Warum Fake-News-Produzenten jetzt gegen Fake-News kämpfen wollen

Der Begriff „Fake-News“ hat eine erstaunliche Karriere gemacht. Ursprünglich benutzten ihn Journalisten, um mehrere Phänomene von gezielten Lügen und Propaganda zusammenzufassen. Sie zielten dabei unter anderem auf die Präsidenten der USA und Russlands, Donald Trump und Wladimir Putin. Inzwischen benutzen diese beiden selbst den Begriff, um missliebige Fakten zu diskreditieren.

Es bedurfte eigentlich nicht Donald Trumps, um sich als Journalist vom Begriff der Fake-News zu verabschieden. Einige Journalisten haben das schon getan. Dennis Horn etwa schrieb:

…gerade weil „Fakenews“ alles und nichts sind, lässt sich der Begriff wunderbar nutzen, um damit nicht mehr nur Falschmeldungen, Propaganda und Lügen zu brandmarken. Genutzt wird er auch für Inhalte, die nicht ins eigene Weltbild passen. Kommt der zukünftige US-Präsident Donald Trump mit kritischer Berichterstattung nicht klar, nennt er sie „Fakenews“.

Auch Margret Sullivan von der Washington Post hatte schon vor Monaten angekündigt, auf den Begriff zu verzichten.

Zunächst hatte Trump angekündigt, gegen Fake-News vorzugehen, die seiner Ansicht nach vor allem von den Medien verbreitet werden, weil sie angeblich so „unfair“ über ihn berichten würden und „außer Kontrolle“ seien (vor allem außerhalb seiner Kontrolle). Seine Kampagne hatte dazu aufgerufen, Geld zu spenden, um gegen die sogenannten Mainstream-Medien vorzugehen – bisher offenbar ohne größeren Erfolg.

Jetzt hat zu allem Überfluss auch noch Russland eine Anti-Fake-News-Kampagne gestartet, berichtet unter anderem der Deutschlandfunk:

Das Ganze entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn gerade aus Russland kommen auch oft gezielte Falschmeldungen.

Selbst ihre Kritik an angeblich unterdrückter Berichterstattung in Deutschland, wie im Fall Lisa, war falsch. Der Verfassungsschutz wirft Russland vor, Propaganda- und Desinformationskampagnen über staatliche und soziale Medien zu betreiben. Ziel: eine Verunsicherung der Gesellschaft sowie die Schwächung und Destabilisierung der Bundesrepublik.

Dass ausgerechnet die größten Verbreiter von Fake-News jetzt dagegen kämpfen wollen, ist nicht ohne Ironie, aber leider nicht zum Lachen. Ein Grund dafür mag weniger die Tatsache sein, dass sie sich in Sachen Propaganda nicht die Butter vom Brot nehmen lassen wollen – wo kämen wir hin, würde jeder seine eigene betreiben. Aber letztlich steckt dahinter der Versuch, die Glaubwürdigkeit jeglicher Berichterstattung zu unterminieren. Wenn es keine absoluten Wahrheiten mehr gibt, ist es noch leichter, Propaganda zu betreiben.

Womöglich ist die Motivation im Fall der Bild-Zeitung eine andere, jedenfalls nicht in jedem Fall politisch getriebene. Aber dennoch erinnern mich die Anti-Fake-News-Kampagnen der Fake-News-Verbreiter ein wenig auch an die neue Ehrlichkeits-Offensive der BILD-Zeitung. In einem Interview hatte der Vorsitzende der Bild-Chefredaktionen, Julian Reichelt, angekündigt, seine Zeitung wolle zum ehrlichsten Medium Deutschlands werden. Stefan Niggemeier belegte mit Beispielen, wie absurd dieser Anspruch ist, und kommentierte:

Reichelt möchte gern, dass Leute ihn und sein Blatt für besonders ehrlich halten, und naturgemäß fällt ihm als bestes Mittel dazu die Lüge ein.

Auch am neuen Ombudsmann der Leser, dem früheren Deutschlandradio-Intendanten Ernst Elitz, gibt es Zweifel, war er doch laut Bildblog lange eher ein „Fanboy“ der Bild – und lässt sich seit Jahren in der Zeitung selbst wohl auch nicht ganz richtig darstellen.

