„Spiegel“-Bestseller sind nicht die meistverkauften Bücher

Der „Spiegel“ hat ein von einigen als antisemitisch eingeschätztes Buch von seiner Bestsellerliste genommen. Kritiker sprechen von Zensur. Dabei darf man die Bestsellerlisten nicht mit einer Verkaufsstatistik verwechseln – sie dienen vor allem dem Marketing. Mein Gespräch mit DLF-Kollege Jan Drees in @mediasres.

„Kaum verständlich, ausweichend und selbstgerecht“

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht eine ganzseitige Anzeige zum Jahrestag des Türkei-Putschversuchs und viele fragen sich angesichts der Entwicklung des Landes: Warum? Der Verlag verteidigt sich – und befeuert damit die Kritik noch. Mein Interview mit dem Kommunikationswissenschaftler Volker Lilienthal von der Universität Hamburg in @mediasres.

Wie beeinflussen Wahlumfragen die politische Kultur?

Meinungsumfragen sind wichtiger denn je, sie können Wahlen beeinflussen und Politiker-Karrieren bestimmen. Doch immer öfter gilt: Bis zur Wahl wird die Sonntagsfrage gerne als Tatsache präsentiert – und danach werden die Schuldigen dafür gesucht, warum sie nicht stimmte. Mein Beitrag in der DLF-Sendung „Hintergrund“.

Renate Künast: „Kritik hat Facebook systematisch unter Druck gesetzt“

Unter offenbar schlechten Bedingungen haben Facebook-Mitarbeiter bisher Hasspostings und strafbare Inhalte gelöscht. Die Debatte über das Hate-Speech-Gesetz hätte Druck auf Facebook ausgelöst, sagte Renate Künast im Dlf. Als erste Politikerin durfte sie vorige Woche im Löschzentrum in Berlin mit Mitarbeitern sprechen. Mein Interview mit Renate Künast bei @mediasres.

dpa will Nationalität von Tatverdächtigen öfter nennen

Im Pressekodex reicht jetzt "öffentliches Interesse", um die Nationalität eines Tatverdächtigen zu nennen. (Bild: Stefan Fries)
Im Pressekodex reicht jetzt „öffentliches Interesse“, um die Nationalität eines Tatverdächtigen zu nennen. (Bild: Stefan Fries)

Wenn jemand eine Straftat begangen hat, sollen Journalisten dann immer sagen, woher der Tatverdächtige kommt? Das fordern viele Mediennutzer. Der Presserat hat deswegen den Pressekodex geändert, in dem Empfehlungen für die Berichterstattung stehen. Die größte deutsche Nachrichtenagentur dpa geht jetzt bei der Umsetzung voran. Mein Beitrag in @mediasres.

Facebook vs. Justizministerium: Spannende Diskussion über das NetzDG

Facebook und das Bundesjustizministerium führen schon seit Wochen eine harte Auseinandersetzung über das sogenannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz – meist hinter verschlossenen Türen. Facebook wehrt sich dagegen, hohe Geldbußen zahlen zu müssen, wenn das Ministerium feststellt, dass es systematisch strafbare Inhalte nicht löscht. Bei der Jahrestagung des Netzwerk Recherche in Hamburg kam es zu einer spannenden öffentlichen Debatte zwischen Justiz-Staatssekretär Gerd Billen und Facebook-Sprecherin Eva-Maria Kirschsieper. Mein Beitrag dazu bei @mediasres im Deutschlandfunk.

Presserat veröffentlicht Leitsätze zur neuen Verdachtsberichterstattung

Der Deutsche Presserat hat neue Leitsätze für die Berichterstattung zur Herkunft potentieller Straftäter veröffentlicht. Die neuen Richtlinien sollen Entscheidungshilfen für den Redaktionsalltag sein. Details zur Biographie des Täters dürfen nun häufiger erwähnt werden. Mit dem Thema habe ich mich für @mediasres im Deutschlandfunk beschäftigt.

