Ex-US-Rundfunkregulierer fordert mehr Transparenz von sozialen Netzwerken

Der ehemalige Präsident der obersten Medienregulierungsbehörde der USA, Tom Wheeler, fordert mehr Transparenz von sozialen Netzwerken. Auf der Konferenz „Formate des Politischen“ in Berlin, die vom Deutschlandfunk, der Bundeszentrale für politische Bildung und der Bundespressekonferenz ausgerichtet wurde, plädierte Wheeler dafür, dass Anbieter ihre Programmierschnittstellen offenlegen sollten. Damit blieben die eigentlichen Algorithmen der Unternehmen weiterhin geschützt, Informationen über Reichweiten, virale Trends oder Löschung von Inhalten wären aber zugänglich. Wheeler befürchtet, dass über die Netzwerke andernfalls weiter Propaganda, Hate Speech und Falschnachrichten verbreitet würden und damit die Demokratie in Gefahr gerät. Darüber habe ich im Deutschlandfunk und in Deutschlandfunk Kultur erzählt.

Wheeler war unter US-Präsident Barack Obama Vorsitzender der FCC, der Federal Communications Commission, die den Rundfunk reguliert. Weil es sich um eine politische Behörde handelt, wurde er mit dem Regierungswechsel von Obamas Nachfolger Donald Trump abgesetzt.

Eine weitere Zusammenfassung von Wheelers Vortrag gibt es hier, seine ganze Rede zum Nachschauen hier:

 

Wie Journalisten gegen „Fakenews“ als politisches Kampfwort ankommen

Seit kurzem taucht das Wort in neuem Kontext auf. Wurde es bisher vor allem von Journalisten und Social-Media-Nutzern genutzt, um Postings und Artikel zu beschreiben, mit denen Unwahrheiten verbreitet werden, wird es jetzt auch von Politikern verwendet. Und zwar nicht nur, um über den Kampf dagegen zu reden, sondern als Kampfbegriff selbst.

Besonders in den Fokus gerückt hat den Begriff bei seiner ersten Pressekonferenz nach seiner Wahl zum US-Präsidenten Donald Trump. Und nicht nur dort, sondern auch in mehreren Tweets, die er vorher absetzte.

(Ich weiß, neulich habe ich noch geschrieben, man solle darüber nachdenken, über welche von Trumps Tweets man überhaupt berichtet.)

Bei seiner Pressekonferenz, die wenig mit einem geregelten Frage-Antwort-Spiel zu tun hat, das man sonst von ihnen kennt, warf Trump mit dem Wort nur so um sich. Es dient ihm offenbar als Kampfbegriff gegen unliebsame Medienberichterstattung – ganz gleich, wie valide diese ist. Auch einen Tag später legte er noch mal nach.

Fabian Reinbold schreibt dazu bei Spiegel Online:

Fake News ist für manche die unbelastete Variante von „Lügenpresse“ und ein bequemes Schlagwort für alles Neue, was einem nicht in den Kram passt. Auch in Deutschland findet das Nachahmer bei jenen, die die von ihnen sogenannten Mainstream-Medien ins Visier genommen haben.

Er schlägt vor, den Begriff nur noch zu verwenden, wenn das vorgefundene Beispiel der Definition entspricht, die er aufgestellt hat. Es sei wichtig, Klatschzeitschriften, Verschwörungstheorien und urbane Legenden davon auszunehmen, denn sie bezögen „ihre Wirkungsmacht nicht aus der neuen Dynamik der sozialen Netzwerke“.

Im Prinzip ist das richtig. Noch besser fände ich es allerdings, wenn Journalisten den Begriff gar nicht benutzen. Denn im Wort Fakenews steckt immer noch das Wort News. Natürlich macht der Begriff selbst klar, dass es sich um erfundene Geschichten handelt. Trotzdem scheint mir die Abgrenzung von tatsächlichen Nachrichten nicht klar genug. Wir sollten stattdessen genauer benennen, worum es geht: Gerüchte, Vermutungen, Spekulationen, Wahrscheinlichkeiten, Propaganda, Verfälschungen, Instrumentalisierungen, Fehldeutungen, Erfundenes. Es gibt sicher noch mehr Begriffe, die in Einzelfällen beschreiben, was vor sich geht. Wenn wir das klarer benennen – sofern möglich – können wir uns stärker davon absetzen, dass es sich um so etwas wie Nachrichten handelt.

