Mehr Podcasts wagen

Der Podcast, den Stefan Schulz zusammen mit Thilo Jung anbietet, kann auch mal vier Stunden lang sein. Ich persönlich frage mich ja, wer das hört, aber offenbar ist es für einige ein stundenlanger Tagesbegleiter – ähnlich wie das Radio.

Stefan Schulz reicht das aber noch nicht. Er hat auf der Republica zusammen mit Nicolas Wöhrl, der sich „Science Communication Evangelist and Scienceprenerd-in-Charge“ nennt, einen Appell verfasst, noch mehr Podcasts zu starten.

In der Ankündigung heißt es:

Wir sind auf dem Weg vom Podcast zum Pop-Cast und sprechen über unsere Erfahrungen mit „Methodisch Inkorrekt“ und dem „Aufwachen! Podcast“. Wir reden über den Dialog mit den Hörern. Über die Interaktion der Medienkonsumenten mit den Medienmachern. Dabei interessiert uns die Meinung des Publikums: Wie werden Podcasts wahrgenommen? Welche Rolle spielen diese in der täglichen Mediendiät? Wir diskutieren die gesellschaftlichen Chancen die Podcasts bieten, wenn aus Informationsmonopolen wieder Informationspolypole werden. Wir befreien Informationen! One Podcast at a time!

Wie der US-Botschafter im Deutschlandfunk für Aufregung (und Aufwand) sorgt

Als ich hier vor einigen Monaten etwas zum Start des Deutschlandfunk-Podcasts „Der Tag“ geschrieben habe, habe ich auch erwähnt, dass nicht nur über journalistische Inhalte gesprochen wird, sondern auch darüber, wie sie zustandekommen.

Das haben die vier Kollegen seitdem auch konsequent immer wieder gemacht. Mal mit kleineren Pannen, die nicht rausgeschnitten werden, sondern drin bleiben (ab 5:12 Min. vor Schluss), mal mit einem ausfühlicheren Blick hinter die Kulissen, auf den ich heute verweisen will.

Vorige Woche war der neue US-Botschafter in Deutschland im Deutschlandfunk-Studio. Für den Besuch von Richard Grenell war eine ganze Entourage an Sicherheitsleuten der Botschaft und des Landeskriminalamts im Einsatz. Was so ein Interview an Aufwand bedeuten, erzählen in dieser Folge „Der Tag“ Moderatorin Sandra Schulz und Doris Simon aus der Programmdirektion des Deutschlandradios. Sie berichten von einer Sicherheitsbegehung einen Tag vorher, bei der auf gefährliche Ecken geachtet wird, ein Baustellenzugang verschlossen und ein Polizist davor postiert wird und wie mit einem Background-Check auch die Moderatorin überprüft wird.

Das Interview mit Grenell gibt es hier.

Was wirklich nervt an Verlags-Podcasts, ist die Musik

Seit ein paar Monaten machen einige Verlage auch in Audio. Spiegel online, Zeit online, Süddeutsche Zeitung online und viele andere haben eigene Podcasts gestartet. Über die journalistische Inhalte, über die Aufbereitung fürs Hören und die technischen Qualität ist schon an einigen anderen Stellen gesprochen worden, darum geht es mir hier nicht.

Was mich aber auch heute noch nachhaltig verstört, ist die Musik, die dort eingesetzt wird. Wer etwa den „Debatten-Podcast“ von Spiegel online von und mit Sascha Lobo aufruft, wird mit einem elektronischen Loop aus zunächst drei Tönen empfangen, der in seiner Penetranz nervig ist – zumal er in diesem Fall am Anfang sehr lang unter den Zitaten steht. Angenehm anzuhören ist das nicht. So interessant Sascha Lobos Thema auch sein mag, über diese Schwelle muss ich erst mal hinwegkommen. Skippe ich den Teil mit der Musik, muss ich auf die Einleitung zum Thema verzichten.

Ich bin kein Musikwissenschaftler, deswegen kann ich keine professionelle Einschätzung abgeben, welche Wirkung die Musikauswahl im Einzelnen hat. Entscheidend ist für mich, mit welcher Stimmung ich in die Podcasts reingehe.

Bei „Stimmenfang“, ebenfalls von Spiegel online, wird – ebenfalls elektronisch – auf die Trommel geklopft. Die Musik vermittelt in ihrer Disharmonie – so wirkt es auf mich – etwas Dramatisches, ganz gleich um welches Thema es geht.

Die Süddeutsche Zeitung verzichtet in ihrem Podcast „Das Thema“ auf derartige Musik. Sie verwendet ein Jingle als Opener, auch wenn dieses als Bauchbinde eingesetzt wird – also zwischen dem Teaser fürs Thema und dem eigentlichen Gespräch. Ansonsten wird mit akustischen Trennelementen gearbeitet, die hier die Hinführung zum Thema strukturieren. Das ist besser gemacht; wem die Elemente nicht gefallen, der wird damit nicht lange behelligt.

