Habt Ihr Angst vor einem Krieg? Bitte ankreuzen: Ja, nein, vielleicht.

Ich hab mal drei Freunde gefragt, ob sie Angst vor einem Krieg haben. Zwei haben gesagt: Ja. Einer sagte: Nein.

66 % haben also Angst vor Krieg.

Angela Merkel, was sagen Sie dazu?

Klingt weit hergeholt? Mitnichten.

Diese Frage wurde im Rahmen des YouTube-Interviews mit Merkel tatsächlich so gestellt. Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll, diesen Unsinn zu kritisieren. Fangen wir mal so an:

1. Die Umfrage ist nicht repräsentativ.

Das heißt, sie hat keinerlei Aussagekraft. Jedenfalls keine größere als meine eingangs zitierte Umfrage unter Freunden. Denn es wurde eine nicht repräsentative Gruppe befragt. 554 Accounts haben mitgemacht.

Selbst um eine Umfrage repräsentativ zu machen, befragen Umfrageunternehmen in der Regel etwa eintausend Personen – und gewichten die Antworten dann noch. Seriöse Demoskopen könnten mit dieser Befragung gar nichts anfangen.

Selbst wenn alle Follower mitgemacht hätten, wäre nichts Besseres dabei herumgekommen: Stand 18.48 Uhr hatte der Account @DeineWahl2017 1.207 Follower, zum Zeitpunkt der Befragung wahrscheinlich weniger.

(Screenshot: https://twitter.com/DeineWahl2017)
(Screenshot: https://twitter.com/DeineWahl2017)

Dass diese Gruppe zufällig repräsentativ ist, lässt sich praktisch ausschließen – zum einen ist es die junge Zielgruppe der vier YouTuber nicht, zum anderen auch nicht die Inhaber eines Twitter-Accounts: Nur 4 Prozent der deutschen Onliner haben einen Twitter-Account und könnten sich damit an der Umfrage beteiligen. Selbst wenn man die mehr als 80 Retweets mitzählt, wird keinerlei Repräsentativität erreicht.

Dieses eine Argument reicht eigentlich schon. Trotzdem will ich noch auf drei Punkte hinweisen:

2. Die Antworten sind verzerrt.

Als die Umfrage gestartet wurde, befragte im YouTube-Interview Mirko Drotschmann Angela Merkel gerade zum Thema (hier der Link, ab 1:17:35, Video lässt sich nicht einbetten):

„Wo wir gerade beim Thema Konflikt sind (er bezieht sich auf die Türkei, SF): Viele meiner Zuschauer machen sich Sorgen. Nordkorea ist ein Stichwort, es gibt andere Konflikte auf der Welt. Und eine Frage, die tatsächlich immer wieder auftaucht – wirkt vielleicht zuerst mal so ein bisschen banal oder lächerlich – aber die kommt immer wieder von jungen Menschen: Müssen wir Angst haben vor einem Dritten Weltkrieg?“

Wie viele antworteten bei der Frage also unter Bezugnahme auf einen Weltkrieg oder auf die Türkei, über deren Konflikt mit westlichen Ländern gerade ausführlich gesprochen wurde?

Und was ebenfalls zeigt:

3. Die Frage ist viel zu unspezifisch.

Ich habe Angst vor Krieg. Ich wäre ungerne in einem Krieg. Wie wahrscheinlich jeder. Aber ich halte es gerade nicht für sehr wahrscheinlich, dass einer ausbricht – jedenfalls nicht da, wo ich bin.

So genau wurde aber gar nicht gefragt. Darauf weist Twitter-Nutzer Dominik Deobald hin:

Die Twitter-Antworten zeigen, wie unterschiedlich die Nutzer die Frage interpretieren: 3. Weltkrieg, Krieg in Deutschland, zwischen Nordkorea und den USA, mit Russland, China?

Vor was haben die Nutzer also Angst? Wir wissen es nicht.

Die Umfrage kann zudem nur wenige Minuten gelaufen sein – zwischen 14.14 Uhr und dem Endergebnis, das um kurz vor 14.30 Uhr präsentiert wurde. Ein kurzer Erhebungszeitraum ist eigentlich gut, aber wegen der beschriebenen Unsicherheiten macht der die Ergebnisse auch nicht zuverlässiger.

