Nach dem Anschlag in Orlando ist das Rennen offener denn je

Ist es pietätlos, jetzt schon, nicht mal 24 Stunden nach dem schweren Anschlag auf einen Nachtclub in Orlando, bei dem offenbar mindestens 50 Menschen getötet wurden, über den Wahlkampf zu reden oder zu schreiben?

Möglich.

Aber es ist längst geschehen. Der designierte Präsidentschaftskandidat der Republikaner, Donald Trump, hat den Anschlag längst für seine Zwecke instrumentalisiert, als er Amtsinhaber Barack Obama zum Rücktritt aufforderte, nur weil der zunächst nicht von einem islamistischen Anschlag sprechen wollte.

Zwar hat sich die Terrormiliz IS zu dem Anschlag bekannt, allerdings sieht die Polizei in den USA für Verbindungen des Täters zum IS bisher keine Beweise. Kein Wunder, dass sich auch Obama mit Schuldzuweisungen zurückhielt, als er sagte:

„Wir wissen noch nicht, warum der Täter dies getan hat. Was klar ist, ist dies: Er war eine von Hass erfüllte Person.“

Seine Konkurrentin Hillary Clinton, die voraussichtlich für die Demokraten ins Rennen um die Präsidentschaft gehen wird, hielt sich ebenso wie Obama zurück.

Auswirkungen auf den Wahlkampf

Als ich im April mit zehn anderen deutschen Journalisten Redaktionen in den USA besucht habe, gaben sich die meisten unserer Kollegen dort davon überzeugt, dass Donald Trump als Präsidentschaftskandidat der Republikaner keine Chance haben würde – nicht im Vorwahlkampf gegen seine innerparteilichen Konkurrenten und erst recht nicht im entscheidenden Rennen gegen die designierte Kandidatin der Demokraten, Hillary Clinton.

Mit der ersten Einschätzung lagen schon viele daneben, wie sich im Mai zeigte. Auch mit der zweiten?

Jeff Mapes, der beim öffentlich-rechtlichen Radiosender OPB in Portland (Oregon) als politischer Reporter arbeitet, sah sich damals schon außerstande, eine verlässliche Prognose zu Trump abzugeben. Auf die Frage, ob er eine Erklärung für dessen Erfolg habe, sagte er:

„Die Erklärungen dafür lagen so oft daneben. Es gab so viele Vorhersagen, dass die Leute eher müde von diesem Zirkusartisten würden und er nicht die ganzen Vorwahlen durchhalten würde. Sein Reiz wurde wirklich verkannt. Es besteht kein Zweifel, dass er die Sorgen eines bestimmten Teils der Amerikaner aufgenommen hat, ähnlich wie die rechten nationalistischen Parteien, die Sie in Europa haben. Sehr besorgt über die Einwanderung.“

Gerade dieser Aspekt wird in Zusammenhang mit dem Anschlag eine Rolle spielen, soll der Täter doch ein in Florida lebenden US-Bürger afghanischer Abstammung sein.

Nur zwei Ereignisse, so sagten viele der Journalisten, mit denen wir im April gesprochen haben, könnten den Wahlausgang zugunsten von Hillary Clinton noch ernsthaft in Gefahr bringen: eine ernste wirtschaftliche Krise und ein schwerer Terroranschlag. Viel wird jetzt davon abhängen, wie Trump und Clinton auf das Ereignis reagieren – und wie die Wähler das goutieren. Mit Rationalität allein war zumindest bei Trumps Anhängern ohnehin wenig zu erreichen. Sowohl er als auch Clinton haben sich in der Vergangenheit nicht gerade dadurch ausgezeichnet, dass sie die Herzen der Wähler erwärmen können – da dürfte der amtierende Präsident Barack Obama einen besseren Job machen.

Das Rennen, das vor allem in Europa viele schon für Hillary Clinton ausgemacht sahen, ist jetzt offener denn je.

„Guter Journalismus entsteht auch im Widerspruch zu gängigen Meinungen“

Über Fehler von Journalisten wird an vielen Stellen gesprochen – nicht erst, seit bei Pegida von der „Lügenpresse“ die Rede ist und bei der AfD von der „Pinocchiopresse“. Auf Fachtagungen und Konferenzen kommt das Thema dagegen meiner Wahrnehmung nach zu kurz.

Diese Lücke will das Kölner Forum für Journalismuskritik schließen. Im vergangenen Jahr gab es die Premiere, am morgigen Freitag geht es in die zweite Runde. Veranstaltet wird sie vom Deutschlandfunk und der Initiative Nachrichtenaufklärung. Ein paar Erkenntnisse werde ich hier im Laufe der nächsten Tage bloggen.

Zum Auftakt stimmt Deutschlandradio-Intendant Willi Steul auf die Konferenz ein. Er fordert in seinem Grußwort von Journalisten mehr Selbstbewusstsein bei ihrer Arbeit ein. Das erfordere permanente Selbstkritik: „Guter Journalismus entsteht immer auch im Widerspruch zu gängigen Meinungen.“

 

Drei Beispiele für einen fairen journalistischen Umgang mit der AfD

Die AfD weiß, wie sie Schlagzeilen produzieren kann. Und wir Journalisten neigen dazu, ihnen zu folgen. Berichten oder ignorieren? Eine schwierige Abwägung. Einerseits kann man sie kaum ignorieren, weil sie auch außerhalb der journalistischen Berichterstattung auf sich aufmerksam machen; andererseits kann man auch nicht über jedes Stöckchen springen, das sie einem hinhalten. Gestern und heute habe ich drei Beispiele gehört, in denen ein guter Weg für den Umgang mit ihr gefunden wurde.

DLF-Redakteur Dirk Müller hat heute früh in den „Informationen am Morgen“ thematisiert, dass in der Redaktion gestern lange darüber gestritten worden sei, ob man die angebliche Äußerung von AfD-Vizechef Alexander Gauland über Fußballnationalspieler Jérôme Boateng überhaupt thematisieren solle. Am Ende habe man sich dafür entschieden, zu berichten und ein Interview zu führen. Herausgekommen ist ein hervorragender Weiterdreh des Themas. Der Gesprächspartner Wolfram Eilenberger, Philosoph und Chefredakteur des Philosophie-Magazins, hat die Diskussion nämlich ausgehend von dieser Äußerung auf einen anderen interessanten Punkt gelenkt: Er nannte die „integrative Kraft des Sports“, die immer beschworen werde, einen Mythos. Außerhalb des Fußballs seien nämlich in fast alle anderen Nationalmannschaften längst nicht so viele Migranten wie im Fußball. Eine gute Entscheidung, wie man ein solches Thema anfassen und weiterdrehen kann. Zumal Eilenberger im Interview darauf hinweist, dass die Art und Weise, in der die Journalisten der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Gaulands Äußerung kolportiert haben, fragwürdig ist, und damit zugleich Journalismuskritik äußert, die die Diskussion darüber auch auf eine Metaebene hebt.

Auch Sabine Henkels Herangehensweise hat mich beeindruckt: Prägnant und ungewöhnlich mutig, wie WDR5 das Thema mit diesem Kommentar heute früh behandelt und damit auch klassische Formatvorgaben über Bord geworfen hat. Der Kommentar lief auch bei WDR2 – mit relativ umfassender Anmoderation. Natürlich ist das nicht die richtige Herangehensweise für jede Äußerung von AfD-Politikern, aber angesichts der schwierigen Faktenlage in diesem Fall finde ich es gerechtfertigt.

Schon gestern sendete der Deutschlandfunk das „Interview der Woche“ mit AfD-Chefin Frauke Petry. Der Leiter des Hauptstadtstudios, Stephan Detjen, hat dabei eine ganz einfache Taktik angewendet: Er war auf Inhalte aus, nicht darauf, Petry um jeden Preis zu entlarven.