Dennis Horn hat sich dazu schon entschlossen, wie er bei WDR Digitalistan schreibt:

Es ist besser, die Dinge wieder beim Namen zu nennen – was uns auch helfen könnte, die eigentlich wichtigen Debatten zu führen. Lügen sind also Lügen, Propaganda ist Propaganda, und Fehler sind eben Fehler – oder unsauberer Journalismus unsauberer Journalismus. Den Begriff „Fakenews“ dagegen versuche ich in Zukunft – so gut es geht – zu vermeiden.

Horn bezieht sich auch auf Margret Sullivan, Medienredakteurin bei der Washington Post. Noch vor Trumps Pressekonferenz schrieb sie, wie manche Fakenews definieren würden:

Or simply anything in the realm of news that the observer doesn’t like to hear.

Was Trump dann unter Beweis stellte.

Das betrifft das Reden darüber, was im allgemeinen Konsens als falsch angesehen wird. Es löst aber nicht das Problem der falschen Nachrichten. Stefan Niggemeier weist bei Übermedien darauf hin, dass es falsche Nachrichten immer schon gegeben habe, sich Journalisten darum aber lange nicht gekümmert haben. Erst seit sie nicht nur in der journalistischen Sphäre vorkommen, sondern auch außerhalb produziert werden, werden sie offenbar ernst genommen. Niggemeier schreibt:

Wenn die etablierten Medien diesen Kampf nicht als einen Kampf gegen Desinformationen aller Art führen, sondern als einen Kampf Wir gegen Die; wenn sie den Eindruck erwecken, dass sich Kollegen untereinander nicht wehtun, aber keine Hemmungen gegenüber dubiosen amerikanischen Seiten, Anti-Mainstream-Medien und Einzelpersonen im Netz haben; wenn es scheint, als sei das Haupt-Problem von „Fake News“ womöglich gar nicht der Inhalt, sondern der Absender – dann haben sie keine Chance, diesen Kampf zu gewinnen.

Womöglich lag das Problem darin, dass es Journalisten nicht unbedingt als ihre Aufgabe ansahen, die Arbeit von Kollegen zu korrigieren. Sie wollten sich nicht mit der Berichterstattung anderer über dasselbe Thema beschäftigen, sondern lieber selbst Bericht erstatten. Jetzt, wo das Thema selbst Falschinformationen sind, geht ihr Blick vielleicht auch zurück darauf, dass auch in der eigenen Branche Fehler gemacht werden und bewusst Propaganda betrieben wird.

Dass Journalisten sich künftig nicht nur mit Fakten und Meinungsäußerungen im politischen Raum beschäftigen müssen, sondern auch Berichte falsizifieren müssen, habe ich hier schon vor einem Jahr beschrieben:

In Zukunft wird es verstärkt Aufgabe von Journalisten sein, Gerüchten nachzugehen. Diese in die Welt zu setzen ist über soziale Medien sehr leicht geworden; sie finden schnelle Verbreitung, besonders, wenn sie plausibel erscheinen (…) oder Vorurteile bedienen (…).

Den eigentlichen Lösungsansatz gegen Fakenews liefert allerdings Jürgen Kaube in der FAZ, auch wenn er nicht sonderlich explizit wird:

Das Problem ist im Fall der Fake-News nicht ihre Produktion, sondern die Empfänglichkeit für sie. Zu vermuten, sie beruhe darauf, dass den Leuten einfach niemand die richtige, die echt wirkliche, die ganz und gar nachrecherchierte Arbeitslosenziffer mitgeteilt hat, unterschätzt die Situation.

