dpa will Nationalität von Tatverdächtigen öfter nennen

Im Pressekodex reicht jetzt "öffentliches Interesse", um die Nationalität eines Tatverdächtigen zu nennen. (Bild: Stefan Fries)
Im Pressekodex reicht jetzt „öffentliches Interesse“, um die Nationalität eines Tatverdächtigen zu nennen. (Bild: Stefan Fries)

Wenn jemand eine Straftat begangen hat, sollen Journalisten dann immer sagen, woher der Tatverdächtige kommt? Das fordern viele Mediennutzer. Der Presserat hat deswegen den Pressekodex geändert, in dem Empfehlungen für die Berichterstattung stehen. Die größte deutsche Nachrichtenagentur dpa geht jetzt bei der Umsetzung voran. Mein Beitrag in @mediasres.

Presserat veröffentlicht Leitsätze zur neuen Verdachtsberichterstattung

Der Deutsche Presserat hat neue Leitsätze für die Berichterstattung zur Herkunft potentieller Straftäter veröffentlicht. Die neuen Richtlinien sollen Entscheidungshilfen für den Redaktionsalltag sein. Details zur Biographie des Täters dürfen nun häufiger erwähnt werden. Mit dem Thema habe ich mich für @mediasres im Deutschlandfunk beschäftigt.

Wir gehen @mediasres

Funkhaus des Deutschlandfunks in Köln
Funkhaus des Deutschlandfunks in Köln

Medien sind heute für jeden selbstverständlich. Hat man sie vor 30 Jahren selbst lediglich konsumiert – und Zeitungen gelesen, Radio gehört, Fernsehen geguckt – so ist man heute selbst Medienproduzent. Und kann darüber hinaus noch auf eine Vielzahl von Quellen zurückgreifen, die früher Journalisten vorbehalten waren. Das bringt viele Vorteile und einige Nachteile. Vor allem aber hat es sehr viel Neues mit sich gebracht: nicht nur das persönliche Verhältnis zu Medien, sondern auch eine gewisse Überforderung, so ganz nebenbei die Seiten gewechselt zu haben.

Es ist eine ganze Reihe von Technologien, die dazu beigetragen haben: das Internet im Allgemeinen, soziale Netzwerke im Besonderen, mobile Netzwerkverbindungen, immer öfter verfügbares WLAN, die allzeit bereite Kamera im Handy für Fotos und Videos. All das versetzt jeden Nutzer heute in die Lage, nicht nur zu empfangen, sondern auch selbst zu senden. Mit all den Chancen und Schwierigkeiten, die das mit sich bringt.

Nicht nur haben Journalisten zuweilen das Gefühl, unter diesen Entwicklungen zu leiden, anstatt sie als Herausforderung zu begreifen. Auch kommen sie den Herausforderungen nur unzureichend entgegen – schon der Tatsache, wie präsent Medienthemen heute jeden Tag sind.

Lediglich auf den Medienseiten der Tageszeitungen und natürlich bei Mediendiensten im Netz geht es täglich um die Herausforderungen der allumfassenden Medialisierung. Was aber fehlt, ist ein tägliches Magazin im Radio, das sich mit Medienthemen beschäftigt.

Die bestehenden Medienmagazine im Radio – wie die gleichnamigen Sendungen etwa bei Radio Eins oder bei B5 aktuell, „Töne Texte Bilder“ bei WDR5 oder „Markt und Medien“ im Deutschlandfunk – leiden vor allem darunter, dass sie nicht so aktuell sind wie sie sein müssten. Und zum Teil im Ein-Mann-Betrieb arbeiten. Am Wochenende können sie nur noch zurückschauen auf Themen, die längst von verschiedenen Seiten aus betrachtet und durchgesprochen worden sind.

Der Deutschlandfunk schafft Abhilfe: Ab dem 20. März beschäftigt sich täglich eine 25-minütige Sendung mit Medien. Sie trägt den beziehungsreichen Titel @ mediasres. Sie will sich nicht nur mit tagesaktuellen Themen beschäftigen, sondern auch auf Hintergründe schauen und sich mit längerfristigen Entwicklungen beschäftigen – täglich zwischen 15.35 und 16 Uhr im Deutschlandfunk und natürlich im Netz.

