Wie wir Journalisten die Hörer manipulieren

Wie erfolgreich kann eine angebliche Manipulation der Leser durch Journalisten sein, wenn diese sie bemerken?

Es ist erstaunlich, wie viele Hörermails mich erreichen, in denen diese Manipulation immer wieder unterstellt wird, weil man sie erkannt zu haben glaubt. Das ist unter anderem deswegen bemerkenswert, weil der jeweilige Hörer glaubt, er sei der einzige, der das bemerken könnte, die große Masse aller anderen Hörer sei dazu aber nicht in der Lage und werde auf diese Weise manipuliert. Das sagt mehr über den Absender als über das Produkt, das er kritisiert.

Außerdem stelle ich ein gewisses Paradox fest: Einerseits wird kritischer Journalismus eingefordert, andererseits lehnen viele aber kritische Fragen gegenüber bestimmten Interviewpartnern ab. Im konkreten Fall wird ein Interview kritisiert, das ich für @mediasres im Deutschlandfunk am 25. Juli mit Florian Jungnikl-Gossy geführt habe, der bei der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ einen Online-Ableger konzipiert hat, der sich speziell an Deutsche richtet.

Der Hörer kritisiert meine Fragestellungen und schreibt, an den „Standard“ gerichtet und uns in CC, der Interviewpartner habe gegenüber meiner „Hörer-Lenkungsabsicht (wie mir auffiel) sehr souverän reagiert“.

Genauer führt der Hörer nicht aus, worin er eine Lenkungsabsicht sah. Ich vermute, dass er die kritischen Untertöne meiner Fragen meinte. Demzugrunde liegt vermutlich die Meinung, dass deutsche Medien nicht objektiv oder jedenfalls nicht in seinem Sinne berichten, ein neues Angebot von außerhalb deshalb nur begrüßenswert und dessen Vertretern deswegen offen und unkritisch begegnet werden müsse. Das ist freilich genauso eine Vermutung wie der Hörer mir gegenüber vermutet, aber mehr weiß ich nicht. So kritisch wie er gegenüber deutschen Medien eingestellt ist, wie die restliche Mail deutlich macht, wünscht er sich keine Kritik an ausländischen Medien.

Dieses Paradox beobachte ich schon seit Längerem. Meine einzige Erklärung dafür ist, dass die entsprechenden Kritiker eine Berichterstattung fordern, die ihre eigene Meinung stützt. Sie verlangen eigentlich gar keine objektive Berichterstattung, auch wenn sie das behaupten, sondern halten ebenjene Berichte dafür, die ihre Meinung stützen – auch wenn sie nicht diesen Qualitätskriterien entsprechen.

Und sie verkennen, dass ich als Interviewer den Interviewpartner nicht mit meiner eigenen Meinung konfrontiere, sondern mit kritischen Gegenpositionen, die keineswegs meiner Meinung entsprechen müssen. Wie würde dann im konkreten Fall eine Einstiegsfrage aussehen?

Tatsächlich habe ich Jungnikl-Gossy zum Einstieg gefragt:

Fries: Warum eine österreichische Zeitung für Deutschland? Informieren die deutschen Medien nicht gut genug?

Jungnikl-Gossy: (lacht) Doch, natürlich. Aber schon jetzt kommt auf derstandard.at, unserem Mutterschiff gewissermaßen, ein sehr großer Teil der Zugriffe aus Deutschland. Bevor wir derstandard.de gestartet haben, haben wir auch diese Userschicht gefragt, und ganz oft haben wir da zwei Sachen gehört: Das eine ist, dass unser Blick von außen geschätzt wird mit unserem Qualitätsjournalismus, und das andere ist unsere Community.

Was wäre eine alternative Einstiegsfrage gewesen? Zu sagen: „Endlich eine österreichische Zeitung für Deutschland – es war aber auch höchste Zeit?“ Kommt man nicht weiter mit der Warum-Frage, woraufhin der Interviewpartner die Möglichkeit bekommt, auszuführen, warum er sein Angebot für gut und wichtig hält? Das tut er nämlich.

