Wenn Redaktionen mit freien Mitarbeiter zusammenarbeiten, ergibt das Reibungen

Welche Themen kommen in die Medien? Diese Frage entscheidet sich oft, wenn freie Autoren ihren Redaktionen Ideen vorschlagen. Ein sehr sensibler Prozess, denn unbewusst haben sich fü beide Seiten – die der freien Autoren und die der Redaktionen – Regeln eingespielt, die es zu überwinden gilt. Meinen Beitrag für das WDR5-Medienmagazin Töne, Texte, Bilder gibt es hier zu hören – und nachfolgend zu lesen:


Die Arbeit als freie Autorin für den Hörfunk besteht nicht nur aus Recherche und Texten. Die Autorin muss in der Regel jedes Thema einzeln bei einer Redaktion anbieten – und dazu ein Angebot schreiben: je nach Länge des Beitrags mehr oder weniger viele Sätze, die das Thema interessant machen. Dabei muss sie schon vorher einige Zeit in die Vorrecherche stecken, die ihr nicht bezahlt wird. Ein Redakteur prüft dieses Angebot dann und gibt das Thema in Auftrag – oder auch nicht. Falls nicht, war die Arbeit der Autorin umsonst.

„Also es wird schon genauer hingeschaut, welche Themen man nimmt und welche nicht“

sagt Thomas Korte. Er berichtet seit 28 Jahren für den Hessischen Rundfunk als Regionalkorrespondent aus dem Landkreis Waldeck-Frankenberg in Nordhessen. Er findet, dass sich die Zusammenarbeit mit Redaktionen in den letzten Jahren verändert habe, weil weniger Geld da sei für weniger Programm, so dass die Redaktionen sagten:

„Was ist denn wichtig? Emotional, emotional zu berichten, Emotionen der Menschen zu erreichen, also dass, was auf den Fingernägeln brennt, aber möglichst auch Knallerthemen, Themen, wo es um Streit geht, wo Auseinandersetzungen zu spüren sind, wo man merkt, da sind Leute, denen gefällt irgendetwas nicht und die lehnen sich auf.“

Früher seien 90 Prozent der Themen von ihm gekommen, sagt Korte, in zehn Prozent der Fälle hätten ihn Redaktionen mit einer Idee losgeschickt. Heute sei es umgekehrt.

Der feste Redakteur Adrian Feuerbacher schätzt die Zusammenarbeit mit Freien. Er leitet beim Radiosender NDR Info in Hamburg die aktuelle Redaktion:

„Ich würde sagen, dass das ein ganz wichtiges Korrektiv ist. Es ist ein Sicherheitsnetz, dass wir nicht zu sehr im eigenen Saft kochen, sondern immer wieder Impulse von außen bekommen.“

Feuerbacher macht ausschließlich inhaltliche Gründe geltend für Fälle, in denen Themen abgelehnt werden:

„Ich glaube, man muss sich ein bisschen davon lösen, dass das immer was zu tun hat mit ‚Ist uns zu bunt‘ oder ‚Ist uns zu boulevardesk‘ oder ‚Ist uns viel zu schwere Kost‘ oder so. Ganz oft hat das ja auch einfach formale Gründe. Vielleicht haben wir eine Woche davor einen Schwerpunkt gesendet zu eben dem Thema, vielleicht haben wir einfach eine andere Umsetzungsform bereits gefunden, von der wir finden, dass sie diesem Thema gerechter wird.“

Auch der freien Autorin Franziska Walser sind immer wieder Themenvorschläge abgelehnt worden. Sie arbeitet vor allem für das Kulturradio des Rundfunks Berlin-Brandenburg. Gerade weil der Kulturjournalismus sehr termingetrieben sei und von Theaterpremieren und Ausstellungseröffnungen abhinge, sei es schwierig, darüber hinaus Beiträge zu verkaufen, sagt sie.

„Also diese Mühe mir zu machen, mir Themen auszudenken, die dann überhaupt nicht reinpassen, auch in diese Formate, mach ich mir eigentlich gar nicht mehr.“

Walser beklagt, dass viele Redaktionen zu unflexibel seien, nur in Terminen und in kleinen Kästchen und Formaten dächten. Was thematisch und vom Format her nicht reinpasse, werde abgelehnt. Diese Beobachtung hat Adrian Feuerbacher in seiner Redaktion bei NDR Info nicht gemacht, sagt er.