So deckte Detjen zum Beispiel den Widerspruch auf, dass Petry einerseits Differenzierung einfordert, wenn es um die Beurteilung ihrer eigenen Partei geht, auf der anderen Seite aber jede Differenzierung vermissen lässt, wenn es um die Beurteilung des Zentralrats der Muslime geht.

Detjen: Man muss nochmal sagen: Also, eine Partei, die sich in ihr Programm schreibt, eine Religionsgemeinschaft, der in Deutschland knapp vier Millionen Menschen angehören, gehöre nicht hierher, die muss sich doch mit dem Vorwurf konfrontieren lassen, diese Gruppe pauschal ausgrenzen zu wollen. Und das hat es in der Bundesrepublik jedenfalls noch nicht gegeben.

Petry: Na, Herr Detjen, ich glaube, da trauen wir uns beiden doch ein bisschen mehr Differenzierungsmöglichkeiten zu. Wir grenzen niemanden aus, aber wir machen in unserem Programm ganz klar, dass der Islam in seinen wesentlichen Ausprägungen, wie sie nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit in allen muslimischen Ländern geprägt werden, große, große Diskrepanzen zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung aufweist.

Wer die Rechte der Frau nach wie vor nicht umsetzt, wer die Intoleranz gegenüber religiösen, ethnischen und sexuellen Minderheiten zum Programm hat, wer Polygamie befürwortet, den deutschen Staat dafür sogar in die Pflicht nimmt, der muss sich vorwerfen lassen, dass er zumindest über diese Probleme diskutiert. Und …

Detjen: Frau Petry …

Petry: Warten Sie ganz kurz.

Detjen: Ja.

Petry: … die Differenzierung, die der Zentralrat ja überhaupt nicht bereit ist zu tun, die wir aber sehr wohl getan haben, ist zu sagen, dass wir Muslime, die diese Probleme erkannt haben und die spirituelle Welt ihrer Religion dennoch leben möchten und hier integriert sind, dass wir die sehr wohl fördern und anerkennen.

Detjen: Frau Petry, nur die Differenzierung, dass bestimmte Ausprägungen des Islam problematisch sind und in Konflikt mit Grundwerten unserer Gesellschaft geraten, ist wahrlich keine Entdeckung der AfD. Sie schreiben in Ihr Programm: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, das ist genau der Verzicht auf die Differenzierung, die Sie jetzt einfordern.

An einer anderen Stelle fragt er danach, welche Konsequenzen die von AfD-Funktionären geforderte Direktwahl des Bundespräsidenten analog zu Österreich für das politische System haben würde.

Detjen: Ja. Frau Petry, deshalb würde ich gerne an der Stelle nachfragen. Österreich hat eine andere Stellung. Und die Frage, die ich Ihnen stellen möchte, ist, ob Sie die Stellung des Bundespräsidenten, das Verfassungsgefüge der Bundesrepublik damit verändern wollen? Was geschehen würde, wenn der Bundespräsident ein direktes Mandat der Bevölkerung hätte.

Petry: Na, erst einmal müsste man dafür die Aufgaben des Bundespräsidenten in Deutschland neu definieren. Das haben …

Detjen: Und das wollen Sie tun?

Petry: Na ja, das haben wir erst einmal nicht getan. Wir haben vor allen Dingen erst einmal darüber geredet …

Detjen: Aber Sie fordern ja eine Direktwahl. Das würde die Stellung verändern. Also lassen Sie mich einfach mal fragen: Wünschen Sie sich einen Bundespräsidenten, einen direkt gewählten Bundespräsidenten, der aktiver in die Politik eingreift und nicht nur repräsentatives Staatsoberhaupt ist?

Petry: Schauen Sie, ich finde es immer erstaunlich, wie man …

Detjen: Eine wichtige, eine wesentliche Frage.

Petry: Herr Detjen, ja, wie man in unsere Worte und unser Programm dann Dinge reininterpretiert, die da gar nicht drinstehen – so, wie die Linke das auch vor Kurzem getan hat. Die hat zwar gesagt, das steht zwar nicht drin, aber die meinen das trotzdem. Lassen wir uns doch … also nehmen wir doch …

Detjen: Nein, wenn man …

Petry: Aber Herr Detjen, nehmen wir doch das Programm, wie es ist. Und im Programm steht, dass …

Detjen: Auf das Programm komme ich gleich noch.

Petry: … dass wir möchten …

Detjen: Nur, Sie stellen eine Forderung auf, die da im Programm gar nicht drinsteht in der Tat: nämlich den Bundespräsidenten direkt zu wählen. Und das hat Konsequenzen. Und ich möchte von Ihnen wissen, ob Sie die Konsequenzen bedacht haben.

Petry: Ja, Herr Detjen, noch einmal: Sie postulieren Konsequenzen, die wir in unserem Programm nicht gefordert haben.

Detjen: Ein direkt gewählter Bundespräsident hat eine andere Stellung, verändert die politische Landschaft, das Verfassungsgefüge der Bundesrepublik.

Petry: Ja, er hat vor allen Dingen …

Detjen: Sie fordern eine Direktwahl.

Petry: Ja, ein direkt gewählter Präsident, ein direkt gewählter Bundespräsident in Deutschland hätte vor allem tatsächlich mal das Mandat, das direkte Mandat der Bevölkerung. Gerade der Bundespräsident in Deutschland hat ja nun rein repräsentative Funktionen.

Detjen: Und das möchten Sie ändern?

Petry: Und deswegen bricht rund um die Wahl eines Bundespräsidenten in Deutschland immer wieder die Diskussion darüber auf, ob wir ihn überhaupt brauchen. Und in der Tat ist die Frage, ob wir einen Bundespräsidenten, der rein repräsentativ wirkt, tatsächlich in Deutschland benötigen. Aber diese Frage, Herr Detjen – und Sie machen das ganz geschickt und stellen mir die gleiche Frage immer wieder, diese Frage haben wir …

Detjen: Ganz genau.

Petry: … derzeit nicht aufgemacht. Und solange die Partei …

Detjen: Doch, Sie haben sie ja aufgemacht. Sie haben die Forderung der Direktwahl gestellt.

Petry: Na ja, also …

Interessant vor allem, wie Petry versucht, Detjens Nachfrage mit dem Hinweis darauf zu kontern, dass er versuche, etwas hineinzuinterpretieren, was nicht drinstecke – dabei hat er lediglich nach den Konsequenzen der AfD-Forderung gefragt.

Am Ende beantwortet Petry die Frage nicht und zeigt dadurch, dass sie keinerlei Konzept hat Es lohnt sich, sich das ganze Interview im Original anzuhören, weil es zeigt, wie man der AfD mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung beikommen kann, ohne sie offensiv anzuprangern.

Auch wenn Detjen schildert, wie er sich erfolglos darum bemüht hat, das beschlossene Grundsatzprogramm zu bekommen, behauptet Petry erst, dass es schon lange abrufbar ist, bis sie schließlich einräumt, dass es erst am Vorabend fertiggestellt worden ist.

Detjen hat damit im besten Sinne das getan, was Stefan Niggemeier neulich vorgeschlagen hat:

Ich glaube, dass die AfD einen Anspruch darauf hat, dass ihre Ansichten verbreitet werden, und dass die Bevölkerung einen Anspruch darauf hat, diese Ansichten zu erfahren. Es ist dann selbstverständlich auch das Recht und die Aufgabe von Journalisten, diese Ansichten einzuordnen und kritisch zu hinterfragen, ihre Folgen zu beschreiben, Widersprüche aufzuzeigen, mögliche verborgene Ansichten zu enthüllen – wie bei jeder anderen Partei, aber bei einer neuen, sich noch findenden Partei ganz besonders.