Die übrigen Fragen waren übrigens:

2. Was unterscheidet denn den Blick eines österreichischen Journalisten von dem eines deutschen auf deutsche Themen?

3. Aber wie sieht dieser Blickwinkel denn aus?

4. Ist es auch so, dass sie weniger als die deutschen Journalisten in diesen Strukturen gefangen sind?

5. Wo haben deutsche Medien denn Lücken, die Sie schließen könnten?

6. Diskutiert der Österreicher denn gesitteter als der Deutsche, wenn Sie jetzt so stolz auf Ihr Community-Management verweisen?

7. In Österreich selbst war so ein Versuch eines ausländischen Mediums zuletzt nicht erfolgreich. Die Neue Zürcher Zeitung aus der Schweiz hat im April ihren österreichischen Ableger nzz.at wieder eingestellt. Was machen Sie denn anders, damit Ihnen so was nicht passiert?

8. Warum machen Sie das im Moment noch nicht mit einer eigenen Redaktion?

9. derstandard.de trägt den kleinen Zusatz „Concept“. Sie sind erst mal in einer Testphase. Was muss passieren, dass Sie sagen, der Test ist erfolgreich verlaufen?

Wenn man so will, greifen die vierte und fünfte Frage sogar die Kritik des Hörers an deutschen Medien auf. Ich ermögliche dem Interviewpartner, eine solche Kritik aus seiner Position zu formulieren.

Die Frage nach einem möglichen Scheitern in Frage 7 könnte dem Hörer womöglich als versteckter Wunsch meinerseits erscheinen, das Projekt scheitern zu sehen. Dabei zielt die Frage darauf ab, mögliche Risiken offenzulegen. Der Interviewpartner bekommt die Möglichkeit, darzulegen, was er dagegen tut.

Interessant, wie so ein Gespräch beim Hörer ankommt, wenn er sie mit seinen eigenen Einstellungen, Meinungen und womöglich auch Vorurteilen hört. Man kann an meiner Gesprächsführung sicherlich Dinge kritisieren, aber eine Hörer-Lenkungsabsicht dahingehend, eine bestimmte Meinung bei ihm zu bilden, kann ich darin beim besten Willen nicht erkennen.

Ich setze mich deshalb so lange mit dieser Einzelmeinung auseinander, die man eigentlich als unbegründet abtun könnte, weil ich sie für exemplarisch halte für ein verbreitetes Missverständnis bei manchen Hörern. Als Journalisten sind wir nicht dafür da, den Interviewpartnern rhetorisch einen roten Teppich auszurollen, auf dem sie ihre Meinungen präsentieren können. Es ist vielmehr meine Aufgabe, den Interviewpartner mit Meinungen und Fakten zu konfrontieren, die den seinen widersprechen. Auf diese Weise erhält er Gelegenheit, seine Position demgegenüber noch deutlicher darzustellen. Er kann jeder Fragestellung widersprechen. Er hat viel mehr Sendezeit als ich. Am Ende bildet sich jeder Hörer seine eigene Meinung – wie ebenjener, der uns geschrieben hat.

Es ist freilich sein gutes Recht, die Meinung zu vertreten, ich habe versucht, etwas zu lenken. Wenngleich mich schon interessieren würde, woran konkret er das festmacht. Ich glaube nur, dass das viel mehr über ihn selbst verrät als sich aus dem eigentlichen Interview herauslesen lässt.

Wie beeinflussen Wahlumfragen die politische Kultur?

