Den Interviewpartner hörbar ins Schwitzen gebracht – die Vorzüge eines Radiointerviews

Das Radio lebt vom gesprochenen Wort. Vor allem ist es lebendig – oft lebendiger als Gedrucktes, weil hier Menschen direkt miteinander sprechen und nicht nur rüberkommt, was sie sagen, sondern auch, wie.

Gestern konnte man gut beobachten, was der Unterschied ist, weil da gleich zwei Interviews mit demselben Interviewpartner veröffentlicht wurden. Das eine bei @mediasres im Deutschlandfunk, für das ich auch arbeite, das andere bei Übermedien. In beiden Fällen wurde Bernhard Holfeld befragt, der Programmdirektor von MDR Sachsen. Es ging um die als rassistisch kritisierte Ankündigung einer Gesprächssendung im MDR-Radio, die Holfeld teilweise verteidigte.

Als ich mir das Übermedien-Interview durchgelesen habe, habe ich einen relativ aufgeräumten Programmdirektor wahrgenommen. Er hat sich zwar gewunden, sich klar von dem Text und der Intention der Sendung zu distanzieren, aber auch durch wiederholte Nachfragen scheint er nicht aus der Ruhe gebracht worden zu sein. Das lag aber offenbar vor allem an der Textform, die fast alles ausblendet, was so ein Gespräch noch so mit sich bringt: Zögern, längere Pausen, eine unsichere Stimme, Ähms, abgebrochene Sätze, ungeschickte Formulierungen usw.

Das ist der immanente Nachteil solcher Interviews, die später nur im Wortlaut wiedergegeben werden (gedruckt bzw. online). Im schriftlichen Text kommen alle die genannten Elemente (u.a. Prosodie) nicht rüber oder können nur unzureichend wiedergegeben werden. Der fragende Journalist kann zwar „lacht“ reinschreiben, aber so etwas wie „lacht unsicher“, „zögert länger“ oder „Stimme zittert“ beruht auf der eigenen Wahrnehmung und Interpretation und kann daher nicht als so zuverlässig richtig notiert werden wie das, was gesagt worden ist.

Das kann man beim Hörfunkinterview aber glücklicherweise dem Zuhörer überlassen. Dieser erlebt Bernhard Holfeld im Deutschlandfunk-Interview möglicherweise anders. Um von mir zu sprechen: Ich höre ihn anfangs im Hintergrund rascheln, was ich als Nervosität oder Unruhe interpretiere. Ich höre, wie er immer wieder „Ähm“ sagt – nicht nur bei seinen Antworten, sondern auch während ihm Fragen gestellt werden. Ich höre, wie er versucht auszuweichen, woraufhin Moderator Sebastian Wellendorf immer wieder nachfasst. Ich höre, wie Holfeld Sätze neu beginnt, die er zunächst anders formulieren wollte. Wie er langsamer spricht, weil er offensichtlich nach Worten sucht. Wie ihn Wellendorf durch beständiges Nachfragen nicht entkommen lässt, auf die gestellten Fragen zu antworten.

Lorenz Meyer formuliert es im Bildblog-Linktipp heute so:

Das vierminütige Gespräch lohnt in zweierlei Hinsicht: Weil es einen Programmchef zeigt, der sich in alle Richtungen dreht und windet und nach Ausschlüpfen sucht, und mit Sebastian Wellendorf einen Journalisten, der ihm dies nicht durchgehen lässt.

Auch wenn schriftliche Interviews nicht per se die schlechtere Umsetzungsform sind – ein Radiointerview mit einem langweiligen Gesprächspartner kann ermüdender sein als nachzulesen, was er gesagt hat: Dies hier ist ein gutes Beispiel für die Vorzüge des Radios, und selten lässt es sich so anschaulich zeigen.

 

Anmerkung: In Vorbereitung auf die Datenschutzgrundverordnung habe ich Widgets, die sich ursprünglich im Text befanden, entfernt und sie teilweise durch Links ersetzt.

