Presserat rügt „Schmutzkampagne“ der Bild

Die Bild-Zeitung hat Ansehen und Glaubwürdigkeit der Presse beschädigt. Sagt der Presserat und bezieht sich damit konkret auf die Berichterstattung der Bild über eine angebliche Schmutzkampagne der SPD, die sich später als Satireaktion der Titanic herausstellte (#miomiogate).

Obwohl die SPD in dem Artikel die angeblichen Mails ihres Juso-Chefs mit offensichtlichen Argumenten wie der falschen Endung der Email-Adresse dementierte, veröffentlichte BILD die Geschichte trotzdem

schreibt der Presserat (PDF) – und weiter:

Der Presserat sieht darin einen schweren Verstoß gegen das Wahrhaftigkeitsgebot in Ziffer 1 des Pressekodex. Diese Irreführung der Leser beschädigt Ansehen und Glaubwürdigkeit der Presse, so der Presserat, der deshalb eine öffentliche Rüge erteilte.

Chefredakteur Julian Reichelt hat mal gesagt:

Es fällt mir grundsätzlich leicht, mich zu entschuldigen, wenn wir Fehler gemacht haben.

Es stellte sich dann aber heraus, dass er nur Fehler meinte, die er selbst auch so einschätzt. Bei der Titanic-Aktion sah er die nicht so richtig. Es bleibt also abzuwarten, wie er mit der öffentlichen Rüge des Presserats umgeht. Zu der schreibt der Presserat grundsätzlich:

Die öffentliche Rüge ist die härteste Sanktion der Beschwerdeausschüsse. Sie muss von der Redaktion in einer ihrer nächsten Ausgaben veröffentlicht werden.

Für den „Groko-Hund Lima“ gab es übrigens eine Missbilligung des Presserats, weil die Bild gegen Grundsätze der Recheche und das Wahrhaftigkeitsgebot verstoßen habe. Die „Krawall-Barbie“ der Bild fand der Rat dagegen in Ordnung.

„Der Tag“ im Deutschlandfunk: Wie entsteht eine Podcast-Episode?

Was steckt hinter den Nachrichten und Eilmeldungen des Tages? Das versucht der Deutschlandfunk seit September werktäglich im Podcast „Der Tag“ zu beantworten. Wie die Themen ausgewählt werden und wie daraus eine Ausgabe des Podcasts entsteht, stellt Sandro Schroeder in einer Sonderausgabe dar. Ein gutes Beispiel für Transparenz im Journalismus.

Warum Verallgemeinerung fast immer falsch ist

Wir brauchen Medienkritik. Warum sollte ausgerechnet die Arbeit von Journalisten der Kritik entzogen sei, wo doch sonst alles und jeder sich der öffentlichen Beurteilung stellen müssen?

Natürlich gibt es keine Pflicht für denjenigen, der kritisiert, dabei auch fundierte Kritik zu liefern, rein sachliche oder auch nur konstruktive Kritik. Jeder darf kritisieren, wie er will.

Wenn er aber etwas erreichen möchte, nutzt es wenig, pauschal zu kritisieren und alle Medien über einen Kamm zu scheren. Wenn er nicht Ross und Reiter nennt, fühlt sich niemand angesprochen und wird seine Berichterstattung dementsprechend nicht ändern.

Daran musste ich denken, als ich heute diesen Tweet gelesen habe:

So eine Kritik an „den Medien“ kann natürlich nur falsch sein. Wer pauschal wird, liegt damit fast immer falsch.

Man muss den Satz nicht haarklein analysieren, um ihn zu widerlegen. Er soll auch nur als Beispiel dafür dienen, dass der Ärger über ein paar Berichte gleich zu einer Generalkritik ausarten kann, die gleich auch all das mitmeint, was man eigentlich gut findet.

Natürlich gab es Berichte über die Outfits der neuen Ministerinnen, aber es gab eben auch mehr: Berichte über die Wahl der Kanzlerin, über die Vereidigung der Minister, über den Arbeitsbeginn der neuen Bundesregierung. Und auch über die Debatte über §219a und das Urteil des Bundesgerichtshof habe ich diese Woche gelesen. Es ist also weder so, als hätten sich „die Medien“ ausschließlich auf das Kleiderthema gestürzt, noch haben sie die anderen Themen vernachlässigt.

Wer so pauschal argumentiert, sieht höchstens die eigene Meinung nicht ausreichend repräsentiert, aber das kann kein Argument für Journalismus sein.

Und so entwertet eine solche Verallgemeinerung das beste Argument. Auch wenn sich der Kritiker nur mal Luft verschaffen wollte, hilfreich ist so etwas nicht.