Ich freue mich, dass ich als Redakteur und Moderator dabei sein kann.

Jeder ist Reporter

Eine „redaktionelle Gesellschaft“, fordert der Tübinger Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen schon seit Längerem. Er meint damit, dass es heute keine klare Trennung mehr zwischen Redaktionen und Nutzern gibt, dass also inzwischen nicht nur Journalisten Informationen und Meinungen verbreiten, sondern das jeder Nutzer tun könne. Im Gegensatz zu Journalisten folgen viele Nutzer aber keinerlei Standards, wenn sie das tun.

Das führt dazu, dass Informationen ungeprüft weiterverbreitet werden, dass das Vertrauen auf den Absender der Nachricht die Prüfung ersetzt, dass Informationen aus ihrem Kontext gelöst werden, dass Hintergründe ausgeblendet werden. Viele Nutzer sorgen auf diese Weise auch dafür, dass bewusste Propaganda weitergegeben wird, mit der Politik gemacht wird.

Ein Abwehrzentrum gegen sogenannte Fakenews wird dagegen meiner Meinung nach wenig helfen, auch wenn es prinzipiell begrüßenswert ist, dass das Recherchebüro Correctiv.org künftig in einem Pilotprojekt für Facebook diese sogenannten Fakenews identifizieren will, wie am Wochenende bekannt wurde. Die Entwicklung von Medienkompetenz halte ich für viel wirksamer – in mehrfacher Hinsicht.

Denn anstatt eine weitere Ebene einzuziehen, die das Misstrauen zwischen den gewohnten Nachrichtenverbreitern und den Nutzern verstärken könnte, indem eine weitere Institution, sei sie nun staatlich oder nicht, beurteilt, welche Nachrichten die Nutzer erreichen dürfen, wird damit die Beurteilung von Informationen an genau die Nutzer gegeben, die sich schon länger die Bevormundung durch Medien verbitten.

Problematisch daran war bisher vor allem, dass viele Nutzer nicht wissen oder wussten, wie Journalisten arbeiten: mit welchem Handwerk, nach welchen Standards, welchen ethischen Gesichtspunkten. Das will die neu gegründete „Reporterfabrik“ (Konzept als PDF) ändern.

Dahinter stecken Spiegel-Redakteur Cordt Schnibben und – wieder mal – Correctiv in Person von David Schraven. Er schreibt dazu:

Nie zuvor war die veröffentlichte Meinung vielfältiger. Nie zuvor war die veröffentlichte Meinung unqualifizierter. Wir möchten einen Wandel einleiten. Den Wandel zur redaktionellen Gesellschaft.

Die Reporterfabrik verfolge vier Ziele:

  • die Grundlagen des journalistischen Handwerks vermitteln,
  • die Funktionsweise von sozialen und klassischen Medien durchschaubar und
  • Versuche von Desinformation erkennbar machen,
  • die Fortbildung und den Erfahrungsaustausch von Journalisten unterstützen.

Unterstützt wird das Projekt von vielen namhaften Journalisten, Wissenschaftlern und Künstlern. Die Reporterfabrik will zunächst mit Journalistenschulen und Volkshochschulen kooperieren und sucht nach weiteren Helfern im journalistischen und pädagogischen Bereich.

Ziel ist es, journalistisches Handwerk zu verbreiten und die Verbreitung von Desinformation und Gerüchten zu reduzieren. Schnibben und Schraven wollen der Gesellschaft ein Angebot zum Erwerb von Medienkompetenz machen, schreibt Meedia.

Ich bin gespannt, ob das funktioniert. Zwar regen sich im Netz viele über Journalisten auf, machen es aber nicht unbedingt besser – einige bewusst, andere aber immerhin nur mangels besseren Wissens. Wenn zumindest einige mehr Medienkompetenz entwickeln würden, wäre das für die Diskussion über politische Themen und für die Demokratie insgesamt hilfreich.

Und es könnte auch den Journalismus voranbringen. Journalisten könnten von Erfahrungen und Erwartungen ihrer Nutzer lernen und (gemeinsam) neue Darstellungsformen entwickeln.