UKW-Abschaltung vorläufig abgewendet

Schon ab Mittwoch hätte es zu einer Funkstille bei mehreren UKW-Sendern kommen können. Grund ist ein Streit zwischen dem Betreiber des UKW-Sendernetzes und den Eigentümern der Sendeantennen. Darüber hat am Wochenende „Die Welt“ berichtet.

Dazu wird es nun aber bis mindestens Ende Juni nicht kommen. Heute haben sich beide Seiten vorläufig geeinigt. Rainer Kampmann, Verwaltungs- und Betriebsdirektor des Deutschlandradios, dringt aber auf eine dauerhafte Lösung. Ich habe mit ihm für @mediasres im Deutschlandfunk gesprochen.

Verzögertes Klickwunder bei der Mittelbayerischen

Auf der Online-Seite der Mittelbayerischen Zeitung explodierten erst spät die Zugriffszahlen zu einem Beitrag aus dem Jahr 2014: „Merkel: Rente reicht nicht für alle“. Redakteur Sebastian Heinrich hat recherchiert, woher die neuen Zugriffe nach so langer Zeit kommen. Er hält einen Zusammenhang zur Debatte um Flüchtlinge für wahrscheinlich. In @mediasres im Deutschlandfunk hat er mir von seinen Recherchen erzählt.

Presserat beanstandet Online-Umfrage

Umfragen sind äußerst beliebt bei Journalisten. Viele Redaktionen starten gerne eigene im Internet. Besonders aussagekräftig sind die Ergebnisse aber nicht und gefährden damit die journalistische Glaubwürdigkeit. Der Presserat hat jetzt eine manipulierbare Online-Umfrage des Münchner Merkurs beanstandet, wie ich für @mediasres im Deutschlandfunk berichtet habe.

Pressegroßhandel: „Freier Markteintritt ist gewährleistet“

Seit heute gelten neue finanzielle Rahmenbedingungen für den Pressevertrieb. Die Handelsspannen aller gut verkaufenden Titel wurden deutlich abgesenkt. Darüber habe ich in @mediasres im Deutschlandfunk mit Kai Christian Albrecht gesprochen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Presse-Grosso. Er sagte: „Unser System ist hocheffizient“.

„Pastewka“ unter Schleichwerbeverdacht: „Sie können gar nicht an Mediamarkt vorbeigucken“

In der neuen Staffel der Serie „Pastewka“ sind bekannte Marken groß ins Bild gesetzt. Das ruft die Medienaufseher auf den Plan: Sie gehen dem Verdacht der Schleichwerbung nach. Doch noch ist unklar, wer den Anbieter Amazon Prime überhaupt beaufsichtigt. Darüber habe ich für @mediasres im Deutschlandfunk berichtet.

Google will Adblocker verhindern – mit einem Adblocker

Google will über seinen Browser Chrome künftig besonders aufdringliche Werbung blockieren. Das klingt widersprüchlich, verdient das Unternehmen doch sein Geld mit Werbung. Doch das Interesse von Google ist ein anderes, sagte mir Medienjournalist Leif Pellikan vom Branchenmagazin „Werben und Verkaufen“ in @mediasres im Deutschlandfunk: Der Konzern fürchte um sein Geschäftsmodell.

„Man darf ein Werk nicht deshalb ablehnen, weil sein Schöpfer womöglich ein Schwein war“

Angesichts der Vorwürfe gegen Fernsehregisseur Dieter Wedel ist die Frage aufgekommen, ob seine Produktionen noch gezeigt werden sollten? Der Regisseur Simon Verhoeven findet: nein. Die Fernsehkritikerin Barbara Sichtermann plädiert aber dafür, Werk und Künstler getrennt voneinander zu betrachten. Darüber habe ich mit ihr für @mediasres im Deutschlandfunk gesprochen.