Die Entwertung der Eilmeldung

Die Deutsche Presse-Agentur hat im Jahr 2016 insgesamt etwa 1.200 Breaking News in den dpa-Basisdienst verschickt. Es sei ein außergewöhnliches Jahr gewesen, schreibt Nachrichtenchef Froben Homburger bei kress.de.

Grund dafür waren vor allem die Terroranschläge in Nizza, Ansbach und Berlin, der Amoklauf in München und der Putschversuch in der Türkei.

Selbst nach Abzug aller Medaillen-EILs der Olympischen Spiele in Rio entspricht das noch einer Steigerung um 180 Kurzmeldungen der zweithöchsten Priorität. 2016 war also tatsächlich ein außergewöhnliches Jahr. Oder gingen etwa den Redakteuren die Eilmeldungen schlicht zu locker von der Hand?

Eine gute Frage, die Homburger am Ende implizit mit einem „Nein“ beantwortet. Zumal die dpa ihm zufolge die Schwellen für Eilmeldungen angehoben habe und die Kriterien schärfer gefasst.

Oberstes Credo: Eine Nachrichtenagentur sollte sich keinem Alarmismus hingeben, sondern Ereignisse immer besonnen priorisieren – erst recht dann, wenn die Aufregung in den sozialen Medien besonders groß ist.

Nun ist die Arbeit einer Nachrichtenagentur die eine Sache. Ihre Kunden sind nämlich nicht die Leser, Hörer und Zuschauer, sondern Redaktionen, also Journalisten. Dass diese so schnell wie möglich über Ereignisse von hoher Relevanz und Eilbedürftigkeit informiert werden wollen, halte ich für plausibel. Sie brauchen Zeit, um sich auf eine entsprechende Berichterstattung vorzubereiten, den Personalbedarf zu planen und weitergehende Recherchen einzuleiten.

Meinem Eindruck nach bedeutet so eine Eilmeldung für viele Redaktionen allerdings eher, sie sofort und ungeprüft an ihre Nutzer weiterzureichen. Beobachten lässt sich das etwa daran, wie n-tv Eilmeldungen direkt an ihr Laufband durchreicht. Andere eilen in ihren Apps jede kleine Weiterentwicklung einer solchen Breaking News, so dass man innerhalb von wenigen Stunden eine Liste an Eilmeldungen vorfindet.

Natürlich war der Sommer ungewöhnlich; vor allem die zwölf Tage vom 14. bis 25. Juli, wie Homburger schreibt: Terroranschlag von Nizza, Putschversuch in der Türkei, Schießerei in Baton Rouge, Angriff in Zug bei Würzburg, Amoklauf von München, Angriff in Reutlingen, Anschlag in Ansbach, Anschlag in Orlando.

Genau zu jener Zeit habe ich untersucht, was Redaktionen einiger ausgewählter Apps per Eilmeldung an ihre Nutzer weitergeben. Eine statistische Auswertung dieser Untersuchung hat sich gerade wegen der ungewöhnlichen Ereignisse im Erhebungszeitraum nicht angeboten und blieb deshalb liegen; mit dem Abstand von heute und dem Blick auf die Jahresbilanz der dpa will ich aber einige Beispiele herausgreifen, bei denen ich das Instrument der Eilmeldung als wenig sinnvoll erachte.

Eins kann man schon mal vorwegnehmen: Viele Eilmeldungen von Redaktionen halfen Nutzern gerade nicht dabei, Ereignisse besonnen zu priorisieren. Das ist vor allem dann der Fall, wenn es um terminierte Ereignisse geht – und erst recht, wenn das Ergebnis das erwartete ist. So war sowohl der Termin des Misstrauensvotums gegen die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer am 14. Juli bekannt als auch die Tatsache, dass Dreyers Koalition über eine Mehrheit verfügte. Trotzdem eilte die Tagesschau:

(Screenshot: tagesschau-App)
(Screenshot: tagesschau-App)

Interessant auch, wenn ein Nicht-Ereignis Thema einer Eilmeldung wird, wie etwa am 30. Juni, als Brexit-Befürworter Boris Johnson verkündete, was er nicht tun werde, wie etwa die App der Süddeutschen Zeitung eilig vermeldete.

(Screenshot: SZ-App)
(Screenshot: SZ-App)

Was wäre geschehen, wenn der Nutzer das nicht sofort erfahren hätte? Sein Wissensstand wäre unverändert geblieben, nämlich dass Johnson nicht Premierminister werden will. Das war bis dahin Stand der Dinge; die Eilmeldung änderte daran nichts. Auch die Apps von Tagesschau und Spiegel online meldeten das, die Tagesschau immerhin mit dem Zusatz „überraschend“. Eine Angewohnheit von Journalisten, einer Nachricht etwas mehr Pepp zu geben: oft hilfreich zur Einordnung, nicht immer falsch, manchmal übertrieben.

