Offenes Gespräch unter Freunden

Lorenz Lorenz-Meyer, Professur für Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt, ist ein Freund des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Er unterstützt die Idee grundsätzlich, hat aber auch Kritik daran, wie sie im Moment ausgestaltet wird. Mittelfristig will er eine Debattenplattform zur Zukunft des Systems einrichten. Bei der Republica in Berlin stellte er diese Idee vor und erläuterte auch, welchen Herausforderungen und Gegnern der öffentlich-rechtliche Rundfunk im Moment gegenübersteht – und was er dagegen tun kann. Deshalb auch der Titel seines Vortrags: „Offenes Gespräch unter Freunden“.

Wer sich schon länger mit den Anfeindungen des öffentlich-rechtlichen Systems beschäftigt, für den findet sich da vielleicht nicht viel Neues. Für alle anderen ist es eine gute Einführung zum Thema.

Demnächst soll dann übrigens auf dieser Webseite Debattenbeiträge zum Thema veröffentlicht werden. Bis heute hat sich da allerdings noch nichts getan.

Bild getwittert – Tatverdacht!

Lars Hohl hat ein Foto gemacht. Verdächtig. Fanden die Behörden.

Auf der Republica 2018 in Berlin hat er davon erzählt, wie er ins Visier der Behörden geriet und dass seine Daten trotz erwiesener Unschuld weiter gespeichert werden. Bis ins Jahr 2023 soll die Information gespeichert werden, dass er eine Zeit lang als Tatverdächtiger geführt wurde.

Nach ihm erzählte die Datenschutz-Bloggerin Katharina Nocun von ihren Erfahrungen mit staatlicher Überwachung. Sie stellte eine Reihe von Anfragen, wo Daten über sie gespeichert sind. Und erfuhr, dass sie cyberkriminell ist. Wusste sie vorher noch nicht.

Warum sind die Rechten so hip im Netz?

Darüber hat die österreichische Journalistin Ingrid Brodnig auf der Republica gesprochen. Sie erklärt, warum Hass und Hetze im Netz besonders stark verbreitet sind und warum rechtspopulistische Parteien wie AfD und FPÖ besonders erfolgreich sind.

Brodnig schlägt auch Lösungen vor, wie man Hass und Hetze im Netz begegnen kann. Sie verweist auf die sogenannten Reactions bei Facebook, bei denen man auf „Like“ klicken kann oder auf Emojis wie Wut. Sie fordert, zum Beispiel einen Knopf mit „Respekt“ einzuführen. Damit könne man eine fremde Meinung anerkennen, ohne sie sich zu eigen zu machen. Das verändere die Diskussionskultur. Sie wirft die Frage auf, wie Technik designet sein kann, wenn wir das Beste des Menschen sichtbar machen wollen.

Rechte sind nach Brodnigs Ansicht im Netz besonders fleißig. Die Gegner von Rechtsextremismus vertrauten allerdings sehr oft darauf, dass sich das bessere Argument durchsetzen werde. „Mit Fakten alleine gewinnt man leider keine politischen Diskussionen“, hat Brodnig festgestellt. Selbst wenn man eine emotionale Behauptung mit Fakten konfrontiere und diese Fakten geglaubt würden, wirke das emotionale Narrativ dennoch weiter. Neben Fakten brauche man also auch eine überzeugende Erzählung, die die etablierten Parteien eher nicht lieferten.

Was ist ein Influencer?

Auf der letzten Republica hat sich Sophie Passmann Influencer vorgenommen – also Menschen, die laut Wikipedia

die aufgrund ihrer starken Präsenz und ihres hohen Ansehens in einem oder mehreren sozialen Netzwerken für Werbung und Vermarktung in Frage kommen (Influencer-Marketing).

Passmann räumt ein, dass sie vielen Definitionsmerkmalen entspreche, einem aber nicht: sie mache keine Werbung und kein Marketing mit ihrer Präsenz. Aus ihren Beobachtungen hat sie vier Lektionen gelernt:

Authentizität ist überflüssig.

Es gehe nicht darum, als Influencer sein echtes Leben auszustellen. Auf Authentizität komme es also nicht an.

Coolness ist die Währung.

Wer cool sei, dem verzeihe man auch Fehler.

Der Algorithmus ist King.

Gute Influencer laden Passmann zufolge Fotos immer zur selben Zeit hoch, weil der Algorithmus eine solche Regelmäßigkeit belohne, ebenso wie Interaktionen innerhalb der ersten Stunde. „Influencing ist auch Algorithmus-Nutte sein“, so Passmann.