„Ich würde die These, dass wir freie Mitarbeiter womöglich so ein bisschen dazu erziehen, nur noch ein bestimmtes Themenbouquet anzubieten, die würde ich so auch nicht unterschreiben. Ich glaube, wo wir freien Kolleginnen und Kollegen versuchen zu vermitteln, was für uns besonders reizvoll ist, dass ist die Form, das ist der Denkansatz.“

Walser: „Meine Aufgabe als Freie ist eigentlich, ein Thema irgendwo an der Pforte abzugeben und zu sagen: Hier, ich find das wichtig. Und dann muss das eigentlich innerhalb der Redaktion weiterverteilt werden. Und dann muss jemand auch Verantwortung übernehmen und sagen: Das ist ne gute Autorin, die kenn ich, die macht guten Journalismus, das Thema find ich wichtig. Wo kann’s denn landen? Und ich finde, es ist nicht meine Aufgabe, fünf verschiedene Redaktionen anzurufen und da das rumzureichen.“

Redaktionen sind unterschiedlich offen für solche Themenvorschläge. Manche Redakteure lassen sich auf Diskussionen ein, um ein Thema auf der Grundlage einer Vermutung oder These gemeinsam zu entwickeln. Andere nehmen nur Themen, die die Autorin fertig konzipiert anliefert; hier kann es für diese mitunter anstrengend sein, auch mal neue Sichtweisen unterzubringen – oder etwas mehr Aufwand und auch Geld zu investieren.

Hilfreich ist es, wenn freie Mitarbeiter in redaktionelle Abläufe eingebunden sind. Falls nicht, sagt NDR-Redakteur Feuerbach, müsse man Freien vielleicht erklären, was zum Beispiel hinter neuen Formatideen stecke und welche Chancen, aber auch Erwartungen damit verbunden seien:

„Das, finde ich, ist ein interessanter Gedanke, und da kann ich durchaus sehen, dass wir vielleicht noch ein bisschen Luft nach oben haben.“

Hass – ein schwieriges Wort

Hass – ein starkes Wort, findet @mediasres-Kolumnistin Silke Burmester:

Hass ist der Flüssigkitt der Journalisten. Sie gießen ihn in jede gedankliche Fuge. Bevor sie überlegen, worum es eigentlich geht und was für diesen Umstand das passende Wort wäre, gießen sie das Wort „Hass“ in die Lücke in ihrem Kopf und lassen einen Text herausplumpsen, in dem der Hass herumwirbelt wie einst die Kessler-Zwillinge.

Eigentlich hätte sie ihren Text auch in der sprachkritischen Rubrik des Medienportals Übermedien veröffentlichen können. Sie beschäftigt sich mit Wörtern, die die Gastautoren unpassend finden, übertrieben oder falsch. Problem ist nur der Titel der Rubrik. Sie heißt „Hasswort.“

Nur weil Gauland anderen die Würde nimmt, darf man ihm nicht seine nehmen

Und nochmal schreibe ich über Alexander Gauland, diesmal jedoch in anderer Angelegenheit. Heute wurde bekannt, dass Gauland schon vergangene Woche Dienstag bestohlen worden ist. Er war nach einem Bericht der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ) in der Nähe seiner Wohnung in Potsdam ins Wasser gegangen. Währenddessen habe ein Unbekannter am Ufer der wilden Badestelle Gaulands Kleidung bestohlen – mit dem Ruf „Nazis brauchen keinen Badespaß“, so Gauland. Jetzt ermittelt der Staatsschutz.

Problematisch ist das Foto, das die MAZ zum Beitrag veröffentlicht hat. Es zeigt nämlich Gauland in Badehose, aufgenommen von hinten und offenbar aus größerer Entfernung (zu schließen aus der Auflösung des Fotos), wie er von einer Polizistin begleitet nach Hause geht. Als Quelle des Fotos wird „privat“ angegeben. Offenbar hat ein Passant das Foto gemacht.