Keine Frage, dass beide bisher genannten Beispiele berichtenswert sind. Entscheidend ist jedoch, ob sie eine Eilmeldung wert sind, ob es wichtig ist, dass der nachrichteninteressierte Nutzer unverzüglich darüber informiert werden muss.

Manche Redaktionen finden manchmal besonders eilig, was sie exklusiv haben – ganz gleich, wie eilbedürftig ihr Inhalt ist.

(Screenshot: tagesschau-App)
(Screenshot: tagesschau-App)

So bietet etwa die Information, dass Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble an seiner „schwarzen Null“ weiter festhält und das auch mit dem nächsten Haushaltsentwurf so festschreiben will, meiner Meinung nach wenig Eilbedürftigkeit.

Auch, wer Nachfolger des umstrittenen Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst wird, halte ich nur für von regionaler Bedeutung. Schließlich war es nicht das Amt selbst, dessen Besetzung interessiert, sondern die Person. Mit ihrem Abgang ist die Nachfolgefrage meines Erachtens für eine Eilmeldung weit überschätzt.

(Screenshot: SZ-App)
(Screenshot: SZ-App)

Es liegt im Wesen von Eilmeldungen, dass sie über herausgehobene Ereignisse möglichst schnell informieren. Wer einmal weiß, was passiert ist, hat somit die Möglichkeit, live an der Entwicklung dranzubleiben. Wenig sinnvoll ist es meines Erachtens dagegen, wenn zu einem bekannten Ereignis im Stundentakt Details nachgereicht werden, die keine eigene Eilmeldung mehr hergeben sollten.

Eilmeldungen sollten meiner Meinung nach eine relativ hohe Relevanzschwelle überspringen müssen, geleitet von der Frage, welche Ereignisse es wirklich wert sind, den Nutzer innerhalb kurzer Zeit und damit zwischen den Momenten, in denen er sich ohnehin über das Nachrichtengeschehen informiert, auf dem Laufenden zu halten.

Da hilft es dann auch nicht, wenn Spiegel online über seinen Twitter-Account @SPIEGEL_EIL nicht nur Eilmeldungen raushaut, sondern auch Kommentare, die der Einordnung und dem Hintergrund dienen.

Nachrichtenredakteur Udo Stiehl hat die Sache schon vor drei Jahren auf den Punkt gebracht:

Der inzwischen weit verbreitete Reflex in Redaktionen, nahezu jede Eilmeldung unverzüglich als wichtiges und weltbewegendes Ereignis weiterzureichen, dürfte auf Dauer aber zu einem Bumerang werden. Eilmeldungen, die ihren Namen nicht verdienen, werden Leser, Zuschauer und Hörer noch gleichgültiger werden lassen. Das kann niemand ernsthaft wollen. Die Aufgabe einer Redaktion ist es auch heute noch, vorzusortieren nach journalistischen Kriterien. Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Insbesondere in Zeiten, in denen Informationen und solche die es gerne wären, in nie da gewesenen Mengen kursieren.

Seitdem hat sich die Situation angesichts noch mehr Nachrichten-Apps meiner Meinung nach allerdings eher verschlimmert. Wie Udo schreibt, freuen sich manche Redaktionen über jedes Thema, das auch nur annähernd dazu geeignet ist, ein rotes Laufband oder eine rote Binde ins Fernsehbild, auf die Webseite oder in die App einzubinden. Die Orientierung der Nutzer geht damit verloren, wenn die Meldung tatsächlich wenig hergibt.

Freilich haben Nutzer auch ein Problem mit Orientierung, wenn Meldungen über Gewalttaten ohne Einordnung daherkommen, wie Margarethe Stokowski im Sommer schrieb.

Eilmeldungen über Gewalttaten erzeugen selten Sicherheit, aber fast immer Eilgefühle. Unsicherheit. Verwirrung. Genervtheit. Trotzdem wollen wir sie lesen. (…) Wir wollen schnelle Infos und bedachte Analysen, sofort und mit Abstand, wir wollen alles gleichzeitig. Es geht nicht.

Sie bezog sich auf Eilmeldungen über Nizza, Würzburg, Ansbach, München. Das sind Nachrichten, die auch in meinen Augen eine besondere Eilbedürftigkeit haben, auch wenn wir die Nutzer damit zunächst ratlos zurücklassen. Aber zugleich Einordnung liefern, wie sie sofort gefordert wird, können wir nicht. Ein Dilemma.

