Reden wir über Fehler von Journalisten

Denn die gibt es. Geredet darüber wird aber immer noch viel zu wenig von Journalisten selbst. In gewisser Weise nicht verwunderlich, denn ausgerechnet dann, wenn Journalisten sich selbstkritisch zu dem äußern, was sie recherchiert, veröffentlicht und kommentiert haben, bekommen sie besonders harsche Kritik, wie sie etwa der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer im „Spiegel“ geäußert hat.

„Spiegel“: Warum sind in letzter Zeit bei Ihnen immer die Medien schuld, wenn etwas schiefläuft?

Seehofer: Weil es ein Problem bei den Medien gibt, vor allem bei den öffentlich-rechtlichen. Überspitzt gesagt: Wenn die nicht Livesendungen hätten, dann hätten sie wenige der Lebenswirklichkeit entsprechende Programminhalte. Das ZDF musste wegen der Berichterstattung über Köln sein Bedauern zum Ausdruck bringen. Die ARD hat erklärt, ja, es stimmt, wir haben viele flüchtende Frauen und Kinder gezeigt, aber nicht im selben Maße die Männer, die viel häufiger nach Deutschland kamen. Zum Teil gab es eine Berichterstattung, die wenig mit der Realität zu tun hatte.

Seehofer kritisierte damit ausgerechnet das, was in diesem Fall ARD und ZDF ohnehin schon selbstkritisch eingeräumt hatten. Stefan Niggemeier kommentierte das auf uebermedien.de so:

Denn eigentlich wollen wir doch, dass Medien sich endlich zu mehr Selbstkritik durchringen. Dass sie öffentlich einräumen, wenn sie Fehler gemacht haben; dass sie sich gegebenenfalls entschuldigen; dass sie zu ihren Versäumnissen stehen.

Was ist aber, wenn diese Eingeständnisse ausschließlich als Munition gegen diejenigen verwendet werden, die sie äußern? Wenn sie nicht als Indiz dafür genommen werden, dass sich die Verantwortlichen kritisch mit ihrer eigenen Arbeit auseinandersetzen, sondern als vermeintlichen Beleg dafür, dass die Situation so schlimm ist, dass selbst die Verantwortlichen nicht mehr alles leugnen können?

Im vorigen Jahr wurde das Kölner Forum für Journalismuskritik ins Leben gerufen. Einen Tag lang wurde darüber diskutiert, wie Journalisten mit Kritik an ihrer Arbeit umgehen können und was sie daraus lernen. In diesem Jahr geht die Veranstaltungsreihe in die zweite Runde. Am 10. Juni wird im Kölner Funkhaus des Deutschlandfunks darüber diskutiert – diesmal mit prominenten Gästen wie der ehemaligen Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD), der Journalistin und ehemaligen Oberbürgermeisterin von Kiel, Susanne Gaschke, und dem DJV-Vorsitzenden Frank Überall.

Volker Beck und die Droge: Wie sich eine Spekulation verselbständigt

Der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck ist vor zweieinhalb Monaten von der Berliner Polizei kontrolliert worden. Bei ihm wurde eine „betäubungsmittelähnliche Substanz“ gefunden. Beck trat daraufhin von seinen Ämtern zurück, teilte er auf seiner Webseite mit; sein Mandat als Abgeordneter behielt er.

Ich habe immer eine liberale Drogenpolitik vertreten. Zu den gegen mich erhobenen Vorwürfen wird mein Anwalt zu gegebener Zeit eine Erklärung gegenüber der Staatsanwaltschaft abgeben. Ich werde mich dazu öffentlich nicht einlassen.

Um welche Drogen es sich gehandelt hat, ist bis heute nicht bekannt. Die Bild-Zeitung hat behauptet, es habe sich um Crystal Meth gehandelt, gibt dazu aber keine Quelle an. Auch später ist an keiner Stelle offiziell bekannt geworden, um welche Droge es geht, dennoch beziehen sich fast alle Medien seitdem immer und immer wieder auf diese Angabe; teilweise geben sie nicht mal mehr die Bild als Quelle an, sondern formulieren so etwas wie „es soll sich um Crystal Meth gehandelt haben“.