Ich glaube, dass diese Strategie die richtige für den Umgang mit der AfD ist. Wenn Journalisten ihr die Chance geben, sich und ihr Programm darzustellen, ihr dabei aber kritisch begegnen und ihre Vorstellungen hinterfragen, erfüllen Journalisten ihre Aufgabe, haben Leser, Hörer und Zuschauer die Chance, tatsächlich einschätzen zu können, ob sie der AfD ihre Stimme anvertrauen wollen, und kann sich die AfD nicht mehr in die Opferrolle einer Partei begeben, der kein Gehör geschenkt wird.

Es wäre schön, mehr Berichte, Interviews und Kommentare wie die angeführte Beispiele zu hören.

Update, 19.00 Uhr: In einer früheren Version habe ich lediglich zwei Beispiele genannt: das Interview in den „Informationen am Morgen“ und den Kommentar bei WDR5. Hinzugefügt habe ich die längere Passage als Auseinandersetzung mit dem „Interview der Woche“ im Deutschlandfunk. Der ursprüngliche Titel dieses Beitrags lautete: „Drei Beispiele, wie man der AfD nicht (ganz) auf den Leim geht“.

Disclaimer: Ich arbeite als freier Mitarbeiter für Deutschlandfunk und WDR.

Wer Donald Trump noch verdrängen könnte: 18 Tage mit RIAS in den USA

Statue von Präsident Abraham Lincoln im Lincoln Memorial in Washington (Foto: Stefan Fries)
Statue von Präsident Abraham Lincoln im Lincoln Memorial in Washington (Foto: Stefan Fries)

Überraschung in Washington: Nicht nur Hillary Clinton und Bernie Sanders konkurrieren um das Amt des US-Präsidenten, auch der Amtsinhaber will es noch einmal wissen. Ein Kandidat, den deutsche Medien bis dahin nicht auf dem Schirm hatten: Frank Underwood.

Underwood ist überall in Washington zu sehen. In der Stadt zeigen mehr Plakate den fiktiven Präsidenten aus der Serie „House of Cards“ als die tatsächlichen Kandidaten dieses Wahlkampfs. Underwood mischt sich in den realen Wahlkampf ein. In der vierten Staffel der Serie finden sich viele Parallelen zur Wirklichkeit – und die sind kein Zufall. Normalerweise scheuen sich Serienmacher, allzu nah an die Wirklichkeit der Politik heranzugehen – „House of Cards“ macht genau das mit voller Absicht.

Als der Nachrichtenkanal CNN am 16. Dezember 2015 die Debatte der republikanischen Präsidentschaftskandidaten für eine Werbepause unterbrach, zeigte er darin einen Werbespot für den Kandidaten.

Frank Underwood tritt ausdrücklich zur Präsidentschaftswahl 2016 an. Sein Darsteller Kevin Spacey spricht in Interviews über Politik.

(Foto: Stefan Fries)

Und CNN schmückt seine Dokumentarreihe über die Geschichte der Präsidentschaftswahlkämpfe mit den Namen der „House of Cards“-Macher: HoC-Produzentin Dana Brunetti zeichnet auch für die Dokumentation verantwortlich, Spacey führt als Erzähler durch die Folgen.

Eine Reise im Zeichen des Wahlkampfs

Tatsächlich stand das ganze Programm der RIAS-Berlin-Kommission im Frühjahr 2016 im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs. Einen Tag, nachdem wir in Washington eintrafen, lief die Vorwahl im Bundesstaat Wisconsin. Damals hieß es: Wenn Donald Trump hier nicht gewinnt, kann er die Kandidatur für die Republikaner nicht mehr schaffen. Er verlor. Aber das änderte wenig. Wie so oft sollten sich auch hier die Voraussagen von Wahlbeobachtern über Erfolg und Misserfolg des Donald Trump als falsch erweisen.

Trump zog sich wie ein roter Faden durch unseren 18 Tage dauernden Besuch, bei dem wir mehr über das politische System und die Medienlandschaft der USA erfahren sollten. Und das nicht nur, weil man in New York und vielen anderen Städten andauernd Gebäude sieht, die seinen Namen tragen (den man sich gegen Lizenzgebühr mieten kann).

(Foto: Stefan Fries)

Fast alle Journalisten und Analysten, die wir in Washington und New York zum Wahlkampf befragt haben, waren gleichermaßen fasziniert wie schockiert von Trumps Erfolg. Auch wenn sie sich dabei nicht unbedingt bewusst sind, welchen Anteil sie mit ihrer Arbeit an diesem Erfolg haben. Aber die wenigsten waren zugleich davon überzeugt, dass es Trump zum Präsidenten bringen wird – jedenfalls bis zu unserer Abreise Ende April. Inzwischen glauben ausweichlich ihrer Kommentare und Analysen viel mehr Journalisten, dass Trump es schaffen kann – nicht unbedingt aus eigener Kraft, sondern auch wegen der Schwäche seiner vermutlichen Gegnerin Hillary Clinton.

Der Blick hinter die Kulissen

(Foto: Stefan Fries)
(Foto: Stefan Fries)

Die US-Kollegen haben uns ungewöhnliche Einblicke gewährt. Viele haben sehr offenherzig über ihre Arbeit gesprochen, über die Herausforderungen des Präsidentschaftswahlkampfs, über den Druck durch Bi- und Trimedialisierung und damit einhergehenden Veränderungen im Mediensystem, wie sie über die Krise seit 2007 berichtet und teilweise selbst unter ihr gelitten haben.

Längst nicht alles, aber vieles davon kam uns bekannt vor. Wenn man in Deutschland immer hört, dass wir im Vergleich zu den USA noch viel aufzuholen haben, beruhigt es einerseits, dass auch die US-Kollegen längst nicht immer wissen, wohin sie der Weg führen wird. Andererseits wüssten wir sicher alle gerne, wie wir unseren Nutzern in Zukunft begegnen können. Nutzungsgewohnheiten verändern sich schneller als Journalisten dem gerade nachkommen können.

Aber wir haben auch viele gute Ideen gesehen, wie man Lesern, Hörern und Zuschauern künftig gerecht werden kann. So führten uns die Kollegen von CNN Money in New York vor, wie sie ihre Inhalte einerseits plattformgerecht ausspielen – also Fernsehkanal, Webseite, Facebook, Twitter usw. jeweils unterschiedlich bedienen – und andererseits auch Entwicklungen im Netz beobachten, um darauf journalistisch reagieren zu können.

Das nationale Hörfunkprogramm NPR in Washington hat uns Einblick in seinen Newsroom gegeben, in dem alle maßgeblichen Redaktionen nah beieinander sitzen. Während in Deutschland Podcasts aus öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in fast allen Fällen eine reine Zweitverwertung von Fernseh- und Radioinhalten sind, produziert NPR auch exklusive Inhalte für den wachsenden Podcast-Markt. Ein Boom des Audios im visuell getriebenen Netz, mit dem viele auch für Deutschland rechnen.

Auch ABC hat einen Newsroom in seinem Büro in Washington, wenn auch kleiner als der von NPR. Eine Entwicklung, die in einigen Redaktionen in Deutschland schon nachvollzogen wurde, gleichwohl bei vielen Journalisten auf Skepsis stößt – meistens, bis sich die Abläufe eingespielt haben und die Vorteile erkannt wurden. In dieser Hinsicht stießen wir auf offene Ohren.