Lob und Kritik für die Reporterfabrik:

Volker Beck und die Droge: Wie sich eine Spekulation verselbständigt

Der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck ist vor zweieinhalb Monaten von der Berliner Polizei kontrolliert worden. Bei ihm wurde eine „betäubungsmittelähnliche Substanz“ gefunden. Beck trat daraufhin von seinen Ämtern zurück, teilte er auf seiner Webseite mit; sein Mandat als Abgeordneter behielt er.

Ich habe immer eine liberale Drogenpolitik vertreten. Zu den gegen mich erhobenen Vorwürfen wird mein Anwalt zu gegebener Zeit eine Erklärung gegenüber der Staatsanwaltschaft abgeben. Ich werde mich dazu öffentlich nicht einlassen.

Um welche Drogen es sich gehandelt hat, ist bis heute nicht bekannt. Die Bild-Zeitung hat behauptet, es habe sich um Crystal Meth gehandelt, gibt dazu aber keine Quelle an. Auch später ist an keiner Stelle offiziell bekannt geworden, um welche Droge es geht, dennoch beziehen sich fast alle Medien seitdem immer und immer wieder auf diese Angabe; teilweise geben sie nicht mal mehr die Bild als Quelle an, sondern formulieren so etwas wie „es soll sich um Crystal Meth gehandelt haben“.

Freilich, dem hat nicht mal Volker Beck widersprochen – aber ist damit schon klar, was es war? Viele Medien tun jedenfalls so und formulieren ganze Kommentare auf dieser Basis. So etwa Angelika Demel im Blog von Roland Tichy, das schon in der Dachzeile etwas suggeriert, was nicht belegt ist:

Die Volker-Beck-Droge wird zur Massensucht

Im Vorspann heißt es dann:

Das Verfahren gegen den Bundestagsabgeordnete Volker Beck wegen des mutmaßlichen Besitzes von Crystal Meth wird „wegen geringer Schuld“ eingestellt. Das ist rechtspolitisch ein gefährliches Zeichen: Crystal Meth ist längst eine Massendroge, die auch Kinder schädigt, so unsere Gastautorin Angelika Demel.

Dort ist also lediglich die Rede von „mutmaßlichem Besitz“. Und von einem „rechtspolitisch gefährlichen Zeichen“ kann man nur dann sprechen, wenn es sich tatsächlich um Crystal Meth gehandelt hat und das Verfahren dennoch absichtlich eingestellt wurde (und nicht lediglich wegen einer Opportunitätsvorschrift laut Strafprozessordnung, wie Beck schreibt). Auf dieser Spekulation baut Demels allerdings ihre ganze Theorie auf.

Weder will noch kann ich Volker Beck von einem Verdacht reinwaschen, noch will ich Crystal Meth verharmlosen. Insofern hat Demels Beitrag inhaltlich schon seine Berechtigung.

Aber unverantwortlich zu spekulieren und Beck immer wieder mit der Droge in Verbindung zu bringen, ist sehr unredlich. Wer von absichtlich und unabsichtlich fehlerhafter Berichterstattung spricht wie es auf Roland Tichys Seite immer wieder aufscheint, sollte für sich selbst den Maßstab anlegen, auf der Grundlage von Informationen zu berichten und zu kommentieren, nicht auf der Grundlage von Spekulationen.

Das führt dann nämlich zu sich verselbständigenden Meinungen wie diesen hier, in denen Nutzer Belege nicht mehr für nötig halten.

Ich habe Roland Tichy mal nach einer Quelle gefragt. Seiner Antwort entnehme ich, dass man keine braucht, wenn keiner widerspricht.

Gut, dass das vor Gericht nicht gilt. Dort muss einem nämlich eine Tat nachgewiesen werden, und man darf trotzdem schweigen.

Können wir aus #koelnhbf lernen? Müssen wir es überhaupt?

