Keine gute Figur – über die taz zur Putsch-Nacht

20160718_191714Jürn Kruse (@taz_kruse) kritisiert in der taz die Berichterstattung von ARD und ZDF in der Nacht des Putschversuchs in der Türkei. Er mag dabei nicht Unrecht haben; ich habe die Berichterstattung nicht verfolgt. Und für ihn bin ich jetzt wahrscheinlich auch nur so einer wie die Moderatoren, die er erwähnt, die in den sozialen Netzwerken „die eigenen Sender loben und immer wieder das gleiche Argument abfeuern: Wir recherchieren erst, bevor wir senden!“ Diese Kritik irritiert mich doch ein wenig. Wie arbeitet Kruse denn als Journalist?

Er nennt das Argument „in vierfacher Hinsicht ärgerlich und frech“. Weil es impliziere, dass alle anderen nur ungeprüften Schwachsinn hinausposaunen würde. Wenn er das so sieht…

„Zweitens macht nicht erst die offizielle ARD-ZDF-Verifikation eine Nachricht zu einer Nachricht.“

Aber bitte: Was denn sonst? Berichtet die taz etwa über Dinge, die sie nicht selbst verifiziert hat? Und unter Verifikation verstehe ich auch die Prüfung von Meldungen verschiedener Agenturen, auf die ich mich dann beziehe. Sicherlich macht das auch die taz, und nicht anders arbeiten nach meiner eigenen Erfahrung ARD und ZDF. Es ist eben nicht so, dass sie immer auf die Bestätigung eines eigenen Reporters warten.

„Warum lasst ihr die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht teilhaben an diesem Prozess des Sortierens und Einordnens?“

fragt Kruse weiter – und landet damit einen Punkt. Das, finde ich, ließe sich durchaus machen. Obwohl ich dabei unterscheiden würde, über welches Sujet eigentlich berichtet wird. Geht es um einen Terroranschlag, habe ich meine Bedenken über die atemlose Vor-Ort-Berichterstattung schon gestern hier deutlich gemacht.

Ja, vielleicht haben ARD und ZDF Fehler gemacht in dieser Nacht. Aber nicht alle Argumente dagegen ziehen, bloß weil man sich selbst ärgert. Nein, lieber Jürn Kuse, das haben Sie nicht ganz so gut gemacht.

Terroranschläge in den Medien: Brauchen wir diese Bilder?

(Screenshot: Twitter)
(Screenshot: Twitter)

Nach jedem neuen Terroranschlag in Europa flammt eine Diskussion darüber auf, ob zu spät oder zu wenig berichtet wurde. Mich ermüdet das. Weniger deswegen, weil viele Kritiker glauben, es besser zu wissen und besser machen zu können, auch wenn sie keine Journalisten sind. Mehr deswegen, weil sie damit indirekt fordern, dass wir Journalisten das Geschäft des Terrors erledigen – nämlich, Schrecken zu verbreiten.

Würde es Terroristen im Kern nur darum gehen, möglichst viele Menschen zu töten, wären sie in Europa noch nicht weit gekommen. Rechnet man die Opferzahlen der größten Anschläge von Madrid, London, Brüssel, Paris, Kopenhagen, Istanbul und Nizza zwischen 2004 und 2016 zusammen, kommt man auf etwa 550. Angesichts von mehreren hundert Millionen Europäern eine verschwindend geringe Summe.

Bedenkt man aber die Auswirkungen dieser Anschläge auf unser Leben, die sich schon allein in der Verschärfung von Gesetzen, der Einschränkung von Freiheiten und der Aufstockung bei Sicherheitskräften zeigen, sind sie nicht zu verkennen. Entscheidend dürfte aber diese Folge sein: Die Täter sorgen für Angst und Schrecken.

Wenn sie mit dem Flugzeug in Hochhäuser fliegen, mit Bomben Bahnen sprengen, mit Schusswaffen ins Museum laufen, mit dem Lastwagen in eine Menschenmenge fahren, gibt das immer wieder neue und spektakuläre Bilder für die Öffentlichkeit. Nicht nur Bilder in Form von Fotos oder Videos, sondern auch Vorstellungen, die sich Menschen durch detaillierte Erzählungen machen.

So filmte der Journalist Richard Gutjahr zufällig das Tatwerkzeug in Nizza, den Lastwagen, wie er Fahrt aufnimmt; schon dieser Anlauf ist erschreckend. SPIEGEL online betitelt einen Artikel mit Berichten von Augenzeugen mit dem Zitat: „Die Menschen sind weggeflogen wie Bowling-Kegel“. Und BILD-Chefredakteurin Tanit Koch twitterte bzw. retweetete Fotos und Videos von Leichen – zum Glück nicht ohne Kritik.

Was sollen wir zeigen?

Im Pressekodex heißt es in Ziffer 11:

Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid.

Und in Ziffer 11.2 führt der Kodex etwas detaillierter aus:

Bei der Berichterstattung über Gewalttaten, auch angedrohte, wägt die Presse das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegen die Interessen der Opfer und Betroffenen sorgsam ab. Sie berichtet über diese Vorgänge unabhängig und authentisch, lässt sich aber dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen.