Freilich, dem hat nicht mal Volker Beck widersprochen – aber ist damit schon klar, was es war? Viele Medien tun jedenfalls so und formulieren ganze Kommentare auf dieser Basis. So etwa Angelika Demel im Blog von Roland Tichy, das schon in der Dachzeile etwas suggeriert, was nicht belegt ist:

Die Volker-Beck-Droge wird zur Massensucht

Im Vorspann heißt es dann:

Das Verfahren gegen den Bundestagsabgeordnete Volker Beck wegen des mutmaßlichen Besitzes von Crystal Meth wird „wegen geringer Schuld“ eingestellt. Das ist rechtspolitisch ein gefährliches Zeichen: Crystal Meth ist längst eine Massendroge, die auch Kinder schädigt, so unsere Gastautorin Angelika Demel.

Dort ist also lediglich die Rede von „mutmaßlichem Besitz“. Und von einem „rechtspolitisch gefährlichen Zeichen“ kann man nur dann sprechen, wenn es sich tatsächlich um Crystal Meth gehandelt hat und das Verfahren dennoch absichtlich eingestellt wurde (und nicht lediglich wegen einer Opportunitätsvorschrift laut Strafprozessordnung, wie Beck schreibt). Auf dieser Spekulation baut Demels allerdings ihre ganze Theorie auf.

Weder will noch kann ich Volker Beck von einem Verdacht reinwaschen, noch will ich Crystal Meth verharmlosen. Insofern hat Demels Beitrag inhaltlich schon seine Berechtigung.

Aber unverantwortlich zu spekulieren und Beck immer wieder mit der Droge in Verbindung zu bringen, ist sehr unredlich. Wer von absichtlich und unabsichtlich fehlerhafter Berichterstattung spricht wie es auf Roland Tichys Seite immer wieder aufscheint, sollte für sich selbst den Maßstab anlegen, auf der Grundlage von Informationen zu berichten und zu kommentieren, nicht auf der Grundlage von Spekulationen.

Das führt dann nämlich zu sich verselbständigenden Meinungen wie diesen hier, in denen Nutzer Belege nicht mehr für nötig halten.

Ich habe Roland Tichy mal nach einer Quelle gefragt. Seiner Antwort entnehme ich, dass man keine braucht, wenn keiner widerspricht.

Gut, dass das vor Gericht nicht gilt. Dort muss einem nämlich eine Tat nachgewiesen werden, und man darf trotzdem schweigen.

„Es ist wichtig, mit den Lesern zu sprechen“

Ein Schwerpunkt der diesjährigen Republica und der Media Convention in Berlin war der Umgang mit Hass im Netz. Das wird seit dem vorigen Jahr breit diskutiert, nachdem die Anzahl der Hasskommentare vor allem gegen die vielen ankommenden Flüchtlinge enorm zugenommen hatte. In Berlin wurden Perspektiven aufgezeigt für eine bessere Debattenkultur im Netz. Welche das sind, darüber habe ich für das Medienmagazin des Deutschlandfunks, „Markt und Medien“, berichtet.

Mit Stimmen von

  • Carline Mohr, bis April Social-Media-Leiterin bei bild.de
  • Jörg Heidrich, Justiziar beim Onlineportal heise.de
  • Daniel Wüllner, Teamleiter Social Media und Leserdialog bei sueddeutsche.de
  • Sebastian Köffer, Wirtschaftsinformatiker von der Universität Münster

Haben US-Journalisten Wahlkampfhilfe für Donald Trump geleistet?

Schriftzug an einem Trump-Building in New York
Schriftzug an einem Trump-Building in New York

Fragen von mir an Journalisten in den USA über das Dilemma, über Donald Trump zu berichten und ihn damit größer zu machen oder es sein zu lassen. Es ist kompliziert.

Donald Trump ist laut und unverschämt. Er ist immer für einen flotten Spruch zu haben, das ist gut für die Quote. Jetzt wird der umstrittene Milliardär wohl der republikanische Präsidentschaftskandidat. Viele Journalisten in den USA fragen sich nun, ob sie Wahlkampfhilfe geleistet haben – ohne es zu merken.

Ein paar Antworten im WDR5-Medienmagazin „Töne, Texte, Bilder“.