Meinungsumfragen sind wichtiger denn je, sie können Wahlen beeinflussen und Politiker-Karrieren bestimmen. Doch immer öfter gilt: Bis zur Wahl wird die Sonntagsfrage gerne als Tatsache präsentiert – und danach werden die Schuldigen dafür gesucht, warum sie nicht stimmte. Mein Beitrag in der DLF-Sendung „Hintergrund“.

dpa will Nationalität von Tatverdächtigen öfter nennen

Im Pressekodex reicht jetzt "öffentliches Interesse", um die Nationalität eines Tatverdächtigen zu nennen. (Bild: Stefan Fries)
Im Pressekodex reicht jetzt „öffentliches Interesse“, um die Nationalität eines Tatverdächtigen zu nennen. (Bild: Stefan Fries)

Wenn jemand eine Straftat begangen hat, sollen Journalisten dann immer sagen, woher der Tatverdächtige kommt? Das fordern viele Mediennutzer. Der Presserat hat deswegen den Pressekodex geändert, in dem Empfehlungen für die Berichterstattung stehen. Die größte deutsche Nachrichtenagentur dpa geht jetzt bei der Umsetzung voran. Mein Beitrag in @mediasres.

Presserat veröffentlicht Leitsätze zur neuen Verdachtsberichterstattung

Der Deutsche Presserat hat neue Leitsätze für die Berichterstattung zur Herkunft potentieller Straftäter veröffentlicht. Die neuen Richtlinien sollen Entscheidungshilfen für den Redaktionsalltag sein. Details zur Biographie des Täters dürfen nun häufiger erwähnt werden. Mit dem Thema habe ich mich für @mediasres im Deutschlandfunk beschäftigt.

Wie man mit Statistiken Politik macht

Wer in der Öffentlichkeit eine Position begründen will, zieht gerne Daten und Statistiken heran, die die Position untermauern sollen. Manchmal wird auch klar, dass die Zahlen die Schlussfolgerung gar nicht hergeben.

Bei der Vorstellung der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik Anfang der Woche war für jeden was dabei. Bundesinnenminister Thomas de Maizière von der CDU etwa lenkte den Blick auf die Zahl der Zuwanderer unter den Tatverdächtigen, die im vergangenen Jahr um fast 53 Prozent gestiegen sei und sagte:

Da gibt es nichts zu beschönigen, das gilt leider für nahezu alle Deliktbereiche. Und leider – das zeigen die Zahlen – geht der deutliche Anstieg im Bereich der Gewaltdelikte vor allem auf einen Anstieg der durch Zuwanderer verübten Gewaltdelikte zurück.

Mit dieser Zahl lässt sich prima Politik machen, wie etwa der Berliner AfD-Politiker Karsten Woldeit zeigte, der daraufhin pauschal die Abschiebung verurteilter Migranten forderte. Die Gewalttaten den Tätern aufgrund ihrer Herkunft zuzuordnen, greift allerdings zu kurz, denn der Anstieg dieser Zahl könnte auch auf einen statistischen Effekt zurückzuführen sein, sagte der Kriminologe Thomas Feltes im Deutschlandfunk:

Das liegt ganz schlichtweg daran, dass es sich bei den Zuwanderern primär um junge Männer handelt, und das ist die Gruppe, die am meisten Straftaten begeht. Auch bei den sogenannten Biodeutschen oder bei den Einwohnern in Deutschland ist diese Altersgruppe der jungen Männer am höchsten belastet, vier-, fünf- bis achtmal so viel wie andere Altersgruppen, und auch wie Frauen. Deshalb ist es klar, wenn junge Männer nach Deutschland kommen, wäre alles andere ein Wunder, wenn die hier nicht auch straffällig werden würden.

Mit den nackten Zahlen allein kommt man also nicht weit, man muss sie ins Verhältnis setzen – oder so vage formulieren, dass am Ende mehrere Deutungen möglich sind. Das hatte FDP-Chef Christian Lindner getan, als es um die Kriminalität in Nordrhein-Westfalen ging. Die BILD-Zeitung hatte ihn gefragt:

Leben die Menschen in NRW weniger sicher als in anderen Bundesländern?

Woraufhin Lindner antwortete:

Ganz offensichtlich. Die Einbruchskriminalität ist massiv gestiegen, die Aufklärungsquote aber stagniert.