Ich finde es journalistisch nicht gerechtfertigt, das Foto zu veröffentlichen, weil es ehrverletzend ist. Gauland hat sich selbst nicht auf diese Weise öffentlich gezeigt, sondern ist durch den mutmaßlichen Diebstahl dazu genötigt worden. Auch wenn er öffentliche Person ist, gibt es keinen Grund, ein Foto von ihm aus dieser privaten Situation zu veröffentlichen. Da hat es schon eindeutige Urteile gegeben.

Bei Twitter habe ich dazu viel Häme gelesen. Selbst als Kollegen das Foto problematisierten, stellte sich bei den Kritisierten kein Unrechtsbewusstsein ein. Gespeist wurde es vor allem aus der Tatsache, dass Gauland selbst keine Probleme hat, sich öffentlich ehrverletzend (und schlimmer) über andere zu äußern, insofern dürfe sich niemand darüber beschweren, dass ihm seine Ehre hier genommen werde.

Auch nicht besser als Gauland

Aber: Wollen wir denn wirklich dieselben niederträchtigen Methoden nutzen wie Gauland? Wollen wir uns herablassen, auf eine Stufe mit ihm? Müssten wir nicht vielmehr gerade deshalb genau den Regeln des Anstands folgen, die wir bei Gauland vermissen?

Die Würde des Menschen ist unantastbar – und sie gilt auch für diejenigen, die nicht danach handeln und sie abschaffen wollen.

Das ist manchmal schwer zu akzeptieren, aber es ist eine große Errungenschaft unserer Demokratie, die wir nicht opfern sollten, nur weil ihre Feinde es wollen.

Ich bin gespannt, wie sich die Märkische Allgemeine Zeitung dazu äußert. Auf eine Anfrage per Twitter meinerseits haben weder Redaktion noch Chefredakteurin Hanna Suppah bisher geantwortet. Dafür hat die MAZ zwar einen Artikel mit Reaktionen verfasst und in den Teaser geschrieben: „es gibt aber auch kritische Töne“. Das kritische Foto thematisiert der Artikel allerdings nicht.

Es hätte nicht geschadet, Gauland ausführlicher zu zitieren – im Gegenteil

Soll man über jedes der berühmten Stöckchen springen, das einem die AfD hinhält? Am Wochenende haben viele Kollegen in Artikeln und Tweets darüber diskutiert, wieviel Aufmerksamkeit man der Äußerung von AfD-Fraktionschef Alexander Gauland schenken sollte.

Ich gebe zu, dass ich da lange unentschieden war und auch jetzt noch nicht völlig überzeugt von einer der beiden Extrempositionen: entweder die Aussage komplett zu ignorieren, um ihm keine unnötige Aufmerksamkeit zu geben, oder sie als nicht hinnehmbar zu skandalisieren. Tatsächlich spricht viel für letzteres, denn ein Skandal sind die Äußerungen ja. Dass Gauland sich schon zuvor rassistisch und geschichtsvergessen geäußert hat, sollte dabei keine Rolle spielen: Nur weil seine Aussagen in der Substanz nicht neu sind, sind sie nicht weniger skandalös.

Mir geht es im Rahmen der Diskussion um einen Aspekt, der eher am Rande vorkommt, wenn überhaupt: Gehen wir Journalisten richtig mit der Aussage um? Auslöser für den Skandal waren ja diese Worte Gaulands am Wochenende:

Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahre erfolgreicher deutscher Geschichte.

Wenn ich das richtig mitbekommen habe, sind sie durch einen Tweet der Deutschen Welle in dieser Kurzform zuerst in die Welt gesetzt worden.

Gauland hat diesen Satz aber nicht losgelöst gesprochen, sondern sie waren eingebettet in eine Rede. Gibt man dem Ausschnitt etwas mehr Kontext, lautete die Aussage so:

Wir haben eine ruhmreiche Geschichte. Daran hat vorhin Björn Höcke erinnert. Und die, liebe Freunde, dauerte länger als die verdammten zwölf Jahre. Und nur, wenn wir uns zu dieser Geschichte bekennen, haben wir die Kraft, die Zukunft zu gestalten. Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die zwölf Jahre. Aber, liebe Freunde, Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahre erfolgreicher deutscher Geschichte.