Man kann nicht über Jan Böhmermann schreiben, ohne über Jan Böhmermann zu schreiben

Und aus diesem Dilemma kommt man auch nicht heraus, wenn man eigentlich sagen will, dass Jan Böhmermann jetzt genug Öffentlichkeit hatte. In dem Dilemma steckt aber offenbar Tagesspiegel-Redakteur Joachim Huber (@HuberJoachim), der (ausdrücklich) gegen Böhmermann polemisiert, weil der ihm wieder zu stark in die Öffentlichkeit drängt:

Mein Gott, Böhmermann, hast du es nicht eine Nummer kleiner? Halt doch mal die Klappe, schau doch mal über dich hinaus, schau doch mal in die Türkei.

Auch Huber bezieht sich auf das wahrscheinlich bekannteste Zitat aus Böhmermanns Interview in der ZEIT (kostenpflichtig), wenn er schreibt:

Seitdem sieht sich der Mimose als deutscher Ai Weiwei, als Opfer eines bös-doofen Despoten und einer kuschelnden Kanzlerin.

Damit zeigt Huber genauso wie Stern-Reporter Hans-Ulrich Jörges in seiner Videokolumne, dass er wenig Humor hat. Am Ende seiner Kolumne immerhin lässt Jörges zumindest anklingen, dass er erkannt hat, dass auch das Interview satirische Züge hat. Wer etwas mehr Humor und es einigermaßen aufmerksam gelesen hat, hätte das schon früher erkannt und auf den Kommentar verzichtet.

Denn worüber regen sich beide auf? Dass ein Satiriker weiter sein Handwerk betreibt? Wird nach Anschlägen wie in Paris oder nach Polizeieinsätzen gegen Redaktionen nicht immer gefordert, jetzt müsse man erst recht weitermachen? Weiter in Bars und Konzerte gehen, weiter seine Arbeit als Journalist machen, um sich eben nicht einschüchtern zu lassen?

Genau das tut Jan Böhmermann. Er tritt wieder als Satiriker auf. Von diesem Job und seiner inneren Haltung ist er nicht zu trennen. Ihm das vorzuwerfen, finde ich unredlich und inkonsequent.

Wem Böhmermann auf die Nerven geht wie Huber und Jörges, der kann ihn ganz leicht ignorieren. Zum Beispiel, indem er kein Video aufnimmt und keinen Text darüber schreibt. Und indem er eben nicht ausdrücklich Böhmermanns „Medien-Kanäle“ anklickt wie Huber, um sich dann darüber zu beschweren, dass da Böhmermann ist. Man geht ja auch nicht in den Puff und beklagt sich dann, dass da nackte Frauen sind. (Jürgen Becker)

Donald Trumps Erfolg: “Was sollten die Medien tun? Sollten sie seine Statements ignorieren?”

Donald Trump am 19. August 2015 (cropped)

Der Vorwahlkampf zu den Präsidentschaftswahlen ist selbst für US-Verhältnisse ungewöhnlich. Seit Jahrzehnten hat es keine so zerstrittenen Parteien und Kandidaten gegeben. Besonders Donald Trump drängt mit abstrusen Behauptungen und Beleidigungen in die Medien. Welche Rolle spielen diese Medien dabei? Wäre Trump ohne sie so erfolgreich wie er es zu sein scheint?

Darüber habe ich mit dem Politikjournalisten Jeff Mapes (@jeffmapes) vom öffentlichen Radiosender OPB in Portland (Oregon) gesprochen. Er findet, Journalisten kämen an Trump nicht vorbei, auch wenn er wisse, wie er sich ihrer bedienen könne.

Inwiefern unterscheiden sich diese Vorwahlen von anderen?

 Zum ersten insofern, als dass sie länger dauern. Die Republikaner hatten die Regeln für diese Vorwahlen geändert, weil sie gehofft haben, dass sie ihren Kandidaten früher auswählen könnten und mehr Zeit für den eigentlichen Wahlkampf haben würden. Aber es hat nicht funktioniert. Jetzt dauert es nicht nur länger, sondern es ist sogar so außergewöhnlich, dass Donald Trump, diese Figur aus der Unterhaltungs- und Wirtschaftswelt, die Republikanische Partei sozusagen feindlich übernommen hat. Es gibt wenige führende Mitglieder bei den Republikanern, die ihn als ihren Kandidaten ausgewählt hätten.