Der erste Satz wird im Großen und Ganzen befolgt, solange Journalisten nicht, wie Tanit Koch, die Persönlichkeitsrechte von Opfern und Betroffenen verletzen. Das geschieht auch noch nicht dadurch, dass über den Ablauf des Anschlags, die Waffe, das Vorgehen, den mutmaßlichen Täter usw. berichtet wird. Aber halten wir Journalisten uns auch an den zweiten Satz?

Berichten wir wirklich unabhängig, wenn wir grausame Bilder zeigen und Details schildern, die bei unserem Publikum zu Angst und Schrecken führen? Machen wir uns nicht abhängig von den Bildern, lassen uns von ihrer Existenz dazu verleiten, sie auch zu zeigen? Ist es das, was wir uns unter authentisch vorstellen, wenn wir einfach draufhalten, ohne jede Distanz? Denn ist schließlich nicht die mediale Verbreitung der Taten ein großer, vielleicht der wichtigste Teil eines Anschlags?

Journalisten als Handlanger von Terroristen?

Die Bild-Zeitung ging in der Vergangenheit sogar noch weiter und berichtete selbst über Bilder, die ohne sie keine Öffentlichkeit gefunden hätten, nämlich Videos der Terrormiliz IS, die sie detailliert schilderte, zugleich als „widerliche Propaganda-Aktion“ angeblich verurteilte und die Propaganda damit perfekt machte.

Anders bei öffentlich sichtbarer Kriminalität wie Terroranschlägen. Für Journalisten war es dabei immer schon schwierig, das im Pressekodex genannte Informationsinteresse der Öffentlichkeit abzuwägen gegen die gleichermaßen benannte Warnung davor, sich nicht zum Werkzeug von Verbrechern zu machen. Gerade in der aktuellen Berichterstattung, kurz nach einem Anschlag, wenn nur wenige Informationen und wenige Bilder vorliegen, greifen sie auf das zurück, was sie haben. Dabei bleibt wenig Zeit fürs Nachdenken, für Analyse, Einordnung, Hintergrund. Stattdessen wird das Geschehen eins zu eins wiedergegeben – und damit die Botschaft der Terroristen transportiert. Das ist der Preis, wenn man früh und über alles informiert werden möchte. Dessen muss man sich zumindest bewusst sein.

Moderator Philipp Banse fasste das Dilemma in der Mediensendung „Breitband“ im Deutschlandradio Kultur in eine Frage:

„Wieviel Horror müssen wir als eine Gesellschaft ertragen, um uns informiert und aufgeklärt nennen zu können, und welche Sachen müssen wir einfach nicht wissen?“

Der Kulturjournalist Arno Frank antwortete, dass zum Beispiel ein Foto der „Daily Mail“, wie der Terrorist in Nizza erschossen wird, kein Informationsbedürfnis befriedige, sondern eher ein pornographisches.

„Ich behaupte (…), dass diese Bilder eine gewisse Verführungsmacht haben, sie werden uns ja schließlich angeboten. Und das ist alles nur einen Klick entfernt und schon ziemlich zudringlich, solange ich Smartphones habe und im Internet überhaupt unterwegs bin.“

Frank verwies indirekt darauf, dass Journalisten die Verantwortung hätten, was sie davon an ihre Nutzer weitergeben; sie böten ihnen einen Filter, indem sie ihnen diese Bilder vorenthielten.

Marion Müller, Professorin für Massenkommunikation an der privaten Jacobs University Bremen, sagte, Bilder würden assoziativ wahrgenommen und seien mächtiger, was emotionale Reaktionen angehe, während Text eher auf argumentativer Ebene verstanden werde. Bilder könnten traumatische Wirkungen haben.

Das Aus für die Gatekeeper

Dass Journalisten überhaupt vorgeworfen werden kann, zu langsam, zu zögerlich, zu zurückhaltend zu berichten, liegt vor allem daran, dass sich Nutzer auch anders informieren können. Sie sehen, wie Informationen zum Beispiel über einen Anschlag via Twitter und Facebook, per Facebook live und Periscope verbreitet werden. Arno Frank glaubt:

„Das ist den klassischen oder herkömmlichen Medien inzwischen sogar entglitten, die Kontrolle über die Bilder, die wir sehen. Die finden ihren Weg, und die finden sie über Kanäle, auf die der klassische oder herkömmliche Journalist keinen Zugriff mehr hat.“

Die Nutzer sind damit zwar einen Schritt näher am Geschehen, aber damit auch einen Schritt näher an Angst und Schrecken der Terroristen und zugleich einen Schritt weiter weg davon, zu verstehen, was passiert ist.

Ich finde nicht, dass Journalisten diesen Schritt auf ihre Nutzer zugehen sollten. Sie sollten sich vielmehr trauen, den Schritt zurückzutreten, um sich nicht in der Angst und dem Schrecken zu verlieren, den die Terroristen provozieren wollen. Wenn Journalisten in ihrer Berichterstattung auf schreckenerregende Details verzichten, wenn sie sachlich und unemotional über den Ablauf der Tat berichten, wenn sie Einordnung und Hintergrund liefern, erledigen sie ihre Arbeit.