Dass die AfD-Fraktion dieses Zitat in einer Mitteilung auf ihrer Homepage verfälscht, ist die eine Sache. Aber sollten wir Journalisten Gauland nicht in Gänze zitieren, um unserer Verantwortung einer sachlich zutreffenden Berichterstattung gerecht zu werden? Das führt nicht zwangsläufig dazu, ihn von den Vorwürfen zu entlasten, denn auch die Einbettung in größeren Kontet macht die Aussage nicht besser. Aber es entlastet Journalisten vom Vorwurf, eben nicht korrekt oder nicht in Gänze zitiert zu haben.

Das längere Zitat relativiert die Aussage nicht

Denn natürlich muss man auch Gaulands geäußertes Bekenntnis „zu unserer Verantwortung für die zwölf Jahre“ erwähnen. Das relativiert meines Erachtens die anderen Worte Gaulands gar nicht, es entlarvt sie nur noch deutlicher, weil sie die Widersprüchlichkeit aufzeigt. Man kann sich nämlich nicht zu einer Verantwortung bekennen, die man im nächsten Satz gleich wieder implizit zurückweist. Es zeigt meines Erachtens eher, dass die vorausgehenden Worte nur deshalb gewählt werden, um sich nicht angreifbar zu machen und um im Zweifel darauf verweisen zu können, missverstanden worden zu sein.

Die Skandalisierung der wenigen Worte führt nämlich auch dazu, dass der restliche Kontext auch ansonsten nicht ausreichend betrachtet wird. Von einer tausendjährigen deutschen Geschichte zu sprechen, ist nach Ansicht von Historikern nämlich gar nicht haltbar; vielmehr knüpft der Begriff sprachlich an das tausendjährige Reich an, das die Nationalsozialisten propagiert haben. Dieses Framing mag viel wichtiger sein als das einzelne Zitat Gaulands.

Auch in den 988 übrigen Jahren ist dieses „Deutschland“ übrigens natürlich keineswegs durchgehend ruhmreich gewesen (wie auch immer man diesen Begriff definieren mag); angefangen damit, dass es in dieser nur rund 90 Jahre Demokratie gab, wie Matthias Quent feststellt, geschweige denn einen Einheitsstaat, fortgesetzt mit Dutzenden Kriegen, Hungersnöten, Krankheiten und Seuchen, worauf Alexander Nabert hinweist.

So sprechen wir aber nur über dieses eine Zitat, das dann – in der Form, in der es gefallen ist – von AfD-Politikern leicht umgedeutet werden kann. Nicht nur durch die Verfälschung vom „Vogelschiss“ zum „Fliegenschiss“, wie ich hier dargestellt habe. AfD-Pressesprecher Christian Lüth verteidigt die Aussage zum Beispiel so:

Gauland: ist das, was ich von der Nazi-Zeit halte. Quantitativ auf die rund tausend Jahre deutsche Geschichte gesehen. Inhaltlich sowieso. Wer das missversteht, will es auch und der schaden.

Was einen gewissen Witz hat, denn auf ein Missverständnis legt es Gauland ja in der Regeln an. Er selbst verteidigte sich (zitiert nach FAZ) so:

Ich habe den Nationalsozialismus als Fliegenschiss bezeichnet. Das ist eine der verachtungsvollsten Charakterisierungen, die die deutsche Sprache kennt. Das kann niemals eine Verhöhnung der Opfer dieses verbrecherischen Systems sein

Mal von der Verschiebung von Wortlaut und Wortbedeutung – „Vogelschiss“ zu „Fliegenschiss“ – und der Einlassung, dass sei „eine der verachtungsvollsten Charakterisierung“, abgesehen, zeigt sich hier genau das erwähnte Muster, Kritik zurückzuweisen, indem auf eine andere Bedeutung verwiesen hat.

Auf der Suche nach einem längeren Redeausschnitt bei YouTube bin ich auf ein Dutzend Videos gestoßen, in denen Medien die Verkürzung vorgeworfen wird. Nun geht es mir nicht darum, den dahinter stehenden Verschwörungstheoretikern entgegenzukommen, denen man auch mit einem vollständigen Zitat genug Anhaltspunkte gegeben hätte, sich zu beklagen. Aber Sie haben Recht damit, dass das Zitat verkürzt wurde.