Ganz so einfach kann man es sich aber nicht machen, denn Lindner lieferte – absichtlich oder unabsichtlich – entscheidende Informationen nicht mit: welchen Zeitraum er für seinen Vergleich heranzog – und was er mit dem Begriff Einbruchskriminalität überhaupt meinte.

Das Recherchezentrum Correctiv machte einen Faktencheck und schrieb, die Einbruchskriminalität sei nicht etwa massiv gestiegen:

Anfang März stellte NRW-Innenminister Ralf Jäger die Polizeiliche Kriminalstatistik 2016 vor – und freute sich über den „deutlichen Rückgang“ bei den Wohnungseinbrüchen. Die Zahl der Wohnungseinbrüche ging im vergangenen Jahr um 15,7 Prozent zurück. Von gut 62.000 Fällen in 2015 auf gut 52.000 Fälle in 2016. So steht es in einer Pressemitteilung des Innenministeriums in NRW.

Correctiv bezog sich also auf die Entwicklung von 2015 bis 2016, ohne dass Lindner selbst diesen Zeitraum angegeben hätte. Die Journalisten nahmen sich sicherheitshalber auch noch mal einen längeren Zeitraum vor, und zwar die Zeit von 2012 bis 2016, ohne dass sie begründen warum. Ich vermute, sie haben die laufende Legislaturperiode in Nordrhein-Westfalen als Aufhänger genommen, was durchaus Sinn ergibt, geht es doch in Lindners Aussage darum, die Kriminalitätsentwicklung dem SPD-Politiker Jäger in die Schuhe zu schieben. Das Urteil von Correctiv: Lindners Aussage sei „komplett falsch“.

Auf diesen Zeitraum bezogen: ja. Da Lindner allerdings vage blieb, konnte ihn sein Team bei Twitter verteidigen:

Bezogen auf diese Zeit hatte der FDP-Chef wiederum Recht – die Kriminalität stieg tatsächlich, wie das Bildblog in einem Faktencheck des Faktenchecks herausfand. Doch es ging noch ein wenig weiter: Daraufhin meldete sich der SPD-Bundestagsabgeordnete Ulrich Kelber aus Bonn bei Twitter und schrieb:

Und vergleicht man diese und nicht nur die Einbruchsversuche für Jägers komplette Amtszeit, so sank ihre Zahl ausweislich der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik für Nordrhein-Westfalen (PDF).

(Screenshot: https://www.polizei-nrw.de/media/Dokumente/PKS/2016/PKS_Jahrbuch_2016_II.pdf, S. 116)
(Screenshot: https://www.polizei-nrw.de/media/Dokumente/PKS/2016/PKS_Jahrbuch_2016_II.pdf, S. 116)

Was sich wiederum die SPD gerne auf ihre Fahnen schreibt.

Schauen wir zum Schluss noch auf die Aufklärungsquote, die sich ebenfalls in der Grafik findet. Auf diese bezogen hatte Christian Lindner im BILD-Interview ja gesagt, diese stagniere. Die Grafik zeigt, dass er dabei keinesfalls denselben Zeitraum (= Bilanz seit Dienstbeginn Jäger) meinen kann, denn in dieser Zeit ist die Quote von 12,9 auf 16,2 Prozent gestiegen. Legt man das zugrunde, hat Lindner tatsächlich Unrecht. Aber es ist auch nicht auszuschließen, dass er oder sein Team für diese Aussage gerne einen anderen Zeitraum zugrundelegen wollen. Ich habe sicherheitshalber mal nachgefragt:

Eine eventuelle Antwort liefere ich hier nach.

So oder so: Welche Zahlen relevant sind, muss der Wähler entscheiden – aber er muss wissen, woher genau sie kommen. Was die Beteiligten gerne verschweigen oder vernebeln – im eigenen Interesse. So wirkt es, als würde höchstens einer echte Zahlen nutzen und die anderen lügen. Dabei ist die Wahrheit differenzierter.

