Diskutieren über Menschenrechte: „Oder soll man es lassen?“

In Breitband im Deutschlandfunk Kultur ging es heute um Empathie im digitalen Zeitalter.

Politische Kontroversen rufen immer extremere Positionen hervor. Über Flüchtlinge wird inzwischen bis hin zur Empathielosigkeit gegenüber dem Leid der anderen diskutiert. Aber ist Empathie hier überhaupt angemessen? Oder brauchen wir etwas anderes?

Anlass war der Artikel von Mariam Lau in der Wochenzeitung „Die Zeit“, in der sie die private Seenothilfe im Mittelmeer zur Disposition stellte. Die Debatte darüber habe ich für Breitband kurz zusammengefasst. Nachzuhören hier, nachzulesen hier:


Es war eine Debatte, die wie so oft in zwei Phasen verlief. Am Anfang sorgte der Artikel selbst für Aufregung, weil Kritiker die Menschenrechte relativiert sahen. In der öffentlichen Diskussion dominierte die Ablehnung der Contra-These von Mariam Lau. Inzwischen geht es aber um die Rolle des Journalismus und die Frage, ob so ein Text überhaupt veröffentlicht werden darf oder ob Journalisten nicht gewissen Werten verpflichtet seien. In der Debatte darüber twitterte Lau selbst:

Man muss sich mit einer gewissen Kälte über das Thema beugen und sich (die) Frage nach den Folgen des gutgemeinten Handelns vorlegen.

Der Medienberater und Journalist Thomas Knüwer beklagt in seinem Blog „Indiskretion Ehrensache“, dass „Die Zeit“ mit solchen Texten allerdings die Grenzen des Sagbaren verschiebe:

Ich glaube, dass die Zeit unbewusst und ohne darüber nachzudenken rechten Gedanken den Weg ins Bildungsbürgertum öffnet. Und wenn die Zeit erlaubt, dass man darüber nachdenkt, Menschen ersaufen zu lassen im Sinne einer größeren Lösung, dann ist das halt mit einem mal gesellschaftlich legitim.

Tatsächlich hat „Die Zeit“ schon kurz nach der ersten Kritikwelle eingelenkt – und in ihrer Print-Ausgabe diese Woche nachgelegt. Dort schreibt die Chefredaktion, Thema des Pro & Contras sei der Vorwurf gewesen – Zitat:

Die privaten Helfer würden trotz bester Absichten das zynische Geschäft der Schlepper befördern. Dieser Frage wollten auch wir uns annehmen – denn politische Diskussionen und moralische Dilemmata verschwinden nicht dadurch, dass man die Augen vor ihnen verschließt. Wir hatten es also gut gemeint – was aber bekanntlich oft das Gegenteil von gut ist.

Dass der Journalismus sich tatsächlich solcher Fragen annehmen soll, sehen viele Kollegen nicht so. Es gebe unverhandelbare Güter, Rechte und Prinzipien, twitterte etwa die Publizistin Carolin Emcke. Es habe nichts mit Liberalität zu tun, sie auf Pro- und Contra-Fragen zu reduzieren.

Journalismus muss also gewissen Werten verpflichtet sein. Das findet auch der US-Journalismusforscher Jay Rosen, der gerade zu einem Forschungsaufenthalt in Deutschland ist. Im Interview mit „Breitband“ sagte er vor zwei Wochen:

Journalists also have to oppose a political style in which the institutions of democracy and democratic attitudes are eroded or attacked. And I think, that is the problem: How do you oppose anti-democratic practices and forces in society, but not become the political opposition to those leaders?

 Journalisten müssen sich einem politischen Stil entgegenstellen, in dem demokratische Institutionen und Haltungen angegriffen werden. Das ist das Problem: Wie stellt man sich antidemokratischen Praktiken und Kräften entgegen, ohne eine politische Opposition zu ihren führenden Köpfen zu werden?

Nicht nur bei der „Zeit“, sondern auch in anderen Medien finden sich immer öfter rechte bis rechtsextreme Begriffe wie etwa „überfremdet“ oder eine solche Herangehensweisen an Themen. Für Medienberater Thomas Knüwer wäre es ein Anfang, wenn Journalisten sich darüber klar werden würden.

Ich glaube, wir brauchen in den Redaktionen eine Debatte über Haltung und darüber, wofür man steht. Ich glaube, wir brauchen noch viel mehr Journalisten, die sich darüber Gedanken machen, wie sich ihr Berufsstand eigentlich entwickelt.