Aussagen transportieren doppelte Botschaft

Ich glaube, dass man mit solch einer unsauberen Arbeit nicht um Vertrauen wirbt, das Medien bei vielen AfD-Anhängern verloren haben. Sie werden nur allzu leicht von der Partei darauf hingewiesen, dass das Zitat unzulässig verkürzt wurde. Das wird der Strategie der Partei nur allzu gerecht. Sie legt es ja darauf an, ihre Provokationen so zu setzen, dass die Botschaft an ihre Anhänger klar wird, gegenüber der kritischen Öffentlichkeit allerdings darauf verwiesen werden kann, dass man es nicht so gemeint habe. Man kann das so gut an diesem Beispiel sehen wie an Björn Höckes Rede vom „Mahnmal der Schande“.

Während Gauland im aktuellen Fall den Begriff „Fliegenschiss“ in der Rede verwendet, um den Nationalsozialismus zu einer unbedeutenden Episode der Geschichte zu erklären, deutet er ihn nach der Kritik um zu einer verachtenswerten Episode.

Ähnlich ging damals Björn Höcke vor. Im Januar 2017 sagte er, übrigens ebenfalls auf einer Veranstaltung der „Jungen Alternative“, wie gerade Gauland, mit Blick auf das Berliner Holocaust-Mahnmal:

Wir Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.

Im Kontext war klar, wie er es gemeint hatte – als Schande, dass die Deutschen sich so zu ihrer Geschichte bekennen. Aber auch diese Aussage konnte man auf zwei Arten lesen – eine für die Anhänger, eine für die empörte Öffentlichkeit. Matthias Kamann wies in der „Welt“ auf das Spiel mit sprachlichen Doppeldeutigkeiten hin:

Der Genitiv hat im Deutschen viele Bedeutungen, und bei manchen Konstruktionen sind mehrere Bedeutungen gleichzeitig möglich. Doppeldeutig ist etwa die Wendung „Denkmal der Schande“. Bedeuten kann sie einerseits, dass es sich um ein „Denkmal zur Erinnerung an eine Schande“ handelt. Andererseits und genauso aber kann damit ein „schändliches Denkmal“ gemeint sein.

Kamann schreibt weiter, später habe sich Höcke für den Satz gerechtfertigt und ihn in einen anderen Kontext gestellt:

Hinterher jedoch, in einer am Mittwoch verschickten „Persönlichen Erklärung“, behauptete Höcke, es sei ihm nur um die Bedeutung „Denkmal zur Erinnerung an eine Schande“ gegangen. Er sei „erstaunt über die Berichterstattung“, schrieb Höcke. Denn tatsächlich habe er „den Holocaust, also den von Deutschen verübten Völkermord an den Juden, als Schande für unser Volk bezeichnet“.

Diesen Satz allerdings hatte er in seiner mehr als 40-minütigen Dresdner Rede nicht gesagt. Genauso wenig wie einen weiteren Satz seiner späteren „Erklärung“, nämlich, „dass wir Deutsche diesem auch heute noch unfassbaren Verbrechen, also dieser Schuld und der damit verbundenen Schande mitten in Berlin, ein Denkmal gesetzt haben“.

Problematisch an den Aussagen Gaulands wie Höckes ist so gut wie alles. Mir geht es auch nicht darum, sie in Schutz zu nehmen vor einer verkürzten Zitierung. Ich glaube bloß nicht, dass es in der Auseinandersetzung um solche Zitate hilfreich ist, diese so stark zu verkürzen, dass sich sowohl der Zitatgeber als seine Parteikollegen und Wähler am Ende darauf berufen können, er sei falsch oder verkürzt zitiert worden.

AfD verfälscht Gauland-Zitat

Die AfD hat einen Teil der Rede ihres Fraktionschefs im Bundestag, Alexander Gauland, transkribiert – und dabei verfälscht. Wie man hier nachhören kann, sagte Gauland tatsächlich folgendes:

Wir haben eine ruhmreiche Geschichte. Daran hat vorhin Björn Höcke erinnert. Und die, liebe Freunde, dauerte länger als die verdammten zwölf Jahre. Und nur, wenn wir uns zu dieser Geschichte bekennen, haben wir die Kraft, die Zukunft zu gestalten. Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die zwölf Jahre. Aber, liebe Freunde, Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahre erfolgreicher deutscher Geschichte.

