Medien entschuldigen NRW-Innenminister Herbert Reul, der dafür selbst keinen Anlass sieht

Der Plan von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) ist offenbar aufgegangen. Fast alle Medien haben berichtet, er habe sich für seine umstrittene Äußerung vom Mittwoch entschuldigt. Und das, ohne dass er sich wirklich entschuldigt hat.

Zeit online schreibt:

Die Frankfurter Rundschau schreibt online:

Und die WAZ:

Spiegel online:

Bild Düsseldorf:

Freie Presse:

Nach zwei Tagen hat NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) zumindest eingesehen, dass seine Justizschelte nicht sonderlich klug war. In der Rheinischen Post hatte Reul am Donnerstag das Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster im Fall Sami A. kritisiert:

Die Unabhängigkeit von Gerichten ist ein hohes Gut. Aber Richter sollten immer auch im Blick haben, dass ihre Entscheidungen dem Rechtsempfinden der Bevölkerung entsprechen. (…) Wenn die Bürger Gerichtsentscheidungen nicht mehr verstehen, ist das Wasser auf die Mühlen der Extremen.

Reul forderte also indirekt, dass sich Gerichte nicht nach den Gesetzen richten sollten, die Politiker wie er selbst zuvor selbst gemacht hatten, sondern sich nach einer Art Meinung der Masse richten sollten. Dass Reul für diese fragwürdige Haltung stark kritisiert wurde, sollte ihn nicht verwundern.

Am Freitag veröffentlichte er eine Erklärung, in der er sich scheinbar von seinen früheren Worten distanzierte. Wenn man sich die Erklärung im Wortlaut (zu finden u.a. hier) durchliest, merkt man aber, dass er das nur begrenzt tut.

„Die Unabhängigkeit von Gerichten ist ein hohes Gut.“ – so lautet der erste Satz meiner Aussage. Das bedeutet für mich natürlich, dass Richter ihre Entscheidungen nach Recht und Gesetz treffen müssen und sich die Verwaltung an diese Gerichtsentscheidungen hält. Diese Grundsätze des Rechtsstaatsprinzips sind für mich selbstverständlich. Mir ist inzwischen klar geworden, dass meine Erklärung in dieser Hinsicht missverstanden werden konnte. Das bedauere ich.

Mir ging es bei meiner Äußerung darum, auf die öffentliche Wirkung des Beschlusses des Gerichtes zur Rückholung eines ausreisepflichtigen Gefährders und seine möglichen Folgen für die gesellschaftspolitische Debatte hinzuweisen. Ich habe die große Sorge, dass die Bürgerinnen und Bürger die Entscheidungen staatlicher Institutionen immer weniger verstehen. Alle staatlichen Gewalten sollten daher mehr Aufmerksamkeit darauf verwenden, ihr Handeln zu erklären.

An keiner Stelle entschuldigt sich Reul ausdrücklich für seine Äußerung oder nimmt sie zurück. Er bedauert nicht seine Worte, sondern deren Wirkung, wenn er sagt:

Mir ist inzwischen klar geworden, dass meine Erklärung in dieser Hinsicht missverstanden werden konnte.

Seine grundsätzliche Kritik an den Richtern gießt er nur in andere Worte.

Die Journalisten vieler Medien gehen aber einen Schritt weiter und machen daraus eine Entschuldigung, die Reul aber nie abgegeben hat. Teils basierten die Meldungen sicher auch auf einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa, die Reuls Erklärung ebenfalls als Entschuldigung gedeutet hat und schrieb:

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) hat sich für seine Gerichtsschelte im Fall Sami A. entschuldigt. Ihm sei inzwischen klar geworden, dass seine heftig umstrittene Äußerung über Gerichtsentscheidungen, die möglicherweise nicht im Einklang mit dem Rechtsempfinden der Bürger stünden, «missverstanden werden konnte», erklärte Reul am Freitag in einer Mitteilung. «Das bedaure ich.»

Sie rückte von dieser Interpretation auch auf Nachfrage nicht ab.