Integrität ist tot.

Jeder mache Werbung für alles. Wer davon lebe, könne es sich nicht erlauben, jede Werbeanzeige abzuweisen. Die Influencer könnten sich also nicht erlauben, ein Produkt auch mal nicht anzunehmen. Der Kern des Influencing sei kommerziell – nicht politisch, nicht kulturell, nicht unterhaltend usw.

Wer sich den ganzen Vortrag ansehen möchte, hier gibt es ihn:

 

Mehr Podcasts wagen

Der Podcast, den Stefan Schulz zusammen mit Thilo Jung anbietet, kann auch mal vier Stunden lang sein. Ich persönlich frage mich ja, wer das hört, aber offenbar ist es für einige ein stundenlanger Tagesbegleiter – ähnlich wie das Radio.

Stefan Schulz reicht das aber noch nicht. Er hat auf der Republica zusammen mit Nicolas Wöhrl, der sich „Science Communication Evangelist and Scienceprenerd-in-Charge“ nennt, einen Appell verfasst, noch mehr Podcasts zu starten.

In der Ankündigung heißt es:

Wir sind auf dem Weg vom Podcast zum Pop-Cast und sprechen über unsere Erfahrungen mit „Methodisch Inkorrekt“ und dem „Aufwachen! Podcast“. Wir reden über den Dialog mit den Hörern. Über die Interaktion der Medienkonsumenten mit den Medienmachern. Dabei interessiert uns die Meinung des Publikums: Wie werden Podcasts wahrgenommen? Welche Rolle spielen diese in der täglichen Mediendiät? Wir diskutieren die gesellschaftlichen Chancen die Podcasts bieten, wenn aus Informationsmonopolen wieder Informationspolypole werden. Wir befreien Informationen! One Podcast at a time!

Polarisierung ist Pop

„Polarisierung ist Pop“ – das war die These von Thomas Knüwer auf der Republica 2018. Anhand von Beispielen zeigt er auf, dass selbst normalerweise harmlose Menschen heutzutage dazu neigen, sich öffentlich besonders aufsehenerregend zu äußern. Sie neigen zur Polarisierung – die werde damit populär, also Pop. Thomas konstatiert, dass sich viele Leute öffentlich seltener verhältnismäßig äußern, sondern gerne extrem übertreiben. Das sorge für Aufmerksamkeit.

Thomas stellt dar, dass es auch früher schon Polarisierung gegeben habe, und zeigt dazu einen Ausschnitt aus „Ein Herz und eine Seele“. Auch der Stammtisch von früher sei nichts anderes als eine Filterblase gewesen. Heute finde sich dagegen an sehr vielen Stellen eine Polarisierung: in fast jedem Facebook-Kommentar, in Äußerungen von Politikern, in Kommentaren von Journalisten und auch auf der Republica.

Am Ende plädiert er dafür, in der öffentlichen Diskussion etwas zurückzuschalten und weniger zu polarisieren. Damit könne man die öffentliche Debatte verbessern.

Über Hass und Hetze, die Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen und Datenschutz im Netz

Blick in den Innenhof der Station Berlin, wo Republica und Media Convention Berlin über mehr als ein Dutzend Bühnen gegangen sind. (Foto: Stefan Fries)

Fast zwei Wochen sind Republica und Media Convention Berlin inzwischen her. Zwischen all den Panels, Interviews und der Betreuung von zwei @mediasres-Sendungen bin ich mal wieder längst nicht dazu gekommen, mir alles live anzusehen. Zum Glück kann man die meisten Vorträge und Diskussionsrunden bei YouTube nachsehen. Die @mediasres-Sendungen kann man wiederum hier noch mal nachlesen und nachhören:

Michael Borgers hat zum Auftakt über die Themen der Republica geschrieben.

 

ZDF-Moderatorin Dunja Hayali hat Sender und Verlage dazu aufgerufen, sich mehr um Hass gegen ihre Mitarbeiter zu kümmern.

rbb-Intendantin Patricia Schlesinger hat die Sparvorschläge von ARD, ZDF und Deutschlandradio verteidigt. Mehr sparen könne man nur, wenn man ans Programm gehe.

Der baden-württembergische Datenschutzbeauftragte Stefan Brink hat erklärt, wie seine Behörde arbeitet – besonders angesichts der Datenschutzgrundverordnung, die in zwei Wochen vollständig gelten wird.