Ich will die Angst an sich nicht kleinreden. Etwa 271 Nutzer haben eine solche Angst artikuliert – aber vor was genau, wissen wir eben nicht. Dennoch wird die Umfrage von den Tweet-Zitatoren nach dem Merkel-Interview implizit als verlässlich dargestellt, wenn sie sagen:

„Quasi die Hälfte, (…) 51 Prozent haben gesagt: Nein, die Angst ist nicht da. Also weniger als die Hälfte hat hier zugestimmt.“

Und das zeigt auch:

4. Die Fehlertoleranz wird ignoriert

Wenn die Umfrage nicht repräsentativ ist, ist der Hinweis auf die Fehlertoleranz natürlich eigentlich sinnlos. Diese gibt normalerweise an, in welcher Bandbreite sich die Ergebnisse bewegen, wenn eine repräsentative Umfrage unter denselben Bedingungen wiederholt wird. Bei der Sonntagsfrage sind das zwischen 1,5 und 3 Prozentpunkten. Das heißt aber, dass bei einem solchen Ergebnis die Verteilung auch ebenso gut andersherum sein könnte.

Merkel sagt dazu: „Ich muss das sehr ernst nehmen.“ Was soll sie auch sagen?

Die Umfrage ist unverantwortlich

Die Umfrage gaukelt vor, die Meinung von Nutzern auf statistische und somit verlässliche Weise sichtbar zu machen, zeigt aber nur einen vagen Ausschnitt der Wirklichkeit. Indem sie suggeriert, die Hälfte der Befragten habe Angst vor einem Krieg, bekräftigt sie die eine Seite in ihrer Meinung und bringt die andere zum Zweifeln. Eine solche Umfrage auf diese Weise öffentlich zu präsentieren ist unverantwortlich.

Das alles zeigt zweierlei:

Erstens mangelt es den YouTube-Machern an Professionalität und Seriösität – eine solche Umfrage vor allem zu diesem Thema zu verbreiten schürt genau die Angst, die man eigentlich einfangen wollte – vor allem durch die Bekräftigung Merkels, auch wenn sie zuvor eine solche Angst als unbegründet bezeichnet hat.

Zweitens ist Verständnis über die Aussagekraft solcher Umfragen nicht mal bei demjenigen vorhanden, der sie vorstellt – wie soll dann der normale Nutzer sie verstehen. Manche Antwort zeigt das auch:

Die „verunsicherte Hälfte“ kann eine Hälfte sein; diese Umfrage belegt das aber nicht. Und selbst eine erneuter Hinweis auf die fehlende Repräsentativität hilft nicht unbedingt:

DOCH. GENAU DAS.

(Natürlich kann auch ich nicht von diesem einen Nutzer auf alle schließen, aber schon die Unfähigkeit, eine solche Umfrage richtig durchzuführen und zu präsentieren, zeigt, wie weit verbreitet die Unkenntnis über dieses Instrument ist.)

Ich habe übrigens auch Angst vor Krieg. Im Allgemeinen. Ich wäre ungerne in einem Krieg. Aber ich halte ihn für nicht sehr wahrscheinlich.

100 Prozent der Autoren dieses Blogs kriegen bei solchen Umfragen zuviel.

Befragte: 1. Erhebungszeitraum: 16.08.2017, 20.04 Uhr. Fragestellung: „Kriegen Sie bei solchen Umfragen zuviel?“ Ergebnis ist nicht repräsentativ.

 

Nachtrag, 21.15 Uhr: Ich habe ein paar Sätze am Anfang von Punkt 3 klarer formuliert.

Zensur in Indien: Keine Lizenz zum Küssen

In Indien zensieren Behörden Presse und Filmbranche mit teilweise strikten Vorgaben. Zum 70. Jahrestag der Unabhängigkeit Indiens erklärte ARD-Korrespondent Jürgen Webermann im Dlf die Hauptgründe für die Einschränkungen – von denen auch James Bond betroffen ist. Mein Gespräch mit Jürgen Webermann in @mediasres im Deutschlandfunk.

Wahrheiten, die sich widersprechen

Es gibt nur eine Wahrheit, wird Journalisten von Nutzern gerne entgegengerufen. Das klingt zunächst einleuchtend. Andererseits können aber durchaus mehrere Wahrheiten nebeneinander existieren, auch wenn sie sich auf den ersten Blick widersprechen. Ausschlaggebend ist, welchen Blickwinkel man wählt – und welchen man dann anschließenden Entscheidungen zugrundelegt.