Immerhin machen es einige Medien durchaus besser, indem sie das Spiel offenlegen, das Reul spielt: Sie legen seine Erklärung nicht so weit aus, sondern ordnen sie stattdessen ein. Exemplarisch will ich aus dem Online-Artikel des WDR zitieren (ich arbeite für den Sender). Dort heißt es schon in der Überschrift:

Im Text steht dann:

In seiner Erklärung vom Freitag nahm Reul seine Kritik am höchsten NRW-Gericht nicht zurück, sondern formulierte sie nur anders…

So ist es.

welt.de übernimmt ARD-Inhalte für eigene Webseite

Ein ARD-Journalist schreibt einen Kommentar – und Medien des Springer-Verlags drehen fast durch. So geschehen am Montag.

Da hat Malte Pieper, Hörfunk-Korrespondent in Brüssel, in einem Kommentar den Rücktritt von Bundeskanzlerin Merkel gefordert. So weit, so unspektakulär; das Kommentieren von Politik und Zeitgeschehen gehört schließlich zum journalistischen Alltag. bild.de und auch der gedruckten „Bild“ von heute war das jedoch einige Aufregung wert. Wie falsch die „Bild“ die Sache darstellt, hat Moritz Tschermak hier im Bildblog aufgeschrieben.

Und Klaus Raab hat sich bei Übermedien etwas grundsätzlicher mit dem Eifer auseinandergesetzt, mit dem die Springer-Medien gegen den Kommentar vorgehen und auch Bild-Chefredakteur Julian Reichelt sich mit ARD-Journalistinnen beschäftigt. Raab schreibt dort auch:

Bemerkenswert ist weniger die Dreistigkeit, den Kommentar eines nicht zum eigenen Verlag gehörenden Journalisten online hinter der Paywall zusammenzufassen, also dafür Geld zu nehmen, sondern vielmehr, dass „Bild“ ihn auch noch falsch ankündigt: „Hier ist das erste deutsche Fernsehen mit der Rücktrittsforderung! Ta-ta-Ta-ta-ta-taaaa!“, lautete der erste Satz des „Bild“-Texts.

Dabei sind die Bild-Medien sogar noch zurückhaltend gewesen. Denn auch dem Schwestermedium welt.de war der Kommentar einen Bericht wert. Und auch die Kollegen dort verhalten sich etwas merkwürdig und titeln ähnlich irreführend wie die Bild-Kollegen:

„ARD-Journalist fordert Merkels Rücktritt“

Warum dieser eine von täglich vielleicht einem Dutzend Kommentaren in den 64 Radioprogrammen von ARD, ZDF und dem Deutschlandradio (allein im Deutschlandfunk laufen werktäglich drei) welt.de einen eigenen Artikel wert ist, schreibt „jr“ (so das Kürzel unter dem Artikel) nicht deutlich.

Zumal der Artikel noch viel mehr als der bei bild.de über weite Strecken eine Art Plagiat des Original-Kommentars ist, also gar keine inhaltliche Auseinandersetzung damit stattfindet. Die Argumentation wird über große Strecken wörtlich und in Anführungszeichen übernommen, an anderen Stellen wird in indirekter Rede paraphrasiert.

Wie großflächig die Übernahme war, habe ich hier markiert. Das sind alle Stellen aus dem ARD-Kommentar, die sich entweder direkt oder indirekt bei welt.de finden.

Die Gegenprobe zeigt, dass der welt.de-Artikel nach einer Einleitung nur aus dem paraphrasierten oder wörtlich zitierten tagesschau-Kommentar besteht. Die Übernahmen sind gelb zitiert.

Nun ist es üblich, dass Journalisten sich auf die Arbeit von Kollegen berufen und fremde Erkenntnisse in eigene Artikel und Beiträge einarbeiten. Dass aber ein einziger Kommentar eines Autors, in dem noch nicht mal etwas Neues steht, praktisch zu einem anderen Kommentar umgearbeitet wird, ist ungewöhnlich.

Sieht so die Einigung zwischen Verlegern und öffentlich-rechtlichen Sendern aus, was das deren Online-Angebot angeht? Ein ARD-Korrespondent schreibt einen Kommentar, den dann anschließend welt.de fast vollständig übernimmt? Denn angesichts der Tatsache, dass vor allem Springer-Chef Mathias Döpfner die öffentlich-rechtlichen Sender immer wieder als „Staatsfunk“ bezeichnet hat, die durch Rundfunkgebühren bezahlt werden, ist es interessant, dass sich hier die welt.de-Redaktion an rundfunkbeitragfinanzierten Inhalten vergreift und diese wieder werbefinanziert an ihre Nutzer ausspielt.