Das war eine sehr ungewöhnliche Geschichte. Die Kandidaten, von denen erwartet wurde, dass sie starke Kandidaten sind, waren es nicht. Ich glaube nicht, dass jemand davon ausgegangen ist, dass Ted Cruz, John Kasich und Donald Trump die letzten drei Kandidaten im Rennen sein würden. Und es gibt die Möglichkeit, dass keiner von ihnen eine Mehrheit haben wird vor dem Parteitag in Cleveland. Und das hat es seit Jahrzehnten nicht gegeben. Und das ist eine Art Schock für das Verfahren.

Haben Sie eine Erklärung für den Erfolg von Donald Trump?

Die Erklärungen dafür lagen so oft daneben. Es gab so viele Vorhersagen, dass die Leute eher müde von diesem Zirkusartisten würden und er nicht die ganzen Vorwahlen durchhalten würde. Sein Reiz wurde wirklich verkannt. (…)

Es besteht kein Zweifel, dass er die Sorgen eines bestimmten Teils der Amerikaner aufgenommen hat, ähnlich wie die rechten nationalistischen Parteien, die Sie in Europa haben.

Sehr besorgt über die Einwanderung. Dieses Gefühl, das besonders weiße Amerikaner aus der Arbeiterklasse haben, dass sie in der globalen Wirtschaft sozusagen zurückgelassen wurden, dass sie sich seit der Wirtschaftskrise 2008 nicht erholt haben, dass die politische und wirtschaftliche Klasse sich nicht für sie einsetzt. Und Trump nimmt viele dieser Sorgen ernst.

Jeff Mapes berichtet für OPB in Portland über politische Themen, darunter auch den Präsidentschaftswahlkampf (Foto: Bradley Parks)
Jeff Mapes berichtet für OPB in Portland über politische Themen, darunter auch den Präsidentschaftswahlkampf (Foto: Bradley Parks)

Ist er eine Art Medienphänomen?

Das ist ein großer Faktor dafür, dass er so viele Wähler erreicht. Absolut richtig. Er ist sehr geschickt darin, die Aufmerksamkeit der Medien zu erregen. Er hat viel von seiner Reality-Show gelernt. (…) Das hat ihn zu einer Art nationaler Figur gemacht. Und er hat viel darüber gelernt, wie man Dramen und Konflikte konstruiert. Jahrelang hat er sich beim Wrestling engagiert, das damals sehr populär war. (…) Auch dort hat er viel darüber gelernt, wie man eine Menge fesseln kann. Darin ist er sehr gut. Und ich kann Ihnen nicht sagen, wieviele Leute mir gesagt haben: Ich kann meine Augen nicht von Trump wenden, auch wenn sie ihn nicht leiden. Er fasziniert die Leute.

Wie ein Autounfall.

Von diesem Vergleich habe ich gehört.

Die Leute sagen: Er ist wie ein Autounfall, ich kann nicht wegschauen.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Trumps Erfolg und der Art und Weise, wie Medien über ihn berichten?

Wahrscheinlich kann man sagen, wenn die Medien nicht über ihn berichten würden, würde ihn dann überhaupt jemand kennen? Aber: Wie Wie könnte man darauf verzichten? Sie haben einen, der der Spitzenreiter bei den Republikanern ist.

Aber wäre er das denn, wenn die Medien nicht…

…nicht was?

Das ist die Frage.

Was sollten die Medien tun? Sollten sie seine Statements ignorieren? Viele Medien haben viel Zeit darauf verwendet, zu sagen: Das stimmt nicht, was er sagt. Oder: Das hier stimmt.

Zur gleichen Zeit sind die Medien nicht mehr die Gatekeeper, die sie einmal waren.

Mit dem Internet haben die Menschen heute viele direkte Informationsquellen. Twitter hat Millionen Follower, Facebook auch, es gibt Blogs. Es gibt Menschen, die keine Mainstreammedien sind, aber die gefällige Stories über Donald Trump schreiben. Und wenn sie populär sind, können sie viele Follower bei Facebook oder YouTube bekommen. Trumps Kundgebungen sind gesammelt bei YouTube und werden oft angesehen. Es gibt viele Wege, seine Botschaft zu verbreiten, ohne sich fragen zu müssen: Kümmern sich die Washington Post oder die New York Times um mich?