Ich habe das neulich schon mal am Beispiel der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik gezeigt. Christoph Schmid vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) Köln hat sich mit einem weiteren Beispiel jetzt in dessen Blog beschäftigt. Die Unfallstatistik für die Stadt Köln ermöglicht nämlich gleichzeitig folgende Aussagen:

  • Kraftfahrer und Radfahrer sind zu gleichen Anteilen als Verursacher der Radfahrunfälle erfasst, heißt es bei der Polizei, auf deren Zahlen sich auch der Kölner Stadt-Anzeiger beruft.
  • Kraftfahrzeuge verursachen 96% aller Verkehrsunfälle, schreibt wiederum Schmidt.

Er begründet das so:

Nach Aussagen der Polizei sind Autofahrer und Radfahrer je zur Hälfte für die Unfälle verantwortlich. Dies ist zwar nicht falsch, aber nur die halbe Wahrheit, denn die Zahl bezieht sich auf alle Unfälle mit Fahrradbeteiligung, also z.B. auch Unfälle zwischen Radlern oder Alleinunfälle mit dem Rad. Bei diesen kann per se nur der Radfahrer der Verursacher sein, wenn man mal die wohl häufigste wahre Ursache – die schlechte Kölner Infrastruktur – außer acht lässt. Die ehrlichere Zahl hier ist, dass zwei Drittel der Unfälle zwischen Rad und Kraftfahrzeug vom Kraftfahrzeugführer verursacht werden.

Ein weiteres gutes Beispiel dafür, wie man Statistiken so auslegen kann, wie es einem auch politisch in den Kram passt. Beide Aussagen stimmen, es ist nur eine Frage der Perspektive.

Knapp daneben ist gar nicht so sehr vorbei

Erinnern Sie sich noch daran, wie die Brexit-Gegner das Referendum gewonnen haben? Oder wie Hillary Clinton US-Präsidentin wurde? Oder wie im Saarland Annegret Kramp-Karrenbauer als Ministerpräsidentin abgewählt wurde? Nein?

Aber vor der Wahl waren sich ziemlich viele von uns sicher, dass es so kommen würde. Wir haben uns auf Zahlen von Demoskopen verlassen. Oder vielmehr darauf, was Journalisten darüber geschrieben haben. Einige von ihnen haben inzwischen daraus gelernt – und wollen künftig anders über Umfragen berichten. Mein Beitrag für das WDR5-Medienmagazin „Töne, Texte, Bilder“.

Wie Journalisten Umfragen besser erklären wollen

Umfragen sind keine Prognosen über einen Wahlausgang, sondern bilden die politische Stimmung zum Zeitpunkt der Umfrage ab. Genau das wollen nun Journalisten vor den Bundestagswahlen deutlicher darstellen. Dafür hat sich die Süddeutsche Zeitung Visualisierungen für ihre Leser ausgedacht. Mein Beitrag in @mediasres im Deutschlandfunk.

Der Deutschlandfunk zum Mitnehmen

audiothekSeit Montag kann man den Deutschlandfunk noch praktischer hören als bisher. Das ging auch bisher schon unterwegs, mit der neuen Audiothek aber noch besser.

Sie ermöglicht es, sowohl den Livestream zu hören als auch alles sehr benutzerfreundlich abzurufen, was die drei Programme Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova sonst so an Audio ins Netz stellen.

Durch einen Klick auf die drei Senderlogos oben bekommt man den Livestream. Ein Klick auf die blau-weiße Play-Taste bei den angezeigten Beiträgen startet dort die entsprechenden Audios. Wer mit dem Finger nach links streicht, erhält pro Ressort mehrere Beiträge aus den drei Programmen angezeigt.

Als Ressorts gibt es

  • Politik – Analyse & Hintergrund
  • Kultur
  • Wissen
  • Gesellschaft

Hinzu kommt „Zeit zum Hören“. Hier finden sich längere Sendungen wie Features, Gespräche und Musiksendungen. Wer also nicht nur auf einem kurzen Trip durch die Stadt ist, sondern länger unterwegs ist und die entsprechende Muße hat, findet hier Vertiefendes.