Es scheint sich einzureihen in eine Reihe von neuen Attacken gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Haben die Redaktionen noch nicht mitbekommen, dass Döpfner inzwischen mit den ÖR-Chefs die Friedenspfeife geraucht hat?

Presserat rügt „Schmutzkampagne“ der Bild

Die Bild-Zeitung hat Ansehen und Glaubwürdigkeit der Presse beschädigt. Sagt der Presserat und bezieht sich damit konkret auf die Berichterstattung der Bild über eine angebliche Schmutzkampagne der SPD, die sich später als Satireaktion der Titanic herausstellte (#miomiogate).

Obwohl die SPD in dem Artikel die angeblichen Mails ihres Juso-Chefs mit offensichtlichen Argumenten wie der falschen Endung der Email-Adresse dementierte, veröffentlichte BILD die Geschichte trotzdem

schreibt der Presserat (PDF) – und weiter:

Der Presserat sieht darin einen schweren Verstoß gegen das Wahrhaftigkeitsgebot in Ziffer 1 des Pressekodex. Diese Irreführung der Leser beschädigt Ansehen und Glaubwürdigkeit der Presse, so der Presserat, der deshalb eine öffentliche Rüge erteilte.

Chefredakteur Julian Reichelt hat mal gesagt:

Es fällt mir grundsätzlich leicht, mich zu entschuldigen, wenn wir Fehler gemacht haben.

Es stellte sich dann aber heraus, dass er nur Fehler meinte, die er selbst auch so einschätzt. Bei der Titanic-Aktion sah er die nicht so richtig. Es bleibt also abzuwarten, wie er mit der öffentlichen Rüge des Presserats umgeht. Zu der schreibt der Presserat grundsätzlich:

Die öffentliche Rüge ist die härteste Sanktion der Beschwerdeausschüsse. Sie muss von der Redaktion in einer ihrer nächsten Ausgaben veröffentlicht werden.

Für den „Groko-Hund Lima“ gab es übrigens eine Missbilligung des Presserats, weil die Bild gegen Grundsätze der Recheche und das Wahrhaftigkeitsgebot verstoßen habe. Die „Krawall-Barbie“ der Bild fand der Rat dagegen in Ordnung.

Der Bild-Trick: Mit Fakes zur Anzeige anstiften und dann berichten

Ich will den vielen Berichten über das #miomiogate der Bild-Zeitung nichts Großes mehr hinzufügen. Das Bildblog hat die Sache schon gut zusammengefasst. Eine Beobachtung bloß, basierend auf der Verteidigung von Verlag, Zeitung und Chefredakteur Julian Reichelt selbst. Er schreibt in einem Thread, beginnend hier:

Einmal zur Einordnung der @titanic Geschichte: Wir haben nie von einer Kampagne VON @KuehniKev geschrieben, dafür aber von einer Kampagne GEGEN ihn. Berichtet haben wir, NACHDEM die @spdde Strafanzeige geprüft/gestellt hat. Titanic wollte @BILD in mehreren Versuchen…

…in eine klare Festlegung treiben, dass @KuehniKev mit russischen Personen kooperiert. Das haben wir nie getan, sondern immer die Position der @spdde dargelegt und explizit geschrieben, dass diese plausibel ist. Der SPD haben wir stets alle gewünschten Infos…

…zur Verfügung gestellt. Alle Details werde ich gleich auf @BILD dokumentieren. Meine Meinung: Natürlich darf Satire so etwas, aber sie versucht sich hier zu profilieren, indem sie journalistische Arbeit bewusst zu diskreditieren versucht. Unser Kollege @fpiatov

…hat in der Vergangenheit immer wieder großartige und wichtige Geschichten zum Thema Desinformation recherchiert und war aufgrund seiner Erfahrung von Beginn an skeptisch. Deswegen haben wir uns erst zu Berichterstattung entschieden, als die SPD Anzeige geprüft hat.

Aha. Das heißt also, die Redaktion hielt die Mails für gefälscht und hätte nicht berichtet. Wie schafft man sich also einen Anlass? Man informiert die SPD über die angeblichen Mails, die daraufhin eine Anzeige prüft. Was nicht ganz unverständlich ist. Und jetzt ist er endlich da, der Anlass zu berichten.