Wir gehen @mediasres

Funkhaus des Deutschlandfunks in Köln
Funkhaus des Deutschlandfunks in Köln

Medien sind heute für jeden selbstverständlich. Hat man sie vor 30 Jahren selbst lediglich konsumiert – und Zeitungen gelesen, Radio gehört, Fernsehen geguckt – so ist man heute selbst Medienproduzent. Und kann darüber hinaus noch auf eine Vielzahl von Quellen zurückgreifen, die früher Journalisten vorbehalten waren. Das bringt viele Vorteile und einige Nachteile. Vor allem aber hat es sehr viel Neues mit sich gebracht: nicht nur das persönliche Verhältnis zu Medien, sondern auch eine gewisse Überforderung, so ganz nebenbei die Seiten gewechselt zu haben.

Es ist eine ganze Reihe von Technologien, die dazu beigetragen haben: das Internet im Allgemeinen, soziale Netzwerke im Besonderen, mobile Netzwerkverbindungen, immer öfter verfügbares WLAN, die allzeit bereite Kamera im Handy für Fotos und Videos. All das versetzt jeden Nutzer heute in die Lage, nicht nur zu empfangen, sondern auch selbst zu senden. Mit all den Chancen und Schwierigkeiten, die das mit sich bringt.

Nicht nur haben Journalisten zuweilen das Gefühl, unter diesen Entwicklungen zu leiden, anstatt sie als Herausforderung zu begreifen. Auch kommen sie den Herausforderungen nur unzureichend entgegen – schon der Tatsache, wie präsent Medienthemen heute jeden Tag sind.

Lediglich auf den Medienseiten der Tageszeitungen und natürlich bei Mediendiensten im Netz geht es täglich um die Herausforderungen der allumfassenden Medialisierung. Was aber fehlt, ist ein tägliches Magazin im Radio, das sich mit Medienthemen beschäftigt.

Die bestehenden Medienmagazine im Radio – wie die gleichnamigen Sendungen etwa bei Radio Eins oder bei B5 aktuell, „Töne Texte Bilder“ bei WDR5 oder „Markt und Medien“ im Deutschlandfunk – leiden vor allem darunter, dass sie nicht so aktuell sind wie sie sein müssten. Und zum Teil im Ein-Mann-Betrieb arbeiten. Am Wochenende können sie nur noch zurückschauen auf Themen, die längst von verschiedenen Seiten aus betrachtet und durchgesprochen worden sind.

Der Deutschlandfunk schafft Abhilfe: Ab dem 20. März beschäftigt sich täglich eine 25-minütige Sendung mit Medien. Sie trägt den beziehungsreichen Titel @ mediasres. Sie will sich nicht nur mit tagesaktuellen Themen beschäftigen, sondern auch auf Hintergründe schauen und sich mit längerfristigen Entwicklungen beschäftigen – täglich zwischen 15.35 und 16 Uhr im Deutschlandfunk und natürlich im Netz.

Ich freue mich, dass ich als Redakteur und Moderator dabei sein kann.

Eine kleine Prosa über Thomas Hitzlsperger in der „Welt“

Es ist bemerkenswert, wie Welt online eine kleine Unterhaltung zwischen zwei Fußballern zu einem großen Artikel aufpumpt. Der Autor Stephan Flor wagt dabei Ausflüge in die Prosa, um aus einem kurzen Moment einen möglichst langen Artikel zu machen.

Und darum geht es: Fußballer Clarence Seedorf fragt seine Kollegen Thomas Hitzlsperger, warum dieser so offen darüber spreche, dass er schwul ist. Anschauen kann man sich das hier:

Das reicht Welt-Autor Flor aber nicht. Zunächst stellt er Hitzlsperger vor, dem er dann lobend bescheinigt:

Hitzlsperger macht aus seiner Homosexualität kein Geheimnis mehr, stellt sie aber auch nicht ins Schaufenster. Wenn es darauf ankommt und es wichtig ist, thematisiert er sie.