Über den Reiter „Mein Radio“ lässt sich das Programm individualisieren. Ein Klick auf + ermöglicht es, beliebte Sendungen, Themenbereiche und Formate hinzuzufügen.

sendungsauswahlÜber „Mein Archiv“ lassen sich Beiträge herunterladen und mit „Suche“ auch individuell suchen.

Alle Beiträge können in sozialen Netzwerken geteilt und kommentiert, per Mail verschickt oder sonstwie in passenden Apps verarbeitet und gespeichert werden.

Ein bisschen Lob konnten die Macher schon einsammeln. Radioszene schreibt:

Wir halten die neue Dlf Audiothek-App für sehr gelungen, Sie wird dem heutigen Nutzerverhalten der Hörer gerecht, der von YouTube, Spotify und Netflix gelernt hat, dass er dann seine Sendung schauen bzw. hören kann, wenn er gerade möchte. Natürlich ist sie prädestiniert für einen informationsorientierten Radiosender.

Auch die Beiträge von @mediasres, für das ich im Deutschlandfunk arbeite, lassen sich so bald überall noch praktischer abrufen. Gute Sache.

Nur jede zweite Studie ist wirklich aussagekräftig – oder so ähnlich…

 

Journalisten lieben Umfragen. Sie geben vor, verlässlich die Stimmung unter denen abzubilden, für die die Befragten repräsentativ sind – wenn sie es denn sind. Denn nicht immer schreiben Journalisten das auch dazu. Obwohl sie es laut Pressekodex müssten.

Ein Beispiel von heute: Spiegel online berichtet über eine Umfrage aus den USA. Darin heißt es:

(Screenshot: spiegel.de)
(Screenshot: spiegel.de)

Ob die Umfrage repräsentativ ist oder nicht, schreibt Spiegel online nicht. Obwohl es für die Zuverlässigkeit der Daten wichtig ist. Wird es nicht erwähnt, sollte man davon ausgehen, dass die Umfrage nicht repräsentativ ist. Der Text ist aber in sich widersprüchlich. Dort heißt es zwar:

Demnach sagte nur etwa ein Viertel der Befragten, sie vertrauen allem oder fast allem, was sie aus der Kommunikationsabteilung des Weißen Hauses hören.

Das heißt, es wird nur auf die Befragten abgestellt, nicht auf die Amerikaner insgesamt. An anderer Stelle aber wird verallgemeinert:

US-Präsident Donald Trumps Regierung hat offenbar ein Glaubwürdigkeitsproblem beim amerikanischen Volk.

Das klingt doch nach Repräsentativität.

Medien, die sich dem Pressekodex verpflichtet haben, müssen eigentlich darüber aufklären, wie die Umfrage erhoben wurde – ganz gleich, ob sie von ihnen selbst in Auftrag gegeben wurde oder nicht. In Richtlinie 2.1 heißt es:

Bei der Veröffentlichung von Umfrageergebnissen teilt die Presse die Zahl der Befragten, den Zeitpunkt der Befragung, den Auftraggeber sowie die Fragestellung mit. Zugleich muss mitgeteilt werden, ob die Ergebnisse repräsentativ sind.

Sofern es keinen Auftraggeber gibt, soll vermerkt werden, dass die Umfragedaten auf die eigene Initiative des Meinungsbefragungsinstituts zurückgehen.

Spiegel online erwähnt lediglich CNN als Auftraggeber, verlinkt aber immerhin auf den CNN-Bericht. Wer kein Englisch versteht oder nicht auf den Link klickt, bleibt aber im Unklaren.

Dort steht jedenfalls, dass die Umfrage von SRSS durchgeführt wurde, und zwar zwischen dem 3. und 6. August 2017 unter 1018 Teilnehmern. Die Fehlerabweichung liegt demnach bei 3,6 Prozent. Einen Hinweis auf die Repräsentativität findet man dort nicht. Wie verlässlich die Umfragedaten also sind, ist offen.

Davon abgesehen, dass Spiegel online damit gegen den Pressekodex verstößt, ist fraglich, ob die Umfrage überhaupt eine Berichterstattung rechtfertigt. Wenn die Daten nicht zuverlässig sind, sagen sie nicht mal tendenziell etwas aus, sondern gar nichts.