Gegen Fakenews muss man meiner Ansicht nach am ehesten bei denen ansetzen, für die sie gemacht sind. Wer durch ausreichend Medienkompetenz in der Lage sind, die Zuverlässigkeit eines Berichts einzuschätzen, die Quellen zu prüfen und sich selbst beim Weiterleiten solcher Nachrichten nicht nur als ihr Bote, sondern auch ein wenig als ihr Urheber begreift, ist gegen einen Großteil falscher Nachrichten immun. Und macht es damit nicht nur den Urhebern von Fakenews schwer, sondern auch den Journalisten, die fehlerhaft und nicht sauber genug arbeiten. Das kann dem Journalismus nur gut tun.

Jeder ist Reporter

Eine „redaktionelle Gesellschaft“, fordert der Tübinger Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen schon seit Längerem. Er meint damit, dass es heute keine klare Trennung mehr zwischen Redaktionen und Nutzern gibt, dass also inzwischen nicht nur Journalisten Informationen und Meinungen verbreiten, sondern das jeder Nutzer tun könne. Im Gegensatz zu Journalisten folgen viele Nutzer aber keinerlei Standards, wenn sie das tun.

Das führt dazu, dass Informationen ungeprüft weiterverbreitet werden, dass das Vertrauen auf den Absender der Nachricht die Prüfung ersetzt, dass Informationen aus ihrem Kontext gelöst werden, dass Hintergründe ausgeblendet werden. Viele Nutzer sorgen auf diese Weise auch dafür, dass bewusste Propaganda weitergegeben wird, mit der Politik gemacht wird.

Ein Abwehrzentrum gegen sogenannte Fakenews wird dagegen meiner Meinung nach wenig helfen, auch wenn es prinzipiell begrüßenswert ist, dass das Recherchebüro Correctiv.org künftig in einem Pilotprojekt für Facebook diese sogenannten Fakenews identifizieren will, wie am Wochenende bekannt wurde. Die Entwicklung von Medienkompetenz halte ich für viel wirksamer – in mehrfacher Hinsicht.

Denn anstatt eine weitere Ebene einzuziehen, die das Misstrauen zwischen den gewohnten Nachrichtenverbreitern und den Nutzern verstärken könnte, indem eine weitere Institution, sei sie nun staatlich oder nicht, beurteilt, welche Nachrichten die Nutzer erreichen dürfen, wird damit die Beurteilung von Informationen an genau die Nutzer gegeben, die sich schon länger die Bevormundung durch Medien verbitten.

Problematisch daran war bisher vor allem, dass viele Nutzer nicht wissen oder wussten, wie Journalisten arbeiten: mit welchem Handwerk, nach welchen Standards, welchen ethischen Gesichtspunkten. Das will die neu gegründete „Reporterfabrik“ (Konzept als PDF) ändern.

Dahinter stecken Spiegel-Redakteur Cordt Schnibben und – wieder mal – Correctiv in Person von David Schraven. Er schreibt dazu:

Nie zuvor war die veröffentlichte Meinung vielfältiger. Nie zuvor war die veröffentlichte Meinung unqualifizierter. Wir möchten einen Wandel einleiten. Den Wandel zur redaktionellen Gesellschaft.

Die Reporterfabrik verfolge vier Ziele:

  • die Grundlagen des journalistischen Handwerks vermitteln,
  • die Funktionsweise von sozialen und klassischen Medien durchschaubar und
  • Versuche von Desinformation erkennbar machen,
  • die Fortbildung und den Erfahrungsaustausch von Journalisten unterstützen.

Unterstützt wird das Projekt von vielen namhaften Journalisten, Wissenschaftlern und Künstlern. Die Reporterfabrik will zunächst mit Journalistenschulen und Volkshochschulen kooperieren und sucht nach weiteren Helfern im journalistischen und pädagogischen Bereich.

Ziel ist es, journalistisches Handwerk zu verbreiten und die Verbreitung von Desinformation und Gerüchten zu reduzieren. Schnibben und Schraven wollen der Gesellschaft ein Angebot zum Erwerb von Medienkompetenz machen, schreibt Meedia.

Ich bin gespannt, ob das funktioniert. Zwar regen sich im Netz viele über Journalisten auf, machen es aber nicht unbedingt besser – einige bewusst, andere aber immerhin nur mangels besseren Wissens. Wenn zumindest einige mehr Medienkompetenz entwickeln würden, wäre das für die Diskussion über politische Themen und für die Demokratie insgesamt hilfreich.