Mit dieser Methode lässt sich für jedes Gerücht, jede Verleumdung, jede Fälschung ein Anlass finden. Einfach den Betroffenen informieren und zu einer Anzeige anstiften, dann lässt sich mit diesem Grund über alles und jedes berichten, ohne es journalistisch prüfen zu müssen. Eine perfide Methode.

 

Anmerkung: In Vorbereitung auf die Datenschutzgrundverordnung habe ich Widgets, die sich ursprünglich im Text befanden, entfernt und sie teilweise durch Links ersetzt.

Warum Fake-News-Produzenten jetzt gegen Fake-News kämpfen wollen

Der Begriff „Fake-News“ hat eine erstaunliche Karriere gemacht. Ursprünglich benutzten ihn Journalisten, um mehrere Phänomene von gezielten Lügen und Propaganda zusammenzufassen. Sie zielten dabei unter anderem auf die Präsidenten der USA und Russlands, Donald Trump und Wladimir Putin. Inzwischen benutzen diese beiden selbst den Begriff, um missliebige Fakten zu diskreditieren.

Es bedurfte eigentlich nicht Donald Trumps, um sich als Journalist vom Begriff der Fake-News zu verabschieden. Einige Journalisten haben das schon getan. Dennis Horn etwa schrieb:

…gerade weil „Fakenews“ alles und nichts sind, lässt sich der Begriff wunderbar nutzen, um damit nicht mehr nur Falschmeldungen, Propaganda und Lügen zu brandmarken. Genutzt wird er auch für Inhalte, die nicht ins eigene Weltbild passen. Kommt der zukünftige US-Präsident Donald Trump mit kritischer Berichterstattung nicht klar, nennt er sie „Fakenews“.

Auch Margret Sullivan von der Washington Post hatte schon vor Monaten angekündigt, auf den Begriff zu verzichten.

Zunächst hatte Trump angekündigt, gegen Fake-News vorzugehen, die seiner Ansicht nach vor allem von den Medien verbreitet werden, weil sie angeblich so „unfair“ über ihn berichten würden und „außer Kontrolle“ seien (vor allem außerhalb seiner Kontrolle). Seine Kampagne hatte dazu aufgerufen, Geld zu spenden, um gegen die sogenannten Mainstream-Medien vorzugehen – bisher offenbar ohne größeren Erfolg.

Jetzt hat zu allem Überfluss auch noch Russland eine Anti-Fake-News-Kampagne gestartet, berichtet unter anderem der Deutschlandfunk:

Das Ganze entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn gerade aus Russland kommen auch oft gezielte Falschmeldungen.

Selbst ihre Kritik an angeblich unterdrückter Berichterstattung in Deutschland, wie im Fall Lisa, war falsch. Der Verfassungsschutz wirft Russland vor, Propaganda- und Desinformationskampagnen über staatliche und soziale Medien zu betreiben. Ziel: eine Verunsicherung der Gesellschaft sowie die Schwächung und Destabilisierung der Bundesrepublik.

Dass ausgerechnet die größten Verbreiter von Fake-News jetzt dagegen kämpfen wollen, ist nicht ohne Ironie, aber leider nicht zum Lachen. Ein Grund dafür mag weniger die Tatsache sein, dass sie sich in Sachen Propaganda nicht die Butter vom Brot nehmen lassen wollen – wo kämen wir hin, würde jeder seine eigene betreiben. Aber letztlich steckt dahinter der Versuch, die Glaubwürdigkeit jeglicher Berichterstattung zu unterminieren. Wenn es keine absoluten Wahrheiten mehr gibt, ist es noch leichter, Propaganda zu betreiben.

Womöglich ist die Motivation im Fall der Bild-Zeitung eine andere, jedenfalls nicht in jedem Fall politisch getriebene. Aber dennoch erinnern mich die Anti-Fake-News-Kampagnen der Fake-News-Verbreiter ein wenig auch an die neue Ehrlichkeits-Offensive der BILD-Zeitung. In einem Interview hatte der Vorsitzende der Bild-Chefredaktionen, Julian Reichelt, angekündigt, seine Zeitung wolle zum ehrlichsten Medium Deutschlands werden. Stefan Niggemeier belegte mit Beispielen, wie absurd dieser Anspruch ist, und kommentierte:

Reichelt möchte gern, dass Leute ihn und sein Blatt für besonders ehrlich halten, und naturgemäß fällt ihm als bestes Mittel dazu die Lüge ein.