Das ist leider kein Einzelfall. Gerade Online-Medien fliegen auf Umfragen. Sie sind leicht generierter Inhalt, der vermutlich auch auf viel Interesse stößt.

Leider produzieren auch eigentlich als seriös geltende Absender solche Umfragen. So heißt es in einer Pressemitteilung der Katholischen Universität Eichstädt-Ingolstadt von gestern:

KU-Studie: Großes Interesse von Erstwählern an der Bundestagswahl 2017

Fast jeder zweite Erstwähler interessiert sich sehr für Politik, 80 Prozent wollen wählen gehen, und Eltern haben einen deutlich größeren Einfluss auf das Wahlverhalten von Erstwählern als die Schule. Diese Erkenntnisse gehen aus einer nicht repräsentativen Befragung von Erstwählern durch ein Master-Seminar des Lehrstuhls für Vergleichende Politikwissenschaft der KU im Sommersemester hervor.

Dass eine nicht repräsentative Befragung durch Überschrift und Teaser so verallgemeinert wird, entspricht eigentlich nicht mehr dem Ergebnis der Studie. Das ist allerdings die Arbeit der Pressestelle und nicht die der Wissenschaftler selbst. Die Pressestelle antwortete mir darauf:

…aus unserer Sicht handelt es sich nicht um eine Verallgemeinerung, wenn wir unmittelbar nach dem von Ihnen zitierten Satz offen darauf hinweisen, dass es sich um eine nicht-repräsentative Studie handelt, die in einem Masterseminar entstand. Der erste Satz fasst lediglich kompakt die Ergebnisse dieser Erhebung zusammen. Im weiteren Verlauf des Textes wird zudem stets formuliert „befragte Erstwähler“ und nicht „die Erstwähler“. Vor diesem Hintergrund halten wir auch die Überschrift für legitim, welche zwangsläufig nicht so ausführlich geraten kann, dass man den kompletten Rahmen der Studie wiedergibt.

Meines Erachtens wäre die Pressemitteilung auch ohne die Verallgemeinerung ausgekommen, hätte man sie so formuliert:

Fast jeder zweite in einer Studie befragte Erstwähler interessiert sich sehr für Politik, 80 Prozent von ihnen wollen wählen gehen, und ihre Eltern haben einen deutlich größeren Einfluss auf das Wahlverhalten der Befragten als die Schule. Diese Erkenntnisse gehen aus einer nicht repräsentativen Befragung von Erstwählern durch ein Master-Seminar des Lehrstuhls für Vergleichende Politikwissenschaft der KU im Sommersemester hervor.

Natürlich klingt das weniger sexy, dafür stimmt es in jedem einzelnen Satz. Möglicherweise wäre es sonst aber auch keine Meldung geworden.

 

Nachtrag, 9. August: Der Autor des Spiegel-Artikels hat diesen nach der Kritik um die notwendigen Daten ergänzt. Dort heißt es jetzt im letzten Absatz:

Für die Umfrage befragte das Institut SSRS telefonisch 1018 US-Amerikaner. Die Meinungsforscher gewichteten das Ergebnis anhand des Zensus, damit ist die Umfrage repräsentativ für die erwachsene Bevölkerung der USA. Der statistische Fehler lag im Gesamtergebnis bei 3,6 Prozentpunkten.

Danke dafür. Das ermöglicht es den Lesern, die Umfrage besser einzuschätzen. Freilich bin ich mir bewusst, dass vielen dennoch die Aussagekraft solcher Umfragen nicht hundertprozentig bewusst ist. Es ist Aufgabe von Journalisten, darauf immer wieder hinzuweisen.

100 Bücher vom Neubeginn

Seit ein paar Jahren darf ich für den jährlichen WDR5-Literaturmarathon bei der Auswahl der Bücher mithelfen. Im März 2018 lesen Schauspieler, Schriftsteller und Prominente aus rund 100 Büchern, die WDR5-Hörer unter einem Oberthema auswählen durften. Dieses Mal: Neubeginn.

Das Thema gibt mehr her als ich anfangs dachte. Wahrscheinlich würde nicht jeder Mensch auf viele Momente des Neubeginns in seinem Leben kommen. Für mich schwang dabei anfangs so ein Gedanke mit, dass man sein Leben völlig umstellt und in eine andere Richtung marschiert.