Wahrscheinlich liegt mein Fehler schon darin, dass ich glaube, dieser Text könne irgendetwas bei denen ändern, die sich ohnehin schon ihre Meinung gebildet haben. Die glauben, dass Medien heute tatsächlich in der Lage seien, Vorfälle wie die in Köln zu „vertuschen“. Also Ereignisse aus den Schlagzeilen zu halten, bei denen es wahrscheinlich mehr als hundert Opfer gegeben hat (von mehr als 90 Anzeigen wissen wir bisher), bei denen es noch mehr Zeugen gegeben haben muss, bei denen mehr als hundert Polizisten im Einsatz waren, die in sozialen Medien und in Videos dokumentiert wurden.Wer so etwas tatsächlich „vertuschen“ wollen würden, bräuchte deutlich andere Mittel als die, die Medien zur Verfügung stehen – der müsste staatliche Zensur ausüben und nicht nur Medienberichte unterbinden, sondern auch das Internet kontrollieren und in der Lage sein, die Meinungsäußerung von Bürgern zu unterbinden.Leider scheint es Menschen zu geben, die genau das annehmen und dabei Medien lieber bewusste „Manipulationen“ zu unterstellen als anzunehmen, dass es plausible Gründe dafür gibt, dass die Berichterstattung nur schleppend anlief.Eins noch vorweg: Die Diskussion hat sich in den vergangenen Tagen stärker um die Täter und die Rolle der Medien gedreht und zu wenig um die Opfer. Deswegen will ich kurz Sabine Henkel zu Wort kommen lassen, die u.a. bei hr-info, im WDR und im NDR kommentierte:

Die Übergriffe von Männerhorden auf Frauen in Köln haben auch etwas – Achtung – Gutes! Ja, richtig gehört. Gut ist, dass den Opfern geglaubt wird. Einfach so. Ohne Nachfrage, wie sonst so oft. Ob sie, die Frauen, denn nicht vielleicht auch irgendwie selbst Schuld haben könnten und so weiter und so fort. Nein, diesmal der Aufschrei durch Polizei und Politik: Frauen wurden sexuell belästigt! Unmöglich. Das ist ohne Zweifel ein Kollateralgewinn dieser abscheulichen Vorfälle.

Auch ich lehne die Taten ab und bin beunruhigt, dass so etwas passieren kann. Da es in diesem Blog aber um Medien gehen soll, konzentriere ich mich auf die Berichterstattung über die Vorfälle.

Was ist “die Wahrheit”?

Ich habe im Laufe des Dienstags u.a. die Facebook-Seite des Deutschlandfunks betreut. Dort erreichten uns Dutzendfach Vorwürfe, wir würden nicht über „die Wahrheit“ berichten und zum Beispiel nicht sagen, dass es sich bei den Tätern um Flüchtlinge handle.

Das ist bemerkenswert, denn offenbar werden an Medien Maßstäbe angelegt, an die sich viele Nutzer selbst nicht halten wollen. Wer glaubt, „die Wahrheit“ zu kennen, soll bei der Polizei Anzeige erstatten; viele Nutzer wissen offenbar mehr als Journalisten und Ermittler. Für viele Menschen stehen Tatsachen fest; sie akzeptieren nicht, dass Medien vorsichtig berichten, indem sie sich beispielsweise bei ihren Angaben auf die Polizei oder auf Zeugen berufen. Da bisher nachweislich keiner derjenigen Täter gefasst wurde, die bei den Übergriffen beteiligt gewesen sind (es gab zwar Festnahmen, allerdings zu anderen Zeitpunkten, so dass ein Zusammenhang möglich, aber eben nicht nachgewiesen ist), ist auch beispielsweise völlig offen, ob es sich um Flüchtlinge handelt.

Genau so hat auch der Deutschlandfunk berichtet: dass die Täter unbekannt seien. Dabei haben wir durchaus nicht verschwiegen, dass es sich bei den Tätern nach den Aussagen vieler Zeugen um nordafrikanisch oder arabisch aussehende Männer gehandelt habe. Dabei haben wir möglicherweise sogar den Pressekodex überstrapaziert, weil ein Zusammenhang zwischen der Herkunft der Täter und der Tat noch gar nicht nachgewiesen werden konnte.

In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.

Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

Gerade der letzte Satz innerhalb dieser Richtlinie ist es, der Journalisten aus Erfahrung vorsichtig werden lässt. Denn, um nur einen von vielen Tweets zu zitieren, für die genannten Taten braucht es keinen Zusammenhang zur Nationalität der Täter.