Trotzdem wäre es gut, würden Journalisten, wenn eine Eilmeldung von Nachrichtenagenturen kommt, zunächst mal durchatmen würden und überlegen: Ist die Meldung wichtig? Ist die Quellenlage gut genug? Ist die Meldung eilig? Und wenn ja, wie eilig? Und erst dann entscheiden, ob sie wirklich den Nutzern dient oder doch eher dem geforderten Ausstoß an Eilmeldungen, ganz gleich, was passiert?

Fake-News: Die Verantwortung der Nutzer

Manchmal kann es ganz schnell gehen.

Am Abend des 29. Dezembers meldete der Twitter-Account @BBCUKI den angeblichen Tod der englischen Königin Elizabeth II. Adresse und Aufmachung wirkten wie ein offizieller Account der BBC. Blendle-Kurator Tibor Martini wies schon kurz danach darauf hin, dass es sich um einen Fake-Account handle.

Dass der verlinkte Tweet inzwischen nicht mehr verfügbar ist, liegt an der relativ schnellen Reaktion von Twitter. Anthony Cheung hat den Tweet als Screenshot gesichert.

Dass dahinter keine Substanz steckt, lässt sich für jeden User relativ leicht herausfinden. Schaut man sich das Profil des Accounts an, sieht man, dass darüber nur gelegentlich Inhalte geteilt werden, die nach Nachrichten aussehen. Stattdessen wurden immer wieder auch fragwürdige Tweets anderer geteilt. Auf den Webseiten seriöser Medien gab es keinerlei Informationen über die Queen. Alles Hinweise auf Fake-News.

Neben mehreren anderen habe auch ich auf den Account hingewiesen und mehrmals darum gebeten, die Inhalte nicht zu teilen.

Es besteht eine gewisse Gefahr darin, so darauf aufmerksam zu machen, wo man den Account und seine Inhalte eigentlich ignorieren sollte. Ich wollte aber mal ausprobieren, ob Prävention wirkungsvoller ist als später, nachdem die Fake-News schon die Runde gemacht haben, die Scherben wieder aufzusammeln. Auch wenn das in diesem Fall wegen der Prominenz der Person und der leichten Widerlegbarkeit des Ereignisses relativ simpel sein dürfte.

Ich selbst habe den Account nicht zum Sperren gemeldet, jemand anderes hatte das aber offenbar getan; kurze Zeit später war der Account dicht. So verpufften die Fake-News relativ wirkungslos. Ein großer Trost ist das allerdings nicht. Schnell ist ein neuer Account geöffnet, schnell die nächsten Fake-News angelegt. Es wird ein immerwährender Kampf bleiben, der meines Erachtens vor allem durch die Nutzer selbst gewonnen werden kann.

Nur diese haben es in der Hand, eine solche Information auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen. Wie wahrscheinlich sind die zugrundeliegenden Sachverhalte? Wer hat die Nachricht verbreitet? Welche Nachrichten hat er in der Vergangenheit verbreitet? Berichten andere über das Ereignis? Nur wenn die Nutzer selbst prüfen, was sie verbreiten, können sie die Ausbreitung von Fake-News stoppen.

Nachtrag 03. Januar: Der Journalist Dirk von Gehlen, Leiter „Social Media/Innovation“ bei der Süddeutschen Zeitung, hat sieben Regeln für mehr Social-Media-Gelassenheit aufgestellt, die auch den Nutzern selbst helfen sollen, nicht in Panik zu verfallen. Eine davon:

Ich bin mir bewusst, dass eine von mir verbreitete Information gerade bei Freunden als verlässlich wahrgenommen wird. Dieser Verantwortung meinen Freunden gegenüber versuche ich gerade in schwierigen Situationen gerecht zu werden – und poste deshalb nicht unüberlegt.

Ein Flüchtling als Täter? Journalisten müssen dem Subtext widerstehen

In Berlin ist ein Lastwagen in eine Menschenmenge gefahren. Viel mehr als das wissen wir eigentlich nicht. Zwar gehen sowohl Bundesinnenminister Thomas de Maizière als auch das Bundeskriminalamt von einem Anschlag aus. Allerdings wissen die Behörden viel zu wenig, um sich dabei ganz sicher sein zu können.

Sicherlich spricht vieles dafür, etwa der Modus Operandi, den wir aus Nizza kennen. Aber welche Motive den Fahrer, der offensichtlich auf der Flucht ist, angetrieben haben, bleibt offen. Bis dahin sollten wir vorsichtig sein, wie wir über den Fall reden.