Auch am neuen Ombudsmann der Leser, dem früheren Deutschlandradio-Intendanten Ernst Elitz, gibt es Zweifel, war er doch laut Bildblog lange eher ein „Fanboy“ der Bild – und lässt sich seit Jahren in der Zeitung selbst wohl auch nicht ganz richtig darstellen.

Es wäre ja wünschenswert, wenn wirklich gegen Lügen und Propaganda vorgegangen würde. Aber diejenigen, die den Begriff Fake-News am liebsten verwenden, tun das nicht ohne Grund: weil sie nämlich nicht den Begriff lieben, sondern die Fake-News selbst.

Zweite Quelle? Braucht keiner mehr.

Manfred Krug 001

Der Tod des Schauspielers Manfred Krug ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell Informationen heute in der Welt sind, ohne dass sie bestätigt wären. Allein die BILD-Zeitung berichtete zunächst davon. Auf Nachfrage der Nachrichtenagentur EPD weiß selbst das Management von Manfred Krug erst mal nichts dazu zu sagen. Sie schreibt:

Krugs Management konnte die Meldung auf epd-Anfrage zunächst nicht bestätigen.

Trotzdem ist die Nachricht nicht aufzuhalten. In den deutschen Twitter-Trends steigt sie in kürzester Zeit auf Rang 2. Bei Google News finden sich schnell ein Dutzend Berichte, die sich alle auf die Bild-Zeitung berufen. Eigene Recherche? Fehlanzeige.

Gegen 14 Uhr kommen dann erste Bestätigungen. Die Tagesschau beruft sich auf das Management, das zwischenzeitlich offenbar eine Bestätigung einholen konnte. Auch der Mitteldeutsche Rundfunk berichtet unter Berufung auf das Management.

Es bleibt festzuhalten, wie schnell sich so eine Meldung inzwischen verbreitet, ohne dass es eine zweite Quelle gibt – eigentlich ein grundsätzliches Prinzip von Journalisten. Und die tragen zur Verbreitung in gleicher Weise bei wie Nutzer. Das zeigt, wie sehr das Zwei-Quellen-Prinzip mittlerweile geschliffen ist. Journalisten des einen Mediums berufen sich auf die des anderen – und für den Nutzer erscheint allein die Fülle der Meldungen wie eine Bestätigung, auch wenn sich alle auf dieselbe Quelle berufen.

Terroranschläge in den Medien: Brauchen wir diese Bilder?

(Screenshot: Twitter)
(Screenshot: Twitter)

Nach jedem neuen Terroranschlag in Europa flammt eine Diskussion darüber auf, ob zu spät oder zu wenig berichtet wurde. Mich ermüdet das. Weniger deswegen, weil viele Kritiker glauben, es besser zu wissen und besser machen zu können, auch wenn sie keine Journalisten sind. Mehr deswegen, weil sie damit indirekt fordern, dass wir Journalisten das Geschäft des Terrors erledigen – nämlich, Schrecken zu verbreiten.

Würde es Terroristen im Kern nur darum gehen, möglichst viele Menschen zu töten, wären sie in Europa noch nicht weit gekommen. Rechnet man die Opferzahlen der größten Anschläge von Madrid, London, Brüssel, Paris, Kopenhagen, Istanbul und Nizza zwischen 2004 und 2016 zusammen, kommt man auf etwa 550. Angesichts von mehreren hundert Millionen Europäern eine verschwindend geringe Summe.

Bedenkt man aber die Auswirkungen dieser Anschläge auf unser Leben, die sich schon allein in der Verschärfung von Gesetzen, der Einschränkung von Freiheiten und der Aufstockung bei Sicherheitskräften zeigen, sind sie nicht zu verkennen. Entscheidend dürfte aber diese Folge sein: Die Täter sorgen für Angst und Schrecken.

Wenn sie mit dem Flugzeug in Hochhäuser fliegen, mit Bomben Bahnen sprengen, mit Schusswaffen ins Museum laufen, mit dem Lastwagen in eine Menschenmenge fahren, gibt das immer wieder neue und spektakuläre Bilder für die Öffentlichkeit. Nicht nur Bilder in Form von Fotos oder Videos, sondern auch Vorstellungen, die sich Menschen durch detaillierte Erzählungen machen.