Und es könnte auch den Journalismus voranbringen. Journalisten könnten von Erfahrungen und Erwartungen ihrer Nutzer lernen und (gemeinsam) neue Darstellungsformen entwickeln.

Lob und Kritik für die Reporterfabrik:

Fake-News: Die Verantwortung der Nutzer

Manchmal kann es ganz schnell gehen.

Am Abend des 29. Dezembers meldete der Twitter-Account @BBCUKI den angeblichen Tod der englischen Königin Elizabeth II. Adresse und Aufmachung wirkten wie ein offizieller Account der BBC. Blendle-Kurator Tibor Martini wies schon kurz danach darauf hin, dass es sich um einen Fake-Account handle.

Dass der verlinkte Tweet inzwischen nicht mehr verfügbar ist, liegt an der relativ schnellen Reaktion von Twitter. Anthony Cheung hat den Tweet als Screenshot gesichert.

Dass dahinter keine Substanz steckt, lässt sich für jeden User relativ leicht herausfinden. Schaut man sich das Profil des Accounts an, sieht man, dass darüber nur gelegentlich Inhalte geteilt werden, die nach Nachrichten aussehen. Stattdessen wurden immer wieder auch fragwürdige Tweets anderer geteilt. Auf den Webseiten seriöser Medien gab es keinerlei Informationen über die Queen. Alles Hinweise auf Fake-News.

Neben mehreren anderen habe auch ich auf den Account hingewiesen und mehrmals darum gebeten, die Inhalte nicht zu teilen.

Es besteht eine gewisse Gefahr darin, so darauf aufmerksam zu machen, wo man den Account und seine Inhalte eigentlich ignorieren sollte. Ich wollte aber mal ausprobieren, ob Prävention wirkungsvoller ist als später, nachdem die Fake-News schon die Runde gemacht haben, die Scherben wieder aufzusammeln. Auch wenn das in diesem Fall wegen der Prominenz der Person und der leichten Widerlegbarkeit des Ereignisses relativ simpel sein dürfte.

Ich selbst habe den Account nicht zum Sperren gemeldet, jemand anderes hatte das aber offenbar getan; kurze Zeit später war der Account dicht. So verpufften die Fake-News relativ wirkungslos. Ein großer Trost ist das allerdings nicht. Schnell ist ein neuer Account geöffnet, schnell die nächsten Fake-News angelegt. Es wird ein immerwährender Kampf bleiben, der meines Erachtens vor allem durch die Nutzer selbst gewonnen werden kann.

Nur diese haben es in der Hand, eine solche Information auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen. Wie wahrscheinlich sind die zugrundeliegenden Sachverhalte? Wer hat die Nachricht verbreitet? Welche Nachrichten hat er in der Vergangenheit verbreitet? Berichten andere über das Ereignis? Nur wenn die Nutzer selbst prüfen, was sie verbreiten, können sie die Ausbreitung von Fake-News stoppen.

Nachtrag 03. Januar: Der Journalist Dirk von Gehlen, Leiter „Social Media/Innovation“ bei der Süddeutschen Zeitung, hat sieben Regeln für mehr Social-Media-Gelassenheit aufgestellt, die auch den Nutzern selbst helfen sollen, nicht in Panik zu verfallen. Eine davon:

Ich bin mir bewusst, dass eine von mir verbreitete Information gerade bei Freunden als verlässlich wahrgenommen wird. Dieser Verantwortung meinen Freunden gegenüber versuche ich gerade in schwierigen Situationen gerecht zu werden – und poste deshalb nicht unüberlegt.

„Die Wortwahl wird immer radikaler“, sagt Volker Kauder, meint aber nicht sich

Der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Volker Kauder, beklagt sich im Interview mit dem „Spiegel“ über eine zunehmende Verrohung der Sprache. Er sagte unter anderem:

Wir erleben ein erschreckendes Maß von Anfeindungen gegen unsere Demokratie. Mal sind Politiker die Zielscheibe, mal die Medien, aber eben auch zunehmend unser Staat insgesamt. Die Wortwahl wird immer radikaler und schlägt auch in Gewalt um. Das bereitet mir große Sorgen.