Dabei ist vieles ein Neubeginn in unserem Leben. Man kann das auf immer kleinere Dinge herunterbrechen. Seien es die ersten Schritte, der erste Schultag, der Auszug zu Hause, die neue Ausbildung oder das Studium, eine neue Liebe – es muss keine dramatische Lebenswende sein, wie mir der Begriff zunächst suggerierte.

Die WDR5-Hörer haben schon viele schöne Bücher vorgeschlagen. Für mich ist das deshalb schön, weil es wie eine Must-read-Liste ist. Bücher, die unseren Hörern etwas bedeuten, die sie gerne von Schauspielern professionell vorgetragen hören wollen.

Und so arbeiten wir

Zusammen mit mehreren Kollegen und Kolleginnen stöbern wir in der Liste, lesen Dutzende Bücher und wählen dann eine Stelle aus, die vorgelesen gut funktioniert. Die man gut anmoderieren kann, ohne zu viel Kontext mitliefern zu müssen. Die nicht unüberschaubar ist, wenn man nicht hundert Seiten des Buchs vorher gelesen hat. Die in sich funktioniert, also einen definierten Anfang und einen definierten Schluss hat: eine Pointe, einen Cliffhanger, einen natürlichen Abschluss der Szene.

Manchmal muss man innerhalb der Szene kürzen. Da fliegen dann Figuren raus, die für die eigentliche Szene nicht so wichtig sind oder in der Kürze ablenken würden. Längliche Beschreibungen werden gekürzt, denn einer echten Handlung ist beim Hören leichter zu folgen, sie bringt die Geschichte stärker voran.

Nicht alles, was uns vorgeschlagen wird, eignet sich. Etwa, weil wir bereits einen ähnlichen Neubeginn im Programm haben. Oder weil es keine in sich abgeschlossene Szene gibt, auch wenn die Geschichte gut ist. Oder weil der Hörer mit der Geschichte persönlich einen Neubeginn verbindet, der aber nicht so gut erkennbar ist, vor allem nicht für unbeteiligte Zuhörer – und die wollen wir ja ansprechen und auf neue Literatur aufmerksam machen.

Wenn meine Auswahl steht, wandert der Text noch durch viele Hände. Lektoren prüfen, ob die Texte funktionieren, so wie ich sie bearbeitet habe. Die Dramaturgie sortiert die Texte und bündelt sie unter verschiedenen Aspekten zusammen. Mehrere Mitarbeiter engagieren passende Schauspieler und Sprecher, die die Texte kongeninal vortragen können. All das braucht Zeit. Deshalb ist es nicht zu früh, wenn wir schon im Sommer Texte für den März 2018 aussuchen.

Wenn die dann auf die Bühne kommen, Monate nachdem ich den letzten Text bearbeitet habe, ist das auch für mich noch mal ein besonderer Moment. Denn erst durch die Stimmen der Schauspieler beginnt der Text zu leben. Manche Texte lassen sich mit verteilten Stimmen vorlesen und werden dann zu einem reduzierten Live-Hörspiel.

Das besondere Gefühl, gemeinsam zu hören

Und etwas Besonderes ist es, wenn sich hunderte Hörer von WDR5 im Funkhaus am Wallrafplatz in Köln treffen, um den Sprechern zuzuhören – entweder direkt im Kleinen Sendesaal an der Bühne oder im Vorraum, wo die Lesung auf einer Leinwand übertragen wird.

Diesen Livestream gibt es auch im Internet, natürlich bei WDR5 und auch bei vielen Campusradios in Nordrhein-Westfalen. Auch bei Radio Q, dem Campusradio für Münster, für das ich mehrere Jahre gearbeitet habe. Ein witziger Randaspekt, dass meine Arbeit indirekt auch da wieder zu hören ist.

Ich bin gespannt auf das Ergebnis. Noch kann man es beeinflussen – einfach hier ein Lieblingsbuch eintragen, das vom Neubeginn handelt.

Hier kann man sich noch mal Teile des Literaturmarathons 2017 ansehen und anhören. Das Thema war dieses Jahr: Reisen.

Wie schaffe ich mir ein Publikum?