Dass der Presskodex so strikt ist, hat seine Gründe. Wie man an den tatsächlichen Reaktionen sehen kann, seit Augenzeugenberichte über das Aussehen der Täter in der Welt sind, passierte genau das: Viele Kommentatoren im Netz machten aus „nordafrikanisch und arabisch aussehenden Männern“ gleich Flüchtlinge, stellten einen Zusammenhang zum anhaltenden Flüchtlingsstrom fest und forderten zum Teil Dinge, die strafbewehrt sind.

Doch die Standards des Pressekodex seien längst erodiert, schreibt Daniel Bax in der taz.

Denn in Zeiten von sozialen Medien und Internet ist es ohnehin eine Illusion zu glauben, bestimmte Informationen ließen sich außen vor lassen. Und unter dem Druck der rechten Gegenöffentlichkeit aus dem Netz, die schnell mit dem Vorwurf bei der Hand ist, „die Medien“ würden aus falsch verstandener Toleranz und „politischer Korrektheit“ die Verbrechen von Migranten verschweigen oder schönfärben, sind auch seriöse Medien im vorauseilendem Gehorsam dazu übergegangen, die Herkunft von Straftätern offensiv zu benennen – jedenfalls, so lange es sich um migrantische Straftäter handelt.

Dass seriöse Journalisten grundsätzlich zögern, Zusammenhänge herzustellen, wo sie nicht zutreffen, kommentierte das Prinzessinnenblog zutreffend:

Im Journalismus geht es nicht um Klicks, sondern um Fakten. (…)

Pro-Tipp: Fakten sind das, was gesichert feststeht. (…)

Einmal verbreitete Schlagzeilen können übrigens nicht ungeschrieben gemacht werden. Der Eindruck, dass 1000 Flüchtlinge in Köln Frauen mindestens belästigten, ist das, was bleibt. Für immer, egal, wie viele erklärende Artikel jetzt nachgeschoben werden.

Wieso hat es so lange gedauert?

Dass es drei Tage gedauert hat, bis die Ereignisse ihren Weg in die sogenannten überregionalen Medien gefunden haben, mag bedauerlich sein, hatte aber seine Gründe. Im Nachhinein zu sagen, dass es zu lange gedauert hat, ist verständlich, wird aber der Nachrichtenlage nicht gerecht.

“Die Welt“ hat die Informationspolitik der Polizei dokumentiert. In der ersten Pressemitteilung der Polizei am 1. Januar um 8.57 Uhr wurde noch von einer entspannten Einsatzlage gesprochen, auch wenn von einer Räumung des Bahnhofsvorplatzes die Rede war.

Kurz vor Mitternacht musste der Bahnhofsvorplatz im Bereich des Treppenaufgangs zum Dom durch Uniformierte geräumt werden. Um eine Massenpanik durch Zünden von pyrotechnischer Munition bei den circa 1000 Feiernden zu verhindern, begannen die Beamten kurzfristig die Platzfläche zu räumen.

Aus dieser Meldung lassen sich die Ereignisse nicht ablesen. Wer glaubt, dass Medien ständig und überall Journalisten im Einsatz haben, die hätten feststellen können, dass diese Informationen nicht stimmen, täuscht sich massiv über die finanziellen Mittel von Medien. Auch wer ihnen vorwirft, vermehrte Rückmeldungen von Frauen in sozialen Netzwerken ignoriert zu haben, verkennt die Möglichkeiten von Journalisten, den Überblick über die Flut von Postings zu haben, um daraus Zweifel an der oben genannten Darstellung zu haben.

Das Magazin “Cicero” hat sich mit einem Artikel zu Köln nicht mit Ruhm bekleckert, in einem anderen dagegen durchaus, in dem Petra Sorge die Abläufe zusammengefasst und einige Dinge richtig gestellt hat, die im Laufe der Zeit durcheinandergeraten sind:

Die Gruppe wuchs bis 23 Uhr auf 1000 Personen an. In keiner der drei bislang veröffentlichten Pressemitteilungen ging die Polizei auf diese große Zahl ein; die Aussage fiel lediglich mündlich auf der Pressekonferenz.

Vor und nach der Räumung des Bahnhofsplatzes durch die Polizei sei es aber zu den sexuellen Übergriffen gekommen, sagte ein Behördensprecher Cicero. „Ob diese Täter zu den 1000 Leuten gehören, wissen wir aber noch nicht“.