Ich erinnere daran, dass nicht nur Journalisten, sondern auch Politiker und eine große Öffentlichkeit schon bei anderen Fällen daneben gelegen haben. Als im Regierungsviertel in Oslo eine Bombe explodierte, fiel der Verdacht schnell auf Islamisten. Es war aber ein Rechtsextremist. Als ein Flugzeug von Germanwings in den französischen Alpen abstürzte, ging man von einem Terroranschlag aus. Es war aber offensichtlich ein Selbstmörder.

Wer sagt, dass es nicht auch in Berlin andere Optionen gibt – überraschende, unerwartete Erkenntnisse?

Das macht die Ereignisse, die Tat nicht weniger schrecklich. Es ist aber wichtig für die Diskussion, die wir danach führen. Denn Konsequenzen können wir nur ziehen, wenn wir wissen, woraus eigentlich.

Wenn CSU-Chef Horst Seehofer eben wegen der Tat in Berlin eine andere Flüchtlings- und Einwanderungspolitik fordert, scheint er mehr über die Tat zu wissen als alle anderen. Wahrscheinlicher ist, dass er die Tat operationalisiert, um seine ohnehin bekannten Positionen erneut ins Gedächtnis zu rufen und durchzusetzen.

Trotz der Kritik daran hat der bayerische Innenminister Joachim Herrmann heute früh noch mal in dieselbe Kerbe geschlagen. Im Deutschlandfunk sagte er, unabhängig von dem Anschlag in Berlin gebe es ein erhöhtes Risiko von islamistischen Anschlägen. In Paris und Brüssel, aber auch bei den Anschlägen in Würzburg und Ansbach habe es sich jeweils um Personen gehandelt, „die im Rahmen des Flüchtlingsstroms nach Deutschland gekommen sind“, betonte Herrmann.

Ich fasse mal zusammen: In Berlin war es kein Flüchtling. Genau deswegen müssen wir die Flüchtlingspolitik ändern.

Journalisten müssen vorsichtig sein, wie sie mit solchen Äußerungen umgehen. Wenn wir sie ohne Einordnung weitergeben, setzen wir damit ein Narrativ in Kraft, das von der Realität nicht gedeckt ist. Wenn wir die AfD zitieren, Bundeskanzlerin Angela Merkel sei wegen ihrer Flüchtlingspolitik für die Tat verantwortlich, erzählen wir im Subtext, die Tat sei von einem Flüchtling begangen worden. Dabei lässt sich das weder mit Gewissheit sagen noch ausschließen. Es dient aber denjenigen, die diese Lesart durchsetzen wollen.

Wie Korrespondenten arbeiten – der DLF mit einem Blick nach Washington

Der Deutschlandfunk beschäftigt sich schon seit Wochen intensiv mit der wahrscheinlich wichtigsten Wahl der Welt, die am Dienstag ansteht. Vor allem in der Nacht selbst geht es zehn Stunden lang nonstop live um Erkenntnisse und Ergebnisse aus den USA.

Um 23.10 Uhr fassen die Kollegen von „Das war der Tag“ noch mal den vorhergehenden Tag zusammen und berichten dabei auch aus den USA. Um 0.05 Uhr übernehmen dann Moderatorin Stephanie Gebert, der frühere USA-Korrespondent Klaus Remme als Experte und Online-Redakteur Tobias Jobke das Studio. Sie schauen noch mal zurück auf den Wahlkampf und berichten über erste Ergebnisse aus einzelnen Bundesstaaten. Die „Informationen am Morgen“ beginnen am Mittwoch eine Stunde früher als sonst und beschäftigen sich fast monothematisch mit den Wahlen. Voraussichtlich in den frühen Morgenstunden wird mit einem Ergebnis der Präsidentschaftswahl gerechnet.

Die wichtigste Leitung in dieser Nacht wird die von Köln nach Washington sein. Dort sitzen die Korrespondenten Thilo Kößler, Marcus Pindur und Bettina Klein. Ihre Arbeit lässt sich nicht nur on air verfolgen. Der Deutschlandfunk ermöglicht auch einen Blick hinter die Kulissen. Für den sorgt Online-Redakteur Boris Bittner, der die Kollegen seit der vergangenen Woche begleitet und im Washington-Blog berichtet.

Dort erzählt etwa Thilo Kößler von seiner täglichen Arbeitsroutine:

Der Tag des Washington-Korrespondenten beginnt heute mit dem Blick aufs Smart-Phone: Eilmeldungen checken, die hier news alert heißen. Mails auswerten. Newsletter aufklicken. Blogs lesen. Tweetdeck: Was kam in der Nacht aus dem Trump-Lager? Was aus dem Clinton-Lager? Erst dann der Blick in die Agenturen. Da läuft schon der längst der Fernseher.