Der Kampf um Aufmerksamkeit im Netz wird immer schwieriger. Ihr Publikum finden Medien nicht mehr nur auf ihrer eigenen Webseite, sondern auch auf anderen Plattformen wie etwa sozialen Netzwerken. Doch alle machen es nötig, die Nutzer dort anders anzusprechen – weil die Nutzer überall anders sind. Darum kümmert sich in immer mehr Medienhäusern die Abteilung für Audience Development. Für „Breitband“ in Deutschlandfunk Kultur habe ich mal versucht zu erklären, was das eigentlich ist und was die so machen. Das Audio dazu gibt es hier, mehr zur Sendung hier. Meine Interviewpartner waren unter anderem Torsten Beeck von Spiegel Online und Björn Wagner von Zeit Online.

Warum man den Audi-Cup auch ohne Brennpunkt nicht senden muss

In der Medienkorrespondenz beschwert sich Dietrich Leder darüber, dass es keinen Brennpunkt gab. Das ist erst mal lustig, lautet doch die häufigere Beschwerde, dass es einen gab. Bis hin zur Wade von Michael Ballack vor ein paar Jahren.

Im Kern kritisiert Leder etwas anderes. Leider vergisst er, das auch deutlich genug zu schreiben. So beginnt er seinen Artikel mit:

Normalerweise hätte es nach diesem Ereignis einen „Brennpunkt“ im Ersten Programm der ARD gegeben. In dieser Sondersendung wäre am Mittwoch (2. August) die merkwürdige Veranstaltung näher betrachtet worden, die an diesem Tag in Berlin unter der Überschrift „Diesel-Gipfel“ stattfand und an der neben Bundesministern und Ministerpräsidenten die Vorstandsvorsitzenden diverser Automobilkonzerne teilnahmen.

Das ist erst mal völlig unbegründet. Denn was normal ist und was nicht, lässt sich beim besten Willen nicht an der Einsetzung eines „Brennpunkts“ ablesen. Wer sich diese Sendung ansieht, bemerkt in der Regel mehrere Dinge:

  • die Wiederholung von Informationen, die kurz vorher bereits in der „Tagesschau“ liefen
  • den unbedingten Willen von Chefredakteuren, auch mal eine Sendung um 20.15 Uhr im Ersten moderieren zu wollen, unabhängig von ihren Fähigkeiten
  • technische Pannen bei den lustigen Schalten zu diversen Reportern (besonders beliebt beim Hessischen Rundfunk).

Warum es den „Brennpunkt“ deshalb überhaupt in dieser Form gibt, erschließt sich mir nicht. Für sinnvoller halte ich eine verlängerte Tagesschau. Die wäre dann 20 bis 30 Minuten lang, in der ersten Viertelstunde könnte man dann das Top-Thema behandeln, danach die übrigen Themen. Das vermeidet Dopplungen, schlechte Moderationen und technische Pannen, denn die Mitarbeiter der Tagesschau sind dabei routinierter als es die der jeweiligen „Brennpunkt“ gelegentlich zu sein scheinen.

Warum sollte man sich also einen „Brennpunkt“ zum Diesel-Skandal wünschen? Schließlich wurde in der Sendung vorher achteinhalb Minuten darüber berichtet. Im Sommerloch erlaubt das die Nachrichtenlage. Leders Forderung erscheint mir aus diesen Gründen nicht nachvollziehbar.

Worauf seine Kritik wohl eher abstellt, ist die Übertragung des Audi-Cups. Diesen Teil der Kritik kann ich nachvollziehen. Es hätte dem Kommentar aber gut getan, wenn er sich deutlich nur damit beschäftigt hätte.

Beim „Audi-Cup“ messen sich vier europäische Spitzenmannschaften, die sich alle noch im Trainingsstadium befinden, auf dem Niveau von Testbegegnungen und Freundschaftsspielen. (…) Finanziert wird diese Chose natürlich vom Namensgeber Audi, der deshalb bei den Übertragungen nicht nur über Reklametafeln im Münchner Stadion, sondern auch über die Namensnennung im Kommentar und über Einblendungen im Bild unendlich oft genannt wurde.

Freilich ergibt sich eine Ironie durch den Umstand, dass auch Audi in den Diesel-Skandal verwickelt ist, der ansonsten in einem „Brennpunkt“ Thema gewesen wäre. Aber solch eine Sondersendung nur zu fordern, um Audi in Sachen Cup auszubremsen, ist irgendwie halbseiden.