Neubeginn

(Foto: Stefan Fries)
(Foto: Stefan Fries)

In einer Woche läuft wieder der Literaturmarathon bei WDR5. Ausschnitte aus rund 100 Büchern, vorgeschlagen von Lesern, ausgewählt von Kollegen und mir. Diesmal das Thema: Neubeginn.

Geschichten, die vom Loslassen, Neudenken, Mutfassen, 180-Grad-Wendungen erzählen. (…) Quer durch die Literatur haben sich Autorinnen und Autoren mit dem Thema „neu beginnen“ befasst. Vorgeschlagen von Literaturfans aus dem ganzen Land, lesen starke Stimmen Passagen aus 100 Büchern, die von diesen Zäsuren handeln. Darunter Sabine Postel, Wilfried Schmickler, Sabine Heinrich, Heikko Deutschmann, Christine Westermann, Mark Benecke, Günter Wallraff, Frank Plasberg, Susanne Pätzold, Jan-Gregor Kremp, Nina Vorbrodt, Jonas Baeck, Ranga Yogeshwar, Jochen Busse und Mitglieder des WDR Sprecherensembles.

Die 24-stündige Lesung läuft von Freitag, dem 9. März um 22 Uhr bis Samstag, den 10. März um 22 Uhr. Diesmal von mir mit dabei:

zwischen 0 und 2 Uhr
Nick Hornby: A Long Way Down

zwischen 2 und 4 Uhr
J.K. Rowling: Harry Potter und der Stein der Weisen

zwischen 4 und 6 Uhr
Claudia Schreiber: Emmas Glück
Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

zwischen 10 und 12 Uhr
Didier Eribon: Rückkehr nach Reims

zwischen 12 und 14 Uhr
Erich Kästner: Drei Männer im Schnee

zwischen 18 und 19 Uhr
Hanns Dieter Hüsch: Hagenbuch und die Geschichte

zwischen 20 und 22 Uhr
Ursula Krechel: Landgericht

100 Bücher vom Neubeginn

Seit ein paar Jahren darf ich für den jährlichen WDR5-Literaturmarathon bei der Auswahl der Bücher mithelfen. Im März 2018 lesen Schauspieler, Schriftsteller und Prominente aus rund 100 Büchern, die WDR5-Hörer unter einem Oberthema auswählen durften. Dieses Mal: Neubeginn.

Das Thema gibt mehr her als ich anfangs dachte. Wahrscheinlich würde nicht jeder Mensch auf viele Momente des Neubeginns in seinem Leben kommen. Für mich schwang dabei anfangs so ein Gedanke mit, dass man sein Leben völlig umstellt und in eine andere Richtung marschiert.

Dabei ist vieles ein Neubeginn in unserem Leben. Man kann das auf immer kleinere Dinge herunterbrechen. Seien es die ersten Schritte, der erste Schultag, der Auszug zu Hause, die neue Ausbildung oder das Studium, eine neue Liebe – es muss keine dramatische Lebenswende sein, wie mir der Begriff zunächst suggerierte.

Die WDR5-Hörer haben schon viele schöne Bücher vorgeschlagen. Für mich ist das deshalb schön, weil es wie eine Must-read-Liste ist. Bücher, die unseren Hörern etwas bedeuten, die sie gerne von Schauspielern professionell vorgetragen hören wollen.

Und so arbeiten wir

Zusammen mit mehreren Kollegen und Kolleginnen stöbern wir in der Liste, lesen Dutzende Bücher und wählen dann eine Stelle aus, die vorgelesen gut funktioniert. Die man gut anmoderieren kann, ohne zu viel Kontext mitliefern zu müssen. Die nicht unüberschaubar ist, wenn man nicht hundert Seiten des Buchs vorher gelesen hat. Die in sich funktioniert, also einen definierten Anfang und einen definierten Schluss hat: eine Pointe, einen Cliffhanger, einen natürlichen Abschluss der Szene.

Manchmal muss man innerhalb der Szene kürzen. Da fliegen dann Figuren raus, die für die eigentliche Szene nicht so wichtig sind oder in der Kürze ablenken würden. Längliche Beschreibungen werden gekürzt, denn einer echten Handlung ist beim Hören leichter zu folgen, sie bringt die Geschichte stärker voran.

Nicht alles, was uns vorgeschlagen wird, eignet sich. Etwa, weil wir bereits einen ähnlichen Neubeginn im Programm haben. Oder weil es keine in sich abgeschlossene Szene gibt, auch wenn die Geschichte gut ist. Oder weil der Hörer mit der Geschichte persönlich einen Neubeginn verbindet, der aber nicht so gut erkennbar ist, vor allem nicht für unbeteiligte Zuhörer – und die wollen wir ja ansprechen und auf neue Literatur aufmerksam machen.

Wenn meine Auswahl steht, wandert der Text noch durch viele Hände. Lektoren prüfen, ob die Texte funktionieren, so wie ich sie bearbeitet habe. Die Dramaturgie sortiert die Texte und bündelt sie unter verschiedenen Aspekten zusammen. Mehrere Mitarbeiter engagieren passende Schauspieler und Sprecher, die die Texte kongeninal vortragen können. All das braucht Zeit. Deshalb ist es nicht zu früh, wenn wir schon im Sommer Texte für den März 2018 aussuchen.

Wenn die dann auf die Bühne kommen, Monate nachdem ich den letzten Text bearbeitet habe, ist das auch für mich noch mal ein besonderer Moment. Denn erst durch die Stimmen der Schauspieler beginnt der Text zu leben. Manche Texte lassen sich mit verteilten Stimmen vorlesen und werden dann zu einem reduzierten Live-Hörspiel.

Das besondere Gefühl, gemeinsam zu hören

Und etwas Besonderes ist es, wenn sich hunderte Hörer von WDR5 im Funkhaus am Wallrafplatz in Köln treffen, um den Sprechern zuzuhören – entweder direkt im Kleinen Sendesaal an der Bühne oder im Vorraum, wo die Lesung auf einer Leinwand übertragen wird.

Diesen Livestream gibt es auch im Internet, natürlich bei WDR5 und auch bei vielen Campusradios in Nordrhein-Westfalen. Auch bei Radio Q, dem Campusradio für Münster, für das ich mehrere Jahre gearbeitet habe. Ein witziger Randaspekt, dass meine Arbeit indirekt auch da wieder zu hören ist.

Ich bin gespannt auf das Ergebnis. Noch kann man es beeinflussen – einfach hier ein Lieblingsbuch eintragen, das vom Neubeginn handelt.

Hier kann man sich noch mal Teile des Literaturmarathons 2017 ansehen und anhören. Das Thema war dieses Jahr: Reisen.