Auch Zeit online setzt in ihrem Nachrichtenpodcast „Was jetzt“ auf zurückhaltende Musik. Ähnlich wie bei „Stimmenfang“ beginnt der Podcast allerdings mit einer disharmonischen Klangfolge. Ein ähnliches Motiv  verwendet die Redaktion auch beim Sexpodcast „Ist das normal?“ Auch hier geht es zum Glück schnell vorbei.

Nun setze ich nicht voraus, dass bei Podcasts alles so laufen muss wie im althergebrachten Radio. Vor allem erwarte ich nicht, dass Zeitungen genauso arbeiten wie Radiosender. Sicherlich ist es sinnvoll, mit anderen akustischen Elementen zu arbeiten, um sich von klassischen Audioproduzenten abzugrenzen.

Andererseits aber klingen viele Melodien, die ich gehört habe, nach Sparprogrammen. Nach vorgefertigter rechtefreier Musik oder solcher, die günstig selbst komponiert wurde. Bei mir hat das Rückwirkungen auf die Wahrnehmung der Inhalte. Genauso wie man etwa im Fernsehen in einer Pappkulisse mit schlechter Beleuchtung auch Rückschlüsse auf die Qualität der Nachrichten ziehen würde, führt eine schlechte akustische Aufbereitung dazu, entsprechende Rückschlüsse auf die Qualität der Podcast-Inhalte zu ziehen. Und bei mir hat es auch Auswirkungen auf die Lust, mir die Inhalte anzuhören. Zumal es auch bei der Wort-Präsentation teilweise an der Qualität hapert – man merkt den Zeitungsmachern an, dass ihnen die Routine vor dem Mikrofon fehlt.

Nun besteht die Gefahr, dass meine Kritik wohlfeil daherkommt. Ich hab gut reden, schließlich arbeite ich bei professionellen Radiosendern mit entsprechender Audio-Kompetenz und hab auch selbst mehr als 20 Jahre Erfahrung vor dem Mikrofon. Vielleicht ist es ja diese Haltung zu Audio-Produkten, die es für mich schwierig macht, den Zeitungskollegen zu folgen. Umgekehrt mag aber – dafür spricht ja der Erfolg einiger Produkte – genau diese Andersartigkeit der Grund dafür sein, warum sie so viele Hörer finden.

Weil es eben nicht das perfekte Audio-Produkt ist. Weil man noch Ecken und Kanten hört (im Gesprächs-Podcast gehört das ohnehin dazu). Weil eben alles ein wenig amateurhaft wirkt – aber vielleicht dadurch eine Besonderheit dieser Produkte ausmacht.

Es ist daher unnötig, die Podcasts zu kritisieren, wenn sie doch ihr Publikum finden. Mich selbst aber schreckt eben oft genug die Musik ab. So interessant die Inhalte auch sein mögen, die Musik versetzt mich in eine Stimmung, die mir das Weiterhören oft verleidet. Und das ist schade – für beide Seiten.

 

Anmerkung: In Vorbereitung auf die Datenschutzgrundverordnung habe ich Widgets, die sich ursprünglich im Text befanden, entfernt und sie teilweise durch Links ersetzt.

Podcast-Boom: Reden ist Gold

Jederzeit hören, was einen interessiert. Seit Jahren wächst das Angebot an Podcasts auf vielen unterschiedlichen Plattformen. Für die Macher geht es darum, ihre Launen und Leidenschaften einzubringen, sagt der Journalist und Podcaster Philip Banse im Deutschlandfunk. Mit ihm habe ich für @mediasres gesprochen.

Deutschlandfunk startet persönliche Podcasts

In den vergangenen Monaten hat der Deutschlandfunk, für den ich auch arbeite, zwei sehr gute neue Podcasts gestartet. Es sind die ersten beiden, die nicht eins zu eins lediglich die im Radio gelaufene Sendung sind.

Die Kollegen aus dem Hauptstadtstudio in Berlin tauschen sich seit einigen Monaten in unregelmäßigen Abständen über Entwicklungen in der Bundespolitik aus („Der Politik-Podcast“); seit drei Wochen blicken die Kollegen der sogenannten Zeitfunk-Redaktion in Köln, die vor allem für die aktuellen Sendungen „Informationen am Morgen/Mittag/Abend“ und für „Das war der Tag“ verantwortlich sind, auf eben jenen Tag zurück („Der Tag“).

