Lieber falsch reagieren als gar nicht

(Grafik: FDP)
(Grafik: FDP)

Wann hat die FDP sich dazu entschlossen, die Sondierungsgespräche mit CDU, CSU und Grünen abzubrechen?

Seit heute Morgen wabern Gerüchte umher, die sich so zusammenfassen lassen: Die FDP habe schon seit Tagen vorgehabt, die Gespräche zu beenden, trotzdem weiterverhandelt (und die Verhandlungen mehrmals verlängert) und nur auf einen medienwirksamen Zeitpunkt für das Aus gewartet. Als Beleg dafür herangezogen wird ein Tweet, den die FDP kurz nach der Ankündigung von FDP-Chef Christian Lindner abgesetzt hat.

Um 0.13 Uhr wurde die Grafik getwittert. Der Spruch basiert auf eine mZitat von Lindner, das die Nachrichtenagentur dpa um 23.56 Uhr verschickt hat. Es lautet vollständig so:

Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren.

Wer schon mal in einer Online-Redaktion oder mit Photoshop gearbeitet hat, weiß, dass es sehr gut geht, innerhalb von 17 Minuten ein Zitat auf ein Bild zu montieren, wie das Social-Media-Team des FDP auf entsprechende Kritik zurecht antwortet.

Und von der Geschwindigkeit mal abgesehen, ist es auch möglich, so etwas für den Fall der Fälle vorzubereiten. Dass Pressestelle bzw. Social-Media-Redaktion schon vorab wissen, welchen Text Lindner vortragen will, sollte nicht verwundern. Außerdem haben FDP-Politiker in den letzten Wochen immer wieder angekündigt, dass sie diese Koalition nicht um jeden Preis wollen. Eine vorausschauende Redaktion bereitet sich auf so etwas vor.

So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass sich zu dem bei Facebook um 0.17 Uhr geposteten Bild der FDP diese Metadaten finden:

bildschirmfoto-2017-11-20-um-18-50-11Auch das angeblich ein Indiz dafür, dass der Abbruch schon länger geplant gewesen sei – in diesem Fall also am Donnerstag, dem 16. November 2017 (also am Tag vor dem für Freitag geplanten Ende der Gespräche). Als würde so ein Dateiname etwas aussagen.

Selbst wenn die Grafik am 16. November angelegt wurde: Vielleicht stand damals schon Lindners Stellungnahme, die er dann in der Nacht zum Montag herangezogen hat, um sie vorzutragen. Vielleicht stand auch schon die Alternative – für den Fall, dass die Gespräche erfolgreich abgeschlossen werden.* Und selbst wenn nicht, kann die Vorlage mit dem Datumskürzel am Donnerstag angelegt, das konkrete Zitat aber dann innerhalb der 17 Minuten nachgetragen worden sein.

Wie die FDP bei den Sondierungsgesprächen wirklich vorgegangen ist, weiß ich nicht. Die angeblichen Beweise taugen aber nicht, um ihr einen schon länger strategisch geplanten Abbruch der Gespräche vorzuwerfen.

 

* Und während ich diesen Text gerade fertigstelle, twittert die FDP genau die alternativen Kacheln hinterher, die ich eben erwähnt hatte.

(Ja, das kann die FDP auch erst heute Nachmittag zur eigenen Entlastung gebastelt haben. Aber weist das bitte erst mal nach, bevor Ihr rumkrakeelt.)

FDP-Generalsekretärin Nicola Beer hatte zudem vorher schon das hier getwittert:

Nachtrag, 21.30 Uhr: Der FDP-Politiker Volker Wissing hat im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärt, wie es zu den Grafiken gekommen ist:

Wir sind schnell in diesen Dingen, aber von langer Hand geplant war da nichts. Natürlich zeichnete sich schon am Donnerstag ab, dass das Ganze am seidenen Faden hing. Aber die Kacheln für Facebook haben wir gemeinsam am Sonntagabend in der baden-württembergischen Landesvertretung ausgewählt, als Merkel noch einmal mit den Grünen redete und klar wurde, dass die sich nicht mehr bewegen werden. Auch Lindners handgeschriebene Rede haben wir da gemeinsam formuliert. Die Tinte war noch frisch, als er vor die Kameras gegangen ist.

Auch Wissing sagt also, dass die Kacheln schon vorbereitet waren und am Sonntag nur noch die Auswahl getroffen wurde.

9 Gedanken zu „Lieber falsch reagieren als gar nicht“

  1. Selbst wenn es so ist, sollte man sich vielleicht etwas weniger geil finden dafür.

    Ich warte jetzt auf die „Wir. Scheitern. Geil.“ Fotoserie made by CL.

  2. Sehe in allem auch kein Problem, nur: Warum kann das SocialMedia-Team nicht von Anfang an genau das antworten, statt es erstmal mit „Eine Textkachel ist in einer Minute gebaut“ zu versuchen? (Und wenn das so fix geht – warum macht man es dann nicht on time?)

    1. Kann ich auch nicht sagen. Meine Vermutung: Der Social-Media-Mitarbeiter, der das mit der „einen Minute“ geschrieben hat (womit er Recht hat), wusste nicht, dass in diesem Fall die Kachel schon vorbereitet war. Und hat nicht geahnt, dass das so ein großes Thema werden würde.

  3. Nagelt die FDP auf Inhalte, nicht auf Posting-Zeiten fest.
    Der eigentliche Witz an der Sache ist die Behauptung, die FDP habe Prinzipien, die sie verraten müsste.

  4. Wenn sich jemand in der FDP genau so viel Mühe damit gemacht hätte, die Verhandlung zu führen wie die Kacheln für Twitter vorzubereiten, wäre das vielleicht noch was geworden.

  5. Die alternativen Kacheln nachträglich zusammen zu schustern hat dem Anschein nach mehr als eine Minute gedauert. Ich glaub dem Verein kein Wort

  6. „Der Social-Media-Mitarbeiter, der das mit der „einen Minute“ geschrieben hat (womit er Recht hat), wusste nicht, dass in diesem Fall die Kachel schon vorbereitet war.“

    Das mag sein, aber das Problem der sogenannten Antwort ist, dass sie einfach nicht die Frage „Wie lange hattet ihr das Sharepic eigentlich schon vorbereitet?“ beantwortet. Man muss doch wirklich kein Held des Dialogs sein, um auf eine Frage, die man momentan nicht beantworten kann, zu antworten „Das weiß ich jetzt gerade nicht“

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