Die unseriösesten Umfragewerte der Woche

WDR2 hat die richtige Antwort gefunden auf die Flut von Umfragen, die vorgaukeln, abzubilden, was „die Deutschen“ denken und wollen. Tom Beinlich von Infam, dem Institut für angewandte Meinungsmache, präsentiert jeden Mittwoch „die unseriösesten Umfragewerte der Woche“ – in der „Meinung am Mittwoch“. Wenngleich ich mir noch unseriösere Werte vorstellen kann…

FAZ versteckt eigene „Staatsfunk“-Wortwahl hinter der AfD

Die Comedyredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat wieder zugeschlagen.

bildschirmfoto-2018-03-03-um-18-36-29Im Artikel über eine Umfrage zu ARD und ZDF tut sie so, als würden nur Spitzenpolitik der AfD von „Staatsfunk“ sprechen, dabei machen das Autoren der FAZ in ihren Artikeln selbst so (zum Beispiel hier). Der ungenannte Autor dieses Artikels hätte hinzufügen sollen, dass es nicht nur die Spitzenpolitiker sind, sondern auch die FAZ, die diesen Begriff benutzt.

Es fällt wirklich schwer, die FAZ in ihrer Berichterstattung zu Medienthemen noch ernstzunehmen.

Im „Handelskrieg“ bitte sprachlich abrüsten

In den letzten Tagen ist die Auseinandersetzung zwischen den USA und der EU über die Besteuerung von Waren offensichtlich außer Kontrolle geraten – in jedem Fall sprachlich. Plötzlich ist auf beiden Seiten von einem Handelskrieg die Rede. Also von einem Krieg.

Angefangen vom US-Präsidenten selbst, aber gerne aufgegriffen von Politikern in der EU und in Deutschland – weitgehend kritiklos weitergetragen von deutschen Medien. Nur ein paar Beispiele:

zeitung(Süddeutsche Zeitung)

zeitung

(Deutsche Welle)

zeitung(Handelsblatt)

zeitung

(tagesschau.de)

Und so weiter.

Besonders treffend ist diese Wortwahl nicht – und überdies äußerst wertend.

Um an die Definition des Duden zum Wort Krieg zu erinnern:

mit Waffengewalt ausgetragener Konflikt zwischen Staaten, Völkern; größere militärische Auseinandersetzung, die sich über einen längeren Zeitraum erstreckt

Nichts davon trifft auf eine Auseinandersetzung über Zölle zu. In der Wortwahl schwingt eine Bedrohung für Leib und Leben mit, die in Wirklichkeit nicht gegeben ist. Der Begriff ist aufmerksamkeitsheischend und soll eine besondere Dramatik in der wirtschaftspolitischen Auseinandersetzung zwischen beiden Seiten beschreiben. Dabei emotionalisiert er den Konflikt aber und schürt beim Rezipienten möglicherweise Angst.

Selbst wenn man diese Wortwahl aber grundsätzlich akzeptiert, ist sie im Moment auch abseits der Duden-Definition nicht sonderlich klug. Denn was soll jetzt noch kommen? Wir sprechen hier über Zölle auf Stahl und Motorräder. Das ist angesichts des Protektionismus zwischen Staaten noch vor ein paar Jahrzehnten nicht viel. Wird dann demnächst getitelt „Handelskrieg eskaliert“, wenn auch Autos und Whisky mit Zöllen belegt werden? Oder muss man dann von einem „nuklearen Handelskrieg“ sprechen, damit überhaupt noch deutlich wird, von welchen Dimensionen wir sprechen? Wohin soll das alles sprachlich noch führen, wenn man schon am Anfang sprachlich zum Äußersten greift?

Kriegsmetaphern sind grundsätzlich keine gute Wahl, wenn wir nicht über Krieg sprechen. Denn was unterscheidet den Bürgerkrieg sprachlich noch vom Handelskrieg? Warum sollte uns der Krieg in Syrien noch interessieren, wenn wir einen eigenen Krieg mit den USA führen?

Natürlich müssen Journalisten den Begriff transportieren, wenn er von Politikern benutzt wird, denn korrekt zitieren gehört ja dazu. Und deren Wortwahl deutet womöglich darauf hin, auf welcher Eskalationsstufe sie den Konflikt sehen. Aber Journalisten sollten sich einen solch wertenden Begriff nicht zu eigen machen und ihn tunlichst vermeiden.

Neubeginn

(Foto: Stefan Fries)
(Foto: Stefan Fries)

In einer Woche läuft wieder der Literaturmarathon bei WDR5. Ausschnitte aus rund 100 Büchern, vorgeschlagen von Lesern, ausgewählt von Kollegen und mir. Diesmal das Thema: Neubeginn.