Go West

Blick auf mehrere Brücken am Williamette River in Portland
Portland, die Stadt der Brücken (Foto: Stefan Fries)

Nach sechs Tagen in Washington mit den zehn anderen Teilnehmern am RIAS-Programm ging es für mich einmal durchs ganze Land: von der Ost- an die Westküste, in den Bundesstaat Oregon. Portland liegt gleich an der Grenze zu Washington, dem nordwestlichsten Bundesstaat der USA. Portland, die Stadt der Brücken. Portland, die Stadt der Donuts. Portland, die Stadt des Biers. Drei Stempel aus den letzten Jahren, die den Einwohnern besser gefallen als der der wohl einstmals weißesten Großstadt Amerikas (dank lang anhaltender rassistischer Gesetze). Für vier Tage gewährten mir die Kollegen vom öffentlich-rechtlichen Radiosender OPB (Oregon Public Broadcasting) Einblick in ihre Arbeit.

Dabei war weniger die tägliche Routine der Kollegen interessant (Radio ist halt immer noch Radio) als vielmehr das, worüber sie berichten. Als ich einen Reporter für einen Beitrag in eine Grundschule begleitete, war ich überrascht, dass wir vor dem Haupteingang standen und klingeln mussten. Die Sekretärin warf durch eine Überwachungskamera einen Blick auf uns und ließ uns erst dann ein. Damit nicht ehemalige frustrierte Schüler einfach so ins Gebäude marschieren und Kinder erschießen können. Dass man sich auf diese Weise mit einer täglichen Bedrohung arrangiert hat, ließ mich schaudern.

Und ich durfte mir die Arbeit einer Reporterin anschauen, die wiederum einen Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters von Portland begleitet hat. Auch wenn Jules Bailey mittlerweile bei der Wahl nur Zweiter geworden ist, war es spannend zu beobachten, wie nah die Kandidaten ihren potenziellen Wählern kommen. Bailey war zu Besuch bei Leslie, die wiederum einige Freundinnen und Nachbarinnen eingeladen hatte.

Ein wirklich persönlicher Wahlkampf, bei dem die potenziellen Wähler den Kandidaten fragen dürfen, was sie wollen. In diesem wohlhabenden Vorort von Portland wurde an diesem Nachmittag deutlich, dass den Leuten ihre eigenen Probleme wie die Baustelle, die den Verkehr in die Wohngebiete treiben dürfte, näher sind als die großen Fragen der Stadt, etwa die weit verbreitete Obdachlosigkeit. Interessant zu sehen, wie nah der Kandidat auch die Reporterin heranlässt. Sie hielt das aber schon gleich für eine taktische Nähe. Diese würde vorbei sein, sobald er Bürgermeister ist – was er diesmal verfehlte.

Funkhaus, im Vordergrund das Logo von OPB
Das Funkhaus von OPB in Portland im US-Bundesstaat Oregon. (Foto: Stefan Fries)

Und dann hätte beinahe noch die Zensur zugeschlagen. Die Regeln fürs öffentlich-rechtliche Radio in den USA verbieten es, dass bestimmte Wörter über den Sender gehen. Shit und Fuck sind noch die zwei harmlosesten. Wenn man bedenkt, welche menschenverachtenden Äußerungen die Amerikaner im Namen der Meinungsfreiheit noch für zulässig erachten, ist es geradezu grotesk, welche alltäglichen Flüche wiederum nicht ausgestoßen werden dürfen. Dermaßen sensibilisiert kann es leicht sein, dass eine Redakteurin schon beim nicht ganz sauber ausgesprochenen Wort „Bolshevik“ so etwas wie „bullshit“ versteht und es fast überpiepst hätte. Dinge wie dieses als kultureller Unterschied zwischen den USA und Deutschland zu erfahren, ist mehr wert, als nur darüber zu lesen.

Ins echte Leben

Dem diente auch einer der ungewöhnlichsten Besuche des RIAS-Programms. Wer immer nur über die wirtschaftliche Krise der USA rund um Immobilien und Finanzen berichtet, kann aus der Ferne leicht den Blick dafür verlieren, was das für die Menschen dort bedeutet. Viele haben sich offenbar daran gewöhnt, dass in großen Städten Tausende auf der Straße leben. Nicht nur in Washington, auch in Portland und San Francisco habe ich innerhalb von drei Wochen mehr Obdachlose gesehen als in Deutschland in mehreren Jahren. Ohne soziale Sicherung vegetieren viele auch bei Regen und Kälte auf den Straßen dahin. Und nicht überall bekommen sie zumindest das bisschen Unterstützung, das ihnen die St. James Church in der Upper East Side bietet.

Dort haben wir einen Vormittag lang für sie gekocht – nicht nur für Obdachlose aus ärmeren Vierteln, sondern auch für Menschen, die ihre Wohnung dort nur noch behalten können, weil ihre Miete seit Jahrzehnten nicht erhöht werden kann, denen aber das Geld für ordentliche Mahlzeiten fehlt. „Food insecure“ nennen das die US-Behörden, wenn Menschen nicht wissen, woher die nächste Mahlzeit kommt.

(Foto: Stefan Fries)
(Foto: Stefan Fries)

Ich habe in der Gemeindeküche mit zwei Kollegen etwa 200 panierte Hähnchenschnitzel gebraten. Die haben wir alle zusammen den Gästen an Tischen serviert. Es waren nur kurze Gespräche, und es ging längst nicht immer nur um ihre persönliche prekäre Situation, aber sie haben mich berührt.

Neue Perspektiven

Zum ersten Mal im RIAS-Programm dabei war ein Besuch beim Internetportal Buzzfeed. Das ist mit seiner deutschen Webseite, die in Berlin produziert wird, vor allem als Unterhaltungsmedium bekannt; in den USA hat das Team allerdings schon damit begonnen, auch politischen Journalismus zu betreiben. Schon allein, weil dort die meisten Mitarbeiter zwischen 20 und 30 Jahren alt sind, eröffnen sie damit neue Perspektiven. Nachdem sich die anfängliche Angst deutscher Journalisten vor Buzzfeed gelegt hat, könnte sie durch diesen neuen Ansatz auf Dauer durchaus zur Konkurrenz werden.

(Foto: Stefan Fries)
(Foto: Stefan Fries)

Die Medienwelt ist im Wandel, und sie wird es bleiben. Impulse kommen dabei vor allem aus den USA – nicht nur von den Journalisten dort, sondern vor allem, weil hier die Technologien entwickelt werden, die künftig zwischen uns Journalisten und unseren Nutzern stehen werden. Dass die RIAS-Berlin-Kommission jedes Jahr etwa 20 Journalisten die Möglichkeit eröffnet, sich einen Teil dieses Wandels direkt vor Ort und durch Gespräche mit Kollegen anzuschauen, ist ein großes Glück auch für die Entwicklung des Journalismus in Deutschland.

Ein letzter Trumpf gegen Trump

Zurück zum US-Präsidentschaftswahlkampf. Wenn Donald Trump und Hillary Clinton als offizielle Kandidaten ihrer Parteien nominiert sein sollten, wird sich auch ihre Präsenz auf Werbetafeln erhöhen. Wahrscheinlich wird Frank Underwood dann auch im Straßenbild von Washington eine geringere Rolle spielen – schon allein, weil die aktuelle Staffel längst vollständig veröffentlicht und die Spannung raus ist. Es sind schon Parallelen zwischen Donald Trump und Frank Underwood gezogen worden. Auf die Unterstützung des sozusagen amtierenden Präsidenten FU könnte sich DT wohl nicht verlassen, mutmaßte Kevin Spacey bei CNN.