Endet journalistische Arbeit am Twitter-Handle?

Seit dem Wochenende beharken sich Bild-Chefredakteur Julian Reichelt und ein paar Kollegen. Ist bei Reichelt nichts Neues und das allein nun keinen Blogpost wert. Interessant ist aber die Frage, um die es geht.

Im Kern lautet sie: Dürfen Journalisten Tweets mit umstrittenem oder sogar falschem Inhalt einfach so retweeten, ohne sie zu kommentieren?

Das ist natürlich keine juristische Frage, sondern eine ethische – oder sagen wir es etwas tiefer gehängt, eine Frage des journalistischen Handwerks. Die von Reichelt anders beantwortet wird als von seinen Gegnern in der Frage.

Es geht natürlich um Donald Trump und diesen Tweet:

Mindestens die Aussage

Crime in Germany is way up

ist ja ausweislich der polizeilichen Kriminalstatistik (mit all ihren Tücken) falsch, weil die Kriminalität auf dem niedrigsten Stand seit 25 Jahren ist. Also eine falsche Aussage – oder angesichts des Informationsstandes, die ein Präsident bei solche einer Aussage haben sollte: gelogen. Eine Aussage, die auch Reichelt retweetet hat – was ihm unter anderem die Kollegen vom Bildblog vorwerfen.

Tatsächlich ist das ja eine interessante Frage, die unser grundsätzliches Berufsverständnis betrifft: Leiten wir Botschaften von öffentlichen Akteuren einfach nur weiter oder ordnen wir sie ein?

In unserer täglichen Arbeit in unseren Medien sollte es selbstverständlich sein, dass wir kein reines „He said, she said“ betreiben und gegeneinanderstellen, sondern Aussagen einordnen und aufklären: Stimmt überhaupt, was Politiker A behauptet? Steht die Aussage von Politiker B im Widerspruch zu früheren Aussagen? Welche Position vertritt die Partei von Politiker C im Vergleich zu ihm? Ist die Position von Politiker D im Kreis derjenigen, die entscheiden, mehrheitsfähig? All das kann eine Einordnung sein, ohne dass man damit die ursprüngliche Aussage verfälscht. Aber nur weiterleiten – das ist die Aufgabe von PR-Agenturen und Pressesprechern.

Sollten diese Regeln aber nun auch für Journalisten auf Twitter gelten? Schließlich sind sie ja hier gerne „privat“ unterwegs, wie es in der Twitter-Bio oft heißt. Was natürlich eine Illusion ist, schließlich wird man als öffentliche Person auch in diesem Kontext so wahrgenommen. Und entsprechend twittern die meisten auch: in der Regel beruflich orientiert, mit Verweisen auf eigene Artikel und die von Kollegen, auf Recherche und in Diskussionen miteinander. Natürlich zahlt der Auftritt bei Twitter auch auf die eigene Marke ein.

Insofern ist die Frage nicht unberechtigt, ob man sich auch beim Twittern an journalistische Standards halten sollte. Ich halte es im Sinne der eigenen Glaubwürdigkeit für angebracht und bei manchen Inhalten, die man weiterleitet oder auf die man hinweist, auch notwendig. Mindestens zwangsläufig einseitige Äußerungen wie etwa von Politikern, Unternehmen und NGOs sollte man einordnen, vor allem, wenn sie umstrittenen Inhalts sind. Tweets von Donald Trump gehören unbedingt dazu.

Und der hier gemeinte Tweet mehr als andere, da Trump hier offensichtlich Lügen verbreitet. Wer so etwas unkommentiert retweetet, hilft dabei, diese Lüge weiterzuverbreiten. Wie schädlich sie für den demokratischen Diskurs und letztlich auch die Demokratie sind, ist an anderer Stelle schon ausführlich diskutiert worden.

Nichts anderes besagt die Kritik an Julian Reichelt. Dass er sich von Kritik bereits zensiert fühlt, ist freilich sein Problem. Spannend ist die zugrundeliegende Frage schon.

Nur weil Gauland anderen die Würde nimmt, darf man ihm nicht seine nehmen

Und nochmal schreibe ich über Alexander Gauland, diesmal jedoch in anderer Angelegenheit. Heute wurde bekannt, dass Gauland schon vergangene Woche Dienstag bestohlen worden ist. Er war nach einem Bericht der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ) in der Nähe seiner Wohnung in Potsdam ins Wasser gegangen. Währenddessen habe ein Unbekannter am Ufer der wilden Badestelle Gaulands Kleidung bestohlen – mit dem Ruf „Nazis brauchen keinen Badespaß“, so Gauland. Jetzt ermittelt der Staatsschutz.

