100 Bücher über das Reisen – der Literaturmarathon 2017

Einmal im Jahr wird 24 Stunden nonstop vorgelesen: beim WDR5 Literaturmarathon. In diesem Jahr haben wir (mehr als) 100 Bücher über das Reisen ausgesucht. Wobei: Vorgeschlagen wurden die Bücher von WDR5-Hörern, daraus ausgewählt haben dann mehrere Autoren, zu denen auch ich gehöre. Wir haben geprüft, was vorgeschlagen wurde, überlegt, zu welchen Themen innerhalb des Oberthemas Reisen wir gerne Ausschnitte haben wollen, und dann Stellen aus diesen Büchern ausgewählt, die auch für Nicht-Leser funktionieren, wenn man sie ihnen vorliest.

Gelesen wird heute Abend ab 22 Uhr bis morgen Abend um 22 Uhr. Ich hatte die Freude, dabei Szenen aus diesen Büchern auszuwählen und zu bearbeiten:

Freitag, 22 bis 24 Uhr: „Das große Los“ von Meike Winnemuth, die ein Jahr lang in zwölf verschiedenen Städten auf der Welt gelebt hat

Samstag, 2 bis 4 Uhr: „180 Grad Meer“ von Sarah Kuttner über eine junge Frau, die gerne mit dem Zug fährt

Samstag, 10 bis 12 Uhr: „Der seekranke Walfisch“ von Ephraim Kishon über die kulturelle Begegnung mit Engländern

Samstag, 12 bis 14 Uhr: „Otherland“ von Tad Williams über Reisen in der Virtualität

Samstag, 14 bis 16 Uhr: „Russische Reise“ von John Steinbeck und Robert Capa über die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg, „Leise singende Frauen“ von Wilhelm Genazino über einen herumstreunenden Großstädter

Samstag, 16 bis 18 Uhr: „In eisige Höhen“ von Jon Krakauer über die Besteigung des Mount Everest

Es lohnt sich, möglichst viel der 24 Stunden mitzubekommen – auch direkt im WDR-Funkhaus in Köln. Das sieht dann so aus:

Es sind bewegende und berührende, lustige, traurige und abenteuerliche Geschichten dabei. Das Programm im Überblick gibt es hier, den genauen Sendeablaufplan hier.

Hagen Rether, der Aufklärer

Hagen Rether ist der Mann mit Pferdeschwanz am Klavier. Er tourt seit Jahren mit seinem Programm „Liebe“ durchs Land – ein Programm, das sich ständig ändert, aber den Namen behält. Und alle ein bis zwei Jahre erscheint ein Zwischenstand auf CD. In diesen Tagen: „Liebe 6“ von und mit Hagen Rether.
"Liebe 6" von Hagen Rether (Bild: Random House Audio)
„Liebe 6“ von Hagen Rether (Bild: Random House Audio)

Hagen Rether versteht nichts. Oder wenig. Das macht er als Kunstgriff zur Grundlage seiner Programme. Sein Satz „Ich versteh das nicht“ kommt immer wieder vor. Dabei versteht er ziemlich viel und legt schon mit seinen Fragen mehr offen als manch anderer mit Antworten.

Rether deckt mit Vorliebe Widersprüche auf, die zwischen verschiedenen Politikbereichen und Teilen der Gesellschaft bestehen, die selten aber so thematisiert werden. Und er betrachtet die Sache damit zugleich aus einer neuen Perspektive. So sind die vielen Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, für Rether wie eine Art Konjunkturprogramm.

So setzt Rether einiges ins richtige Verhältnis. Etwa Milliardenausgaben des Staates. So hätten wir über Nacht 480 Milliarden Euro für die Bankenrettung locker gemacht, weil die Banken too big to fail waren. Dabei sei ja eher der Umgang mit den Flüchtlingen too big to fail.

Rether verzichtet meist auf vordergründige Pointen, er arbeitet sich nicht an der Bundeskanzlerin ab oder der SPD, obwohl es so einfach wäre. Er schaut hinter die Fassade der Politik, geht über die Tagespolitik hinaus. Und arbeitet damit im besten Sinne aufklärerisch, wie es der Anspruch eines Kabarettisten sein sollte. Rether geht dabei auch ins Alltägliche.

Einfach mal nach Kathmandu, um es gemacht zu haben. Auch Konsumverhalten stellt Rether in Frage. Dabei bedeutet sein Kunstgriff, Unverständnis zu äußern und einfach nur Fragen zu stellen, durchaus nicht, dass er keine Positionen vertritt. Schon in der Auswahl seiner Fragen spiegelt sich sein Zweifeln an den Zuständen. Und manchmal hilft es, sich diese Zustände einfach mal andersherum vorzustellen, die Sachen auf den Kopf zu stellen.

Früher hat Rether einige seiner Nummern noch auf dem Klavier begleitet und ihnen damit eine weitere Farbe gegeben. Etwa wenn er bekannte Melodien gespielt hat, die in einem gewissen inneren Widerspruch zum erzählten Text standen. Zumindest in der CD-Fassung spielt er aber nur noch am Schluss ein kurzes Stück. Und behauptet nach fast zwei Stunden auch mal, jetzt aber endlich mit dem Programm anfangen zu wollen. Genauso beiläufig wie diese Vorbemerkungen, die das eigentliche Programm sind, kommt auch Hagen Rether als Person rüber. Und bietet gerade dadurch eine starke Präsenz.

Hagen Rethers Programm „Liebe“ – auch das sechste Update auf CD lohnt sich.

Hagen Rether: „Liebe 6“, erschienen bei Random House Audio