Außerdem geht es auch um die Technik, die in Washington zum Einsatz kommt.

Wer wissen will, wie Korrespondenten arbeiten, sollte in den nächsten Tagen auch einen Blick in dieses Blog werfen.

Offenlegung: Ich arbeite als ständiger freier Mitarbeiter für den Deutschlandfunk.

Dietmar Bartsch und der Kanzlerinnensturz

Ruft Linke-Fraktionschef Dietmar Bartsch zum Sturz der Kanzlerin auf? Die Rheinische Post leitet das aus einem Interview ab, das sie mit ihm geführt hat.

Im Artikelvorspann heißt es:

Der Linke-Fraktionschef ruft im Interview mit unserer Redaktion die SPD zum Sturz von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf und findet nun auch an der Agenda 2010 „längst nicht alles schlecht“.

Schaut man in das Interview selbst, spricht Bartsch weder von einem Sturz, der nach Revolution klingt, noch kommt die Anregung zu einem konstruktiven Misstrauensvotum, wie es das Grundgesetz vorsieht, von ihm.

RP: Warum probieren Sie Rot-Rot-Grün nicht schon jetzt, wo Sie die Mehrheit hätten, statt zu warten, bis die nach den Wahlen vielleicht weg ist?

Bartsch: Die Frage stellen Sie bitte Sigmar Gabriel. Es war falsch, dass die SPD zu Beginn dieser Wahlperiode nicht einmal mit uns geredet hat. Die SPD könnte diese Mehrheiten aber jetzt noch nutzen, um die eine oder andere Entscheidung durchzusetzen. Wenn die SPD eine andere Politik will, kann sie mit der Linken immer reden.

RP: Sigmar Gabriel könnte also längst Kanzler sein, wenn er nur wollte?

Bartsch: Herr Gabriel könnte nächste Woche Kanzler sein, wenn er und die SPD wollten und sich vorher mit uns und den Grünen auf die Punkte verständigten, die wir gemeinsam noch vor der Wahl durchsetzen wollen.

Bartsch vertritt damit keine eine andere Position zu Rot-Rot-Grün als bisher. Zum „Sturz“ ruft er nicht auf. Die Rheinische Post spielt mit der Verwendung dieses Begriffs den „Merkel muss weg“-Rufern in die Hände – auch wenn die mit Gabriel als Kanzler sicher auch nicht zufrieden wären.

„Hierzu wird der Staatsanwalt den Inhalt der Presseerklärung vor den Kameras aufsagen“

Pressekonferenzen gehören zum eingespielten Mittel der Wahl im deutschen Medienbetrieb. Dabei stellen sich Politiker und Behörden den Fragen von Journalisten. Üblicherweise beginnt so eine Pressekonferenz mit einem Statement.

In der gestrigen Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft Bayreuth zu einer möglichen Beteiligung des NSU-Mitglieds Uwe Böhnhardt am Mordfall Peggy leitete der Sprecher dieses Statement mit einer bemerkenswerten Formulierung ein – nachzuhören hier bei SoundCloud.

Tatsächlich sagte der Staatsanwalt dieses Statement danach auf – und beantwortete dann keine Fragen. Das aber wortreich – ebenfalls hier bei SoundCloud.

Hier noch mal die gesamte Pressekonferenz zum Nachhören.

 

Anmerkung (20.05.2018): Wegen der Datenschutzgrundverordnung habe ich Widgets, die sich ursprünglich im Text befanden, entfernt und entweder durch Screenshots oder Links ersetzt.

Zweite Quelle? Braucht keiner mehr.

Manfred Krug 001

Der Tod des Schauspielers Manfred Krug ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell Informationen heute in der Welt sind, ohne dass sie bestätigt wären. Allein die BILD-Zeitung berichtete zunächst davon. Auf Nachfrage der Nachrichtenagentur EPD weiß selbst das Management von Manfred Krug erst mal nichts dazu zu sagen. Sie schreibt:

Krugs Management konnte die Meldung auf epd-Anfrage zunächst nicht bestätigen.

Trotzdem ist die Nachricht nicht aufzuhalten. In den deutschen Twitter-Trends steigt sie in kürzester Zeit auf Rang 2. Bei Google News finden sich schnell ein Dutzend Berichte, die sich alle auf die Bild-Zeitung berufen. Eigene Recherche? Fehlanzeige.

Gegen 14 Uhr kommen dann erste Bestätigungen. Die Tagesschau beruft sich auf das Management, das zwischenzeitlich offenbar eine Bestätigung einholen konnte. Auch der Mitteldeutsche Rundfunk berichtet unter Berufung auf das Management.