Problematisch ist das Foto, das die MAZ zum Beitrag veröffentlicht hat. Es zeigt nämlich Gauland in Badehose, aufgenommen von hinten und offenbar aus größerer Entfernung (zu schließen aus der Auflösung des Fotos), wie er von einer Polizistin begleitet nach Hause geht. Als Quelle des Fotos wird „privat“ angegeben. Offenbar hat ein Passant das Foto gemacht.

Ich finde es journalistisch nicht gerechtfertigt, das Foto zu veröffentlichen, weil es ehrverletzend ist. Gauland hat sich selbst nicht auf diese Weise öffentlich gezeigt, sondern ist durch den mutmaßlichen Diebstahl dazu genötigt worden. Auch wenn er öffentliche Person ist, gibt es keinen Grund, ein Foto von ihm aus dieser privaten Situation zu veröffentlichen. Da hat es schon eindeutige Urteile gegeben.

Bei Twitter habe ich dazu viel Häme gelesen. Selbst als Kollegen das Foto problematisierten, stellte sich bei den Kritisierten kein Unrechtsbewusstsein ein. Gespeist wurde es vor allem aus der Tatsache, dass Gauland selbst keine Probleme hat, sich öffentlich ehrverletzend (und schlimmer) über andere zu äußern, insofern dürfe sich niemand darüber beschweren, dass ihm seine Ehre hier genommen werde.

Auch nicht besser als Gauland

Aber: Wollen wir denn wirklich dieselben niederträchtigen Methoden nutzen wie Gauland? Wollen wir uns herablassen, auf eine Stufe mit ihm? Müssten wir nicht vielmehr gerade deshalb genau den Regeln des Anstands folgen, die wir bei Gauland vermissen?

Die Würde des Menschen ist unantastbar – und sie gilt auch für diejenigen, die nicht danach handeln und sie abschaffen wollen.

Das ist manchmal schwer zu akzeptieren, aber es ist eine große Errungenschaft unserer Demokratie, die wir nicht opfern sollten, nur weil ihre Feinde es wollen.

Ich bin gespannt, wie sich die Märkische Allgemeine Zeitung dazu äußert. Auf eine Anfrage per Twitter meinerseits haben weder Redaktion noch Chefredakteurin Hanna Suppah bisher geantwortet. Dafür hat die MAZ zwar einen Artikel mit Reaktionen verfasst und in den Teaser geschrieben: „es gibt aber auch kritische Töne“. Das kritische Foto thematisiert der Artikel allerdings nicht.

„Kaum verständlich, ausweichend und selbstgerecht“

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht eine ganzseitige Anzeige zum Jahrestag des Türkei-Putschversuchs und viele fragen sich angesichts der Entwicklung des Landes: Warum? Der Verlag verteidigt sich – und befeuert damit die Kritik noch. Mein Interview mit dem Kommunikationswissenschaftler Volker Lilienthal von der Universität Hamburg in @mediasres.

Presserat veröffentlicht Leitsätze zur neuen Verdachtsberichterstattung

Der Deutsche Presserat hat neue Leitsätze für die Berichterstattung zur Herkunft potentieller Straftäter veröffentlicht. Die neuen Richtlinien sollen Entscheidungshilfen für den Redaktionsalltag sein. Details zur Biographie des Täters dürfen nun häufiger erwähnt werden. Mit dem Thema habe ich mich für @mediasres im Deutschlandfunk beschäftigt.

Warum Aprilscherze in Medien gerade wenig angebracht sind

Bezahlen für Wahlen?

tagesschau.de schreibt heute:

Die Milliardenumsätze bei den Sportrechten haben offenbar Begehrlichkeiten geweckt: In einer Machbarkeitsstudie für den Bundeswahlleiter spielt eine Agentur die Möglichkeit durch, die Übertragungsrechte für die Bundestagswahl zu vermarkten.

Das klingt skandalös. Und nachfolgend bedient Autor Wulf Rohwedder ein paar Vorurteile: die raffgierige Unternehmensagentur, die die Studie angefertigt haben soll, der Bundeswahlleiter, für den die Studie sein sollte, von dem aber unklar ist, ob er sie selbst in Auftrag gegeben hat, der ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke, der das Modell zwar ablehnt, aber trotzdem mitmachen würde.