Republica-Mitgründer Markus Beckedahl hat verteidigt, dass die Bundeswehr auf der Messe keinen Stand zur Rekrutierung bekommen hat.

Die österreichische Journalistin Ingrid Brodnig, die sich vor allem mit Hass und Hetze im Netz beschäftigt, hat erklärt, warum die Rechten dort so hip sind. Und Zeit-online-Redakteur Philipp Faigle hat erläutert, warum man nicht nur mit den Leuten reden sollten, die der gleichen Meinung wie man selbst sind.

Die ganze Sendung vom Mittwoch mit Moderator Christoph Sterz kann man hier nachhören, die Sendung vom Donnerstag mit Antje Allroggen hier.

Außerdem habe ich für die Informationen am Morgen im Deutschlandfunk berichtet und für Töne, Texte, Bilder bei WDR5.

Pörksen bestreitet Theorie der Filterblase und spricht stattdessen von Filter Clash

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen glaubt nicht, dass Eli Parisers Theorie von der Filterblase stimmt. Dieser hatte 2011 geschrieben, dass Algorithmen versuchten herauszufinden, welche Informationen die Benutzer finden möchten – und entsprechend alles aussperre, was nicht dem Standpunkt des Benutzers entspreche (so die Zusammenfassung der Wikipedia).

Auf der Digitalkonferenz Republica erklärte Pörksen, warum er nicht an diese Theorie glaube. Er zieht dazu den Fall Lisa heran. Dabei sei ein Zwiegespräch zwischen Mutter und Tochter weiter kolportiert worden, bis sich auch russische Staatsmedien, russische Politiker und der deutsche Außenminister eingeschaltet hätten. Pörksen weiter:

Die Geschichte wandert gleichsam durch alle unterschiedlichen Ebenen, und es kommt zum Filter Clash. Unterschiedliche Parallelöffentlichkeiten, unterschiedliche Bestätigungsmilieus prallen in radikaler Unmittelbarkeit aufeinander. Eben das meint Filter Clash.

Pörksen verweist darauf, dass es heute so viel Einblicke in andere Lebenswelten gebe wie selten. Im Netz könne man sich genauso über das Leben der Superreichen wie über das Leben der sehr Armen informieren. Es gebe nur noch geringe Möglichkeiten, dem auszuweichen. Pörksen spricht von der „Transparenz der Differenz“.

Die Transparenz der Differenz erzeugt – wäre meine These- gesellschaftlich gesprochen eine Art verstörende Gleichzeitigkeit des Seins, einen Schock der gleichzeitigen Informationen, die doch unvereinbar sind.

Im Programm der Republica wird der Vortrag so angekündigt:

Was prägt das Kommunikationsklima der vernetzten Welt? Die Kernthese: Wir leiden nicht unter der Filter Bubble und der algorithmischen Personalisierung, sondern unter dem Filter Clash, dem Aufeinanderprallen höchst unterschiedlicher Wahrnehmungen und Weltbilder in digitalen Netzwerken. Relevantes, Berührendes, Banales und Bestialisches, Bilder der Armut und des obszönen Reichtums – all das ist nur einen Klick voneinander entfernt. Analytisch und anekdotisch wird gezeigt: Der Filter Clash erzeugt Aufruhr und Gereiztheit, schockiert und mobilisiert.

Republica: Canceln wir die Apocalypse?

„Cancel the Apocalypse“ ist ein Ziel der Re:publica. Nach viel Negativem über die digitale Welt wie Überwachung, Datenklau und Internet- Trolle wollte die Republica eine positive Utopie für eine digitale Gesellschaft entwickeln. Für das WDR5-Medienmagazin „Töne, Texte, Bilder“ habe ich mich auf die Suche nach den guten Seiten des Internets begeben. Hier gibt es den Beitrag zum Nachhören – und hier zum Lesen:


Was schlecht läuft, steht in der Regel stärker im Fokus als das, was gut läuft. So ist es auch bei der Digitalisierung, findet Republica-Mitgründer Markus Beckedahl:

Veränderung erzeugt immer in Teilen der Gesellschaft Ängste, und man hat häufig das Gefühl, gesellschaftliche Debatten oder mediale Debatten, die vor allem von älteren Menschen geführt werden, haben immer die Angst als Schwerpunktthema.