Tatsächlich taucht die Zahl von „1000 Feiernden“ in Pressemitteilungen der Polizei auf, auch in der oben zitierten. Es wurde aber nicht behauptet, dass nicht nur die Täter, sondern die gesamte Gruppe ein „nordafrikanisches oder arabisches Aussehen“ gehabt habe.

Diese Zahlen und Beschreibungen sind teilweise ineinander gerutscht, so dass zum Beispiel von “1000 Männern mit nordafrikanischem oder arabischem Aussehen” die Rede war. Das ist selbstverständlich nicht richtig. Auch handelte es sich nicht um 1000 Täter, sondern um Täter aus einer Gruppe von 1000 Menschen.

Der NDR-Nachrichtenkollege Michael Draeger hat in seinem Blog die Abfolge der Ereignisse dokumentiert. Auch er schreibt:

Wurde über die Angriffe nicht ausreichend berichtet? Die Medien bei solchen Themen immer auf die Informationen der Polizei angewiesen. Nur sie hat den Überblick, wie viele Anzeigen oder Vorkommnisse es gab. Die allgemeinen Lageberichte sind für die Presse dagegen nicht zugänglich.

Auch er verweist auf die Tatsache, dass Journalisten eben nicht alles wissen können. Einzelfälle, die es schon nach der reinen Zahlen nach den ersten Anzeigen in Köln waren, haben, so verabscheungswürdig das ist, aber zunächst einmal keine überregionale Bedeutung, die eine Berichterstattung auch in bundesweiten Medien rechtfertigen würde. Erst die Dimension der Vorfälle machte die Vorfälle auch überregional relevant. Michael Draeger:

Augenzeugenberichte bei Facebook sind zwar ein guter Anfang für eine Recherche, mehr aber auch nicht. Wenn mehrere Leute dort von vielen schlimmen Szenen berichten, die Polizei aber nur einzelne Fälle bestätigen kann, ist für die Medien Zurückhaltung geboten. Sie können von einzelnen Fällen berichten, von überregionaler Bedeutung ist das Thema dann aber nicht. Die bekommt es erst durch die Dimension der Übergriffe.

Und diese Dimension wurde erst nach und nach bekannt, je mehr Anzeigen eingingen. Da die Taten am Hauptbahnhof stattfanden, ist es nicht überraschend, dass die Opfer nicht nur aus Köln stammen; es dauerte offenbar einige Zeit, bis die Anzeigen, die bei anderen Polizeidienststellen erstattet wurden, auch nach Köln gemeldet und in die Statistik aufgenommen werden konnten.

Tatsächlich ist die Berichterstattung nur schleppend angelaufen; wir sollten darüber nachdenken, welche Gründe es dafür gibt. Es ist sicherlich nicht nur der Informationspolitik der Polizei anzulasten, sondern auch der durch Erfahrung genährten journalistischen Skrupeln, dass einzelne Taten von Ausländern als repräsentativ für ihr Herkunftsland genommen werden. Auch dass Zahlen und Begriffe durcheinander geraten sind, darf nicht passieren, auch wenn es wegen oft vager Bezeichnungen (“nordafrikanischer Herkunft”, “Migranten”, “Flüchtlinge”) verständlich ist.

Unzweifelhaft ist aber auch, dass heutzutage eine andere Art der Berichterstattung eingefordert wird. Die Nutzer wollen sich selbst ihre Meinung bilden, welche Rolle die Herkunft der mutmaßlichen Täter für ihre Tat spielt. Dabei lässt sich nicht vermeiden, dass viele ihr Weltbild bestätigt sehen.

Wie kritisieren wir Medien?