Am Ende des Textes gibt es einen Link, der angeblich zur Studie führt, tatsächlich aber auf das Tagesschau-Dossier „Aprilscherze“.

Ich bin nicht humorlos, aber ich halte solche Aprilscherze in Zeiten von Vorwürfen sogenannter „Fake News“ und „Lügenpresse“ für gefährlich. Auch wenn nur ein kleiner Teil der Nutzer diese Begriffe benutzen würde, so finden sich doch in einem größeren Teil der Zuschauerschaft Menschen, die mit einem bestimmten Misstrauen mit Medien umgehen. Dieses Misstrauen ist prinzipiell wichtig, denn wir brauchen kritische Nutzer, keine, die uns blind vertrauen. Aber es gilt auch, dieses Vertrauen nicht zu verspielen.

Schließlich ist bekannt, wie schnell die Erregungsmaschine heute läuft, und wie wenige Nutzer tatsächlich einen Beitrag (bis zum Ende) lesen. Und nur am Ende gibt es den Hinweis auf den April-Scherz – und nur durch einen weiteren Klick. Wer den Artikel in sozialen Netzwerken findet, wo er nur Foto, Überschrift und Teaser findet, wer Kommentare nicht liest, in denen andere Nutzer den Charakter der Meldung schon offengelet haben, wer den Artikel nur überfliegt und durch die echten Links und die gesamte Aufmachung auf einen regulären Beitrag schließen muss, wer am Ende nicht auf den Link zur Studie klickt (mal ehrlich: wie viele Leute machen das?), dem entgeht die Auflösung.

Natürlich würde er dann noch nicht auf eine Falschmeldung schließen können, aber Vorurteile wurden bereits bedient. Trägt er aber im Bewusstsein, die Meldung sei richtig, dieses Wissen mit sich herum, und bringt es an späterer Stelle an, bis er wiederlegt ist, fühlt er sich zurecht getäuscht. Und das von einer Quelle, die er bisher noch für seriös hielt. Wir wissen schließlich auch, dass die Auflösung einer Propagandameldung oder Falschnachricht nur noch einen Bruchteil derjenigen erreicht, die diese Meldung für wahr halten.

Die Tagesschau hat sich mit diesem Aprilscherz keinen Gefallen getan. Und andere Medien tun es auch nicht. Gerade jetzt gilt mehr denn je, für Vertrauen zu sorgen anstatt – auch am 1. April – dieses aufs Spiel zu setzen. Zeitungen in Norwegen und Schweden verzichten deshalb dieses Jahr darauf.

Staatspresse Focus Online

(Screenshot: focus.de)
(Screenshot: focus.de)

Wie ernst man Focus Online nehmen muss, sei mal dahingestellt. Heute landete ich zufällig auf der Seite, weil ich nach eine Pressemitteilung der Polizei in Hoyerswerda suchte. Fündig wurde ich nicht etwa im Presseportal, sondern bei Focus online. Dort war die Pressemitteilung im Original abgedruckt – unbearbeitet, nicht nachrecherchiert. Einfach eins zu eins durchgereicht. Kein Wunder: Schließlich wurde die Mitteilung vom Sächsischen Staatsministerium des Innern erstellt – und bei Focus Online veröffentlicht.

erstelltImmerhin weist die Redaktion selbst darauf hin. Fragwürdig finde ich es dennoch.

Wir gehen @mediasres

Funkhaus des Deutschlandfunks in Köln
Funkhaus des Deutschlandfunks in Köln

Medien sind heute für jeden selbstverständlich. Hat man sie vor 30 Jahren selbst lediglich konsumiert – und Zeitungen gelesen, Radio gehört, Fernsehen geguckt – so ist man heute selbst Medienproduzent. Und kann darüber hinaus noch auf eine Vielzahl von Quellen zurückgreifen, die früher Journalisten vorbehalten waren. Das bringt viele Vorteile und einige Nachteile. Vor allem aber hat es sehr viel Neues mit sich gebracht: nicht nur das persönliche Verhältnis zu Medien, sondern auch eine gewisse Überforderung, so ganz nebenbei die Seiten gewechselt zu haben.