Sie sollten aber zugleich thematisieren, wie sie mit Bildern und Informationen umgehen. Wenn sie Details auslassen oder Bilder nicht zeigen, obwohl es sie gibt, sollten sie ihre Entscheidungen transparent machen und begründen. Auch auf die Gefahr hin, dass sich die Nutzer diese Bilder im Netz selber suchen. Aber dafür müssen sie aktiv werden, und sie wissen, was sie erwartet.

Zu dieser Einstellung gehört aber auch, sich Zeit zu nehmen, Abstand zu gewinnen, ein zweites und drittes Mal darüber nachzudenken, welche Bilder man zeigt und welche nicht, welche Informationen mal als verifiziert weitergibt und welche man lieber länger prüft. Dann muss man auch Vorwürfe aushalten, man berichte zu spät oder zu wenig.

Nachtrag, 18. Juli: Matern Boeselager (@m_boeselager) geht in seinem Text bei VICE noch weiter als ich, wenn er schreibt: „Warum ignorieren wir den Terror nicht einfach?“ Er plädiert für Zurückhaltung und schlägt etwa vor, dass die Medien nach einem Anschlag nur meldeten, dass er passiert ist, wie viele Menschen getötet worden, ob der Täter noch auf freiem Fuß sei oder nicht, ob der Flughafen gesperrt sei.

Niemand würde den Namen des Täters nennen, niemand seine Tagebücher oder Fotos seines Hauses veröffentlichen. Niemand würde ihn unsterblich machen.

Nachtrag, 19. Juli: Stefan Winter hat sich bei Meedia auch mit der Bilderflut beschäftigt. Auf die Frage, was man zeigen soll, hat er keine Antwort:

Diese Fragen sind schwierig und sie müssen wohl jedesmal aufs Neue gestellt und aufs Neue beantwortet werden. Auch diesmal.

Nachtrag, 20. Juli: Der Politikwissenschaftler Matthias Herrmann (@mhermann) schrieb im Schweizer Tagesanzeiger:

Längst ist bekannt, dass immer umfänglicher bebilderte terroristische Taten und Amokläufe nur noch mehr Nachahmungstäter auf den Plan rufen. Dazu kommt, dass mit der Bilderflut jeder nächste Täter von seinen Vorgängern lernen kann, ohne selbst vor Ort gewesen zu sein.

Weiterführend:

Mathias Müller von Blumencron: Ohne Kompass. Wie soziale Medien den Terror anfachen

Frank Lübberding: Soziale Netzwerke als Propagandainstrument

Sandra Schulz ist nicht Malu Dreyer, auch wenn Julia Klöckner das so vorkommt

Die CDU-Fraktion im rheinland-pfälzischen Landtag hat heute versucht, Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) mit eine Misstrauensantrag aus dem Amt zu heben. Gelungen ist ihr das nicht. Am Morgen vor der Entscheidung hat CDU-Fraktionschefin Julia Klöckner dem Deutschlandfunk ein Interview gegeben.

Die Fragen von Moderatorin Sandra Schulz sind ein gutes Beispiel dafür, mit welcher Haltung Journalisten ein solches Meinungsinterview führen sollten. Klöckner legt diese Methode sogar zweimal indirekt offen, indem sie Schulz im Ton der Empörung darauf anspricht:

„Denn die Geschichte, die Sie jetzt erzählen, ist die Lesart der Landesregierung.“

„Das ist auch wieder die Lesart der Landesregierung, der Ampelkoalition.“

Und auf eine weitere Frage sagt Klöckner empört:

„Also Frau Schulz! Jetzt muss ich mal ganz kurz einhaken. Sie verwechseln gerade Täter und Opfer.“

Und dann ruft sie als Auftakt zu einer Antwort:

„Ja, einen Moment!“

Durch Julia Klöckners Reaktion wird deutlich, dass Sandra Schulz genau die richtigen Fragen stellt. Sie lässt Klöckner nämlich auf Positionen reagieren, die deren Meinung konträr gegenübersteht. Da Klöckner sich gegen die Landesregierung stellt, ist diese Position zu Teilen deckungsgleich mit deren Haltung. Damit gibt Schulz Klöckner die Gelegenheit, ihre Position genau abzugrenzen und klar darzustellen.

Einige Hörer unterstellen Journalisten, die ein Interview führen, gerne mal, dass diese unzulässige, unverschämte oder „nicht neutrale“ Fragen stellen. Das ist jedoch nicht die Aufgabe eines Interviewers. Er soll stattdessen in einem Interview wie dem mit Klöckner den Hörern deren Meinung kenntlich machen. Das gelingt umso leichter, je klarer – und in gewisser Weise auch provokanter – die Fragen sind. Sandra Schulz hat das hier in vorbildlicher Weise getan.

Nachtrag, 17.20 Uhr: Offenbar findet Sandra Schulz‘ Moderations- und Interviewstil glücklicherweise auch Anhänger, die ihre Art nicht missverstehen.

Offenlegung: Ich arbeite regelmäßig als freier Mitarbeiter für den Deutschlandfunk.