Dennoch wird der Wahlkampf wahrscheinlich ungewöhnlich bleiben. Aber das Ende der USA, wie wir sie kennen, ist diese Wahl wohl nicht – auch nicht mit einem Präsidenten Donald Trump. Davon gaben sich jedenfalls die meisten unserer Gesprächspartner in den USA überzeugt, unter ihnen Molly Reynolds, die bei einem der größten Think Tanks in den USA arbeitet, der eher liberalen Brookings Institution. RIAS-Fellow Korbinian Frenzel hat sie dazu bei unserem Besuch befragt.

Dass das politische System der USA einen Präsidenten Trump überlebt, ist die eine Sache – ob auch die Welt einen Präsidenten Trump überlebt, allerdings eine andere.

Dieser Beitrag ist mein Abschlussbericht für die der RIAS-Berlin-Kommission.

Update, 8. Juni 2016: Die Berichte meiner Mitreisenden sind jetzt hier abrufbar.

Die USA kennenlernen: 18 Tage zwischen Washington, Portland und New York

Im April war ich mit dem großartigen Programm der RIAS-Berlin-Kommission beim deutsch-amerikanischen Journalistenaustausch. Während und nach dieser Zeit sind diese Beiträge entstanden:

„House of Cards“ und die Wirklichkeit

Der Nachrichtensender CNN vermischt Fiktion und Wirklichkeit, wenn er so für seine Sendungen zur Präsidentschaftswahl wirbt.

Wahlkampf im Wohnzimmer: Wie Kandidaten in den USA dem Wähler ganz nah kommen

Wer Bürgermeister von Portland werden will, lässt sich auch gerne mal ins heimische Wohnzimmer einladen.

Die amerikanische heute-show mit dem rassistischen Panda

Das Vorbild der ZDF-Sendung. Das Bemerkenswerte an der Show ist de Moderator Trevor Noah – ein Multitalent.

Macht die Lügenpresse Donald Trump groß?

Wie die großen Kabelsender in den USA dem Präsidentschaftskandidaten Donald Trump bereitwillig lange Sendestrecken gewidmet haben.

Donald Trumps Erfolg: “Was sollten die Medien tun? Sollten sie seine Statements ignorieren?”

Interview mit dem Politikjournalisten Jeff Mapes über die Frage, ob man Donald Trump in der Medienberichterstattung ignorieren kann.

Haben US-Journalisten Wahlkampfhilfe für Donald Trump geleistet?

Donald Trump ist laut und unverschämt. Er ist immer für einen flotten Spruch zu haben, das ist gut für die Quote. Jetzt wird der umstrittene Milliardär wohl der republikanische Präsidentschaftskandidat. Viele Journalisten in den USA fragen sich nun, ob sie Wahlkampfhilfe geleistet haben – ohne es zu merken. In meinem  für das WDR5-Medienmagazin „Töne, Texte, Bilder“ habe ich diesen Aspekt mit den Stimmen mehrerer Journalisten beobachtet.

Zensur: Warum es selbst in den USA keine ganz freie Rede gibt

Wer im öffentlich-rechtlichen Radio in den USA arbeitet, ist auch hin und wieder als Zensor tätig. Denn böse Schimpfwörter on air – das geht gar nicht.

Wer Donald Trump noch verdrängen könnte: 18 Tage mit RIAS in den USA

Mein abschließender Bericht für die RIAS-Berlin-Kommission mit einem Überblick über Besuche, Gespräche und Eindrücke.

Dieser Beitrag ist ursprünglich am 26. Mai 2016 erschienen. Ich habe ihn am 28. Mai aktualisiert und durch den Verweis auf einen neuen Beitrag ergänzt.

Wie sich Medien zum Sprachrohr eines Tatverdächtigen machen

Hey, das lief ja gut für den Bielefelder Rechtsanwalt Detlev Binder. Er vertritt Wilfried W., der in seinem Haus in Höxter zwei Frauen zu Tode gequält haben soll.

Schlagzeile im Westfalen-Blatt (Screenshot: http://www.westfalen-blatt.de/OWL/Lokales/Kreis-Hoexter/Hoexter/2385095-Horror-Haus-Anwalt-kritisiert-Polizei-mit-Video-Die-Opfer-von-Hoexter-koennten-noch-leben)
Schlagzeile im Westfalen-Blatt (Screenshot: http://www.westfalen-blatt.de/OWL/Lokales/Kreis-Hoexter/Hoexter/2385095-Horror-Haus-Anwalt-kritisiert-Polizei-mit-Video-Die-Opfer-von-Hoexter-koennten-noch-leben)

Er hat dem „Westfalen-Blatt“ ein Interview gegeben. In einem Video-Interview dort sagt er, die beiden Opfer könnten noch leben, wenn die Polizei damals richtig reagiert hätte.

Binder macht seinen Job richtig: Er verteidigt seinen Mandanten. Es steht ihm frei, dessen Version in die Öffentlichkeit zu geben. Auch wenn es manch einem merkwürdig erscheinen mag, dass er einen Teil der Verantwortung auf die Polizei abwälzt, darf er das tun. Wahrscheinlich hätte er aber nicht gedacht, dass ihm viele Medien so willfährig folgen und seine Version fast ungefiltert weitergeben.

So schreibt etwa der Kölner Stadt-Anzeiger:

„Das Täterpaar wollte die Frau freilassen und fuhr mit ihr zur Polizeiwache“, heißt im Anreißer zum Link. Tat es das wirklich? Wollte es das wirklich? Die Indikative im Satz legen das nahe. Aber wir wissen es nicht; die einzige Quelle dafür ist parteilich.

Auch der Tagesspiegel erweckt mit seiner Überschrift den Eindruck von Tatsachenbehauptungen:

Bericht auf tagesspiegel.de (Screenshot: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/hoexter-bosseborn-taeterpaar-wollte-frau-aus-berlin-2012-in-polizeiwache-freilassen/13641862.html)
Bericht auf tagesspiegel.de (Screenshot: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/hoexter-bosseborn-taeterpaar-wollte-frau-aus-berlin-2012-in-polizeiwache-freilassen/13641862.html)

Der Stern versteckt immerhin den Urheber der Aussagen in der Dachzeile:

Überschrift bei stern.de (Screenshot: http://www.stern.de/panorama/stern-crime/hoexter-polizei-anwalt-vorwuerfe-6866614.html)
Überschrift bei stern.de (Screenshot: http://www.stern.de/panorama/stern-crime/hoexter-polizei-anwalt-vorwuerfe-6866614.html)

Überrascht bin ich, dass sich die Clickbaiting-Maschine focus.de zurückhält und sich sogar in der Überschrift von der Aussage des Anwalts distanziert:

Schlagzeile auf focus.de (Screenshot: http://www.focus.de/panorama/welt/horror-paar-von-hoexter-anwalt-erhebt-schwere-anschuldigung-polizei-haette-tod-der-frauen-verhindern-koennen_id_5564762.html)
Schlagzeile auf focus.de (Screenshot: http://www.focus.de/panorama/welt/horror-paar-von-hoexter-anwalt-erhebt-schwere-anschuldigung-polizei-haette-tod-der-frauen-verhindern-koennen_id_5564762.html)

Ebenso wie Spiegel online:

Bericht auf spiegel.de (Screenshot: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/hoexter-mutmassliches-folterpaar-soll-mit-opfer-zu-polizeiwache-gefahren-sein-a-1094105.html)
Bericht auf spiegel.de (Screenshot: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/hoexter-mutmassliches-folterpaar-soll-mit-opfer-zu-polizeiwache-gefahren-sein-a-1094105.html)

Sowohl Focus als auch Spiegel tun dann aber auch kaum anderes, als die Aussagen des Anwalts wiederzugeben. Zwar gibt es den Hinweis darauf, dass sich die Polizei wegen der laufenden Ermittlungen nicht dazu äußern möchte. Aber beide geben dem Tatverdächtigen breiten Raum, ohne den Vorwürfen eine zweite Meinung oder Fakten entgegenstellen zu können. Und rücken damit die Polizei in den Mittelpunkt des Falls.

Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt. Die Journalisten wissen es auch nicht. Was sich der Leser denkt: keine Ahnung.

Vorwürfe erheben kann jeder. Aber es liegt in der Verantwortung von Journalisten, diesen Vorwürfen entweder nachzugehen und sie zu erhärten – oder die Geschichte erst mal liegenzulassen.

Aber sie klang einfach zu spektakulär. Vielleicht wusste Detlev Binder das.

Zensur: Warum es selbst in den USA keine ganz freie Rede gibt

Funkhaus, im Vordergrund das Logo von OPB
Das Funkhaus von OPB in Portland im US-Bundesstaat Oregon.

Scheiße. Pisse. Ficken. Fotze. Schwanzlutscher. Motherfucker. Titten.

Oder im englischen Original: Shit. Piss. Fuck. Cunt. Cocksucker. Motherfucker. Tits.

Verzeihung, dass ich Sie mit diesen Begriffen belästigen musste. Aber sie sind wichtig für das öffentliche Radio und Fernsehen in den USA. Es sind Wörter, die auf keinen Fall fallen dürfen.

Wer schon mal US-amerikanische Fernsehshows gesehen hat, ist an das Piepsen gewöhnt, das manchmal über einzelne Begriff gelegt wird, wenn ein Moderator, Comedian oder Talkshowgast spricht. Dann ist es in den meisten Fällen eines der sieben schmutzigen Wörter gewesen. Es gilt als anständig, solche Begriffe auszupiepsen, selbst wenn sie auf vielen Sendern erlaubt sind. Man kann sich ohnehin denken, was gerade gesagt wurde.

Richtiggehend verboten sind diese sieben Wörter sowie Teile von ihnen oder Kombinationen daraus in jedem Fall im öffentlich-rechtlichen Radio.

Bullshit on air

Ein Tag im April 2016. Beim Radiosender OPB in Portland (Oregon) interviewt Moderator Dave Miller zwei Studenten einer örtlichen Hochschule. Sie setzen sich dafür ein, dass Donald Trump Präsident der USA wird. Damals war Trump noch im Vorwahlkampf und es keineswegs so ausgemacht wie heute, dass er Kandidat der Republikaner wird. Trump hat im Wahlkampf schon einiges an Beschimpfungen losgelassen. Als der Student But Kolychev aber plötzlich im Interview so etwas wie „bullshit“ sagt, herrscht Aufregung in der Regie.

Eine Redakteurin überlegt jetzt aufgeregt, ob sie die Stelle zensieren soll. Sie hat den Finger schon auf dem Knopf, der für solche Fälle vorgesehen ist. Drückt man darauf, werden wenige Sekunden aus der Live-Übertragung herausgeschnitten. Der sogenannten Live-Übertragung. Denn die Sendung wird tatsächlich nicht live ausgestrahlt, sondern live on tape, mit wenigen Sekunden Verzögerung. Für Fälle wie diesen.

Tatsächlich sagt Kolychev aber nicht “bullshit”. Der Student hat ukrainische Wurzeln, sein Amerikanisch einen leichten Akzent. Er sagte „Bolshevik“, worauf der Moderator hinweist, wie man in diesem längeren Ausschnitt hören kann.

Dave Miller: What do you mean by that?

But Kolychev: Demonstrating to the world that these people are totalitarian. They don’t subscribe to any sort of liberal democratic values. They’re aspiring Bolshevik commissars.

Miller: “…aspiring Bolshevik commissars.” I have to say for people who haven’t seen: At the bottom of a Williamette Week interview with you from earlier this week there is an amazing correction that cannot be read on the air because the FCC rules… The word “Bolshevik” was misinterpreted as a word the FCC doesn’t like. I recommend folks checking out that correction at the bottom of that interview.

Tatsächlich kann man die Korrektur auf der Webseite der Zeitung nachlesen.

Quelle: Williamette Week (http://www.wweek.com/news/2016/04/13/four-questions-for-psu-students-for-trump-founder-volodymyr-kolychev/, abgerufen am 22.05.2016)
Quelle: Williamette Week (http://www.wweek.com/news/2016/04/13/four-questions-for-psu-students-for-trump-founder-volodymyr-kolychev/)

Die FCC, das ist die Federal Communications Commission, eine Behörde, die für die öffentlichen Radio- und Fernsehsender in den USA zuständig ist. Sie schreitet ein, wenn sie erfährt, dass eins dieser Wörter oder ein Teil davon on air gegangen ist:

Shit. Piss. Fuck. Cunt. Cocksucker. Motherfucker. Tits.

Sie kann dann Bußgelder von bis zu 325.000 Dollar verhängen.

Eine Zensur findet statt

Das überrascht, wenn man davon ausgeht, dass in den USA die Rede- und Meinungsfreiheit sehr viel weiter ausgelegt wird als in Deutschland. Wer schon mal versucht hat, bei Facebook einen rassistischen oder volksverhetzenden Kommentar sperren zu lassen, hat vermutlich auch schon erlebt, was Facebook so alles als von der Redefreiheit gedeckt durchgehen lässt.

Klar, hier geht es nicht um Facebook, sondern um öffentliche Fernseh- und Radiosender. Dennoch überraschend, wie widersprüchlich die Grenzen dieser Rede- und Meinungsfreiheit ausgelegt werden.

Die Sender und Redakteure dort haben keine Wahl. Wenn eines der Trigger-Wörter fällt, müssen sie schnell reagieren. Durch einen Druck auf einen Knopf kann die entsprechende Stelle herausgepiepst werden. Das klingt dann zum Beispiel so wie in dieser OPB-Sendung vom Oktober 2015, in der die Schriftstellerin und Pulitzer-Preisträgerin Jane Smiley sich aus dem Fundus der „Seven Dirty Words“ bediente.

Es hilft dann auch mal, wenn der Moderator wie hier Geoff Norcross dazwischengeht. Denn wenn in der Live-Sendung geflucht wird, kann die verantwortliche Redakteurin einen zwar „Dump“-Knopf drücken, der die vorausgegangenen fünf Sekunden herausnimmt. Deswegen die Aufregung in der Senderegie, denn man hat nur wenige Sekunden Zeit, seine Entscheidung zu fällen. Aber: Unbegrenzt oft kann man den Knopf nicht drücken. Denn nach dem zweiten Mal sind die insgesamt zehn Sekunden Delay aufgebraucht. In der Regel sollte das reichen, damit der Redakteur die Live-Situation bei fortgesetzter Flucherei aus der beenden kann.

Ein massiver Eingriff in die redaktionelle Unabhängigkeit und damit in die Pressefreiheit. Und gleichzeitig ein Beweis für eine widersprüchliche Gesetzgebung in den USA: Aufrufe zu Gewalt, Rassismus, Sexismus sind okay – aber bitte nicht mit Schimpfwörtern.

Die Sendungen in ganzer Länge:

Das komplette Interview mit But Kolyev aus der OPB-Sendung „Think Out Loud“ findet sich hier (der Ausschnitt stammt von Minute 4´44):

Die ganze Sendung mit der Lesung von Jane Smiley ist hier nachzuhören (der Ausschnitt stammt von Minute 11´23):

„Wo kann man noch diskutieren? Wo ist man noch bereit zur Debatte?“

Wie können wir in Zukunft im Netz noch debattieren, wenn viele Diskussionen von Reichsbürgern, Trollen, Hatern, ewig Unzufrieden, Whataboutism-Nutzern und anderen zerschossen werden? Gibt es Ideen, diese Leute wieder für ernsthafte inhaltliche Diskussionen zu gewinnen oder – wenn nicht – sie zumindest von bestimmten Diskussionen fernzuhalten?