So filmte der Journalist Richard Gutjahr zufällig das Tatwerkzeug in Nizza, den Lastwagen, wie er Fahrt aufnimmt; schon dieser Anlauf ist erschreckend. SPIEGEL online betitelt einen Artikel mit Berichten von Augenzeugen mit dem Zitat: „Die Menschen sind weggeflogen wie Bowling-Kegel“. Und BILD-Chefredakteurin Tanit Koch twitterte bzw. retweetete Fotos und Videos von Leichen – zum Glück nicht ohne Kritik.

Was sollen wir zeigen?

Im Pressekodex heißt es in Ziffer 11:

Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid.

Und in Ziffer 11.2 führt der Kodex etwas detaillierter aus:

Bei der Berichterstattung über Gewalttaten, auch angedrohte, wägt die Presse das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegen die Interessen der Opfer und Betroffenen sorgsam ab. Sie berichtet über diese Vorgänge unabhängig und authentisch, lässt sich aber dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen.

Der erste Satz wird im Großen und Ganzen befolgt, solange Journalisten nicht, wie Tanit Koch, die Persönlichkeitsrechte von Opfern und Betroffenen verletzen. Das geschieht auch noch nicht dadurch, dass über den Ablauf des Anschlags, die Waffe, das Vorgehen, den mutmaßlichen Täter usw. berichtet wird. Aber halten wir Journalisten uns auch an den zweiten Satz?

Berichten wir wirklich unabhängig, wenn wir grausame Bilder zeigen und Details schildern, die bei unserem Publikum zu Angst und Schrecken führen? Machen wir uns nicht abhängig von den Bildern, lassen uns von ihrer Existenz dazu verleiten, sie auch zu zeigen? Ist es das, was wir uns unter authentisch vorstellen, wenn wir einfach draufhalten, ohne jede Distanz? Denn ist schließlich nicht die mediale Verbreitung der Taten ein großer, vielleicht der wichtigste Teil eines Anschlags?

Journalisten als Handlanger von Terroristen?

Die Bild-Zeitung ging in der Vergangenheit sogar noch weiter und berichtete selbst über Bilder, die ohne sie keine Öffentlichkeit gefunden hätten, nämlich Videos der Terrormiliz IS, die sie detailliert schilderte, zugleich als „widerliche Propaganda-Aktion“ angeblich verurteilte und die Propaganda damit perfekt machte.

Anders bei öffentlich sichtbarer Kriminalität wie Terroranschlägen. Für Journalisten war es dabei immer schon schwierig, das im Pressekodex genannte Informationsinteresse der Öffentlichkeit abzuwägen gegen die gleichermaßen benannte Warnung davor, sich nicht zum Werkzeug von Verbrechern zu machen. Gerade in der aktuellen Berichterstattung, kurz nach einem Anschlag, wenn nur wenige Informationen und wenige Bilder vorliegen, greifen sie auf das zurück, was sie haben. Dabei bleibt wenig Zeit fürs Nachdenken, für Analyse, Einordnung, Hintergrund. Stattdessen wird das Geschehen eins zu eins wiedergegeben – und damit die Botschaft der Terroristen transportiert. Das ist der Preis, wenn man früh und über alles informiert werden möchte. Dessen muss man sich zumindest bewusst sein.

Moderator Philipp Banse fasste das Dilemma in der Mediensendung „Breitband“ im Deutschlandradio Kultur in eine Frage:

„Wieviel Horror müssen wir als eine Gesellschaft ertragen, um uns informiert und aufgeklärt nennen zu können, und welche Sachen müssen wir einfach nicht wissen?“

Der Kulturjournalist Arno Frank antwortete, dass zum Beispiel ein Foto der „Daily Mail“, wie der Terrorist in Nizza erschossen wird, kein Informationsbedürfnis befriedige, sondern eher ein pornographisches.

„Ich behaupte (…), dass diese Bilder eine gewisse Verführungsmacht haben, sie werden uns ja schließlich angeboten. Und das ist alles nur einen Klick entfernt und schon ziemlich zudringlich, solange ich Smartphones habe und im Internet überhaupt unterwegs bin.“

Frank verwies indirekt darauf, dass Journalisten die Verantwortung hätten, was sie davon an ihre Nutzer weitergeben; sie böten ihnen einen Filter, indem sie ihnen diese Bilder vorenthielten.