Die Kritik an den Medien ist jedoch oft sehr undifferenziert und macht es Journalisten nicht leicht, damit umzugehen. Pauschale Anwürfe wie “Lügenpresse” helfen überhaupt nicht, Fehler zu beheben und auf Vorwürfe zu antworten. Viele Nutzer sind nicht in der Lage, ihre Kritik so zu formulieren, dass sie produktiv umgesetzt werden kann. Auch sie werfen Zahlen und Formulierungen durcheinander, zitieren ganze Sätze, auch wenn sie nur einzelne Wörter bemängeln, erinnern sich falsch an das, was sie im Radio gehört haben und reagieren beleidigt, wenn man sie darauf hinweist. Ein produktiver Umgang ist so nur selten möglich, auch wenn ich ihn wünschenswert finde. Genauso wie einzelne Formulierungen, die Nutzern aufstoßen, dazu führen, dass sie den ganzen ansonsten seriösen Beitrag oder gar das Medium nicht mehr ernst nehmen, führt undifferenzierte Kritik von Hörern dazu, dass Journalisten ihre berechtigten Punkte nicht mehr wahrnehmen.

Allerdings machen es Medienkritiker durchaus nicht immer besser. So schrieb der Publizist David Berger auf der Meinungsseite von Roland Tichy unter der ursprünglichen Überschrift „Wie Massenvergewaltigungen in der Silvesternacht zum deutschen Medien-Supergau wurden“. Eine Medienkritik, die selbst mit diesem fulminant gelogenen Titel beginnt, kann man nicht ernst nehmen. Die Seite ist noch über den Link dieses ehemaligen Titels zu erreichen, auch wenn dieser inzwischen geändert wurde.

Stefan Niggemeier hat den ursprünglichen Antext des Artikels dokumentiert*:

Niemand hatte eine Massenvergewaltigung verschwiegen – weil es sie nicht gab. In einer späteren Fassung wurde daraus “Massengewalt”. Von Verschweigen war weiterhin die Rede. Womit sich der Zirkel schließt: Als wenn “Vertuschen”, was den Medien vorgeworfen wird, heute noch möglich wäre.

Was wir jetzt tun könnten – können wir?

Was können wir aus der Berichterstattung über Köln lernen?

1.   Wir sollten unsere Arbeit von Anfang an transparent machen. Wenn wir ein solches Thema erst nach drei Tagen aufgreifen, müssen wir begründen, warum. Sei es, dass Tatsachen erst dann bekannt wurden, sei es, dass die Dimension des Themas (wie in diesem Fall) erst dann klar wurde.

2.   Wir sollten stärker vermitteln, dass es “die Wahrheit” nicht gibt. Die Dinge sehen unterschiedlich aus, je nachdem, von wo aus man sie betrachtet. Und ein Journalist kann genauso wenig seinen eigenen Standpunkt mit seinem Wissen, seinen Erfahrungen, seinen Haltungen verlassen wie er seinen eigenen Schatten abschütteln kann. Und jeder Nutzer kann das ebensowenig.

3.   Wir sollten stärker einfordern, dass unsere Standards auch für Nutzer gelten müssen. Einerseits bemängeln sie, dass wir gegen journalistische Grundsätze und den Pressekodex verstoßen, etwa wenn wir in der Berichterstattung über den Germanwings-Absturz Grenzüberschreitungen begangen haben, andererseits zögern sie selbst nicht, Gerüchte zu Tatsachen umzudeuten. Ob die Forderung des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen, wir müssten zu einer “redaktionellen Gesellschaft” werden, wirklich eintrifft, wage ich dennoch zu bezweifeln.

4.   Wir sollten uns noch mal darüber klar werden, dass die Nennung der Herkunft von Tätern für viele Nutzer wichtig ist, auch wenn sie im Detail noch unklar ist und auch wenn sie nichts mit der Tat zu tun hat. Wie man trotzdem rassistischen Vorurteilen begegnet, weiß ich allerdings auch nicht. Wahrscheinlich kann man sie weder vermeiden, wenn man die Nationalität nennt, noch, wenn man sie nicht nennt.

5.   Wir sollten uns aus der Frontstellung zwischen Journalisten und Nutzern herausbringen und stattdessen einen partnerschaftlichen Dialog etablieren. Nur dann kann das verloren gegangene Vertrauen wiederhergestellt werden. Hinzu kommt, dass wir die Nutzer dazu anleiten sollten, differenzierte Kritik zu äußern. Wie das allerdings gehen soll – keine Ahnung.

Lasst uns weiter drüber reden.

* Im ursprünglichen Post auf stefanfries.tumblr.com war der Tweet nur als Bild eingefügt, hier jetzt eingebettet.