Beide Formate bieten einen neuen Zugang zu tagesaktuellen Themen an. Und vor allem sind beide viel persönlicher als die Moderatoren und Korrespondenten im Radio sein könnten – ein Markenzeichen erfolgreicher Podcasts. In beiden werden Themen aus einer persönlichen Perspektive behandelt – und zwar ausschließlich im Gespräch. Zwischen Redakteuren, mit Korrespondenten, im Austausch zwischen beiden und mit Interviewpartnern. So scheint in den Gesprächen auch immer wieder eine persönliche Ebene durch – und die drückt sich nicht nur darin aus, dass sich die meisten Kollegen eigentlich untereinander duzen, auch wenn in der strengen Form im Radio das Sie verwendet wird.

Vor allem machen beide Formate redaktionelle Arbeit transparent. Denn auch wenn immer wieder gefordert wird, Journalisten sollten möglichst objektiv mit Themen umgehen, so gibt es doch in der ersten Begegnung mit ihnen immer einen persönlichen Aspekt. Den machen die Kollegen auch immer wieder deutlich – besonders in „Der Tag“.

„Was heißt das?“ und „Warum passiert das?“ sind die Leitlinien unseres neuen Podcasts „Der Tag“. Darin greifen wir die zwei bis drei wichtigsten Themen des Tages auf und schauen auf das, was hinter der Nachricht steckt. (…)

„Aber Moment, das machen Sie doch schon im Programm!“ Stimmt, auch da packen wir die Themen hintergründig an. Aber in „Der Tag“ wollen wir es uns erlauben stärker gemeinsam nachzudenken. Unterschiedlicher Ansicht zu sein, uns vielleicht sogar mal zu streiten. „Der Tag“ ist persönlicher als unser Radioprogramm.

Dort erzählen die vier sich abwechselnden Moderatoren Ann-Kathrin Büüsker, Sarah Zerback, Philipp May und Dirk-Oliver Heckmann immer wieder, warum sie jene zwei oder drei Themen ausgewählt haben, auch wenn es nicht zwangsläufig die zwei oder drei von den meisten anderen Journalisten als wichtigste Themen erachtet werden. Oft ist es eine Irritation, eine Verwunderung, ein Auftauchen von Fragen, dass man sich dafür entscheidet. Manchmal auch ein weiterführender Gedanke oder eine Parallele, etwa wenn anlässlich des Unabhängigkeitsreferendums in Katalonien auf Abspaltungstendenzen in Bayern geschaut wird.

Und es wird auch mal gelacht, wenn aktuelle Ereignisse Anlass dazu bieten. Beide Formate sind hörenswert und meine Empfehlung zum Wochenende (auch wenn die jeweils neuesten Ausgaben einen bis mehrere Tage alt sind).

Mehr Podcast-Kritik, bitte

Auf Podcasts in Deutschland wird im Moment noch viel zu wenig geschaut. Zwar wurde verschiedentlich über das Format an sich berichtet, wie hier bei @mediasres:

Vor allem erfahren Preisverleihungen und Neustarts eine gewisse Aufmerksamkeit, wie etwa @mediasres über den Grimme Online Award berichtet hat (Podcast von einem anderen Planeten).

Was aber fehlt, ist eine fundierte Podcast-Kritik. Die versucht der Deutschlandradio-Kollege Sandro Schroeder seit ein paar Wochen zu liefern. Gestern hat er bereits bei Breitband die neuen Podcasts von ZEIT ONLINE rezensiert (dort werden im Übrigen schon seit vorigem Jahr hin und wieder Podcasts rezensiert). Und Sandro hat einen Newsletter gestartet, den man hier abonnieren kann.

Außerdem beobachter der Schweizer Journalist This Wachter die Podcast-Szene. Er hat in dieser Woche anlässlich der 13. Tutzinger Radiotage, die er besucht hat und die sich auch mit Podcasts beschäftigt haben, einen Blogpost zum Stand der Dinge geschrieben:

Das Jahr 2017 macht deutlich, dass sich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkhäuser überlegen müssen, wie sie sich auf die neue Konkurrenz der „Zeitungs-Podcasts“ einstellen wollen. Audio ist nicht mehr ihr Monopol. (…) Konkurrenz schadet den Radiostationen nicht. Im positiven Fall macht es sie sogar besser. In den USA sind die besten Podcasts von Leuten kreiert worden, die ihr Rüstzeug beim National Public Radio geholt haben. Häufig sind diese Podcast nun wieder Teil des NPR-Programms. (…) So befruchtet sich die Audioszene gegenseitig. Wieso nicht auch im deutschsprachigen Raum?

Hinweise auf gute Podcasts gibt es im Moment hauptsächlich über persönliche Empfehlungen über soziale Netzwerke. Die fallen oft kurz aus und sind eher allgemein gehalten. Eine fundierte Podcast-Kritik tut Not, um in der zunehmenden Flut von Angeboten genauer herauszufinden, was man gerne hören möchte.