Auf der Republica und der Media Convention in Berlin ist Anfang Mai viel darüber diskutiert worden. Dabei wurden auch Perspektiven aufgezeigt für eine bessere Debattenkultur im Netz. Denn ein Netz ganz ohne Debatten – das geht nicht, findet Carline Mohr, die bis April das Social-Media-Team bei bild.de geleitet hat und ab Juni bei Spiegel online arbeitet.

Drei Punkte, denen in Berlin viele Social-Media-Redakteure zugestimmt haben.

1. Klar Kante zeigen

Klar Kante zeigen heißt: Beleidigungen, Rassismus, Sexismus, Homophobie, Aufruf zu Gewalttaten und andere strafbare Inhalte konsequent ausblenden und gegebenenfalls auch juristisch verfolgen. Keine neue Idee, aber immer noch notwendig. Denn es gibt Nutzer, die sind auf anderem Wege nicht mehr für eine Debatte zurückzugewinnen, findet auch Carline Mohr.

Auch Jörg Heidrich, Justitiar beim Onlineportal Heise in Hannover, entdeckt in den Foren von heise.de immer wieder Einträge von Nutzern, die den Rahmen dessen überschreiten, was noch als erlaubte Meinung durchgehen kann. Diese Beiträge würden schnell gelöscht.

Volksverhetzung, Aufruf zu strafbaren Handlungen, Beleidigungen sollte man auch weiter nicht hinnehmen, sagt Heidrich.

2. Mit den Lesern sprechen

Viele Nutzer vertreten allerdings durchaus Meinungen, die zwar noch von der Meinungsfreiheit gedeckt sind, aber die Diskussion vergiften können. Ihre Beteiligung beschränkt sich darauf, auf ihrer Meinung zu beharren, ohne sie argumentativ zu stützen. Ich habe dazu hier schon mal geschrieben:

…oft vermisse ich schon die Bereitschaft, überhaupt nur über die Meinung zu diskutieren. (…) Meistens (…) fehlt den Nutzern die kognitive Fähigkeit, sich über ein Thema auseinanderzusetzen. Selten wird ein sachliches Argument genannt, oft mit modernen Whataboutisms abgelenkt, wird mit Gefühlen, Klischees und Vorurteilen argumentiert, die sich niemand durch Fakten widerlegen lassen möchte.

Heike Gallery, bei ZEIT online zuständig für Social Media, sagte auf der Media Convention in Berlin, man müsse sich mit den Lesern und Nutzern austauschen. ZEIT online versuche, einen öffentlichen Raum herzustellen mit der Community, in dem Austausch möglichst sei, sachlich und konstruktiv.

Im Eröffnungspanel hat Frank Richter, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen, diese Gesprächsbereitschaft noch weiter gefasst. Zum Thema „Gesellschaft – it´s broken, let´s fix it!“ sagte er, vielen Menschen, die sich bei AfD und Pegida darüber beklagen würden, dass ihre Stimme nicht wichtig sei, würden sich wertgeschätzt fühlen, wenn sie endlich einmal öffentlich sagen könnten, was sie meinen, und dafür Zustimmung fänden (im Video ab Min. 8´24).

3. Die eigene Community stärken

Entsprechend versuchen seit einiger Zeit ZEIT online und sueddeutsche.de, ihre Community zu stärken.

Bei der Süddeutschen Zeitung können seit anderthalb Jahren nur noch ausgewählte Beiträge online kommentiert werden. Daniel Wüllner, Teamleiter Social Media und Leserdialog, findet das für eine gezielte und konstruktive Diskussion außerordentlich praktisch, denn gerade zu den am meisten diskutierten Themen eines Tages gebe es oft mehrere Beiträge – zum Beispiel ein aktuelles Stück, einen Hintergrund, Reaktionen und einen Kommentar. Würde man dort jeweils separat diskutieren, gäbe es gleich mehrere Diskussionsstränge zum selben Thema. Stattdessen bündelt sueddeutsche.de diese Beiträge zu einem einzigen Diskussionsstrang. Zieht sich ein Thema über mehrere Tage hin, könnten an jedem Tag verschiedene Aspekte diskutiert werden.

Heike Gallery von ZEIT online empfindet die Verengung der Themen, über die man bei sueddeutsche.de diskutieren kann, als nicht zeitgemäß. Es handle sich um das klassische Gatekeeper-Modell, weil Journalisten bestimmten, worum es gehen soll. Nutzer würden sich dann lieber andere Seiten suchen, um über die Themen zu diskutieren, die sie wichtig fänden, etwa bei Facebook. Gallery will die Leser aber lieber bei zeit.de halten, um die Hoheit über die Inhalte zu behalten und sich wie im Fall von Facebook nicht von einem US-Unternehmen abhängig zu machen.

Die ZEIT stärkt ihre Community, indem sie aus Kommentaren ihrer Nutzer kleine Boxen bastelt, die sie zum Beispiel per Twitter verbreitet.

Vorteil dieser Communitys: Jeder Kommentar wird gelesen, bevor er veröffentlicht wird.

4. Sich helfen lassen

Bei Facebook geht das nicht: Die Kommentarfunktion kann nicht abgeschaltet werden, und jeder Post geht direkt online. Je nach Medium, je nach Thema, je nach Mobilisierung der Nutzer ist es für die Redaktionen unmöglich, alle Kommentare zu lesen. Da wäre eine technische Hilfe wünschenswert, die Redakteuren kritische Kommentare zur Begutachtung vorlegt.

Ein Forschungsprojekt an der Universität Münster will da weiterhelfen. Der Wirtschaftsinformatiker Sebastian Köffer entwickelt einen Algorithmus, der Kommentare mit Hatespeech und Propaganda herausfiltern soll. Das ist gar nicht so leicht, denn Sprache ist längst nicht eindeutig, so dass ein Algorithmus direkt versteht, wie brisant ein Kommentar ist.

Schwierig wird es vor allem dadurch, dass Mehrdeutigkeit, Wortschöpfungen, Sarkasmus und Verneinungen schwer zu erkennen seien, sagt Köffer.

In solchen Fällen können auch Metadaten helfen. Die zeigen zum Beispiel, ob Profile gerade erst angelegt und Texte hineinkopiert wurden – und das bei vielen Profilen kurz nacheinander, was auf den Einsatz bezahlter Kommentatoren hindeutet.

Bis das Instrumentarium einsetzbar ist, kann es aber noch einige Zeit dauern. Und Köffer sagt, dass es nicht unbedingt auf allen Plattformen einsetzbar ist. Facebook zum Beispiel hat massenhaft Daten und Metadaten, um sich selbst ein solches Instrumentarium zu schaffen und anzuwenden. Was da passiert, wisse man aber nicht, so Köffer.