Es bleibt festzuhalten, wie schnell sich so eine Meldung inzwischen verbreitet, ohne dass es eine zweite Quelle gibt – eigentlich ein grundsätzliches Prinzip von Journalisten. Und die tragen zur Verbreitung in gleicher Weise bei wie Nutzer. Das zeigt, wie sehr das Zwei-Quellen-Prinzip mittlerweile geschliffen ist. Journalisten des einen Mediums berufen sich auf die des anderen – und für den Nutzer erscheint allein die Fülle der Meldungen wie eine Bestätigung, auch wenn sich alle auf dieselbe Quelle berufen.

Der Reichsbürger-Angriff: Wie berichten über diesen „Terror“?

Messen Medien bei Gewalttaten mit zweierlei Maß, abhängig davon, von wem diese verübt wurden?

Seit ein Reichsbürger in Georgensgmünd in Bayern auf vier Polizisten geschossen und sie zum Teil schwer verletzt hat (einer von ihnen ist inzwischen gestorben), wurde der Vorwurf in mehreren Tweets erhoben, zum Teil von Journalisten selbst.

Das ist nach meiner Wahrnehmung aber falsch. Tatsächlich war die Meldung die Top-Nachricht auf den größten Kanälen. Wer sich gestern ein wenig durch die Seiten geklickt hat, konnte das sehen. Wer bei Google News nach „Reichsbürger“ sucht, findet hunderte Ergebnisse.

Der entscheidende Unterschied in der journalistischen Einschätzung liegt vermutlich auch in der Frage begründet, ob es sich bei der Tat des Reichsbürgers um Terror gehandelt hat oder nicht.

Journalisten vertreten dazu unterschiedliche Auffassungen. heute-plus-Moderator Daniel Bröckerhoff etwa spricht nicht von Terror und begründet das in mehreren Tweets damit, dass Terror geplant und gezielt sei, um die Bevölkerung zu verunsichern, was hier augenscheinlich nicht vorliege.

Reichsbürger rechtfertigen die Tat als „Selbstverteidigung“. Terror wär z.B. gewesen, in eine Polizeistation zu gehen und dort Polizisten zu töten.

Den Aspekt der „Selbstverteidigung“ will NDR-Nachrichtenredakteur Michael Draeger dagegen nicht als Abgrenzung gelten lassen:

Mir fällt dabei als Begriff spontan „passiver Terror“ ein. Solange man sie in Ruhe lässt, gehen Reichsbürger dieser Kragenweite möglicherweise nicht gegen Menschen vor, die nicht ihrem fiktiven Staat angehören; wenn der deutsche Staat allerdings sein Recht einfordert, etwa wenn er Steuern eintreiben oder Waffen entziehen will, werden sie gewalttätig.

Dirk Wilking vom Brandenburgischen Institut für Gemeinwesenberatung würde die Reichsbürger nicht als Terroristen definieren. Er hat im Auftrag des Landes Brandenburg in Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz dort ein Handbuch für Behörden (hier als PDF) geschrieben hat über den Umgang mit den sogenannten Reichsbürgern. Er sagte im Interview mit dem Deutschlandfunk:

Es sind keine terroraffinen Leute, sondern sie benutzen das, was ihnen zur Verfügung steht.

Wilking hält die Reichsbürger zwar für verfassungsfeindlich, weil sie den Staat ablehnten, spricht aber nicht von terroristischen Organisationen, weil sie dafür zu zersplittert seien (kein Wunder, wäre ein Zusammenschluss doch in ihrer Logik eine Art Staatenbund).

WDR-Reporter Kai Rüsberg hält die Einschätzung einer terroristischen Tat dagegen durchaus für zutreffend:

Tatsächlich aber ist die Einschätzung, ob es sich hierbei um Terror handelt, nicht entscheidend dafür, ob und wie Journalisten mit dem Thema umgehen. Nachrichtenkriterien orientieren sich schließlich nur zum Teil auch an juristischen, polizeilichen oder sonstwelchen Definitionen wie in diesem Fall der des Terrors. Man kann auch darüber berichten und den Begriff trotzdem vermeiden.

Aus meiner Sicht rechtfertigen vor allem zwei Aspekte eine ausführlichere und überregionale Berichterstattung: die gewaltsame Auseinandersetzung mit vier verletzten Polizeien, die in dieser Form selten ist, sowie der damit verbundene Fokus auf eine offensichtlich bisher unterschätzte Gruppe von Tätern mit einer bestimmten Ideologie, deren Gewaltpotenzial in der Öffentlichkeit so bisher kaum bekannt war oder zumindest nicht zum Tragen kam. Auch wenn dem bereits die Festnahme des Reichsbürgers Adrian Ursache vorausging, der dabei ebenfalls SEK-Beamte verletzte.

