So bastelt man sich das gewünschte Umfrageergebnis

Stellen Sie sich vor, Sie wollen gute Nachrichten verkünden, arbeiten aber in einer Branche, in der das etwas schwierig ist. Sagen wir mal, in der Atomwirtschaft. Oder in der Dieselbranche. Oder bei einem Zeitungsverlag.

Wenn sie für den gute Zukunftsaussichten verkünden wollen, können sie Print natürlich in einer Pressemitteilung in hohen Tönen loben. Aber dass der Verlag sich selbst gut findet und will, dass das auch in Zukunft so ist, ist natürlich keine Nachricht. Also fragen Sie doch einfach ein paar Leute, was die so glauben. Eine Umfrage macht sich immer gut, klingt wissenschaftlich (wenn sie von einem sogenannte Umfrageinstitut kommt – schon der Name!) und ist leicht zu verdauender Content, den auch Nachrichtenagenturen gerne aufgreifen.

Jetzt überlegen Sie, was Sie fragen wollen. Sagen wir mal: Kaufen Sie Zeitungen? Nee, das ist blöd, das kann man ja an Auflagen und Verkaufszahlen feststellen. Dann besser: Kaufen Sie in zehn Jahren noch gerne Zeitungen? Nee, auch nicht gut, das will und kann heute sicher keiner sagen. Das Ergebnis stünde uns dann wohl nicht so gut zu Gesicht. Dann so: Haben Zeitungen Zukunft? Oder etwas plakativer: Sind Printmedien in zehn Jahren tot? Und das lassen wir dann bewerten.

Das hat den Vorteil, dass die Leute Prognosen abgeben müssen, obwohl sie keinerlei Kenntnis des Marktes haben – das kann nur gut für uns sein. Und sie müssen die Zeitung nicht mal selber kaufen – es reicht, dass sie glauben, das genug andere das tun. Sehr gut, das nehmen wir.

Ein Blick in die Glaskugel

Und als Antwortmöglichkeiten? „Weiß nicht“ ist blöd, das würden zu viele sagen, das lassen wir mal weg. „Ja“ und „Nein“ ist vielleicht etwas simpel, zumal die Leute ja nicht vom Fach sind – am Ende legen sie sich auf das falsche fest. Also nehmen wir

  • trifft voll und ganz zu
  • trifft eher zu
  • trifft eher nicht zu
  • trifft ganz und gar nicht zu.

Dann können wir am Ende jeweils zwei Blocks zusammenrechnen und kriegen trotzdem unser Ja oder Nein. Sehr gut. Dann also mal los.

Keine Ahnung, ob sich „Next Media Hamburg“, die „Standortinitiative der Hamburger Digital- und Medienwirtschaft“, ihre Umfrage so ausgedacht hat. Sie hat aber Statista für sie danach fragen lassen- mit diesem Ergebnis:

Bewerten Sie folgende Aussage: Printmedien sind in zehn Jahren tot.

  • 42 %: Trifft eher nicht zu
  • 15 %: Trifft ganz und gar nicht zu
  • 9 %: Trifft voll und ganz zu
  • 34 %: Trifft eher zu

Sieht also ganz gut aus für die Zeitungen. Zusammengerechnet 57 Prozent sagen, dass es ihn zehn Jahren eher noch Printmedien gibt. Ist natürlich eine unqualifizierte Prognose von Fachfremden. Und weil die ja nicht mal sagen mussten, ob sie selbst in zehn Jahren noch Zeitungen kaufen, fällt sie auch nicht so schlecht aus.

Und dann ist das Gute ja auch, dass man diese Zahlen auch noch gewagt interpretieren kann. Next Media schreibt nämlich:

Mehr als die Hälfte der Deutschen hält an Print-Produkten wie der Tageszeitung fest!

Nach Festhalten wurde natürlich nicht gefragt. Gefragt wurde lediglich, ob die Leute glauben, dass es sie in zehn Jahren noch gibt. Das heißt aber nicht, dass sie selbst sie in zehn Jahren noch kaufen werden.

Mehr als eine Behauptung ist diese Interpretation also nicht. Lustigerweise schreibt Nextmedia selbst:

Behauptet ist vieles ganz schnell. Dass Print tot ist, zum Beispiel. Dass dem nicht so ist, zeigt die repräsentative Studie, die Statista im Auftrag von nextMedia.Hamburg durchgeführt hat.

Nö, zeigt sie nicht. Aber wenn man so eine Botschaft brauchen würde, könnte man sie sich ja bestellen.

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