In diesem Stil geht es weiter. Immer wieder driftet Flor in Prosa ab, etwa wenn er schreibt:

Der Deutsche lockerte die Stimmung mit einem Spruch auf…

Dann wandte er sich mit einer ernsten Frage an Hitzlsperger.

Hitzlsperger erklärte Seedorf in zwei Minuten in beeindruckender Weise…

…sagte Hitzlsperger in geschliffenem Englisch.

Dann kommt Hitzlsperger zum entscheidenden Punkt, warum er es für so wichtig hält, über seine Homosexualität zu reden.

Hitzlsperger will niemanden mit seinen Aussagen ärgern, schon gar nicht Seedorf.

Die Worte beeindruckten Seedorf.

Es ist eine kleine subjektive Geschichte, die die „Welt“ hier erzählt, keine neutrale Erzählung dessen, was passiert ist. Woher weiß der Autor, was Hitzlsperger will? Wie beeindruckt Seedorf ist? Es sind eine ungewöhnliche Art, die kurze Episode zu erzählen.

Lesezeit laut „Welt“ übrigens: 4 Minuten. Dauer der Episode: rund 2 Minuten.

P.S.: Spiegel online macht vor, wie man das auch etwas sachlicher tun kann.

Die Krux des Symbolbilds

Manche Themen sind schwierig zu bebildern. Besonders abstrakte Geschichten machen Schwierigkeiten, etwa wenn es um Gefühle geht, sowie Geschichten, die allzu konkret sind, etwa ein Porträt eines anonymen Protagonisten. Auch Polizeiberichte sind nicht sonderlich dankbar, wenn man selbst nicht vor Ort war, sondern lediglich die Pressemitteilung der Polizei umschreibt. Leicht greift man dann zu Symbolbildern, die aber ihre Fallstricke haben.

Der Kölner Stadt-Anzeiger etwa berichtete heute über den Fall einer betrunkenen Mutter, die ihr Baby stillen wollte – und verwendete ein Symbolbild.

(Screenshot: http://www.ksta.de/region/rhein-sieg-bonn/hennef/volltrunkene-mutter-henneferin-stillt-ihr-kind-mit-1-8-promille-im-blut--25763374)
(Screenshot: http://www.ksta.de/region/rhein-sieg-bonn/hennef/volltrunkene-mutter-henneferin-stillt-ihr-kind-mit-1-8-promille-im-blut–25763374)

Das ist problematisch. Leser könnten das abgebildete Kind trotz der Bildunterschrift für das betroffene halten. Das Kind erscheint hier im Zusammenhang mit einer Kindesmisshandlung und bleibt damit insofern möglicherweise jahrelang verbunden – vor allem, weil es in der Google-Bildersuche ohne den Hinweis „Symbolbild“ angezeigt wird.

hennef2Auch bei Facebook und Twitter fällt der Bildhinweis automatisch weg.

Man muss also sorgfältig mit solchen Symbolbildern umgehen, weil die Abgebildeten damit in neue Zusammenhänge gestellt werden, wovon sie bei Ablichtung sicherlich nichts gewusst haben dürften.

Trump greift nicht nur Journalisten an – aber wir tun nichts dagegen

Das Weiße Haus in Washington, April 2016 (Foto: Stefan Fries)
Das Weiße Haus in Washington, April 2016 (Foto: Stefan Fries)

Der Ausnahmezustand ist inzwischen zum Ritual geworden. Donald Trump behauptet etwas, übertreibt, leugnet, lügt, greift die Medien an – und wir Journalisten reagieren vorhersehbar: Wir empören uns, diskutieren darüber, befragen Experten, interviewen uns gegenseitig, machen Trumps Angriffe zum Thema, beklagen uns über mangelnde Pressefreiheit.

Was wir nicht tun: darauf angemessen reagieren.

Natürlich ist es wichtig, die Grenzverletzungen des US-Präsidenten zu thematisieren. Aber dabei belassen wir es meistens. Was mir fehlt, sind Ideen, wie wir Journalisten fernab dieser Berichterstattung auf ihn reagieren können.