Es ist eine ganze Reihe von Technologien, die dazu beigetragen haben: das Internet im Allgemeinen, soziale Netzwerke im Besonderen, mobile Netzwerkverbindungen, immer öfter verfügbares WLAN, die allzeit bereite Kamera im Handy für Fotos und Videos. All das versetzt jeden Nutzer heute in die Lage, nicht nur zu empfangen, sondern auch selbst zu senden. Mit all den Chancen und Schwierigkeiten, die das mit sich bringt.

Nicht nur haben Journalisten zuweilen das Gefühl, unter diesen Entwicklungen zu leiden, anstatt sie als Herausforderung zu begreifen. Auch kommen sie den Herausforderungen nur unzureichend entgegen – schon der Tatsache, wie präsent Medienthemen heute jeden Tag sind.

Lediglich auf den Medienseiten der Tageszeitungen und natürlich bei Mediendiensten im Netz geht es täglich um die Herausforderungen der allumfassenden Medialisierung. Was aber fehlt, ist ein tägliches Magazin im Radio, das sich mit Medienthemen beschäftigt.

Die bestehenden Medienmagazine im Radio – wie die gleichnamigen Sendungen etwa bei Radio Eins oder bei B5 aktuell, „Töne Texte Bilder“ bei WDR5 oder „Markt und Medien“ im Deutschlandfunk – leiden vor allem darunter, dass sie nicht so aktuell sind wie sie sein müssten. Und zum Teil im Ein-Mann-Betrieb arbeiten. Am Wochenende können sie nur noch zurückschauen auf Themen, die längst von verschiedenen Seiten aus betrachtet und durchgesprochen worden sind.

Der Deutschlandfunk schafft Abhilfe: Ab dem 20. März beschäftigt sich täglich eine 25-minütige Sendung mit Medien. Sie trägt den beziehungsreichen Titel @ mediasres. Sie will sich nicht nur mit tagesaktuellen Themen beschäftigen, sondern auch auf Hintergründe schauen und sich mit längerfristigen Entwicklungen beschäftigen – täglich zwischen 15.35 und 16 Uhr im Deutschlandfunk und natürlich im Netz.

Ich freue mich, dass ich als Redakteur und Moderator dabei sein kann.

Die Krux des Symbolbilds

Manche Themen sind schwierig zu bebildern. Besonders abstrakte Geschichten machen Schwierigkeiten, etwa wenn es um Gefühle geht, sowie Geschichten, die allzu konkret sind, etwa ein Porträt eines anonymen Protagonisten. Auch Polizeiberichte sind nicht sonderlich dankbar, wenn man selbst nicht vor Ort war, sondern lediglich die Pressemitteilung der Polizei umschreibt. Leicht greift man dann zu Symbolbildern, die aber ihre Fallstricke haben.

Der Kölner Stadt-Anzeiger etwa berichtete heute über den Fall einer betrunkenen Mutter, die ihr Baby stillen wollte – und verwendete ein Symbolbild.

(Screenshot: http://www.ksta.de/region/rhein-sieg-bonn/hennef/volltrunkene-mutter-henneferin-stillt-ihr-kind-mit-1-8-promille-im-blut--25763374)
(Screenshot: http://www.ksta.de/region/rhein-sieg-bonn/hennef/volltrunkene-mutter-henneferin-stillt-ihr-kind-mit-1-8-promille-im-blut–25763374)

Das ist problematisch. Leser könnten das abgebildete Kind trotz der Bildunterschrift für das betroffene halten. Das Kind erscheint hier im Zusammenhang mit einer Kindesmisshandlung und bleibt damit insofern möglicherweise jahrelang verbunden – vor allem, weil es in der Google-Bildersuche ohne den Hinweis „Symbolbild“ angezeigt wird.

hennef2Auch bei Facebook und Twitter fällt der Bildhinweis automatisch weg.

Man muss also sorgfältig mit solchen Symbolbildern umgehen, weil die Abgebildeten damit in neue Zusammenhänge gestellt werden, wovon sie bei Ablichtung sicherlich nichts gewusst haben dürften.

Trump greift nicht nur Journalisten an – aber wir tun nichts dagegen

Das Weiße Haus in Washington, April 2016 (Foto: Stefan Fries)
Das Weiße Haus in Washington, April 2016 (Foto: Stefan Fries)

Der Ausnahmezustand ist inzwischen zum Ritual geworden. Donald Trump behauptet etwas, übertreibt, leugnet, lügt, greift die Medien an – und wir Journalisten reagieren vorhersehbar: Wir empören uns, diskutieren darüber, befragen Experten, interviewen uns gegenseitig, machen Trumps Angriffe zum Thema, beklagen uns über mangelnde Pressefreiheit.