Geschichten, die vom Loslassen, Neudenken, Mutfassen, 180-Grad-Wendungen erzählen. (…) Quer durch die Literatur haben sich Autorinnen und Autoren mit dem Thema „neu beginnen“ befasst. Vorgeschlagen von Literaturfans aus dem ganzen Land, lesen starke Stimmen Passagen aus 100 Büchern, die von diesen Zäsuren handeln. Darunter Sabine Postel, Wilfried Schmickler, Sabine Heinrich, Heikko Deutschmann, Christine Westermann, Mark Benecke, Günter Wallraff, Frank Plasberg, Susanne Pätzold, Jan-Gregor Kremp, Nina Vorbrodt, Jonas Baeck, Ranga Yogeshwar, Jochen Busse und Mitglieder des WDR Sprecherensembles.

Die 24-stündige Lesung läuft von Freitag, dem 9. März um 22 Uhr bis Samstag, den 10. März um 22 Uhr. Diesmal von mir mit dabei:

zwischen 0 und 2 Uhr
Nick Hornby: A Long Way Down

zwischen 2 und 4 Uhr
J.K. Rowling: Harry Potter und der Stein der Weisen

zwischen 4 und 6 Uhr
Claudia Schreiber: Emmas Glück
Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

zwischen 10 und 12 Uhr
Didier Eribon: Rückkehr nach Reims

zwischen 12 und 14 Uhr
Erich Kästner: Drei Männer im Schnee

zwischen 18 und 19 Uhr
Hanns Dieter Hüsch: Hagenbuch und die Geschichte

zwischen 20 und 22 Uhr
Ursula Krechel: Landgericht

Pressegroßhandel: „Freier Markteintritt ist gewährleistet“

Seit heute gelten neue finanzielle Rahmenbedingungen für den Pressevertrieb. Die Handelsspannen aller gut verkaufenden Titel wurden deutlich abgesenkt. Darüber habe ich in @mediasres im Deutschlandfunk mit Kai Christian Albrecht gesprochen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Presse-Grosso. Er sagte: „Unser System ist hocheffizient“.

Spiegel online fragt nach Zweifeln am Journalismus und liefert gleich Anlass

Lügenpresse, Entfremdung, Elfenbeinturm: Die Zweifel an der journalistischen Arbeit sind immer noch hoch.

Schreibt Spiegel online. Und liefert sofort einen Grund, warum das wohl so sein könnte. Nämlich eine selbst durchgeführte Online-Umfrage, die keinerlei verlässliches Ergebnis hat und genau den Zweifel an der journalistischen Arbeit aufkommen lässt, den man eigentlich abfragen will.

DER SPIEGEL möchte wissen, was Sie denken: Über die deutschen Medien, über die Arbeit von Journalisten und die Berichterstattung des SPIEGEL. Was ärgert Sie, was finden Sie gut? Was vermissen Sie? Was müssen wir verbessern?

Die Nutzer werden dazu aufgerufen, bei zwei Fragen abzustimmen. Die erste Frage lautet:

Wie ist Ihre Haltung zu deutschen Medien?

  • Ich vertraue ihnen weitgehend.
  • Ich misstraue ihnen eher.

Problematisch ist der unbestimmte Medienbegriff in der Frage. Denn bei vielen Umfragen zum Vertrauen in Medien hat sich gezeigt, wie breit der Medienbegriff der Nutzer ist. Viele verstehen darunter nämlich nicht nur redaktionelle Medien, sondern auch soziale, in die man zurecht weniger Vertrauen haben sollte. Das zeigt sich daran, dass ihr Vertrauen in „die Medien“ insgesamt viel geringer ist als wenn man sie nach konkreten Mediengattungen oder Marken fragt, etwa nach Zeitungen, öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern oder etwa der „Tagesschau“.

Beispielhaft dafür nur mal eine Infratest-Dimap-Umfrage für den WDR (pdf) im Januar 2017. Gefragt nach der „Glaubwürdigkeit der Informationen in den deutschen Medien“ nannten sie 57 Prozent glaubwürdig.

(Screenshot: wdr.de)
(Screenshot: wdr.de)

Aufgegliedert nach Mediengattungen im weiteren Sinne sah das Bild aber anders aus.

(Screenshot: wdr.de)
(Screenshot: wdr.de)

Da liegen also bis auf Privatfernsehen und Privatradio alle seriösen Medien oberhalb des Durchschnittswertes – weil viele Befragte eben auch soziale Medien und das „Internet im Allgemeinen“ ebenfalls als Medien ansahen.