Denn in diesem Spiel sind wir eben nicht mehr nur Beobachter. Eigentlich schon seit Längerem, aber ist es nie deutlicher geworden als am Wochenende. Wir waren Beobachter, als Trump sich abfällig über behinderte Menschen, über Immigranten, über Muslime, über Schwule, über Frauen geäußert hat. Als er wegen dieser Vorwürfe angegriffen wurde. Aber wenn er nun immer wieder Journalisten angeht und sogar von einem „Krieg mit den Medien“ spricht, hilft es nicht, wenn wir nur über diesen Krieg berichten – ganz gleich, ob wir die Kriegserklärung annehmen oder nicht. Wir sind zum Spielball geworden.

Ich sehe aber nicht, dass wir uns darauf angemessen vorbereiten oder angemessen damit umgehen. Stattdessen wundern wir uns über jeden neuen Angriff und empören uns darüber. Und bedienen damit genau die Welle, die Trump auslöst.

Dabei wären bei solch gravierenden Angriffen auf die Pressefreiheit, wie sie Trump reitet, womöglich andere Reaktionen angemessener. Als er im Januar auf seiner ersten Pressekonferenz seit seiner Wahl den CNN-Reporter Jim Acosta angriff und sagte: „You are fake news“, reagierten die Kollegen im Saal nicht. Jeder wollte seine Frage stellen. Stattdessen hätten sie vielleicht gesammelt den Saal verlassen sollen. Oder jemand anderes hätte Acostas Fragen vorbringen sollen, wenn dieser es schon nicht durfte.

Nachdem Trumps Sprecher Sean Spicer ihnen am Wochenende vier Lügen auftischte, hätten sie einen Boykott künftiger Pressekonferenzen beschließen und verkünden sollen.

In der Berichterstattung über diese Äußerung bekamen erneut Trump-Leute das Wort. Im NBC-Interview sprach Trumps Beraterin Kellyanne Conway von alternativen Fakten. Und wieder bekam seine Seite die Deutungshoheit, so absurd diese Deutung auch sein mag.

Anstatt nur zu berichten, sollten Journalisten vielleicht ihre Leser, Hörer, Zuschauer, Nutzer aktivieren. Auf ihre Seite ziehen. Denn Trump greift ja nicht nur die Medien an, er zielt damit ja genauso auf deren Leser, Hörer, Zuschauer, Nutzer.

Trump ist nicht unverwundbar. Er braucht die Medien. Zwar erreichen seine Tweets und Posts Millionen. Aber ihre eigentliche Reichweite bekommen sie erst durch Journalisten, die sie aus dem Netz in Zeitung, Radio und Fernsehen bringen – und damit um ihre eigene Reichweite ergänzen.

Trump ist es wichtig, dass seine Amtseinführung als die größte in die Geschichte eingeht. Und das kann sie nur, wenn sie von klassischen Medien gecovert wird. Seine Reichweite im Netz ist begrenzt. Und die Ereignisse vom Wochenende zeigen, dass Trump die klassischen Medien nicht egal sind. Sonst würde er sich nicht bemühen, ihre Berichterstattung zu kritisieren. Sonst würde er nicht einen Pressesprecher vor die Reporter klassischer Medien schicken. Sonst würde er nicht seine Beraterin bei einem Fernsehsender auftreten lassen.

Journalisten sollten reagieren – auch wenn ich dafür keinen Masterplan habe. Mir ist bewusst, dass bestimmte Reaktionen zweischneidig sein können, etwa wenn Journalisten mit einem Boykott ihre Pflicht zur Berichterstattung verletzen würden. Allerdings verletzten sie ihre Pflicht auch, indem sie sich zum Spielball eines Präsidenten machen lassen und damit ihre eigene Unabhängigkeit gefährden. Eines Präsidenten, der in Sachen Medien durchaus nicht so unberechenbar ist wie man ihn auf anderen Feldern hält.