Es hat viele Diskussionen über die Cable Networks gegeben, besonders über die großen – Fox, CNN und MSNBC – inwiefern sie Trump zu viel Sendezeit widmen. Ihn in Interviews reden und reden und reden zu lassen. Nach mehreren Vorwahlen haben sie Donald Trumps Pressekonferenzen in voller Länge gezeigt, aber nicht die von anderen Kandidaten. Man kann sich also über redaktionelle Entscheidungen beklagen. Das sind Nachrichtensender.

Zu einem großen Teil schreiben und reden sie darüber, was die Leute gerne hören wollen.

 

Das Interview im englischen Original zum Nachhören:

Macht die Lügenpresse Donald Trump groß?

Ich weiß nicht, wie sich diejenigen, die sich in Deutschland mit dem Schlachtruf „Lügenpresse“ jeden Montag oder Mittwoch die Stimme ruinieren, noch steigern könnten, würden sie sich die Situation in den USA anschauen.

Dort kümmert sich zum Beispiel der Sender FoxNews seit Jahren mit einer eigenen Agenda dafür, dass Fakten ignoriert, politische Gegner absichtlich missverstanden und Meinungen falsch gedeutet werden. Seit der US-Milliardär Donald Trump Präsident werden will, steht ihm Fox treu zur Seite. Aber auch vorher schon gefiel den Fernsehmachern dessen Agenda.

Die US-Organisation Media matters kümmert sich seit 2004 darum, die Berichterstattung konservativer Medien zu überwachen, zu analysieren und zu korrigieren:

news or commentary that is not accurate, reliable, or credible and that forwards the conservative agenda – every day, in real time.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Media matters tendenziell im gegenüberliegenden politischen Spektrum angesiedelt ist. Wer sich ihre Berichte auf der Webseite und dem dazugehörigen Youtube-Kanal ansieht, stößt auf eine bizarre Aneinanderreihung republikanischer Parteinahme – etwa, dass sechs große Nachrichtenprogramme Donald Trump allein im März 2016 insgesamt mehr als 13 Stunden Sendezeit eingeräumt haben. Und zwar nicht der Berichterstattung über ihn, sondern Interviews mit ihm. Laut New York Times soll diese Sendezeit für Trump den Gegenwert von 2 Milliarden Dollar haben. In einer anderen Untersuchung heißt es, dass Donald Trump von allen Präsidentschaftskandidatenkandidaten die meisten Auftritte in den fünf wichtigen Sonntagstalkshows bekommt.

Ein zweischneidiges Schwert für Journalisten. Einerseits verspricht Donald Trump mit seinen teils kruden Ansichten Aufmerksamkeit der Leser, Hörer und Zuschauer. Andererseits weiß er die Medien damit auch gut für sich zu nutzen, denn abweichende Meinungen und verletzende Äußerungen werden auf diese Weise weit verbreitet. Ohne Medien hätte Trump möglicherweise weniger Erfolg.

Viele Journalisten, mit denen wir in den USA gesprochen haben, halten den Einfluss von Journalisten auf Trumps Erfolg allerdings für überschätzt. Trump habe zum Beispiel durch seinen Twitter-Kanal praktisch unbegrenzt Zugang zur Öffentlichkeit und sei auf die klassischen Medien nicht angewiesen. Außerdem stünden viele seiner Anhänger so fest zu ihm, dass sie sich auch durch die Berichterstattung von Medien nicht beeinflussen ließen.

So schätzt es zum Beispiel der Politikreporter Jeff Mapes vom öffentlichen Radiosender OPB in Portland (Oregon) (@jeffmapes) ein. Er sagte mir im Interview:

At the same time the media is not as much as a gate keeper as it’s used to be. With the internet now people have a lot of direct sources to information. Twitter has millions of followers, Facebook, blogs. If there are people who are not mainstream media sources, they may post favourable stories about Trump. And if they are popular they can get a huge following over Facebook or YouTube.

Mapes hält es aber auch für unvermeidbar, über Trump zu berichten:

Lesetipp: In den USA werden die aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidaten fortwährend von Journalisten begleitet. Der Kollege Korbinian Frenzel von Deutschlandradio Kultur, der auch bei der RIAS-Reise dabei ist, hat die ABC-Journalistin Arlette Saenz gefragt, wie sie den demokratischen Kandidaten Bernie Sanders einschätzt.