5. Mit Journalismuskritik umgehen

Eine besondere Herausforderung bei der Umgang mit Kommentaren stellt sich dann, wenn sich die Kritik von Nutzern gegen die eigene Arbeit richtet, man also in eigener Sache argumentieren muss. Journalisten geraten dann leicht in Erklärungsnot, weil Nutzer oft Dinge bemängeln, die entweder

  • nicht in der Verantwortung der Journalisten liegen (also wenn sie die Meinung maßgeblicher Protagonisten wiedergeben, die von Nutzern als unerwünscht angesehen werden – wenn also der Überbringer der Nachricht dafür geschlagen wird)
  • oder immanenter Bestandteil journalistischer Arbeit sind (schnelle Erstberichterstattung zunächst ohne Einordnung und Reaktionen)
  • oder vage Vorwürfe erheben (tendenzielle Berichterstattung zugunsten bestimmter Gruppen, ohne das zu belegen)

Es gibt freilich auch berechtigte Kritik. Die New York Times hat sich dafür vier Jahre lang eine Ombudsfrau geleistet. Margret Sullivan hat Fragen von Nutzern aufgegriffen, die Stichhaltigkeit der Anfragen und Vorwürfe geprüft und Redakteure weitergeleitet, die zur Antwort verpflichtet waren. Auch SZ-Redakteur Daniel Wüllner kann sich ein solches Amt vorstellen. Er sieht aber auch gewisse Probleme, dafür jemanden Vertrauenswürdigen zu finden, der sich sowohl bei Nutzern als auch bei den Journalistenkollegen unbeliebt macht.

An dieser Stelle gilt es noch weiter nachzudenken. Das wird unter anderem beim 2. Kölner Forum für Journalismuskritik am 10. Juni versucht.

Reden wir über Fehler von Journalisten

Denn die gibt es. Geredet darüber wird aber immer noch viel zu wenig von Journalisten selbst. In gewisser Weise nicht verwunderlich, denn ausgerechnet dann, wenn Journalisten sich selbstkritisch zu dem äußern, was sie recherchiert, veröffentlicht und kommentiert haben, bekommen sie besonders harsche Kritik, wie sie etwa der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer im „Spiegel“ geäußert hat.

„Spiegel“: Warum sind in letzter Zeit bei Ihnen immer die Medien schuld, wenn etwas schiefläuft?

Seehofer: Weil es ein Problem bei den Medien gibt, vor allem bei den öffentlich-rechtlichen. Überspitzt gesagt: Wenn die nicht Livesendungen hätten, dann hätten sie wenige der Lebenswirklichkeit entsprechende Programminhalte. Das ZDF musste wegen der Berichterstattung über Köln sein Bedauern zum Ausdruck bringen. Die ARD hat erklärt, ja, es stimmt, wir haben viele flüchtende Frauen und Kinder gezeigt, aber nicht im selben Maße die Männer, die viel häufiger nach Deutschland kamen. Zum Teil gab es eine Berichterstattung, die wenig mit der Realität zu tun hatte.

Seehofer kritisierte damit ausgerechnet das, was in diesem Fall ARD und ZDF ohnehin schon selbstkritisch eingeräumt hatten. Stefan Niggemeier kommentierte das auf uebermedien.de so:

Denn eigentlich wollen wir doch, dass Medien sich endlich zu mehr Selbstkritik durchringen. Dass sie öffentlich einräumen, wenn sie Fehler gemacht haben; dass sie sich gegebenenfalls entschuldigen; dass sie zu ihren Versäumnissen stehen.

Was ist aber, wenn diese Eingeständnisse ausschließlich als Munition gegen diejenigen verwendet werden, die sie äußern? Wenn sie nicht als Indiz dafür genommen werden, dass sich die Verantwortlichen kritisch mit ihrer eigenen Arbeit auseinandersetzen, sondern als vermeintlichen Beleg dafür, dass die Situation so schlimm ist, dass selbst die Verantwortlichen nicht mehr alles leugnen können?

Im vorigen Jahr wurde das Kölner Forum für Journalismuskritik ins Leben gerufen. Einen Tag lang wurde darüber diskutiert, wie Journalisten mit Kritik an ihrer Arbeit umgehen können und was sie daraus lernen. In diesem Jahr geht die Veranstaltungsreihe in die zweite Runde. Am 10. Juni wird im Kölner Funkhaus des Deutschlandfunks darüber diskutiert – diesmal mit prominenten Gästen wie der ehemaligen Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD), der Journalistin und ehemaligen Oberbürgermeisterin von Kiel, Susanne Gaschke, und dem DJV-Vorsitzenden Frank Überall.

Volker Beck und die Droge: Wie sich eine Spekulation verselbständigt

Der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck ist vor zweieinhalb Monaten von der Berliner Polizei kontrolliert worden. Bei ihm wurde eine „betäubungsmittelähnliche Substanz“ gefunden. Beck trat daraufhin von seinen Ämtern zurück, teilte er auf seiner Webseite mit; sein Mandat als Abgeordneter behielt er.

Ich habe immer eine liberale Drogenpolitik vertreten. Zu den gegen mich erhobenen Vorwürfen wird mein Anwalt zu gegebener Zeit eine Erklärung gegenüber der Staatsanwaltschaft abgeben. Ich werde mich dazu öffentlich nicht einlassen.

Um welche Drogen es sich gehandelt hat, ist bis heute nicht bekannt. Die Bild-Zeitung hat behauptet, es habe sich um Crystal Meth gehandelt, gibt dazu aber keine Quelle an. Auch später ist an keiner Stelle offiziell bekannt geworden, um welche Droge es geht, dennoch beziehen sich fast alle Medien seitdem immer und immer wieder auf diese Angabe; teilweise geben sie nicht mal mehr die Bild als Quelle an, sondern formulieren so etwas wie „es soll sich um Crystal Meth gehandelt haben“.

Freilich, dem hat nicht mal Volker Beck widersprochen – aber ist damit schon klar, was es war? Viele Medien tun jedenfalls so und formulieren ganze Kommentare auf dieser Basis. So etwa Angelika Demel im Blog von Roland Tichy, das schon in der Dachzeile etwas suggeriert, was nicht belegt ist:

Die Volker-Beck-Droge wird zur Massensucht

Im Vorspann heißt es dann:

Das Verfahren gegen den Bundestagsabgeordnete Volker Beck wegen des mutmaßlichen Besitzes von Crystal Meth wird „wegen geringer Schuld“ eingestellt. Das ist rechtspolitisch ein gefährliches Zeichen: Crystal Meth ist längst eine Massendroge, die auch Kinder schädigt, so unsere Gastautorin Angelika Demel.

Dort ist also lediglich die Rede von „mutmaßlichem Besitz“. Und von einem „rechtspolitisch gefährlichen Zeichen“ kann man nur dann sprechen, wenn es sich tatsächlich um Crystal Meth gehandelt hat und das Verfahren dennoch absichtlich eingestellt wurde (und nicht lediglich wegen einer Opportunitätsvorschrift laut Strafprozessordnung, wie Beck schreibt). Auf dieser Spekulation baut Demels allerdings ihre ganze Theorie auf.

Weder will noch kann ich Volker Beck von einem Verdacht reinwaschen, noch will ich Crystal Meth verharmlosen. Insofern hat Demels Beitrag inhaltlich schon seine Berechtigung.

Aber unverantwortlich zu spekulieren und Beck immer wieder mit der Droge in Verbindung zu bringen, ist sehr unredlich. Wer von absichtlich und unabsichtlich fehlerhafter Berichterstattung spricht wie es auf Roland Tichys Seite immer wieder aufscheint, sollte für sich selbst den Maßstab anlegen, auf der Grundlage von Informationen zu berichten und zu kommentieren, nicht auf der Grundlage von Spekulationen.

Das führt dann nämlich zu sich verselbständigenden Meinungen wie diesen hier, in denen Nutzer Belege nicht mehr für nötig halten.

Ich habe Roland Tichy mal nach einer Quelle gefragt. Seiner Antwort entnehme ich, dass man keine braucht, wenn keiner widerspricht.

Gut, dass das vor Gericht nicht gilt. Dort muss einem nämlich eine Tat nachgewiesen werden, und man darf trotzdem schweigen.