umfragen wiederum geben dann wiederum der politischen Debatte den entsprechenden Spin. Bei einer tatsächlichen Neuwahl ist es nicht ausgeschlossen, dass die FDP darunter leiden wird, dass ihr nicht nur eine Mehrheit der Befragten die Schuld gibt, sondern Teile der übrigen Öffentlichkeit sich dieser Haltung anschließen könnten, die ihr ohne die Umfragen nicht bekannt geworden wäre. Insofern ist durchaus relevant, wie solche Umfragen zustandekommen.

 

Simbabwe: Medienvielfalt als Alibi

In Simbabwe ist die politische Lage nach der Entmachtung von Staatspräsident Mugabe immer noch unklar. Journalisten dürfen, so die regierenden Generäle heute, wohl durchaus ins Land. ARD-Korrespondent Jan-Philippe Schlüter zeigte sich gestern im Gespräch mit mir in @mediasres im Deutschlandfunk aber noch skeptisch, ob es mit einer Einreise für ihn klappen wird.