Die amerikanische heute-show mit dem rassistischen Panda

Was die heute-show im ZDF für Deutschland ist, ist „The Daily Show“ für die USA. Oder umgekehrt, denn das ZDF-Format ist in den USA eingekauft worden, vom Sender Comedy Central. Bis 2015 hat Jon Stewart die Show moderiert, seitdem ist es der südafrikanische Comedian Trevor Noah. Am Mittwoch habe ich mir die Show live im Studio angeschaut.

Das Bemerkenswerte an der Show ist Noah selbst. Ein Multitalent, das sieben Sprachen spricht, darunter auch deutsch; sein Vater ist Schweizer. Erst 2011 zog er in die USA, wo er eine bemerkenswerte Karriere hinlegte. In der Show, deren Ausgabe vom Mittwoch man sich hier komplett ansehen kann, spielt er auch mit seiner Herkunft. Wenn einer Witze über seine Hautfarbe machen darf und selbst das Wort „Nigger“ verwendet (das in der ausgestrahlten Fassung überpiepst wurde), dann ein Schwarzer.

Wahlkampf im Wohnzimmer: Wie Kandidaten in den USA dem Wähler ganz nah kommen

Im Präsidentschaftswahlkampf in den USA ziehen die Spitzenkandidaten zehntausende Menschen zu ihren Auftritten. Donald Trump, Ted Cruz und John Kasich bei den Republikanern genauso wie Hillary Clinton und Bernie Sanders bei den Demokraten.

Jules Bailey bei einer "house party" in Portland.
Jules Bailey bei einer „house party“ in Portland.

Auch Jules Bailey will was werden (hier seine Webseite, hier der Eintrag über ihn bei Wikipedia). Er steht allerdings an diesem Donnerstagnachmittag nur vor sieben Damen mittleren Alters. Eingeladen hat Leslie, gekommen sind Freundinnen und Nachbarn. Leslie will ihnen Jules Bailey vorstellen – und der will Bürgermeister von Portland werden, einer liberalen Großstadt im Nordwesten der USA, im Bundesstaat Oregon.

Bailey ist 36, trägt einen schwarzen Dreitagebart, Anzug und ein gestreiftes Hemd. Die Krawatte, die er noch am Morgen für einen offiziellen Termin trug, hat er nach Rücksprache mit seiner Wahlkampfmanagerin abgelegt. Bailey ist smart und weiß, wie man Menschen für sich einnehmen kann. Mehr als eine Stunde widmet er diesen nur sieben möglichen Wählern, dafür ist er fünf Meilen hinausgefahren zu diesem Landhaus in einem vornehmen Vorort von Portland.

Er erzählt, warum er Bürgermeister werden will, was seine Frau dazu gesagt hat, welche politischen Stationen er hinter sich hat und was ihm für Portland vorschwebt. Damit verfolgt er drei Ziele: Zum einen möchte er die Stimmen der Sieben gewinnen. Wichtiger aber sind Punkt zwei und drei: Diese sieben sollen für ihn werben, aus persönlicher Anschauung und mit Überzeugung, weil sie – anders als bei Wahlen auf Bundesebene – ihn kennengelernt haben und ihm Fragen stellen durften. Und Bailey hofft auf Spenden. Wenn jede der sieben die 250 Dollar gibt, die er pro Spender annimmt, hätte er hier draußen 1.750 Dollar gemacht. Als Stundenlohn nicht schlecht.

Logo von Jules Baileys Wahlkampagne
Logo von Jules Baileys Wahlkampagne

Es ist eine ungewöhnliche Art, Wahlkampf zu betreiben. Aber für Bailey könnte sie sich auszahlen. Mehrere Dutzend solcher Hauspartys gibt er im Laufe seines Wahlkampfs, meistens kommen mehr als an diesem Nachmittag, und regulär finden diese Partys am Abend statt, nach Feierabend und bevor die Leute zu sich nach Hause fahren.