Wie die Wirklichkeit die Realität einholt: „House of Cards“ geht in die fünfte Staffel

Was ist Fiktion, was ist Wirklichkeit? CNN versucht, vom Erfolg von "House of Cards" zu profitieren (Foto: Stefan Fries)
Was ist Fiktion, was ist Wirklichkeit? CNN versucht, vom Erfolg von „House of Cards“ zu profitieren (Foto: Stefan Fries)

Wer den US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 verfolgt und gleichzeitig die vierte Staffel von „House of Cards“ gesehen hat, hat bereits Parallelen gesehen. Auch in der damaligen Staffel kämpften zwei Kandidaten um die Macht im Weißen Haus – unter anderem der amtierende Präsident Frank Underwood. Ausdrücklich wurde dabei das Jahr 2016 für die Wahl ausgegeben.

Inzwischen sind wir ein ganzes Jahr weiter. In der Realität ist die Machtfrage entschieden, in der fünften Staffel von „House of Cards“ noch nicht. Sie schließt nahtlos an das Ende der vierten Staffel an, die so endet (Achtung: Spoiler – und ausdrückliche Bilder):

In Interviews haben die Macher in den letzten Monaten immer wieder gesagt, wie schwierig es für sie war, die Geschichte weiterzudrehen. Schließlich ist inzwischen ein Mann Präsident geworden, der es in gewisser Weise mit Frank Underwood aufnehmen kann. Jemand, der Regeln verletzt, der Unsagbares ausspricht, der das System umstürzen will. Insofern sind sich die beiden Präsidenten – der echte und der fiktive – nicht unähnlich.

So geht es weiter:

Auch hier gibt es übrigens weitere Parallelen. Ohne zu viel zu verraten: In der ersten Folge der neuen Staffel (wird auch bereits in Trailern angedeutet) geht es um ein Einreiseverbot für Menschen aus bestimmten Ländern. Daran lassen sich die Schwierigkeiten ablesen, die die Macher hatten: Wäre das Thema zum ersten Mal fiktiv bearbeitet worden, hätte es noch ein gewisse Brisanz gehabt. Jetzt wirkt manches wie ein Nacherzählen der Wirklichkeit. Abzuwarten, wie das im Laufe der Staffel weitergedreht wird.

Wie man mit Statistiken Politik macht

Wer in der Öffentlichkeit eine Position begründen will, zieht gerne Daten und Statistiken heran, die die Position untermauern sollen. Manchmal wird auch klar, dass die Zahlen die Schlussfolgerung gar nicht hergeben.

Bei der Vorstellung der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik Anfang der Woche war für jeden was dabei. Bundesinnenminister Thomas de Maizière von der CDU etwa lenkte den Blick auf die Zahl der Zuwanderer unter den Tatverdächtigen, die im vergangenen Jahr um fast 53 Prozent gestiegen sei und sagte:

Da gibt es nichts zu beschönigen, das gilt leider für nahezu alle Deliktbereiche. Und leider – das zeigen die Zahlen – geht der deutliche Anstieg im Bereich der Gewaltdelikte vor allem auf einen Anstieg der durch Zuwanderer verübten Gewaltdelikte zurück.

Mit dieser Zahl lässt sich prima Politik machen, wie etwa der Berliner AfD-Politiker Karsten Woldeit zeigte, der daraufhin pauschal die Abschiebung verurteilter Migranten forderte. Die Gewalttaten den Tätern aufgrund ihrer Herkunft zuzuordnen, greift allerdings zu kurz, denn der Anstieg dieser Zahl könnte auch auf einen statistischen Effekt zurückzuführen sein, sagte der Kriminologe Thomas Feltes im Deutschlandfunk:

Das liegt ganz schlichtweg daran, dass es sich bei den Zuwanderern primär um junge Männer handelt, und das ist die Gruppe, die am meisten Straftaten begeht. Auch bei den sogenannten Biodeutschen oder bei den Einwohnern in Deutschland ist diese Altersgruppe der jungen Männer am höchsten belastet, vier-, fünf- bis achtmal so viel wie andere Altersgruppen, und auch wie Frauen. Deshalb ist es klar, wenn junge Männer nach Deutschland kommen, wäre alles andere ein Wunder, wenn die hier nicht auch straffällig werden würden.

Mit den nackten Zahlen allein kommt man also nicht weit, man muss sie ins Verhältnis setzen – oder so vage formulieren, dass am Ende mehrere Deutungen möglich sind. Das hatte FDP-Chef Christian Lindner getan, als es um die Kriminalität in Nordrhein-Westfalen ging. Die BILD-Zeitung hatte ihn gefragt:

Leben die Menschen in NRW weniger sicher als in anderen Bundesländern?