Nun ist der Begriff Vogelschiss nicht im Duden zu finden. Es ist aber offensichtlich, dass damit eine Verharmlosung einhergehen sollte. Als könne man Geschichte allein in Jahreszahlen messen und nicht in Taten.

Der Auszug auf der Homepage der AfD-Fraktion entspricht allerdings nicht dem, was Gauland tatsächlich gesagt hat. Ich habe im nachfolgenden Zitat die Änderungen markiert:

Wir haben eine ruhmreiche Geschichte (Auslassung), die länger dauerte als (Auslassung) 12 Jahre. Und nur wenn wir uns zu dieser Geschichte bekennen, haben wir die Kraft, die Zukunft zu gestalten. Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die 12 Jahre. Aber, liebe Freunde, Hitler und die Nazis sind nur ein Fliegenschiss (Verfälschung) in unserer über 1000-jährigen Geschichte.

Es ist eben nicht der Wortlaut der umstrittenen Passage, wie die Überschrift behauptet. Es ist eine Verfälschung, die aus dem Vogelschiss einen Fliegenschiss macht – einen Begriff, den es wiederum im Duden gibt. Dort wird er definiert als

<in übertragener Bedeutung>: reg dich bloß nicht über jeden Fliegenschiss (über jede Kleinigkeit) auf!

Selbst wenn das Gaulands Aussage in den Augen seiner Kritiker wahrscheinlich nicht besser macht – die AfD verfälscht sie hier. Die ersten Medien zitieren Gauland inzwischen ebenfalls schon falsch – zum Teil unter Berufung auf ihn selbst. In einer persönlichen Stellungnahme erklärte er am Sonntagabend (zitiert nach FAZ):

Ich habe den Nationalsozialismus als Fliegenschiss bezeichnet.

Genau das hat er eben nicht.

 

Nachtrag (12.10 Uhr): Inzwischen hat die AfD die Transkription auf der Homepage teilweise korrigiert – vor allem aus „Fliegenschiss“ wieder „Vogelschiss“ gemacht, aber immer noch nicht an den Originalwortlaut der gesprochenen Rede angeglichen. Sie zitiert Gauland jetzt so:

Wir haben eine ruhmreiche Geschichte (Auslassung bleibt), die länger dauerte als (Auslassung bleibt) 12 Jahre. Und nur wenn wir uns zu dieser Geschichte bekennen, haben wir die Kraft, die Zukunft zu gestalten. Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die 12 Jahre. Aber, liebe Freunde, Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss (korrigiert) in unserer über 1000-jährigen Geschichte.

Hier zum Abgleich das Original als Screenshot:

(Quelle: https://www.afdbundestag.de/wortlaut-der-umstrittenen-passage-der-rede-von-alexander-gauland/)

Hoppala: Wenn ein Regierungschef hinfällt

Wenn ein Regierungschef gestürzt wird, klingt das dramatisch. Es klingt gewalttätig; das Substantiv „Umsturz“ schwingt mit. Es klingt aber meiner Meinung nach auch undemokratisch und nach einem illegitimen Vorgang.

So etwas ist heute im spanischen Parlament passiert. Dort hat Sozialistenchef Pedro Sanchez ein Misstrauensvotum gegen den konservativen Regierungschef Mariano Rajoy beantragt – und gewonnen. Rajoy wurde damit abgewählt. Abgesetzt. Des Amtes erhoben.

All das hätte man schreiben können. Stattdessen las ich aber vor allem den Begriff „gestürzt“. Ein Wort, das ich problematisch finde.

Der Duden definiert den Begriff (an siebter Stelle der möglichen Bedeutungen) so:

[gewaltsam] aus dem Amt entfernen, aus der Regierungsgewalt entfernen

„Gewaltsam“ ist hier eingeklammert, weil „stürzen“ demnach offenbar auch das demokratisch legitimierte Absetzen meinen kann – wie es in Spanien passiert ist. Doch warum wählen Journalisten genau dieses Wort und nicht eines der vielen anderen für den Vorgang?