Die Radioreporterin Amelia Templeton bekam einen Einblick in diese Arbeit, und ich durfte sie dabei begleiten. Templeton arbeitet für OPB, den öffentlich-rechtlichen Radiosender in Portland im US-Bundesstaat Oregon. OPB steht für Oregon Public Broadcasting. Dort stehen demnächst gleich mehrere Wahlen an. Neben dem Bürgermeister von Portland wird bald auch der Gouverneur von Oregon neu gewählt – und im November freilich auch der neue US-Präsident.

Viel zu tun also für Templeton und ihre Kollegen. Dort ist es üblich, dass Reporter Kandidaten an manchen Tagen auf Schritt und Tritt folgen – „to shadow“, wie es im Englischen mehrdeutig heißt. Besonders die Präsidentschaftskandidaten werden monatelang journalistisch begleitet, wie ABC-News-Reporterin Arlette Saenz erzählte. Mehr dazu bei Korbinian Frenzel.

Der Fall Böhmermann: Wir diskutieren über das Falsche

Als die kritische Ausgabe des „NEO Magazin Royale“ ausgestrahlt wurde, war ich gerade in den USA angekommen. Die Diskussionen über sein sogenanntes Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan habe ich seitdem nicht in allen Details verfolgt – und vor allem nicht in allen Wendungen, Rechtfertigungsversuchen, Kommentierungen und juristischen Details.

Eins scheint mir aber offensichtlich: dass unklar ist, worüber wir eigentlich reden. Das beginnt schon mit dem Begriff: Schmähgedicht. Tatsächlich kann man sich über das Gedicht beklagen. Es ist obszön, beleidigend, verleumderisch, verlogen, vielleicht auch rassistisch und homophob.

Allerdings steht das Gedicht nicht für sich selbst. Die Satire ist nämlich mehr als das Gedicht. Das Gedicht lässt sich nicht so einfach aus ihr herauslösen und separat behandeln, es ist Teil eines größeren Kunstwerks. Der Deutschlandfunk hat die gesamte Satire aus der Sendung transkribiert – hier nachzulesen. Darin weisen Jan Böhmermann und sein Sidekick Ralf Kabelka in einem Dialog ausdrücklich darauf hin, dass es ihnen darum geht, die Grenzen von Satire auszuloten. Verdichtet in diesen Sätzen:

Böhmermann: „Also, das Gedicht. Das, was jetzt kommt, das darf man nicht machen?“
Kabelka: „Darf man NICHT machen.“

Mit dieser Einordnung sagen beide ausdrücklich, dass sie die Grenzen dessen überschreiten werden, was Satire (ihrer Ansicht nach) erlaubt. Paradoxerweise verlassen sie die Ebene der Satire jedoch nicht – im Gegenteil: Sie wollen mit ihren eigenen Mitteln deren Grenzen aufzeigen.

Angesichts dieses Kontextes ist es schwer vorstellbar, dass Jan Böhmermann tatsächlich all das meint, was er damit sagt. Gerade die bewusste Überzeichnung lässt das als unwahrscheinlich bezeichnen. Es ist dabei allerdings durchaus diskussionswürdig, ob er mit der Satire insgesamt gegen Gesetze verstoßen hat. Das Schmähgedicht allein kann jedoch nicht Gegenstand dieser Auseinandersetzung sein.

Würde man so vorgehen, so könnte jedes Kunstwerk mit verschiedenen Ebenen jederzeit auseinandergepflückt werden. Allerdings würde es dann nicht mehr funktionieren. So ist es beispielsweise unmöglich, in Michael Endes Roman „Die unendliche Geschichte“ allein jenen Handlungsstrang zu erzählen, den die Hauptfigur Bastian in einem Buch liest – das geht spätestens dann nicht mehr, wenn diese Ebene mit der Rahmenhandlung zu verschmilzen beginnt. Wer David Mitchells sechs ineinander verschachtelte Geschichten in „Cloud Atlas“ separat erzählt, nimmt dem Buch den Clou, durch die feinen Verknüpfungen zwischen den Geschichten diese zu einer weiteren zusammenzusetzen.

Wichtig ist es also, den gesamten Auftritt von Jan Böhmermann zu betrachten und nicht nur das Gedicht. Damit ist weder etwas über deren Qualität noch über eine mögliche Strafbarkeit gesagt. Aber es sollten eben nicht nur Richter in einem möglichen Prozess den gesamten Kontext berücksichtigen, sondern auch alle, die gerade darüber reden.