Wie ausführlich die Berichterstattung dann tatsächlich ist, ist allein mit Zahlen nicht zu fassen. Denn wie man anhand des eingangs zitierten Tweets mit dem „völlig durchdrehen“ sieht, geht es auch um Bewertungen.

Tatsächlich kann man aber kritisieren, dass über die üblichen Nachrichtensendungen und Informationsformate hinaus keine Sondersendungen ins Programm gehoben wurden, zumal ARD und ZDF unter anderen Umständen nicht gerade hohe Hürden dafür aufbauen. Allerdings brachte diesmal etwa das heute-journal im ZDF zum Reichsbürger nur eine Nachricht im Kurzmeldungsblock und keinen Film. Und das Erste verzichtete auf einen Brennpunkt.

Ob ein fehlender Brennpunkt allerdings wirklich so schlimm war, möchte ich angesichts der Qualität vieler Ausgaben bezweifeln.

Weiterführend:

Günther H. Oettinger liest die Zeitung bei Google

Wahlweise EU-Digitalkommissar Günther Oettinger himself oder sein Social-Media-Team liefern sich seit gestern auf Twitter eine interessante Auseinandersetzung mit Netzexperten wie Mario Sixtus.

Wenn das tatsächlich so stimmt und ernst gemeint ist, hat Stefan Niggemeier bei uebermedien.de die Sachkompetenz des Kommissars noch überschätzt, als er dessen Aufruf an die Verleger kritisierte, die eigenen Redaktionen mehr oder weniger an neutraler Berichterstattung über das Leistungsschutzrecht zu hindern.

Oettinger bekommt als EU-Kommissar sicherlich jeden Tag einen Pressespiegel vorgelegt. Auf totem Holz – und das selbst dann, wenn der Pressespiegel digital zusammengestellt worden sein dürfte, wovon auszugehen ist. Dass Oettinger tatsächlich nach Nachrichten googelt und dort nur Überschrift und Anreißer liest, wie die Twitter-Meldungen nahelegen, halte ich für unwahrscheinlich. Was also geht im EU-Digitalkommissariat vor sich?

Nachtrag, 1. Oktober: Markus Reuter schreibt bei netzpolitik.org, dass die Verteidigungsstrategie von Günther Oettinger auf unpassenden Zahlen beruht. Inzwischen haben außerdem Die Zeit und die NZZ Zahlen veröffentlicht, die Oettinger widerlegen sollen. Beide Redaktionen mögen es offenbar, dass Google ihnen Nutzer zuleitet.

Eine unverschämte Frage oder: Was ein Interviewer tun soll

Die CDU-Politikerin Vera Lengsfeld hat sich in ihrem Blog darüber beklagt, dass man „Verfehlungen einzelner Einwanderer nicht auf alle Migranten beziehen“ dürfe, das bei „den Sachsen“ aber tue.

Es geht so weit, dass der Moderator des Deutschlandfunks ein Interview mit der ehemaligen sächsischen Spitzenpolitikerin der Grünen mit der unverschämten Frage eröffnete: „Frau Hermenau, fühlen Sie sich noch wohl in Sachsen?“

Die Frage als unverschämt zu bezeichnen und dem Interviewer damit eine persönliche Positionierung zu unterstellen, greift allerdings zu kurz.

Wer die Frage in dem Interview mit Antje Hermenau von heute morgen im gesamten Zusammenhang betrachtet, den Lengsfeld ausspart, versteht Sinn und Zweck der Frage.

Dirk Müller: Bautzen, Heidenau, Freital, Meißen, Dresden – immer wieder Sachsen und immer wieder auch Dresden. Zwei Sprengstoffanschläge erschüttern einmal mehr die offizielle Weltoffenheit der barocken Stadt an der Elbe. Ein Anschlag galt einer Moschee, der zweite Sprengsatz ging vor dem Internationalen Kongresszentrum der Stadt hoch. Niemand wurde bei der Detonation verletzt. Die Polizei geht von einer ausländerfeindlichen Tat aus, das Ganze wenige Tage, bevor in Dresden der Tag der Deutschen Einheit gefeiert werden soll.

Die Sprengsätze in Dresden – Sachsen und die zunehmende Gewalt – das ist unser Thema jetzt mit der Unternehmerin und Politikberaterin Antje Hermenau, früher Spitzenpolitikerin der Grünen. Guten Morgen nach Dresden.