Was wir nicht tun: darauf angemessen reagieren.

Natürlich ist es wichtig, die Grenzverletzungen des US-Präsidenten zu thematisieren. Aber dabei belassen wir es meistens. Was mir fehlt, sind Ideen, wie wir Journalisten fernab dieser Berichterstattung auf ihn reagieren können.

Denn in diesem Spiel sind wir eben nicht mehr nur Beobachter. Eigentlich schon seit Längerem, aber ist es nie deutlicher geworden als am Wochenende. Wir waren Beobachter, als Trump sich abfällig über behinderte Menschen, über Immigranten, über Muslime, über Schwule, über Frauen geäußert hat. Als er wegen dieser Vorwürfe angegriffen wurde. Aber wenn er nun immer wieder Journalisten angeht und sogar von einem „Krieg mit den Medien“ spricht, hilft es nicht, wenn wir nur über diesen Krieg berichten – ganz gleich, ob wir die Kriegserklärung annehmen oder nicht. Wir sind zum Spielball geworden.

Ich sehe aber nicht, dass wir uns darauf angemessen vorbereiten oder angemessen damit umgehen. Stattdessen wundern wir uns über jeden neuen Angriff und empören uns darüber. Und bedienen damit genau die Welle, die Trump auslöst.

Dabei wären bei solch gravierenden Angriffen auf die Pressefreiheit, wie sie Trump reitet, womöglich andere Reaktionen angemessener. Als er im Januar auf seiner ersten Pressekonferenz seit seiner Wahl den CNN-Reporter Jim Acosta angriff und sagte: „You are fake news“, reagierten die Kollegen im Saal nicht. Jeder wollte seine Frage stellen. Stattdessen hätten sie vielleicht gesammelt den Saal verlassen sollen. Oder jemand anderes hätte Acostas Fragen vorbringen sollen, wenn dieser es schon nicht durfte.

Nachdem Trumps Sprecher Sean Spicer ihnen am Wochenende vier Lügen auftischte, hätten sie einen Boykott künftiger Pressekonferenzen beschließen und verkünden sollen.

In der Berichterstattung über diese Äußerung bekamen erneut Trump-Leute das Wort. Im NBC-Interview sprach Trumps Beraterin Kellyanne Conway von alternativen Fakten. Und wieder bekam seine Seite die Deutungshoheit, so absurd diese Deutung auch sein mag.

Anstatt nur zu berichten, sollten Journalisten vielleicht ihre Leser, Hörer, Zuschauer, Nutzer aktivieren. Auf ihre Seite ziehen. Denn Trump greift ja nicht nur die Medien an, er zielt damit ja genauso auf deren Leser, Hörer, Zuschauer, Nutzer.

Trump ist nicht unverwundbar. Er braucht die Medien. Zwar erreichen seine Tweets und Posts Millionen. Aber ihre eigentliche Reichweite bekommen sie erst durch Journalisten, die sie aus dem Netz in Zeitung, Radio und Fernsehen bringen – und damit um ihre eigene Reichweite ergänzen.

Trump ist es wichtig, dass seine Amtseinführung als die größte in die Geschichte eingeht. Und das kann sie nur, wenn sie von klassischen Medien gecovert wird. Seine Reichweite im Netz ist begrenzt. Und die Ereignisse vom Wochenende zeigen, dass Trump die klassischen Medien nicht egal sind. Sonst würde er sich nicht bemühen, ihre Berichterstattung zu kritisieren. Sonst würde er nicht einen Pressesprecher vor die Reporter klassischer Medien schicken. Sonst würde er nicht seine Beraterin bei einem Fernsehsender auftreten lassen.

Journalisten sollten reagieren – auch wenn ich dafür keinen Masterplan habe. Mir ist bewusst, dass bestimmte Reaktionen zweischneidig sein können, etwa wenn Journalisten mit einem Boykott ihre Pflicht zur Berichterstattung verletzen würden. Allerdings verletzten sie ihre Pflicht auch, indem sie sich zum Spielball eines Präsidenten machen lassen und damit ihre eigene Unabhängigkeit gefährden. Eines Präsidenten, der in Sachen Medien durchaus nicht so unberechenbar ist wie man ihn auf anderen Feldern hält.