Es wäre ja wünschenswert, wenn wirklich gegen Lügen und Propaganda vorgegangen würde. Aber diejenigen, die den Begriff Fake-News am liebsten verwenden, tun das nicht ohne Grund: weil sie nämlich nicht den Begriff lieben, sondern die Fake-News selbst.

Zweite Quelle? Braucht keiner mehr.

Manfred Krug 001

Der Tod des Schauspielers Manfred Krug ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell Informationen heute in der Welt sind, ohne dass sie bestätigt wären. Allein die BILD-Zeitung berichtete zunächst davon. Auf Nachfrage der Nachrichtenagentur EPD weiß selbst das Management von Manfred Krug erst mal nichts dazu zu sagen. Sie schreibt:

Krugs Management konnte die Meldung auf epd-Anfrage zunächst nicht bestätigen.

Trotzdem ist die Nachricht nicht aufzuhalten. In den deutschen Twitter-Trends steigt sie in kürzester Zeit auf Rang 2. Bei Google News finden sich schnell ein Dutzend Berichte, die sich alle auf die Bild-Zeitung berufen. Eigene Recherche? Fehlanzeige.

Gegen 14 Uhr kommen dann erste Bestätigungen. Die Tagesschau beruft sich auf das Management, das zwischenzeitlich offenbar eine Bestätigung einholen konnte. Auch der Mitteldeutsche Rundfunk berichtet unter Berufung auf das Management.

Es bleibt festzuhalten, wie schnell sich so eine Meldung inzwischen verbreitet, ohne dass es eine zweite Quelle gibt – eigentlich ein grundsätzliches Prinzip von Journalisten. Und die tragen zur Verbreitung in gleicher Weise bei wie Nutzer. Das zeigt, wie sehr das Zwei-Quellen-Prinzip mittlerweile geschliffen ist. Journalisten des einen Mediums berufen sich auf die des anderen – und für den Nutzer erscheint allein die Fülle der Meldungen wie eine Bestätigung, auch wenn sich alle auf dieselbe Quelle berufen.

Terroranschläge in den Medien: Brauchen wir diese Bilder?

(Screenshot: Twitter)
(Screenshot: Twitter)

Nach jedem neuen Terroranschlag in Europa flammt eine Diskussion darüber auf, ob zu spät oder zu wenig berichtet wurde. Mich ermüdet das. Weniger deswegen, weil viele Kritiker glauben, es besser zu wissen und besser machen zu können, auch wenn sie keine Journalisten sind. Mehr deswegen, weil sie damit indirekt fordern, dass wir Journalisten das Geschäft des Terrors erledigen – nämlich, Schrecken zu verbreiten.

Würde es Terroristen im Kern nur darum gehen, möglichst viele Menschen zu töten, wären sie in Europa noch nicht weit gekommen. Rechnet man die Opferzahlen der größten Anschläge von Madrid, London, Brüssel, Paris, Kopenhagen, Istanbul und Nizza zwischen 2004 und 2016 zusammen, kommt man auf etwa 550. Angesichts von mehreren hundert Millionen Europäern eine verschwindend geringe Summe.

Bedenkt man aber die Auswirkungen dieser Anschläge auf unser Leben, die sich schon allein in der Verschärfung von Gesetzen, der Einschränkung von Freiheiten und der Aufstockung bei Sicherheitskräften zeigen, sind sie nicht zu verkennen. Entscheidend dürfte aber diese Folge sein: Die Täter sorgen für Angst und Schrecken.

Wenn sie mit dem Flugzeug in Hochhäuser fliegen, mit Bomben Bahnen sprengen, mit Schusswaffen ins Museum laufen, mit dem Lastwagen in eine Menschenmenge fahren, gibt das immer wieder neue und spektakuläre Bilder für die Öffentlichkeit. Nicht nur Bilder in Form von Fotos oder Videos, sondern auch Vorstellungen, die sich Menschen durch detaillierte Erzählungen machen.