Antje Hermenau: Guten Morgen! Ich grüße Sie.

Müller: Frau Hermenau, fühlen Sie sich in Sachsen noch wohl?

Hermenau: Natürlich. Ich fühle mich in Sachsen wohl, das ist meine Heimat und es gibt sehr viele interessante Menschen. Natürlich fühle ich mich wohl. Aber ich habe gerade Ihre Anmoderation entnommen, in der Sie sagten, immer wieder Sachsen, dass offensichtlich 15 Bundesländer der Meinung sind, sie haben kein Problem und können zufrieden auf Sachsen blicken, das dieses Problem hat. Ich wäre da vorsichtig. Gerade aus Unternehmersicht glaube ich, dass wir in Gesamtdeutschland ein Problem haben, und das ist eine Melange aus den unaufgearbeiteten Fehlern der letzten Jahrzehnte bei mangelhafter Integration vor allem im Westen Deutschlands und jetzt einer aufschwappenden zornigen Entladung im Osten, weil nicht öffentlich diskutiert wird, was die Zuwanderung bringen soll.

Die Frage wirkt: Hermenau tritt der von Müller geäußerten Meinung entgegen, besonders in Sachsen würden besonders viele Menschen zu Gewalt neigen, indem sie das als gesamtdeutsches Problem bezeichnet. Sie bekommt Gelegenheit, ihre Überzeugung darzulegen. Wie jeder aus persönlichen Diskussionen weiß, ist es um so leichter, sich seine Meinung zu bilden, wenn man sich an denen anderer abarbeiten kann. Müller erfüllt also seine Aufgabe als Interviewer.

In journalistischen Seminaren empfehlen Trainer, möglichst genau die Position des Interviewpartners zu recherchieren. Bei öffentlichen Personen wie Politikern haben sich diese ohnehin schon mal in anderen Zusammenhängen über das Thema oder einem Aspekt dazu geäußert, so dass ihre grundsätzliche Haltung tendenziell ermittelbar ist. Ihre Zugehörigkeit zu einer politischen Partei, einem Unternehmen, einem Unternehmensverband, einer NGO usw. legt außerdem den Schluss nahe, dass sie ebenfalls deren bekannte politische Positionen vertreten. Dieser Position tritt der Interviewer dann mit einer möglichst kontroversen Gegenmeinung gegenüber – sei es, dass es sich um eine tatsächlich in der Öffentlichkeit geäußerte Position handelt oder lediglich als solche denkbar ist.

Wie wirksam dieses Entgegenhalten von Meinungen ist, lässt sich noch deutlicher als im Fall Hermenau exemplarisch im Interview von Tobias Armbrüster mit Uwe Junge, dem Vorsitzenden der rheinland-pfälzischen AfD, zeigen. Armbrüster gelingt es, Junge durch beharrliches Nachfragen immer wieder auf Ungereimtheiten und Widersprüche in Aussagen von AfD-Politikern zu stoßen, die am Ende dazu führen, dass Junge seine ursprüngliche stark vereinfachende Position aufgibt und eine differenziertere Haltung einnimmt.

Das ist in der Tat ein extremes Beispiel. Denn dass ein Politiker innerhalb eines Interviews so stark umschwenkt wie Junge ist ungewöhnlich – und nicht das Ziel des Interviewers. Seine Aufgabe ist es, die Position seines Interviewpartners verständlich zu machen. Wenn dieser durch kritische Nachfragen zum Schluss gelangt, dass er sie auch vor sich selbst nicht verteidigen kann, ist das ein Erkenntnisgewinn nicht nur für ihn selbst, sondern vor allem für die Hörer.

Das Interview ist für den Deutschen Radiopreis 2016 nominiert worden. Die Jury begründet das unter anderem so:

Dieses kontrovers geführte Interview zeigt, wie sich politische Thesen und Behauptungen durch beharrliches Nachfragen zerlegen und widerlegen lassen. Der Interview-Partner kann seine Behauptungen über den Islam in Deutschland nicht mit Fakten unterfüttern und wird daher zunehmend unsicher. Trotz einiger Versuche des Politikers lässt sich der Interviewer nicht vom eigentlichen Thema des Interviews abbringen und hält Kurs. Ein hörenswerter Schlagabtausch, hoch-politisch und  unterhaltsam zugleich.

Aus der Fragestellung eines Interviewers auf seine persönliche Meinung zu schließen, greift deshalb deutlich zu kurz. Eigentlich sollte das eine erfahrene Politikerin wie Vera Lengsfeld wissen.

Offenlegung: Ich arbeite als freier Mitarbeiter für den Deutschlandfunk.