Schon in den letzten Jahren sei es auf der größten deutschen Digitalkonferenz Republica immer auch um die positiven Aspekte gegangen, sagt Beckedahl, die habe man diesmal aber besonders in den Fokus gerückt. Zum Beispiel beim Thema Rechtsextremismus im Netz. Während Internetphilosoph Sascha Lobo im vorigen Jahr darüber sprach, wie er versucht hatte, mit Hetzern zu diskutieren, plädierte er dieses Jahr dafür, ihnen aktiv etwas entgegenzusetzen. Er berief sich auf den US-Psychologen John Bargh, demzufolge Angst und körperliche Bedrohungen Menschen rechter werden ließen.

Umgekehrt gibt es auch Bemühungen, Leute liberaler werden zu lassen, indem man versucht, ihnen diese Ängste zu nehmen. Auch das ist übrigens eine Erklärung, warum Rechte und Rechtsextreme in sozialen Medien so erfolgreich sind, denn Angst und Wut sind ganz selbstverstärkende normale Reaktionen auf Bedrohungen.

Lobo plädierte für etwas, das er „offensiven Sozial-Liberalismus“ nannte. Er forderte, in der öffentlichen Diskussion auch Fakten zuzulassen, die einem nicht passten. Er verlangte Leitwerte statt einer Leitkultur und Investitionen für ein soziales Europa. Damit könne man Menschen zurückholen, die sich vom Rest der Gesellschaft verabschiedet hätten.

Auf einer anderen Ebene arbeitet „Funk“, das junge Angebot von ARD und ZDF, mit Jan Böhmermanns „Neo Magazine Royale“ zusammen. Sie hatten vor einer Woche Recherchen zum rechtsextremen Troll-Netzwerk „Reconquista Germanica“ veröffentlicht.

Mit der Gegenaktion „Reconquista Internet“ sollen sich Nutzer in sozialen Netzwerken koordiniert gegen Hass- und Hetzkommentare wenden und bekommen dafür Informationen, wie Böhmermann im Neo Magazin erzählte.

Zum Beispiel eine Liste mit den Pseudonymen, Facebook-Accounts und Twitter-Handles der echten Reconquista-Germanica-Mitglieder, mit denen Ihr dann machen könnt, was Ihr wollt: blocken, melden, mit Liebe überschütten.

Auf der Republica berichtete Böhmermann per Skype zugeschaltet, wie sehr ihn der Rücklauf von Nutzern überrascht habe.

Wir haben tatsächlich, das stimmt schon, aus Versehen eine Bürgerrechtsbewegung ins Leben gerufen. Ich teile auch die Einschätzung der anderen auf dem Podium, dass das natürlich ernst ist und freundlich ist, und ich glaube aber nicht und bin da jetzt nicht so desillusioniert, dass ich denke, dass es nicht die Lösung ist.

Auch auf technischer Ebene sieht Judith Simon positive Entwicklungen im Netz. Simon ist Professorin für Ethik in der Informationstechnologie an der Universität Hamburg. Sie verweist auf die vielen Projekte, in denen sich Leute im Netz positiv unterstützen – etwa mit Solidarisierungskampagnen und Crowdfunding.

Positive Entwicklungen sind sicherlich auch davon zu erwarten, dass die jüngere Generation, die Studierenden, die Programmiererinnen und Programmierer, auch sehr viel sensibler sind in der Entwicklung von neuen Technologien und darüber nachdenken, welche Auswirkungen Technologien haben für Fragen der Gerechtigkeit, der Gleichheit, und dass eben auch schon bei Designfragen mitdenken.

Hoffnung fürs Netz hat auch Republica-Mitgründer Markus Beckedahl, der die Seite Netzpolitik betreibt. Gegen die Massenüberwachung gibt es auch einen Gegentrend auf technischer Seite, sagt er.

„…dass auf einmal überall Verschlüsselung eingebaut wird, dass der Datenschutz von Anfang an immer mehr mitgedacht wird, und dass auf einmal alternative Kommunikationslösungen entstehen, wo man dann durch die Nutzung von zum Beispiel sicheren, verschlüsselten Messengern den Schutz von eigenen Grundrechten selbst in die Hand nehmen kann, wo die Politik leider versagt.“

Republica: Von Algorithmen, Missbrauch und rechten Positionen

Seit gestern wird auf der größten deutschen Digitalkonferenz re:publica in Berlin wieder über das Netz diskutiert: über Hass in Sozialen Netzwerken und den Missbrauch von Technologien bis hin zum Facebook-Skandal. Einen etwas kleineren Skandal gab es gleich zu Beginn. Mein Bericht für die „Informationen im Morgen“ im Deutschlandfunk.