Und weiter:

Wir sind noch längst nicht so weit wie in der Weimarer Republik. Aber auch damals haben sich Worte und Taten immer mehr hochgeschaukelt.

Dabei müsste Kauder bei sich selbst anfangen. Der Schriftsteller Roger Willemsen stellt ihm kein gutes Zeugnis aus. Er hat im Jahr 2013 an allen Sitzungen des Bundestags teilgenommen und den Parlamentsbetrieb beobachtet. In einem Interview im Deutschlandradio Kultur erzählte er:

Der schlimmste Flegel ist Volker Kauder, der Dinge reinruft, die nicht mal einen Ordnungsruf bekommen. Und das ist zum Teil schlimm. Der sagt dann: „Führen Sie doch die Blockwarte wieder ein.“ Also, das ist ein übler Assoziationsraum, der auch zum Teil der Ausputzer oder die Blutgrätsche für Merkel macht. Das heißt, der sagt dann auch, „ja, Friedensnobelpreis für Edward Snowden“ und macht sich über einen Mann lustig, den wir alle viel verdanken, weil diese Aufklärung wir niemals ohne ihn bekommen hätten und der sein Leben mehr oder weniger zu einem Teil der Zivilcourage geopfert hat.

Willemsen kritisierte damals nicht nur Kauder als schlimmsten Zwischenrufer des Bundestags, sondern auch die anderen Abgeordneten und vor allem das Präsidium, das nicht gegen solche Ausfälle vorgehe.

Es ist schlimm, dass der Bundestag an bestimmten Stellen, die Inhumanität bestimmter Standpunkte nicht rigider kenntlich macht. Ich finde nicht, dass jemand einen Parlamentarier als einen Blockwart-Rufenden bezeichnen darf, nur weil der sagt, „ich will eine Kontrolle des Abhörens“, und der dann höhnisch reinruft: „Sie sind doch nur böse, weil Gysis Handy nicht abgehört worden ist“ oder so etwas. Also, das ist einfach eine Verachtung gegenüber unseren Bürgerrechten und ich finde das nicht tolerierbar.

„Wo kann man noch diskutieren? Wo ist man noch bereit zur Debatte?“

Wie können wir in Zukunft im Netz noch debattieren, wenn viele Diskussionen von Reichsbürgern, Trollen, Hatern, ewig Unzufrieden, Whataboutism-Nutzern und anderen zerschossen werden? Gibt es Ideen, diese Leute wieder für ernsthafte inhaltliche Diskussionen zu gewinnen oder – wenn nicht – sie zumindest von bestimmten Diskussionen fernzuhalten?

Auf der Republica und der Media Convention in Berlin ist Anfang Mai viel darüber diskutiert worden. Dabei wurden auch Perspektiven aufgezeigt für eine bessere Debattenkultur im Netz. Denn ein Netz ganz ohne Debatten – das geht nicht, findet Carline Mohr, die bis April das Social-Media-Team bei bild.de geleitet hat und ab Juni bei Spiegel online arbeitet.

Drei Punkte, denen in Berlin viele Social-Media-Redakteure zugestimmt haben.

1. Klar Kante zeigen

Klar Kante zeigen heißt: Beleidigungen, Rassismus, Sexismus, Homophobie, Aufruf zu Gewalttaten und andere strafbare Inhalte konsequent ausblenden und gegebenenfalls auch juristisch verfolgen. Keine neue Idee, aber immer noch notwendig. Denn es gibt Nutzer, die sind auf anderem Wege nicht mehr für eine Debatte zurückzugewinnen, findet auch Carline Mohr.

Auch Jörg Heidrich, Justitiar beim Onlineportal Heise in Hannover, entdeckt in den Foren von heise.de immer wieder Einträge von Nutzern, die den Rahmen dessen überschreiten, was noch als erlaubte Meinung durchgehen kann. Diese Beiträge würden schnell gelöscht.