Woraufhin Lindner antwortete:

Ganz offensichtlich. Die Einbruchskriminalität ist massiv gestiegen, die Aufklärungsquote aber stagniert.

Ganz so einfach kann man es sich aber nicht machen, denn Lindner lieferte – absichtlich oder unabsichtlich – entscheidende Informationen nicht mit: welchen Zeitraum er für seinen Vergleich heranzog – und was er mit dem Begriff Einbruchskriminalität überhaupt meinte.

Das Recherchezentrum Correctiv machte einen Faktencheck und schrieb, die Einbruchskriminalität sei nicht etwa massiv gestiegen:

Anfang März stellte NRW-Innenminister Ralf Jäger die Polizeiliche Kriminalstatistik 2016 vor – und freute sich über den „deutlichen Rückgang“ bei den Wohnungseinbrüchen. Die Zahl der Wohnungseinbrüche ging im vergangenen Jahr um 15,7 Prozent zurück. Von gut 62.000 Fällen in 2015 auf gut 52.000 Fälle in 2016. So steht es in einer Pressemitteilung des Innenministeriums in NRW.

Correctiv bezog sich also auf die Entwicklung von 2015 bis 2016, ohne dass Lindner selbst diesen Zeitraum angegeben hätte. Die Journalisten nahmen sich sicherheitshalber auch noch mal einen längeren Zeitraum vor, und zwar die Zeit von 2012 bis 2016, ohne dass sie begründen warum. Ich vermute, sie haben die laufende Legislaturperiode in Nordrhein-Westfalen als Aufhänger genommen, was durchaus Sinn ergibt, geht es doch in Lindners Aussage darum, die Kriminalitätsentwicklung dem SPD-Politiker Jäger in die Schuhe zu schieben. Das Urteil von Correctiv: Lindners Aussage sei „komplett falsch“.

Auf diesen Zeitraum bezogen: ja. Da Lindner allerdings vage blieb, konnte ihn sein Team bei Twitter verteidigen:

Bezogen auf diese Zeit hatte der FDP-Chef wiederum Recht – die Kriminalität stieg tatsächlich, wie das Bildblog in einem Faktencheck des Faktenchecks herausfand. Doch es ging noch ein wenig weiter: Daraufhin meldete sich der SPD-Bundestagsabgeordnete Ulrich Kelber aus Bonn bei Twitter und schrieb:

Und vergleicht man diese und nicht nur die Einbruchsversuche für Jägers komplette Amtszeit, so sank ihre Zahl ausweislich der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik für Nordrhein-Westfalen (PDF).

(Screenshot: https://www.polizei-nrw.de/media/Dokumente/PKS/2016/PKS_Jahrbuch_2016_II.pdf, S. 116)
(Screenshot: https://www.polizei-nrw.de/media/Dokumente/PKS/2016/PKS_Jahrbuch_2016_II.pdf, S. 116)

Was sich wiederum die SPD gerne auf ihre Fahnen schreibt.

Schauen wir zum Schluss noch auf die Aufklärungsquote, die sich ebenfalls in der Grafik findet. Auf diese bezogen hatte Christian Lindner im BILD-Interview ja gesagt, diese stagniere. Die Grafik zeigt, dass er dabei keinesfalls denselben Zeitraum (= Bilanz seit Dienstbeginn Jäger) meinen kann, denn in dieser Zeit ist die Quote von 12,9 auf 16,2 Prozent gestiegen. Legt man das zugrunde, hat Lindner tatsächlich Unrecht. Aber es ist auch nicht auszuschließen, dass er oder sein Team für diese Aussage gerne einen anderen Zeitraum zugrundelegen wollen. Ich habe sicherheitshalber mal nachgefragt:

Eine eventuelle Antwort liefere ich hier nach.

So oder so: Welche Zahlen relevant sind, muss der Wähler entscheiden – aber er muss wissen, woher genau sie kommen. Was die Beteiligten gerne verschweigen oder vernebeln – im eigenen Interesse. So wirkt es, als würde höchstens einer echte Zahlen nutzen und die anderen lügen. Dabei ist die Wahrheit differenzierter.