So filmte der Journalist Richard Gutjahr zufällig das Tatwerkzeug in Nizza, den Lastwagen, wie er Fahrt aufnimmt; schon dieser Anlauf ist erschreckend. SPIEGEL online betitelt einen Artikel mit Berichten von Augenzeugen mit dem Zitat: „Die Menschen sind weggeflogen wie Bowling-Kegel“. Und BILD-Chefredakteurin Tanit Koch twitterte bzw. retweetete Fotos und Videos von Leichen – zum Glück nicht ohne Kritik.

Was sollen wir zeigen?

Im Pressekodex heißt es in Ziffer 11:

Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid.

Und in Ziffer 11.2 führt der Kodex etwas detaillierter aus:

Bei der Berichterstattung über Gewalttaten, auch angedrohte, wägt die Presse das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegen die Interessen der Opfer und Betroffenen sorgsam ab. Sie berichtet über diese Vorgänge unabhängig und authentisch, lässt sich aber dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen.

Der erste Satz wird im Großen und Ganzen befolgt, solange Journalisten nicht, wie Tanit Koch, die Persönlichkeitsrechte von Opfern und Betroffenen verletzen. Das geschieht auch noch nicht dadurch, dass über den Ablauf des Anschlags, die Waffe, das Vorgehen, den mutmaßlichen Täter usw. berichtet wird. Aber halten wir Journalisten uns auch an den zweiten Satz?

Berichten wir wirklich unabhängig, wenn wir grausame Bilder zeigen und Details schildern, die bei unserem Publikum zu Angst und Schrecken führen? Machen wir uns nicht abhängig von den Bildern, lassen uns von ihrer Existenz dazu verleiten, sie auch zu zeigen? Ist es das, was wir uns unter authentisch vorstellen, wenn wir einfach draufhalten, ohne jede Distanz? Denn ist schließlich nicht die mediale Verbreitung der Taten ein großer, vielleicht der wichtigste Teil eines Anschlags?

Journalisten als Handlanger von Terroristen?

Die Bild-Zeitung ging in der Vergangenheit sogar noch weiter und berichtete selbst über Bilder, die ohne sie keine Öffentlichkeit gefunden hätten, nämlich Videos der Terrormiliz IS, die sie detailliert schilderte, zugleich als „widerliche Propaganda-Aktion“ angeblich verurteilte und die Propaganda damit perfekt machte.

Anders bei öffentlich sichtbarer Kriminalität wie Terroranschlägen. Für Journalisten war es dabei immer schon schwierig, das im Pressekodex genannte Informationsinteresse der Öffentlichkeit abzuwägen gegen die gleichermaßen benannte Warnung davor, sich nicht zum Werkzeug von Verbrechern zu machen. Gerade in der aktuellen Berichterstattung, kurz nach einem Anschlag, wenn nur wenige Informationen und wenige Bilder vorliegen, greifen sie auf das zurück, was sie haben. Dabei bleibt wenig Zeit fürs Nachdenken, für Analyse, Einordnung, Hintergrund. Stattdessen wird das Geschehen eins zu eins wiedergegeben – und damit die Botschaft der Terroristen transportiert. Das ist der Preis, wenn man früh und über alles informiert werden möchte. Dessen muss man sich zumindest bewusst sein.

Moderator Philipp Banse fasste das Dilemma in der Mediensendung „Breitband“ im Deutschlandradio Kultur in eine Frage:

„Wieviel Horror müssen wir als eine Gesellschaft ertragen, um uns informiert und aufgeklärt nennen zu können, und welche Sachen müssen wir einfach nicht wissen?“

Der Kulturjournalist Arno Frank antwortete, dass zum Beispiel ein Foto der „Daily Mail“, wie der Terrorist in Nizza erschossen wird, kein Informationsbedürfnis befriedige, sondern eher ein pornographisches.

„Ich behaupte (…), dass diese Bilder eine gewisse Verführungsmacht haben, sie werden uns ja schließlich angeboten. Und das ist alles nur einen Klick entfernt und schon ziemlich zudringlich, solange ich Smartphones habe und im Internet überhaupt unterwegs bin.“

Frank verwies indirekt darauf, dass Journalisten die Verantwortung hätten, was sie davon an ihre Nutzer weitergeben; sie böten ihnen einen Filter, indem sie ihnen diese Bilder vorenthielten.