Ich glaube, weil es krawalliger klingt – nach Konflikt, Gewalt, Streit. Und solche Begriffe verkaufen sich im Zeitalter des aufmerksamkeitsgetriebenen Journalismus eben besser als die Sache auf einen verfassungsgemäßen Vorgang zu reduzieren. Dem dienen auch andere Buzzwörter wie etwa „umstritten“, das der frühere Piraten-Politiker Christopher Lauer einmal bei Übermedien kritisiert hat:

Neben der negativen Konnotation und der Neutralisierung hat „umstritten“ also ein dritte Funktion: Es wertet den Gegenstand der Berichterstattung auf, suggeriert, hui hui, an dem Streit muss ja was dran sein, wenn die ganze Sache „umstritten“ ist. Dabei hat vielleicht jemand einfach nur etwas ins Internet gepupst und die Medien nahmen das einfach dankbar auf.

Auch der Begriff „Kampfkandidatur“, den einige Journalisten gerne verwenden, macht diese Zuspitzung in der Sprache deutlich. Eine Kampfkandidatur ist es schon dann, wenn zwei Kandidaten gegeneinander antreten – wie zum Beispiel um die Parteispitze von Bündnis 90/Die Grünen oder die der SPD. Wenn dagegen nur ein einziger Kandidat antritt, wird einfach von Wahl geredet. (Eine Beobachtung, die der Kabarettist Volker Pispers schon vor zehn Jahren gemacht hat.)

Im Bemühen, einen politischen Vorgang für den Hörer sexy zu machen, benutzen wir Journalisten manchmal unpassende Wörter. Wir können sie besonders dann vermeiden, wenn es unnötig ist – die Abwahl eines Regierungschefs lässt sich auch unter Vermeidung solcher Begriffe darstellen: „Abwahl“, „Misstrauensvotum“, „neue Regierung“ – all das ermöglicht auch, den Vorgang angemessen darzustellen, ohne in Alarmismus zu verfallen.

Vorgetäuschte Ermordung Akardi Babtschenkos: „Es war sehr schwer, Zweifel zu haben“

Im Fall des vorgetäuschten Mordes am russischen Journalisten Arkadi Babtschenko in der Ukraine erkennt Journalismus-Forscher Tanjev Schultz kein Versagen der Medien. Alles habe für eine Ermordung des Journalisten gesprochen, sagte Schultz im Dlf. Wenn sich mehrere Quellen miteinander absprächen, komme man als Journalist nicht dazwischen. Gleichwohl müsse man in einem Konflikt wie dem zwischen Russland und der Ukraine stets vor Propaganda gewappnet sein. Ich habe für @mediasres im Deutschlandfunk mit Schultz gesprochen.

Mehr Podcasts wagen

Der Podcast, den Stefan Schulz zusammen mit Thilo Jung anbietet, kann auch mal vier Stunden lang sein. Ich persönlich frage mich ja, wer das hört, aber offenbar ist es für einige ein stundenlanger Tagesbegleiter – ähnlich wie das Radio.

Stefan Schulz reicht das aber noch nicht. Er hat auf der Republica zusammen mit Nicolas Wöhrl, der sich „Science Communication Evangelist and Scienceprenerd-in-Charge“ nennt, einen Appell verfasst, noch mehr Podcasts zu starten.

In der Ankündigung heißt es:

Wir sind auf dem Weg vom Podcast zum Pop-Cast und sprechen über unsere Erfahrungen mit „Methodisch Inkorrekt“ und dem „Aufwachen! Podcast“. Wir reden über den Dialog mit den Hörern. Über die Interaktion der Medienkonsumenten mit den Medienmachern. Dabei interessiert uns die Meinung des Publikums: Wie werden Podcasts wahrgenommen? Welche Rolle spielen diese in der täglichen Mediendiät? Wir diskutieren die gesellschaftlichen Chancen die Podcasts bieten, wenn aus Informationsmonopolen wieder Informationspolypole werden. Wir befreien Informationen! One Podcast at a time!

Gedanken über die „Pegida-Stadt Dresden“

Mich twitterte neulich ein (anonymer) Nutzer an und kritisierte folgendes:

In Dresden? Ausgerechnet in der Stadt, die @stfries im @DLF jüngst als „Pegida-Stadt“ abqualifizierte?