Marion Müller, Professorin für Massenkommunikation an der privaten Jacobs University Bremen, sagte, Bilder würden assoziativ wahrgenommen und seien mächtiger, was emotionale Reaktionen angehe, während Text eher auf argumentativer Ebene verstanden werde. Bilder könnten traumatische Wirkungen haben.

Das Aus für die Gatekeeper

Dass Journalisten überhaupt vorgeworfen werden kann, zu langsam, zu zögerlich, zu zurückhaltend zu berichten, liegt vor allem daran, dass sich Nutzer auch anders informieren können. Sie sehen, wie Informationen zum Beispiel über einen Anschlag via Twitter und Facebook, per Facebook live und Periscope verbreitet werden. Arno Frank glaubt:

„Das ist den klassischen oder herkömmlichen Medien inzwischen sogar entglitten, die Kontrolle über die Bilder, die wir sehen. Die finden ihren Weg, und die finden sie über Kanäle, auf die der klassische oder herkömmliche Journalist keinen Zugriff mehr hat.“

Die Nutzer sind damit zwar einen Schritt näher am Geschehen, aber damit auch einen Schritt näher an Angst und Schrecken der Terroristen und zugleich einen Schritt weiter weg davon, zu verstehen, was passiert ist.

Ich finde nicht, dass Journalisten diesen Schritt auf ihre Nutzer zugehen sollten. Sie sollten sich vielmehr trauen, den Schritt zurückzutreten, um sich nicht in der Angst und dem Schrecken zu verlieren, den die Terroristen provozieren wollen. Wenn Journalisten in ihrer Berichterstattung auf schreckenerregende Details verzichten, wenn sie sachlich und unemotional über den Ablauf der Tat berichten, wenn sie Einordnung und Hintergrund liefern, erledigen sie ihre Arbeit.

Sie sollten aber zugleich thematisieren, wie sie mit Bildern und Informationen umgehen. Wenn sie Details auslassen oder Bilder nicht zeigen, obwohl es sie gibt, sollten sie ihre Entscheidungen transparent machen und begründen. Auch auf die Gefahr hin, dass sich die Nutzer diese Bilder im Netz selber suchen. Aber dafür müssen sie aktiv werden, und sie wissen, was sie erwartet.

Zu dieser Einstellung gehört aber auch, sich Zeit zu nehmen, Abstand zu gewinnen, ein zweites und drittes Mal darüber nachzudenken, welche Bilder man zeigt und welche nicht, welche Informationen mal als verifiziert weitergibt und welche man lieber länger prüft. Dann muss man auch Vorwürfe aushalten, man berichte zu spät oder zu wenig.

Nachtrag, 18. Juli: Matern Boeselager (@m_boeselager) geht in seinem Text bei VICE noch weiter als ich, wenn er schreibt: „Warum ignorieren wir den Terror nicht einfach?“ Er plädiert für Zurückhaltung und schlägt etwa vor, dass die Medien nach einem Anschlag nur meldeten, dass er passiert ist, wie viele Menschen getötet worden, ob der Täter noch auf freiem Fuß sei oder nicht, ob der Flughafen gesperrt sei.

Niemand würde den Namen des Täters nennen, niemand seine Tagebücher oder Fotos seines Hauses veröffentlichen. Niemand würde ihn unsterblich machen.

Nachtrag, 19. Juli: Stefan Winter hat sich bei Meedia auch mit der Bilderflut beschäftigt. Auf die Frage, was man zeigen soll, hat er keine Antwort:

Diese Fragen sind schwierig und sie müssen wohl jedesmal aufs Neue gestellt und aufs Neue beantwortet werden. Auch diesmal.

Nachtrag, 20. Juli: Der Politikwissenschaftler Matthias Herrmann (@mhermann) schrieb im Schweizer Tagesanzeiger:

Längst ist bekannt, dass immer umfänglicher bebilderte terroristische Taten und Amokläufe nur noch mehr Nachahmungstäter auf den Plan rufen. Dazu kommt, dass mit der Bilderflut jeder nächste Täter von seinen Vorgängern lernen kann, ohne selbst vor Ort gewesen zu sein.

Weiterführend:

Mathias Müller von Blumencron: Ohne Kompass. Wie soziale Medien den Terror anfachen

Frank Lübberding: Soziale Netzwerke als Propagandainstrument