Volksverhetzung, Aufruf zu strafbaren Handlungen, Beleidigungen sollte man auch weiter nicht hinnehmen, sagt Heidrich.

2. Mit den Lesern sprechen

Viele Nutzer vertreten allerdings durchaus Meinungen, die zwar noch von der Meinungsfreiheit gedeckt sind, aber die Diskussion vergiften können. Ihre Beteiligung beschränkt sich darauf, auf ihrer Meinung zu beharren, ohne sie argumentativ zu stützen. Ich habe dazu hier schon mal geschrieben:

…oft vermisse ich schon die Bereitschaft, überhaupt nur über die Meinung zu diskutieren. (…) Meistens (…) fehlt den Nutzern die kognitive Fähigkeit, sich über ein Thema auseinanderzusetzen. Selten wird ein sachliches Argument genannt, oft mit modernen Whataboutisms abgelenkt, wird mit Gefühlen, Klischees und Vorurteilen argumentiert, die sich niemand durch Fakten widerlegen lassen möchte.

Heike Gallery, bei ZEIT online zuständig für Social Media, sagte auf der Media Convention in Berlin, man müsse sich mit den Lesern und Nutzern austauschen. ZEIT online versuche, einen öffentlichen Raum herzustellen mit der Community, in dem Austausch möglichst sei, sachlich und konstruktiv.

Im Eröffnungspanel hat Frank Richter, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen, diese Gesprächsbereitschaft noch weiter gefasst. Zum Thema „Gesellschaft – it´s broken, let´s fix it!“ sagte er, vielen Menschen, die sich bei AfD und Pegida darüber beklagen würden, dass ihre Stimme nicht wichtig sei, würden sich wertgeschätzt fühlen, wenn sie endlich einmal öffentlich sagen könnten, was sie meinen, und dafür Zustimmung fänden (im Video ab Min. 8´24).

3. Die eigene Community stärken

Entsprechend versuchen seit einiger Zeit ZEIT online und sueddeutsche.de, ihre Community zu stärken.

Bei der Süddeutschen Zeitung können seit anderthalb Jahren nur noch ausgewählte Beiträge online kommentiert werden. Daniel Wüllner, Teamleiter Social Media und Leserdialog, findet das für eine gezielte und konstruktive Diskussion außerordentlich praktisch, denn gerade zu den am meisten diskutierten Themen eines Tages gebe es oft mehrere Beiträge – zum Beispiel ein aktuelles Stück, einen Hintergrund, Reaktionen und einen Kommentar. Würde man dort jeweils separat diskutieren, gäbe es gleich mehrere Diskussionsstränge zum selben Thema. Stattdessen bündelt sueddeutsche.de diese Beiträge zu einem einzigen Diskussionsstrang. Zieht sich ein Thema über mehrere Tage hin, könnten an jedem Tag verschiedene Aspekte diskutiert werden.

Heike Gallery von ZEIT online empfindet die Verengung der Themen, über die man bei sueddeutsche.de diskutieren kann, als nicht zeitgemäß. Es handle sich um das klassische Gatekeeper-Modell, weil Journalisten bestimmten, worum es gehen soll. Nutzer würden sich dann lieber andere Seiten suchen, um über die Themen zu diskutieren, die sie wichtig fänden, etwa bei Facebook. Gallery will die Leser aber lieber bei zeit.de halten, um die Hoheit über die Inhalte zu behalten und sich wie im Fall von Facebook nicht von einem US-Unternehmen abhängig zu machen.

Die ZEIT stärkt ihre Community, indem sie aus Kommentaren ihrer Nutzer kleine Boxen bastelt, die sie zum Beispiel per Twitter verbreitet.

Vorteil dieser Communitys: Jeder Kommentar wird gelesen, bevor er veröffentlicht wird.

4. Sich helfen lassen

Bei Facebook geht das nicht: Die Kommentarfunktion kann nicht abgeschaltet werden, und jeder Post geht direkt online. Je nach Medium, je nach Thema, je nach Mobilisierung der Nutzer ist es für die Redaktionen unmöglich, alle Kommentare zu lesen. Da wäre eine technische Hilfe wünschenswert, die Redakteuren kritische Kommentare zur Begutachtung vorlegt.