Er bezog sich auf diesen Beitrag über Reconquista Internet, in dem ich die Formulierung tatsächlich so verwendet habe:

Zu Wochenbeginn machte auch eine Offline-Aktion von sich reden. Auf die Frauenkirche in der Pegida-Stadt Dresden wurde ein Text mit dem Logo von Reconquista Internet projiziert. Dort hieß es:

„Durchhalten, freundliches Dresden! Ihr seid nicht alleine! #ReconquistaInternet“

Ich ahne, aus welchem Grund die Kritik geäußert wurde, habe aber unabhängig davon trotzdem darüber nachgedacht, ob ich damit tatsächlich Dresden abqualifiziert habe.

Man kann das so deuten; intendiert war es nicht. An dieser Stelle im Beitrag ging es mir eher um Kürze. Im Radio haben wir nur begrenzt Zeit, anders als in einem Online-Beitrag. Dementsprechend zählt manchmal jedes Wort. An dieser Stelle hatte ich ursprünglich so etwas getextet wie:

Zu Wochenbeginn macht auch eine Offline-Aktion von sich reden. Auf die Frauenkirche in Dresden, wo sich seit Jahren montags die (fremdenfeindliche) Pegida-Bewegung trifft, wurde ein Text mit dem Logo von Reconquista Internet projiziert.

Wie man sieht, ist das aber etwas länger als der später tatsächlich verwendete Text. Auf der Suche nach möglichen Kürzungen ist damit eben aus Dresden die Pegida-Stadt geworden, um in diesem Kontext zu erläutern, warum die Aktion ausgerechnet dort stattgefunden hat.

Dabei ist Pegida-Stadt für mich aber keine sprachlich grundsätzlich andere Zusammensetzung als Domstadt oder Oktoberfest-Stadt oder Bankenstadt, die man auch als „Stadt der Banken“ bezeichnen könnte. Das ist sprachlich leicht anders, lässt sich in dieser Form aber für viele andere Städte finden oder konstruieren:

  • Köln – Stadt der Silvesterübergriffe
  • München – Stadt der Bücherverbrennung
  • Mölln – Stadt des fremdenfeindlichen Anschlags

Und so weiter. In dieser Reihe hätte ich eben auch so formulieren können:

  • Dresden – Stadt der Pegida-Demonstrationen

Nichts anderes ist die kürzere Form „Pegida-Stadt“. Dass Dresden damit abqualifiziert wird, liegt eher im Auge des Betrachters. Natürlich kann „die Stadt“ – ob jetzt als kommunale Gliederung, als Ort oder als Gesamtheit seiner Bewohner – wenig dazu, wie sie von solchen Begriffen vereinnahmt wird. Gegen solche Zuschreibungen kann sich niemand wirksam wehren; sie geschehen einfach. Entweder aufgrund einer Zuschreibung von Orten oder Eigenschaften oder aufgrund von positiven oder negativen Ereignissen.

Aber natürlich ist mit keinem dieser Begriffe jeweils die Gesamtheit der Bürger beschrieben. Denn in der „Pegida-Stadt“ finden natürlich auch andere Dinge statt als ausschließlich diese Demos. Genauso wie es in Köln nicht nur den Dom gibt und in Frankfurt nicht nur Banken. So viel Souveränität sollten Leser dann schon haben.

Polarisierung ist Pop

„Polarisierung ist Pop“ – das war die These von Thomas Knüwer auf der Republica 2018. Anhand von Beispielen zeigt er auf, dass selbst normalerweise harmlose Menschen heutzutage dazu neigen, sich öffentlich besonders aufsehenerregend zu äußern. Sie neigen zur Polarisierung – die werde damit populär, also Pop. Thomas konstatiert, dass sich viele Leute öffentlich seltener verhältnismäßig äußern, sondern gerne extrem übertreiben. Das sorge für Aufmerksamkeit.

Thomas stellt dar, dass es auch früher schon Polarisierung gegeben habe, und zeigt dazu einen Ausschnitt aus „Ein Herz und eine Seele“. Auch der Stammtisch von früher sei nichts anderes als eine Filterblase gewesen. Heute finde sich dagegen an sehr vielen Stellen eine Polarisierung: in fast jedem Facebook-Kommentar, in Äußerungen von Politikern, in Kommentaren von Journalisten und auch auf der Republica.

Am Ende plädiert er dafür, in der öffentlichen Diskussion etwas zurückzuschalten und weniger zu polarisieren. Damit könne man die öffentliche Debatte verbessern.