Insofern ist der Begriff, den Spiegel online verwendet, äußerst vage. Das Abstimmungsergebnis verwundert daher nicht.

(Screenshot: spiegel.de)
(Screenshot: spiegel.de)

Die Frage von Spiegel online ist allerdings noch viel schwammiger, weil dort sogar die nötige Trennschärfe zwischen den Antworten gar nicht gegeben ist. Dort lauten Frage und Antwortmöglichkeiten:

Wie informieren Sie sich?

  • Ich lese vor allem klassische, etablierte Medien.
  • Ich schaue und höre vor allem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk.
  • Ich informiere mich vor allem über alternative Medien.
  • Ich lese vor allem, was bei Social Media gepostet wird.

Darin finden sich gleich mehrere Überschneidungen:

  1. Unter klassischen, etablierten Medien werden offenbar lediglich lesbare verstanden. Dass auch Radio und Fernsehen mehr als 100 bzw. 60 Jahre nach ihrer Einführung dazuzählen sollten, ist wohl keine Frage.
  2. In Zeiten des sogenannten Internets sind zudem auch öffentlich-rechtliche Rundfunksender lesbar.
  3. Was alternative Medien sind, wird nicht erklärt. Die Unterscheidung muss also der Befragte treffen. Was der eine für alternativ hält, kommt dem anderen als Begriff nicht mal in den Sinn.
  4. Bei der Frage nach „Social Media“ verschwindet die Quelle dessen, was man liest, dann ja völlig im Dunkeln. Dort posten Nutzer originalen Unsinn, dort wird genauso auf diese ominösen alternativen Medien verwiesen wie auf seriöse. Mithin kann man durch einen Klick darauf gleichzeitig auch alle anderen Fragen mit Ja beantworten. Auswählen kann man aber nur eine Antwort.

So lässt sich das Ergebnis der Abstimmung jedenfalls nicht verwenden.

(Screenshot: spiegel.de)
(Screenshot: spiegel.de)

An den Umfragen haben offenbar zwischen 37.000 und 62.000 Nutzer teilgenommen (sicherlich mit Schnittmengen). Repräsentativ macht diese für Umfragen hohe Teilnehmerzahl diese aber auch nicht. Das schreibt Spiegel online zugegeben auch selbst:

SPIEGEL-ONLINE-Votes sind keine repräsentativen Umfragen. Sie geben lediglich ein Stimmungsbild derjenigen wieder, die bei den Votes mitmachen. Die Teilnahme ist unverbindlich und freiwillig.

Die Ergebnisse sind dann aber übrigens auch unverbindlich. Denn freilich ist die deutsche Bevölkerung darin nicht repräsentativ abgebildet. Aber nicht mal die aller Spiegel-online-Leser. Sondern nur die von denen, „die bei den Votes mitmachen“. Das zeigt dann noch mal sehr deutlich, wie wenig Aussagekraft diese Umfrage hat – nicht mehr als eine Voxpop-Umfrage für Radio und Fernsehen. Durch die hohe Teilnehmerzahl und die mit zwei Nachkommastellen scheinbar präzise ausgewiesenen Ergebnisse suggeriert sie aber Zuverlässigkeit. Welcher journalistische Mehrwert sich damit verbindet, erschließt sich mir nicht.

Begeisterung löst das aber freilich aus – die sollte aber nur für die Teilnehmerzahl gelten, nicht für die Ergebnisse.

Dass solche Umfragen leicht zu manipulieren ist, kommt noch als Gegenargument hinzu.

Und dann noch das hier: Spiegel online hat diese Frage im Anschluss an eine wissenschaftliche Studie zum Thema gestellt, über die es selbst berichtet hat – und stellt zwei Fragen aus dem Komplex dann noch mal schief bis falsch. Nach dem Motto: Hey, diese Ergebnisse kriegen wir mit unwissenschaftlichen Quatsch-Umfragen bestimmt zuverlässiger ermittelt.

Das schadet der Seriösität von Medien. Dass aber ausgerechnet die in dieser Umfrage abgefragt wird, ist die eigentliche Ironie der Geschichte.

„Pastewka“ unter Schleichwerbeverdacht: „Sie können gar nicht an Mediamarkt vorbeigucken“

In der neuen Staffel der Serie „Pastewka“ sind bekannte Marken groß ins Bild gesetzt. Das ruft die Medienaufseher auf den Plan: Sie gehen dem Verdacht der Schleichwerbung nach. Doch noch ist unklar, wer den Anbieter Amazon Prime überhaupt beaufsichtigt. Darüber habe ich für @mediasres im Deutschlandfunk berichtet.