Ein Forschungsprojekt an der Universität Münster will da weiterhelfen. Der Wirtschaftsinformatiker Sebastian Köffer entwickelt einen Algorithmus, der Kommentare mit Hatespeech und Propaganda herausfiltern soll. Das ist gar nicht so leicht, denn Sprache ist längst nicht eindeutig, so dass ein Algorithmus direkt versteht, wie brisant ein Kommentar ist.

Schwierig wird es vor allem dadurch, dass Mehrdeutigkeit, Wortschöpfungen, Sarkasmus und Verneinungen schwer zu erkennen seien, sagt Köffer.

In solchen Fällen können auch Metadaten helfen. Die zeigen zum Beispiel, ob Profile gerade erst angelegt und Texte hineinkopiert wurden – und das bei vielen Profilen kurz nacheinander, was auf den Einsatz bezahlter Kommentatoren hindeutet.

Bis das Instrumentarium einsetzbar ist, kann es aber noch einige Zeit dauern. Und Köffer sagt, dass es nicht unbedingt auf allen Plattformen einsetzbar ist. Facebook zum Beispiel hat massenhaft Daten und Metadaten, um sich selbst ein solches Instrumentarium zu schaffen und anzuwenden. Was da passiert, wisse man aber nicht, so Köffer.

5. Mit Journalismuskritik umgehen

Eine besondere Herausforderung bei der Umgang mit Kommentaren stellt sich dann, wenn sich die Kritik von Nutzern gegen die eigene Arbeit richtet, man also in eigener Sache argumentieren muss. Journalisten geraten dann leicht in Erklärungsnot, weil Nutzer oft Dinge bemängeln, die entweder

  • nicht in der Verantwortung der Journalisten liegen (also wenn sie die Meinung maßgeblicher Protagonisten wiedergeben, die von Nutzern als unerwünscht angesehen werden – wenn also der Überbringer der Nachricht dafür geschlagen wird)
  • oder immanenter Bestandteil journalistischer Arbeit sind (schnelle Erstberichterstattung zunächst ohne Einordnung und Reaktionen)
  • oder vage Vorwürfe erheben (tendenzielle Berichterstattung zugunsten bestimmter Gruppen, ohne das zu belegen)

Es gibt freilich auch berechtigte Kritik. Die New York Times hat sich dafür vier Jahre lang eine Ombudsfrau geleistet. Margret Sullivan hat Fragen von Nutzern aufgegriffen, die Stichhaltigkeit der Anfragen und Vorwürfe geprüft und Redakteure weitergeleitet, die zur Antwort verpflichtet waren. Auch SZ-Redakteur Daniel Wüllner kann sich ein solches Amt vorstellen. Er sieht aber auch gewisse Probleme, dafür jemanden Vertrauenswürdigen zu finden, der sich sowohl bei Nutzern als auch bei den Journalistenkollegen unbeliebt macht.

An dieser Stelle gilt es noch weiter nachzudenken. Das wird unter anderem beim 2. Kölner Forum für Journalismuskritik am 10. Juni versucht.

„Es ist wichtig, mit den Lesern zu sprechen“

Ein Schwerpunkt der diesjährigen Republica und der Media Convention in Berlin war der Umgang mit Hass im Netz. Das wird seit dem vorigen Jahr breit diskutiert, nachdem die Anzahl der Hasskommentare vor allem gegen die vielen ankommenden Flüchtlinge enorm zugenommen hatte. In Berlin wurden Perspektiven aufgezeigt für eine bessere Debattenkultur im Netz. Welche das sind, darüber habe ich für das Medienmagazin des Deutschlandfunks, „Markt und Medien“, berichtet.

Mit Stimmen von

  • Carline Mohr, bis April Social-Media-Leiterin bei bild.de
  • Jörg Heidrich, Justiziar beim Onlineportal heise.de
  • Daniel Wüllner, Teamleiter Social Media und Leserdialog bei sueddeutsche.de
  • Sebastian Köffer, Wirtschaftsinformatiker von der Universität Münster