Marion Müller, Professorin für Massenkommunikation an der privaten Jacobs University Bremen, sagte, Bilder würden assoziativ wahrgenommen und seien mächtiger, was emotionale Reaktionen angehe, während Text eher auf argumentativer Ebene verstanden werde. Bilder könnten traumatische Wirkungen haben.

Das Aus für die Gatekeeper

Dass Journalisten überhaupt vorgeworfen werden kann, zu langsam, zu zögerlich, zu zurückhaltend zu berichten, liegt vor allem daran, dass sich Nutzer auch anders informieren können. Sie sehen, wie Informationen zum Beispiel über einen Anschlag via Twitter und Facebook, per Facebook live und Periscope verbreitet werden. Arno Frank glaubt:

„Das ist den klassischen oder herkömmlichen Medien inzwischen sogar entglitten, die Kontrolle über die Bilder, die wir sehen. Die finden ihren Weg, und die finden sie über Kanäle, auf die der klassische oder herkömmliche Journalist keinen Zugriff mehr hat.“

Die Nutzer sind damit zwar einen Schritt näher am Geschehen, aber damit auch einen Schritt näher an Angst und Schrecken der Terroristen und zugleich einen Schritt weiter weg davon, zu verstehen, was passiert ist.

Ich finde nicht, dass Journalisten diesen Schritt auf ihre Nutzer zugehen sollten. Sie sollten sich vielmehr trauen, den Schritt zurückzutreten, um sich nicht in der Angst und dem Schrecken zu verlieren, den die Terroristen provozieren wollen. Wenn Journalisten in ihrer Berichterstattung auf schreckenerregende Details verzichten, wenn sie sachlich und unemotional über den Ablauf der Tat berichten, wenn sie Einordnung und Hintergrund liefern, erledigen sie ihre Arbeit.

Sie sollten aber zugleich thematisieren, wie sie mit Bildern und Informationen umgehen. Wenn sie Details auslassen oder Bilder nicht zeigen, obwohl es sie gibt, sollten sie ihre Entscheidungen transparent machen und begründen. Auch auf die Gefahr hin, dass sich die Nutzer diese Bilder im Netz selber suchen. Aber dafür müssen sie aktiv werden, und sie wissen, was sie erwartet.

Zu dieser Einstellung gehört aber auch, sich Zeit zu nehmen, Abstand zu gewinnen, ein zweites und drittes Mal darüber nachzudenken, welche Bilder man zeigt und welche nicht, welche Informationen mal als verifiziert weitergibt und welche man lieber länger prüft. Dann muss man auch Vorwürfe aushalten, man berichte zu spät oder zu wenig.

Nachtrag, 18. Juli: Matern Boeselager (@m_boeselager) geht in seinem Text bei VICE noch weiter als ich, wenn er schreibt: „Warum ignorieren wir den Terror nicht einfach?“ Er plädiert für Zurückhaltung und schlägt etwa vor, dass die Medien nach einem Anschlag nur meldeten, dass er passiert ist, wie viele Menschen getötet worden, ob der Täter noch auf freiem Fuß sei oder nicht, ob der Flughafen gesperrt sei.

Niemand würde den Namen des Täters nennen, niemand seine Tagebücher oder Fotos seines Hauses veröffentlichen. Niemand würde ihn unsterblich machen.

Nachtrag, 19. Juli: Stefan Winter hat sich bei Meedia auch mit der Bilderflut beschäftigt. Auf die Frage, was man zeigen soll, hat er keine Antwort:

Diese Fragen sind schwierig und sie müssen wohl jedesmal aufs Neue gestellt und aufs Neue beantwortet werden. Auch diesmal.

Nachtrag, 20. Juli: Der Politikwissenschaftler Matthias Herrmann (@mhermann) schrieb im Schweizer Tagesanzeiger:

Längst ist bekannt, dass immer umfänglicher bebilderte terroristische Taten und Amokläufe nur noch mehr Nachahmungstäter auf den Plan rufen. Dazu kommt, dass mit der Bilderflut jeder nächste Täter von seinen Vorgängern lernen kann, ohne selbst vor Ort gewesen zu sein.

Weiterführend:

Mathias Müller von Blumencron: Ohne Kompass. Wie soziale Medien den Terror anfachen

Frank Lübberding: Soziale Netzwerke als Propagandainstrument